Zwischen Furcht und Hoffnung
Zum Schwerpunktthema dieses Heftes
Von Günter Geschke
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,
ganz ehrlich: der spektakuläre Streik der Milchbauern hat mich völlig überrascht, und es wäre mir auch im Albtraum nicht eingefallen, sie könnten ihr köstliches weißes Lebensmittel in Bäche oder Flüsse kippen und so den unschuldigen Fischen die Kiemen verkleben – mit tödlicher Wirkung. Bei allem Verständnis für ihre angestaute Wut über das Preisdumping der großen Handelsketten, einen solchen Frevel hätte ich unsern Landwirten nicht zugetraut. „Wer Brot wegwirft, Nahrung vernichtet,“ hat uns vor siebzig Jahren die Mutter gelehrt, „der versündigt sich!“ Das sitzt, bis heute. Aber ist es nicht längst überholt, so zu denken? In einer Zeit, da man den Tabubruch ohne Skrupel gezielt inszeniert, um sich über die Medien überhaupt erst Gehör und damit Wirkung zu verschaffen? Der Zweck heiligte offenbar auch dieses fragwürdige Mittel; am Ende zahlte der Handel den Produzenten 7Cent mehr für den Liter Milch – und gab seelenruhig die Kosten für alle einschlägigen Produkte an den Konsumenten weiter. Prompt zogen die Lebenshaltungskosten, ohnehin im Aufwärtstrend, weiter an.
Nun gab es in diesem Frühjahr gewiß potentere Preistreiber, von denen weiter unten noch die Rede sein wird, aber die Milchbauern stehen hier vorne an, weil sie als erste die Planung für das Thema dieses Heftes durcheinander wirbelten. „Wovon wir morgen leben wollen / müssen“, anfangs Februar ausgedacht, sollte nämlich ursprünglich in aller akademischen Ruhe und Sorgfalt angegangen werden. Sine ira et studio waren Verbindungen zu Fachleuten geknüpft, wissenschaftlicheTagungen besucht, Fachliteratur ins Visier genommen worden, da stießen die protestierenden Milchbauern gleichsam zwei Tore in den Alltag weit auf. Das eine gab den Blick frei auf die Sorgen und Nöte eines wichtigen Teils der Produktion wie der Vermarktung unserer Nahrungsmittel, dass andere verwies auf die größeren ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge: höhere Preise bei Futtermitteln und Energie z.B., stallbequeme oder artgerechte Milchviehhaltung...
Was da imschmalen Sektor der Milchwirtschaft zu erkennen war, galt und gilt ja – mehr oder weniger – für die gesamte landwirtschaftliche Produktion wie für deren Absatz und Konsum. Das war zwar schon immer so, richtig bewusst wird dies der Allgemeinheit aber erst jetzt wieder. Seit auch bei Aldi, Lidl & Co. die Preise für Lebensmittel steigen, ist das Thema Ernährung auf der Skala der Prioritäten in die erste Reihe gerückt. Aufmerksam registrieren die Deutschen, dass mitten im Überfluss immer mehr Mitbürger darben; sie sind zu arm, um sich zureichend, zu unwissend, um sich gesund zu ernähren. Soeben hat die Bundesregierung ein (heftig umstrittenes) Programm gegen Fettleibigkeit verabschiedet, weil die Hälfte der Frauen, ein Drittel der Männer „zu dick“ sind. An den Schulkindern hat man es zuerst gemerkt. Viele, allzu vielekommenhungrigzum Unterricht, blicken neidisch auf das Pausenbrot der anderen. Inzwischen, das wissen Statistiker zu berichten, lebt jedes 6. Kind in Deutschland in Armut.
Jetzt schärft der ängstliche Blick auf den jähen Preisanstieg bei uns auch das Auge für die globale Situation. Da sind – wie früher auch in Zentraleuropa – Mangel und Hunger an der Tagesordnung. Zwar schwanken die statistischen Angaben darüber nicht unerheblich, aber soviel ist gewiss: Zwischen 400 und 800 Millionen Menschen, also mindestens jeder 15. Erdenbewohner, muss darben, hungern, oder gar Hungers sterben. Aktuelle Tendenz steigend...
Da stellen sich die alten Fragen mit neuer Schärfe: Ist es denn ganz und gar unmöglich, mit den vorhandenen Ressourcen die derzeit sechseinhalb Milliarden Erdbewohner satt zu bekommen? Genügte nicht schon ein fairer Ausgleich zwischen dem Überfluss in den Industrieländern und demsichtbarenMangel in vielenLändern der Dritten und Vierten Welt, um wenigstens den Hunger auf der Welt auszuhungern? Lässt sich denn die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln nicht mit einer großen Kraftanstrengung so steigern, dass es auch für die wachsende Weltbevölkerung genug zu verteilen gibt? Das ging doch schon einmal gut, vor 20, 30 Jahren, als die „Grüne Revolution“, der massive Einsatz von Düngung und Pestiziden, neue Pflanzen- und Saatgutzüchtungen und massive Mechanisierung der Arbeit, großartige Ertragssteigerungen zeitigte. Oder führte – wofür es viele Hinweise gibt – eine Fortsetzung dieses Weges noch schneller in die ökologische Sackgasse? Müßte dann nicht nach naturverträglicheren Methoden geackert und gegärtnert werden, was die Klimaforscher fordern und die alternative Landwirtschaftsforschung als erfolgversprechend anpreist?
Wie aber, wenn alle verstärkten Anstrengungen bei der Produktion nicht ausreichen, alle jetzt lebenden sechseinhalb Milliarden Menschen vor Hunger zu bewahren oder halbwegs zureichend zu ernähren, weil doch noch ein Verteilungsproblem als Ursache dahinter steht? Eins, das sich vielleicht durch mehr Solidarität der Satten mit den Darbenden lösen ließe? Wie müsste eine gerechte Welternährungsordnung aussehen? Von
wem wäre sie als glaubwürdiges Ziel
zu definieren? Und wer oder was
könnte die Menschheit dahin auf den
Weg bringen?
Das waren die Fragen, die – Zug um
Zug – im Frühjahr und Frühsommer
unter dem Eindruck der schlechten
Nachrichten von der globalen Krisenfront
an Zahl wie an Tiefe und Dringlichkeit
zunahmen: der Ölpreis als
Gipfelstürmer mit der unheiligen Seilschaft
aus Spekulanten und rhetorischen
Angriffskriegern in USA, Israel,
Iran; der wachsende Rohstoffhunger
der Schwellenländer, allen
voran China und Indien; der Lebensmittelpreise
treibende Biospritrummel;
die Hungerrevolte in Haiti; die
galoppierende Immobilienkrise samt
international ansteckendem Bankensterben
in den USA; die Börsenkräche,
Firmenpleiten, Massenentlassungen
und – zuletzt, aber am bedrohlichsten
–die krisenantreibende Furcht
vor Inflation, Stagflation und weltweiter
Rezession.
Allein die intensive Lektüre der einschlägigen
Presserzeugnisse gestaltete
sich für den Redakteur zu einem
kräftezehrenden Crashkurs in Weltökonomie,
Internationaler Finanzwirtschaft,
Landwirtschaft, Agrarwissenschaft,
Klimaforschung und globaler
Ökologie. Von Haus aus eher ans
Feuilleton gewöhnt als an den Wirtschafts-
und Finanzteil, kostete es ihn
mehr Zeit als vorgesehen war, woher
sich die verzögerte Fertigstellung
dieser Ausgabe dann zwangsläufig
ergab. Nun müssen Sie, liebe Leserin
und Sie, lieber Leser, nach der
Lektüre unserer Beiträge selber urteilen,
ob sich der Aufwand gelohnt
hat.
In seinem Artikel „Fettabsaugen hier,
verhungern dort? Warum eine gerechteWelternährungsordnung
unerlässlich
ist“ analysiert
Günter
Geschke
die aktuelle Krisenlage: die
Preisexplosion bei Energie und Lebensmitteln;
den Welt-Hunger und
das noch weitgehend unsolidarische
Verhalten der handelnden bzw. nichthandelnden
Regierungen;
die Gegensätze
zwischen entwickelten, halbentwickelten
und unterentwickelten
Ländern. Er fragt nach den Mitteln
undMethoden für einen Ausweg aus
der Ernährungskrise.
Dafür sei es notwendig,
dass der Mensch sich von
seinem Herrschaftsanspruch gegenüber
der Natur verabschiede: „Macht
euch der Erde untertan!“
Der renommierte Greifswalder Klimaforscher,
Professor Michael Succow
schreibt dazu in seinem Thesen-Papier
„Mensch und Natur im 21. Jahrhundert“
: „Lassen wir die Natur
unverändert, können wir nicht existieren;
zerstören wir sie, gehen wir
zu Grunde.
Der schmale, sich verengende
Gratweg zwischen Verändern
und Zerstören kann nur einer Gesellschaft
gelingen, die sich mit ihrem
Wirtschaften in den Naturhaushalt
einfügt und die sich in ihrer Ethik als
Teil der Natur empfindet.“
Professor Dr. Kurt Egger,
Heidelberger
Botaniker und Fachmann für
ökologischen Landbau in den Tropen,
setzt sich zunächst mit dem
Subjekt unseres Themas auseinander:
dem „Wir“ im Titel.. Dieses „Wir“
sehe ganz verschieden aus, je nachdem
ob man von Deutschen, Chinesen
oder Haitianern spricht. Aufgrund
seiner jahrzehntelangen Erfahrungen
in der Landwirtschaft – der „grünen
Revolution“ auf der einen und einer
ökologischen Landwirtschaft, die traditionelle,
autochthone Praktiken mit
integralen modernen wissenschaftlichen
Erkenntnissen verbindet, empfiehlt
Egger eine Umkehr:
Sein soziales
und ökologisches Gegenmodell zur
herkömmlichen Landwirtschaft heißt
„Agroforstwirtschaft“. Freilich ist
auch dieser „Fortschritt mit der Vergangenheit“
daran gebunden, dass ein
globalmächtiges „Wir“ sich seiner
annimmt und ihn auch durchzusetzen
weiß.
Zur Diskussion um genmanipulierte
Nahrung nimmt der Molekularbiologe
Hans Bremer
Stellung . Er
sieht keinen prinzipiellen Unterschied
zwischen der in Millionen Jahren
durch die Evolution entwickelten Resistenz
vieler Pflanzen gegen bestimmte
Schädlinge, Insekten oder
Pilze und dem Versuch, unsere hochgezüchteten
Nutzpflanzen, die anfälliger
für Schädlinge sind, durch Genveränderung
widerstandsfähiger zu
machen. Jedenfalls hält er dies für die
bessere Alternative zur Anwendung
großer Mengen chemischer Pestizide.
Diese Gifte schädigten meist
wahllos auch andere, harmlose Insekten
oder Kleinstorganismen, und sie
würden zum Bestandteil unserer Nahrung,
schließlich auch noch Umwelt
und Gewässer verseuchen.
Die biblische Weisheit, wonach „der
Mensch nicht vom Brot allein“ leben
kann, ist das große Thema von
Professor
Dr. Dieter Dieterich.
Es geht
ihm um die Erörterung
wie die Beantwortung der uralten
Frage nach dem „guten Leben“.
Lässt
es sich nicht nur als Wunsch und Ziel
beschreiben, sondern auch als konkrete
Utopie verwirklichen?
Für die sogenannten „Achtundsechziger“
schien dies keine Frage zu
sein. Ihr Wortführer Rudi Dutschke
hielt den „Garten Eden“ für ein auf
dieser Welt und in unserer Zeit erreichbares
Ziel.
Vier Jahrzehnte danach,
im Frühjahr 2008, war der
Rückblick auf die deutsche Studentenrebellion
ein großes Thema in den
Medien. Im GadF kommen nun zwei
Wegbereiter der gesellschaftsverändernden
Studentenbewegung zuWort:
Der Berliner Politologe,
Professor Dr.
Ekkehart Krippendorff
und die
Bremer
Sozialwissenschaftlerin
Professor
Annelie Keil .
„Bücher-Bücher“ stellt drei
gewichtige Neuerscheinungen vor:
1. Andreas Weber:
„Alles fühlt.
Mensch, Natur und die Revolution
der Lebenswissenschaften“. Dieter
Dieterich sagt Ihnen, ob das Buch
hält, was sein Untertitel verspricht.
2. Karl Ernst Nipkow:
„Geschichte
und Theorie der Friedenspädgogik
von Erasmus bis zur Gegenwart“ wird
von unserem Rezensenten, Dr. theol.
Horst Gloy, als anregendes „kompaktes
Studienbuch“ empfohlen.
3. „Das vermessene Imperium“
heißt ein
Sonderheft von
Le Monde diplomatique
über die USA. H.Bremer stellt die
äußerst kritische Beschreibung dieser
letzten Supermacht vor.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen,
Ihr
Günter Geschke
AUS DEM INHALT :
Günter Geschke:
Fett absaugen hier, verhungern dort...
Warum eine gerechte Welt-Ernährungsordnung unerläßlich ist
Als der Hunger auch bei uns endemisch war
1817 und 1843: Chronik zweier deutscher Mangeljahre
Kurt Egger:
Den Hunger bannen, das Klima retten?
Über Nahrungsproduktion und -Konsum in der X-Milliarden-Welt
Hans Bremer:
Unnötige Ängste?
Zur Diskussion um Gen-manipulierte Nahrung
Dieter Dieterich:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...,“
... sondern auch...
Rückblick auf den Aufstand der Moralisten
Ekkehart Krippendorff und Annlie Keil, zwei Wegbereiter der
deutschen Studentenbewegung von 1968, erzählen
UNSER FORUM:
Leser, Autoren und Herausgeber im Gespräch
Lesertreffen in Darmstadt – Diskussion über die Menschenwürde –
Reimar Lenz:
Nachtgebet
Günter Geschke:
Gedanken zum
Abschiedsbrief von Frau E. B.
Dieter Gershoff:
Wo nichts
und niemand vergessen sein soll: Das Piskarjowski Memorial
Erinnerung an Walter Hildebrandt
BÜCHER • BÜCHER • BÜCHER:
Dieter Dieterich über Andreas Weber:
Alles fühlt. Mensch, Natur
und die Revolution der Lebenswissenschaften
Horst Gloy über Karl Ernst Nipkow:
Der schwere Weg zum Frieden.
Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik
Hans Bremer über:
„Das vermessene Imperium“ (Sonderheft der Zeitschrift
„Le Monde diplomatique“ über die Supermacht USA
Bestellformular fürs „Gespräch“ (auch als Geschenk-Abo!)
IN EIGENER SACHE:
Abschied vom „Quartal“ – Je ein „Gespräch“
pro Saison
Unser nächstes Thema:
Poesie und Leben
Zur Rückkehr des Gedichts in den Alltag
Es geschah zum ersten Mal vor gut
zwei Jahren undwiederholt sich seither
alltäglich: der bundesweit präsente
(und vielgehörte) Deutschlandfunk
streut Lyrik ein – überraschend, mitten
in eine Sendung. So muß etwa die
hektisch-nüchterne „Wirtschaft am
Mittag“ urplötzlich den Strom der
Nachrichten anhalten.
Die Regie erzwingt
eine Besinnungspause, z. B.
mit Rainer Maria Rilkes berühmtem
Panther-Gedicht. Aber auch zeitgenössische
Poeten wie Peter
Rühmkorf oder Jan Wagner kommen
zu Wort.
Andere ARD-Anstalten– der WDR,
der SWR – haben mit eigenen
Gedichtsendungen nachgezogen. Ist
da ein echter Bedarf beim Publikum
entdeckt und bedient worden? Dafür
spricht, dass die Leute zunehmend
nach einschlägigenHörbüchern greifen.
So geht eine brandneue Gedichtsammlung,
der „Hör-Conrady weg
wie warme Semmeln. –
Durchbricht die Poesie also endlich
die engen Schranken des gehobenen
Feuilletons? Und wird es richtig populär,
gute Gedichte nicht nur gern von
schönen Stimmen vorgetragen zu bekommen,
sondern sie auch selbst zu
lesen, vielleicht sogar wieder auswendig
zu lernen. Damit man sie in passenden
Momenten des Lebens parat
hat wie einst die Großeltern ihren
Schiller oder ihren Wilhelm Busch?
Wenn die Zeiten härter werden, ist
wieder Sinn gefragt!
Andererseits: Ungebrochen ist der
Trend moderner Lyrik, sich schnellem
Verstehen zu entziehen, sich fast hermetisch
abzukapseln, darin aktueller EMusik
und abstrakter Malerei gleich.
Das ist dann Stoff für philosophische
Interpretationen und das junge Fach
Neuroästhetik.
Unser Herbst-Heft soll aber nicht abstrakt
geraten, vielmehr mit vielen Beispielen
alter und neuer Lyrik aufwarten.
Vielleich, hoffentlich schreiben Sie,
liebe LerserInnen uns selber etwas zum
Thema: „Mein liebstes Gedicht!“. Darauf
freut sich,
Ihr Günter
Fett absaugen hier, verhungern dort...
Warum eine gerechte Welt-Ernährungsordnung unerläßlich ist
Von
Günter Geschke
Unter allen Bedingungen des
Lebens auf dem Planeten
Erde ist die gesicherte Nahrungszufuhr
eine der elementarsten.
VomEinzeller bis zum hochdifferenzierten
Organismus, vom Wurm bis
zum Homo sapiens sapiens, vom Bakterium
bis zum Mammutbaum – alles
Lebendige ist auf regelmäßige Zufuhr
jener „Nahrungsmittel“ angewiesen,
die für seinen Stoffwechsel unerlässlich
sind: „Lebensmittel“ eben. Hapert
es mit dem Nachschub, leidet das Lebewesen
Not, bleibt er ganz weg, verdurstet
oder verhungert es.
Was für das Individuum gilt, gilt auch
für die Art: Die Erdgeschichte lehrt
uns, dass im Verlauf der Evolution
ungezählte Arten ausgestorben sind,
wenn sich ihre Lebensumstände –
schleichend oder dramatisch – veränderten.
Entweder blieben sie im
„Kampf ums Dasein“, um Nahrung
undLebensraumauf der Strecke oder
fanden durch irdische und kosmische
Katastrophen („Sintfluten“, Erdbeben,
Vulkanausbrüche, Meteoriten-Einschläge)
ihr Ende.
Kraft ihres Verstandes und ihrer Vernunft
hat die Gattung Mensch sich den
größtmöglichen Zugang zu ihren
Überlebensmitteln verschafft und
sich – dank Wissenschaft und Technik
– aus der ursprünglich tierhaften
Abhängigkeit von der Natur auf phantastisch
anmutende Weise emanzipiert.
Dennoch: Das Individuum ist,
auch wenn es heute – gegenüber dem
Neandertaler – eine um Jahrzehnte
ausgedehnte Lebenserwartung hat,
prinzipiell so gefährdet und sterblich
wie eh und je. Und die Menschheit
als ganze ist längst in der Lage, sich
selber abzuschaffen, nicht nur durch
den seit Hiroshima und Nagasaki befürchteten
Atomkrieg, sondern durch
ihre bloße Existenz, ihr „Sosein“: wie
sie sich an Zahl vermehrt, ihre zivilisatorischen
Ansprüche in die Höhe
treibt, die natürlichenRessourcen bis
zur Erschöpfung ausbeutet, Tier- und
Pflanzenarten in atemraubendem Tempo
ausmerzt (100mal schneller als die
natürliche Selektion) – kurz: hoffnungslos
über ihre Verhältnisse lebt!
Dank Medizin und Hygiene hat die
Weltbevölkerung ihr eigenes Wachstum
ungeheuer beschleunigt, allein im
20. Jahrhundert trotz der ungeheuren
Aderlässe in zwei Welt- und Dutzenden
von Bürgerkriegen auf 6,5 Milliarden
mehr als verdoppelt. Für das
Jahr 2050 sagen die unbestechlichen
Demographen noch einmal einen Zuwachs
von knapp 50 Prozent voraus.
Dann sind9Milliarden Menschen zu
versorgen. Wie soll das gelingen, wenn
heute schon 800 Millionen darben,
Hunger leiden oder verhungern? Und
das, während in den hochentwickelten
Industrieländern bedrohlich viele
Menschen immer dicker werden.
„Fett absaugen“ hier, verhungern dort
– das kann, das muß böse enden,
wenn nicht noch ein Wunder geschieht:
ein Ausgleich zwischen
Reich und Arm, der Aufbau einer
gerechten Welternährungsordnung.
Das erscheint umso dringlicher, als just
die „Hungerländer“ unter den Folgen
des menschengemachten Klimawandels
am meisten leiden. Ungeahnt
heftige Orkane, ausgedehnte Überflutungen,
extreme Dürre suchen sie
immer häufiger heim, gefährden Abermillionen
an Leib und Leben, vertreiben
sie aus ihrer angestammten
Heimat. Sie werden zu „Klimaflüchtlingen“,
die in Auffang- oder
Durchgangslagern keineswegs nur
notdürftig überleben wollen, sondern
nach neuen Lebenschancen Ausschau
halten, auch in fernen Ländern
und fremden Kulturen. Gewiß werden
sie noch intensiver als ihre (noch)
nicht vom Unglück betroffenen
Landsleute über die Ursachen ihrer
Misere nachdenken, etwa darüber,
dass – verglichen mit einem Inder –
ein US-Amerikaner die 20fache und
ein Europäer die achtfache Menge
des Klimakillers CO2 erzeugen. Zwar
wächst deshalb in den meisten wohlhabenden
Industriestaaten das
schlechte Gewissen, in den Ländern
der Dritten und ViertenWelt aber staut
sich dieWut, steigert sich, von Fundamentalisten
und Terroristen angefacht,
der Hass gegen die Verursacher.
Durchaus seriöse Politikwissenschaftler
und Soziologen befürchten
daher „Klimakriege“ (so der Titel eines
stark gefragten Buches von Harald
Wenzer: „Klimakriege.Wofür im
21. Jahrhundert getötet wird.“ Verlag
S. Fischer). Droht irgendwann gar
ein dritter Weltkrieg? Diesmal nicht
um „Endlösungen“, Macht, Einfluss,
sondern um so elementare Überlebens-
Mittel wie Nahrung, Wasser,
Atemluft?
Und ist dieser Weltkrieg,
der wohl der letzte wäre, etwa noch
unvermeidlicher als die beiden vorangegangenen?
Solch düstere Ausblicke in die Zukunft
werden einstweilen von ganz akuten
Sorgen ums tägliche Brot, die Schüssel
Reis, den Topf Hirse verdrängt.
Und die dringlichste Sorge heißt:
Preisexplosion – erst beim Erdöl, nun
bei den Lebensmitteln. Die fortgeschrittene
Globalisierung hat alle Erdteile,
sämtliche Volkswirtschaften der
Welt so miteinander vernetzt, dass –
mehr oder weniger – alle Menschen
betroffen sind. Darüber zu wehklagen
ist menschlich, hilft aber nichts,
am wenigstens dort, wo der Brotkorb
auch vorher schon anstrengend hoch
hing. Wie in jeder Krise steckt auch
in dieser Teuerung durchaus eine
Chance. Das Bewusstsein der wechselseitigen
Abhängigkeit könnte weiter
um sich greifen und die Bereitschaft
stärken, auch mit dem Fernsten
solidarisch zu sein, bereit, ihm in der
Not zu helfen, wie das im spendenfreudigen
Deutschland gute Tradition
geworden ist. Das heißt freilich auch,
streng nach den Ursachen und den
Verursachern zu forschen. Dabei sind
wir in hohem Maße auf Fachleute
angewiesen, insbesondere auf Agrarund
Finanzexperten. Sie wissen viele
Gründe für den Preisanstieg zu nennen:
• eine ständig wachsende Nachfrage
nach qualifizierten Lebensmitteln,
etwa durch die stetig wachsendeMittelklasse
in Indien und China. Sie verlangt
unter anderem nach mehr
Fleisch auf dem Tisch. Das treibt die
Preise für Mais und Getreide als Futtermittel
nach oben und macht sie für
die Armen oft unerschwinglich.
• die Verarbeitung von Raps und
Mais zu Biotreibstoff (die Umweltorganisation
Oxfam geht soweit,
diese ursächlich für 70 Prozent der
Preissteigerung zu machen);
• Dürreperioden in Anbaugebieten
Australiens und in der Schwarzmeer-
Region; Dauerregen und Überflutungen
in anderen Weltgegenden, zuletzt
im Haupt-Reisanbaugebiet in Burma;
• Die im Zuge der „Grünen Revolution“
erzielten enormen Zuwächse der
Produktivität (bei Weizen wurden zuletzt
bis zu 10 Tonnen pro Hektar und
Jahr geerntet) tendieren seit einiger
Zeit gegen Null, weil die bisherigen
Mittel dazu – verbessertes Saatgut,
Einsatz von Mineraldünger, Pestiziden
und ausgefeilter Technik – „ausgereizt“
sind;
• eine hohe Bedeutung bei der Preissteigerung
für Lebensmittel aber messen
viele Experten der einschlägigen
Spekulation zu. Der ehemalige
Landwirtschaftskommissar der EU
und bewährte österreichische Landwirtschaftsminister
Franz Fischler
etwa weist darauf hin, dass es auf
diesem Sektor geradezu eine Explosion
der Gelegenheiten gegeben habe.
Umfasste die Spekulation auf steigende
oder fallende Preise bei Lebensmitteln
1973 rund 10 Milliarden Dollar,
so machte sie im Jahre 2007 bereits
142 Milliarden aus. Verlockende
neue Angebote der Finanzwirtschaft
seien innerhalb des vergangenen Jahres
bis Anfang Februar 2008 von 70
auf 140 gestiegen. Man mag diese
Spekulation auf den Hunger der Armen
noch so verwerflich finden –
einstweilen ist sie weltweit gängige
Praxis auf den Finanzmärkten.
Weit verbreitet ist die Ansicht, die so
rasant gestiegenen Preise seien auch
auf das Versagen des Agrarmarktes
selbst zurückzuführen. Fachleute wie
Franz Fischler betonen jedoch, dass
es hier vielfach überhaupt kein freies
Spiel von Angebot und Nachfrage
gebe. Traditionelle ländliche Strukturen
und preisverfälschende Subventionen
für die Landwirtschaft durch
nationale Regierungen seien dafür
verantwortlich. So herrsche z. B. bei
Reis in weiten Teilen Asiens der sogenannte
„Vertragsanbau“ vor; die
Reisbauern müssen bereits vor der
Ernte die allzu oft „gedrückten“ Preise
der Reismüller akzeptieren. Deren
Gewinne bei steigenden Preisen
aber gingen an den Produzenten vorbei.
In den Vereinigten Staaten von
Amerika empfingen die Farmer keine
richtungsweisenden Signalemehr
vom Markt, weil ihnen die Regierung
dadurch die Preise garantiert, dass sie
die Differenz zum Marktpreis durch
Subventionen voll ausgleicht. Große
Agrarerzeuger wie Argentinien und
Russland wiederum beeinträchtigten
das Funktionieren des Marktes durch
Exportsteuern, Mengenbeschränkungen
oder Preisfestsetzungen. Insgesamt, so
das Fazit dieser Expertisen, gibt es
zu viele marktverfälschende Regelungsmechanismen..
Lassen sich Gegenmaßnahmen treffen?
Kann man den Markt für Agrarprodukte
von seinen Behinderungen
und Verzerrungen befreien? Gemäßigte
Kritiker der gegenwärtigen Verhältnisse
hielten es schon für einen
großen Gewinn, wenn es gelänge,
durch genauere Beobachtung und
Kontrolle sowie rechtzeitige präzise
Information aller Akteure auf den
Märkten mehr Transparenz, Durchsichtigkeit
und Übersichtlichkeit, herzustellen.
Maßnahmen gegen die
Auswüchse der Spekulation hingegen
müssten durch Eingreifen solcher internationaler
Einrichtungen wie den
IWF (Internationaler Währungsfonds)
vorgenommen werden. Jene
Kritiker halten es für aussichtslos, die
Spekulation mit Agrarprodukten schlicht
zu verbieten; sie schlagen stattdessen
vor, solche Spekulationsgeschäfte
mit einer mäßigen oder geringen Abgabe
zu belegen. Franz Fischler, inzwischen
weltweit gefragter Regierungsberater,
setzt sich für eine
Bagatell-Steuer ein; nach seinen Berechnungen
würde allein in der EU
eine Mindestabgabe von 0,1 Promille
rund 80 Milliarden Euro im Jahr einbringen,
die man dann z. B. in die
schnellere Anpassung der Agrarerzeugung
an ökologische Erfordernisse
investieren könnte. So trügen denn
auch noch die Spekulanten ihr Scherflein
zu einer besseren Welt bei.
Wie aber ließe sich weltweit mehr Gerechtigkeit
in Sachen Ernährung erreichen?
Zur Aufgabe, eine gerechte
Welternährungsordnung zu schaffen,
bekennen sich viele – jüngst erst
wieder die „G 8“ in Toyako, wo Bundeskanzlerin
Merkel vorschlug, als
Soforthilfe bei Hungersnöten eine Bevorratung
von Lebensmitteln wie
beim Erdöl einzurichten. Das war
wenigstens ein Schrittchen auf dem
weiten Weg zum Ziel.
Angesichts des weltweiten Klimawandels
muss darüber grundsätzlicher,
unter Einbeziehung aller wesentlichen
Faktoren nachgedacht und irgendwann
auch auf internationaler
Ebene entschieden werden. Dabei ist
davon auszugehen, dass die schlimmen
Folgen des Klimawandels die
ohnehin benachteiligten Regionen der
Welt, in denen meist auch die Armut
endemisch ist, intensiver und häufiger
trifft als die bereits hochentwikkelten
gemäßigten Zonen. Dürreperioden
und Überflutungen suchen
jene ungleich stärker und häufiger
heim als diese. Aber gerade die regelmäßige
Verfügbarkeit von Süßwasser
ist eine wesentliche Voraussetzung
für die Sicherung und Verstetigung
der Agrarproduktion. Schon
heute werden daher 70 % aller Lebensmittel
in den Ländern der klimatisch
gemäßigten Zonen erzeugt. Ihnen
kommt daher auch eine wachsende
Verantwortung für die Ernährung
der ganzen Menschheit zu.
Um sie besser als bisher wahrzunehmen
ist es nötig, vom bisherigen –
über Jahrzehnte bevorzugten – Konzept
der Selbstversorgung eines Landes
abzugehen. Länder, die das Potential
dazu haben, müssen anstreben,weit mehr zu produzieren als für den
Eigenbedarf nötig ist. Deren Agrarexporte
tragen nicht nur zur Sicherung
der Ernährung der übrigen Welt
bei, sondern auch zur Entwicklung
wie zur Existenzsicherung der eigenen
Landwirtschaft.
Dringend erforderlich ist auch ein
Strategiewechsel bei der Weltbank.
Sie hat hat sich zu lange am historischen
Vorbild der Industriestaaten
ausgerichtet und die Abwanderung
der Landbevölkerung in die Städte gefördert.
Aber was nützlich war, solange
Bergwerke, Fabriken oder Baubetriebe
auch ungelernte Arbeitskräfte
in Massen brauchten, hat sich
durch Automatisierung und Rationalisierung
der Arbeit längst zu einem
brisanten gesellschaftlichen und politischen
Problem entwickelt – weltweit,
wie solche ins Unregierbare und
Unbegehbare entarteten Slums wie in
Kalkutta, Lima oder Lagos, aber auch
die Ghettos der abgehalfterten ehemaligen
„Gastarbeiter“ in Westeuropa,
zeigen.
Jetzt kommt es darauf an, die verheerende
Landflucht zu stoppen – in Indien,
Bangladesh und China, in Lateinamerika
(Brasilien) und Afrika
(Nigeria). Überall gilt es, die bedrohte
Existenz von Hunderten von Millionen
Kleinbauern sichern zu helfen.
Das heißt vor allem, ihnen – über die
Selbstversorgung hinaus – einen Absatz
ihrer Produkte zu ermöglichen,
auf dem heimischen Markt und im
Ausland. Wichtigste Voraussetzung
dafür sind Kleinkredite als Starthilfe,
damit die Bauern die nötigen Investitionen
tätigen, Saatgut und Kleingeräte
kaufen können. Mit dem sensationellen
Erfolg seiner Genossenschaftsbanken
hat der indische Nobelpreisträger
für Wirtschaft (1998),
Armaty Sen, gezeigt, wie man das
machen muß.
Nun ist es an den wohlhabenden
Industrieexportländern, darauf endlich
angemessen zu antworten. Als erstes
hätten sie die diskriminierenden Handelsschranken
für Agrarimporte schrittweise
zu senken und schließlich ganz
zu beseitigen. Sie dürfen nicht länger
darauf bauen, ihre Industrieprodukte
der Dritten und Vierten Welt verkaufen
zu können, ohne sich an deren
ökonomischer und sozialer Entwicklung
tatkräftig zu beteiligen. Dies gebietet
schon allein der gesunde ökonomische
Eigennutz; langfristig lassen
sich gute Geschäfte nur mit Partnern
machen, die genug eigene Kaufkraft
entwickelt haben. (Wir Deutschen
haben da ja nach der Währungsreform
von 1948 mit unserer Sozialen
Marktwirtschaft gute, durchaus
modellfähige Erfahrungen gemacht!)
Die weltweiten fundamentalen Krisen
der Gegenwart lehren uns jedoch,
weit über den Tellerrand des gemeinnützigen
Eigennutzes hinaus zu blikken.
Wenn die Menschheit als Gattung
eine Zukunft haben soll, ist mehr
von Nöten; dann muß der epochale
Prozeß der Globalisierung human gestaltet
werden. Erste Voraussetzung
dafür ist ein tiefgreifender Bewußtseinswandel:
Solidarität mit allen Erdenbürgern,
mit dem „kranken Nachbarn“
aus unserem schönen Claudius-
Lied und dem fernsten Fremden.
Globale Gerechtigkeit heute beginnt
mit dem Bekenntnis zum Lebensrecht
jedes Einzelnen. Und das elementarste
Überlebensgebot für alle heißt:
Täglich Brot, frisches Wasser, saubere
Luft!
Wenn ´s aber den „bösen“ Nachbarn
nicht gefällt: den Islamisten, christlichen
Fundamentalisten, orthodoxen
Zionisten? Wenn die Terroristen und
Anti-Terroristen aller „Ismen“ ihre
jeweiligen Feinde zu Teufeln erklären,
die erst vernichtet werden müssen,
ehe die Welt nach der je eigenen Fasson
„selig“ werden kann?
Wer die ungeheuerlichen Schrecken
des 20. Jahrhunderts überlebt hat und
sich des angehäuften Vernichtungspotentials,
der Fähigkeit der Menschheit
zum xfachen Overkill, stets bewußt
ist, der wird nicht umhin können,
jederzeit mit dem Schlimmsten
zu rechnen. Dies gehört einfach zur
modernen Conditio humana. Aber
wenn er Charakter hat, wird er den
Mut zur Hoffnung nicht aufgeben und
beherzt den je nächsten kleinen Schritt
tun in Richtung Gerechtigkeit und
Frieden.
Unnötige Ängste?
Zur Dikussion um Gen-manipulierte Nahrung
von
Hans Bremer
Herr Geschke bat mich, als Mikrobiologe
meine Meinung zu äußern
über die Verbreitung von genetisch
verändertem bzw. manipuliertem
Saatgut und den daraus resultierenden
„genmanipulierten” Erzeugnissen:
Getreide, Gemüse, Früchte. In
Deutschland hätte man eine unbestimmte,
mitunter große Angst vor
unübersehbaren, schädlichen Folgen
für die jeweilige natürliche
Umwelt, Pflanzen und Tiere, und
die Gesundheit des Menschen.
In Amerika kennt man diese Angst
seit langem nicht mehr.Als mir vor
mehreren Jahren ein Bekannter in
Deutschland seinen Widerwillen gegen
genetisch manipulierte Produkte
mitteilte und ich nach dem Grund seiner
Besorgnis fragte, meinte er, es sei
doch schrecklich, eine Tomate mit
einem menschlichen Gen zu essen.
Ich konnte ihm darauf nur erwidern,
dass ich davon noch nie gehört hätte
(Wozu Menschen-Gene in Tomaten?
Erfindung eines Reporters?). Aber ich
sah keinen Grund sich darüber aufzuregen,
denn die Grundreaktionen
des biologischen Stoffwechsels sind
in allen pflanzlichen und tierischen
Zellen gleich; sie werden von den gleichen
biochemischen Katalysatoren
(Enzyme genannt) gesteuert, wozu
die gleichen Gene in den Zellen benötigt
werden, auch wenn diese Gene
sich im Laufe der Jahrmillionenwährenden
Evolution an unterschiedlichen,
für ihre Funktion unwesentlichen
Stellen etwas verändert haben.
Im Grunde haben wir Menschen
schon immer Tomaten-Gene in unseren
Zellen, oder die Tomaten haben
Menschen-Gene, wie man’s nimmt.
Viele Pflanzen haben während ihrer
Evolution eine Resistenz gegen bestimmte
Schädlinge, Insekten oder
Pilze, entwickelt. Da die meisten unserer
Nutzpflanzen diese Resistenz
nicht haben, verwenden Landwirte
heute grosse Mengen chemischer
Pestizide, um die Schädlinge abzutöten.
Diese Gifte töten meist wahllos
auch andere, harmlose Insekten oder
Organismen; sie kommen zum Teil in
unsere Nahrung und verseuchen die
Umwelt und Gewässer. Das halte ich
für schlimmer als die Gen-modifizierten
Saaten, die praktisch keinen Schaden
anrichten. An diese Natur-vergiftenden
Folgen unserer Landwirtschaft
denken die Gegner genmanipulierter
Saaten anscheinend
weniger, vielleicht weil sie nicht genug
darüber wissen.
Die Schweizer Firma Novartis, aus
dem Zusammenschluß von Ciba-
Geigy und Sandoz hervorgegangen,
hat eine Reihe gen-manipulierter Saaten
entwickelt, die in den USA verwendet
werden. Ich las, der Firma sei
es egal, ob die europäischen Bauern
ihre modifizierten Saaten kauften oder
nicht. Wenn sie die gegen Schädlinge
resistenten Sorten nicht wollten, dann
kauften sie die Pestizide, die ebenfalls
von der Firma hergestellt werden,
woran diese mindestens ebensoviel
verdiene.
Unsere Nutz- und Gartenpflanzen,
und auch unsere Haustiere und landwirtschaftlich
genutzten Tiere, sind
Produkte langjähriger Züchtung, die
schon vor Jahrtausenden begann.
Durch gezielte, über viele Generationen
erfolgte Auslese und Kreuzungen
hat man von der ursprünglichen Natur
sehr abweichende Organismen
erzeugt. Man denke nur an die unterschiedlichen
Hunde, vom winzigen
Schosshund bis zur riesigen Bulldogge,
die alle aus dem gleichen Wolfstier
hervorgegangen sind und die in
der freien Natur nicht überleben könnten.
Das gleiche gilt von der Vielfalt
unserer Gartenblumen, wie den Rosen
oder Tulpen, die nur mit menschlicher
Pflege gedeihen und in der freien
Natur überwuchert und wahrscheinlich bald aussterben würden.
Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied
darin, ob ein mutiertes Gen
durch Zuchtwahl in vielen Generationen
selektioniert wird, wie seit Urzeiten
üblich, oder ob es „auf moderne
Weise” direkt in eine Keimzelle injiziert
wird, wobei es in einer einzigen
Generation zu einer neuen Getreidevariation
kommen kann.
Man kann einwenden, dass wir weder
resistente Nutzpflanzen noch Pestizide
brauchen: lasst doch die Insekten,
Schnecken und Pilze einen Teil
unserer Ernte auffressen, denn diese
„Schädlinge” sind Teil unserer Natur,
die wir mit erhalten wollen! Durch ihre
Verschiedenheit konnten sich Pflanzen
und Tiere ökologischen Nischen
anpassen und damit (d.h. durch genetische
Mutationen) eine immer
grösser werdende Vielfalt in der lebendigen
Natur hervorbringen. Gerade
diese Vielfalt macht doch die besondere
Schönheit unseres Planeten
aus!
Heute sterben immer mehr Organismen-
Arten aus, was u. a. mit der fortgesetzten
Ausdehnung landwirtschaftlicher
Anbauflächen (etwa
durch Waldrodung) zusammenhängt
und durch die vereinheitlichende
„Globalisierung” unseres Wirtschaftssystems
noch beschleunigt wird. In
der heutigen Massenproduktion der
Landwirtschaft für eine immer
grössere Zahl von Menschen sehe ich
die Gefahr, nicht in der Genmanipulation.
Bereits mit unseren „klassischen”
Methoden der Landwirtschaft verändern
wir das Artengleichgewicht der
Natur: z.B., wenn der grossflächige
Kartoffelanbau eine Massenvermehrung
von Kartoffelkäfern auslöst.
Durch das Ausmass unserer zum
grossen Teil der Ernährung dienenden
Eingriffe in die Natur zerstören wir
immer grössere Teile davon. Darin
sehe ich die Gefahr für die Zukunft.
Trotz immer raffinierter werdenden
Techniken in der Landwirtschaft,
nimmt die Zahl der Hungernden in der
Weltbevölkerung zu. Durch vermehrte
Düngung und Bewässerung, oder
auch durch genetisch verbesserte
Nutzpflanzensorten, können wir die
Not eines wachsenden Teils der
Menschheit noch eine Zeitlang eindämmen,
aber wohl nicht mehr beheben,
denn es gibt Grenzen des Wachstums,
die wir vielleicht schon überschritten
haben. Verglichen mit den
durch unsere Anbaumethoden angerichteten
Schäden in der Natur erscheinen
mir die möglichen Folgen der
genetischen Verbesserung des Saatgutes
noch die umweltfreundlichsten.
Eines der neuen Forschungsgebiete
zielt darauf ab, eine besondere Eigenschaft
der Leguminosen, zu denen
Bohnen und Erbsen gehören, auf andere
Nutzpflanzen zu übertragen:
Leguminosen bilden an ihrenWurzeln
kleine Knollen, die bestimmte Bakterien
anziehen, die von den Leguminosen
ernährt werden. Die nahrhaften
Säfte ihrer Wirtspflanze entstehen
in den Blättern mit Hilfe des
Chloro-phylls (Blattgrüns) durch die
Energie des Sonnenlichtes, wobei die
Kohlensäure aus der Luft mit dem
von den Wurzeln aufgenommenen
Bodenwasser reagiert und dabei zu
Zuckern und anderen energiereichen
Molekülen verarbeitet wird. Die in
denWurzelknollen „symbiotisch” lebenden
Bakterien geben dafür der
Pflanze stickstoffhaltige Moleküle
zurück, welche sie zum Leben,
braucht. Bei anderen Nutzpflanzen
ohne diese symbiotischen Bakterien
müssen die nötigen Stickstoffverbindungen
durch „Kunstdünger“ in den
Boden gebracht werden.
Die Bakterien der Leguminosen verbinden
den reichlich vorhandenen
Luft-Stickstoff mit Wasserstoff (aus
dem Bodenwasser) mit Hilfe der von
der Pflanze gelieferten Energie (letztlich
von der Sonne kommend) und
erzeugen das zum Leben gebrauchte
Ammonium. Wenn es nun gelänge,
anderen Nutzpflanzen die Fähigkeit
zu übertragen, diese Bakterien zu
beherbergen, könnte dadurch der Einsatz
von Kunstdünger drastisch gesenkt
werden. Das würde Energie
und Kosten sparen, wäre besser für
die Umwelt und käme auch besonders
den Bauern in armen Ländern zugute.
Hans Bremer (Post über die
Redaktions-Adresse, s. Impressum)
Aktion 1000 plus X“
Leser werben Leser
Das „Gespräch“ wird 61, seine Leser sind 70 bis 90; manche steuern die 100 an. Daß wir gemeinsam älter
werden konnten, ist schön, hat aber auch seine Schattenseite: Die unvermeidlichen Lasten und Defizite des
Alters nehmen zu. Man muß liebgewordene Aktivitäten und Gewohnheiten hinter sich lassen. Wir bekommen
das verstärkt zu spüren: anrührende Abschiedsbriefe bringen die Auflage unserer Zeitschrift auf Sinkflug. Die
Tausendergrenze ist nach unten durchstoßen. Die Kosten aber steigen kontinuierlich. Da wir trotz vermehrter
Anstrengungen leider nicht genügend Geld für eine professionelle Werbung neuer Leser einwerben konnten
(Siehe letzte Seite: In Eigener Sache), besinnen wir uns jetzt auf die eigene Kraft: Sie, liebe Leserinnen und
Leser! Sie sind unsere besten Werber, weil Sie uns aus eigener Erfahrung weiterempfehlen können! Unsere
herzliche Bitte: Sprechen Sie Verwandte, Freunde, guteBekannteaufdas„GesprächausderFerne“an, ermuntern
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selber ein Geschenkabonnement - Weihnachten ist nahe. Helfen Sie uns, den Abwärtstrend der Auflage
umzukehren! Das Nahziel heißt „1000 plus X“, das Fernziel: schwarze Zahlen für ein langes Leben unseres
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