Zur Einführung in dieses Heft
Von
Günter Geschke
Sehr geehrte Leserin,
sehr gehrter Leser!
Das „Sommerheft“ 2009 erst im April 2010 online?
Da muß die Einmann-Redaktion
vorab um Entschuldigung bitten. Die
Gründe für diese Ausnahme-Verspätung
sind so persönlich, dass sie in die
Rubrik „In Eigener Sache“ gehören;
sie sind also auf der letzten Seite dieses
Heftes nachzulesen. Nicht allein
um die Scharte an unserem Image
der Verlässlichkeit auszuwetzen, ist es
um die Hälfte umfangreicher als gewöhnlich,
sondern vor allem des komplexen
Themas wegen. Gegenüber
unserer ursprünglichen Planung hat
es bereits im Spätsommer ganz erheblich
an Aktualität gewonnen. Der von
Anbeginn umstrittene „Gesundheitsfonds“,
den die Große Koalition sich
trotz aller Halbheiten als große Leistung
zurechnete, wurde zum heißen
Thema des eher lauwarmen Wahlkampfs.
Die angriffsstarke FDP
konnte auch deshalb damit punkten,
weil sie schlicht seine Abschaffung
auf ihre Fahnen schrieb; so scheinbar
einfache Problemlösungen erweisen
sich merkwürdigerweise immer
noch als wählerwirksam. Erst als
neuer Partner der Merkel-Regierung
und nach dem Desaster der SPD
müssen Westerwelle & Co. beweisen,
ob sie stark genug sind, das angebliche
Grundübel unseres schiefliegenden
Gesundheitssystems zu beseitigen.
Unterstellt, die unglaublich
hohen Defizitprognosen der Krankenkassen
stimmen - man spricht von rund
acht Milliarden Euro im Jahr - und die
Forderungen nach Soforthilfe des
Staates unabweisbar, dann ist dies das
Übel, das es abzuschaffen gilt und
nicht der Fonds.
Überlassen wir dies ruhig den aktuellen
Medien und wenden uns lieber
den grundsätzlicheren Seiten der Gesundheitsproblematik
zu. „Gesundheit ist
nicht alles, aber ohne Gesundheit ist
alles nichts“ weiß der weise „Volksmund“,
und wer unsere Spruchwörterbücher
befragt, wird in dieser Annahme
bestärkt. In der von Franz Josef
Freiherr von Lipperheide anno 1907
herausgegebenen und vielfach neu
aufgelegten „Sammlung deutscher
und fremder Sinnsprüche, Wahlsprüche
etc...“ ertönt vielstimmig das hohe
Lied der Gesundheit – von der Antike
bis tief ins 19. Jahrhundert:
„Es ist kein Reichtum zu vergleichen
einem gesunden Leibe“ und „Gesund
und frisch sein ist besser denn Gold“
heißt es bei Jesus Sirach, K.30, V.
16 bzw.14. „Mens sana in corpore
sano“ beschwört Decimus Junius
Juvenalis anno 117 unserer Zeitrechnung;
„Nur die Gesundheit ist das
Leben“ verkündet 1757 Friedrich
von Hagedorn in seinen Epigrammatischen
Gedichten. Und Johann
Gottfried Herder überträgt in seinen
berühmten „Stimmen der Völker in
Liedern“ (1807) aus dem Englischen:
„Gesundheit, Himmelskind!
Der besten Gaben Quelle du,
aus der uns Segen, Lust und Ruh
in süßen Strömen rinnt.“
Gegen solch poetischen Überschwang
setzt Georg Christoph
Lichtenberg um 1806 sein ernüchterndes
Diktum: „Das Gefühl von Gesundheit
erwirbt man sich nur durch
Krankheit.“
Es lehnt sich an Johann Wolfgang
von Goethe an, der 1789 im Torquato
Tasso die Prinzessin sagen lässt: „Ich
bin gesund, das heißt: ich bin nicht
krank.“
Das genügt den meisten Menschen
nicht; wenn man denn schon gesund
ist, hätte man lieber noch ein bisschen
mehr. „Ein gesunder Körper ist gern
gepaart mit einer heitern Seele“ heißt
es in August von Kotzebues Drama
„Menschenhaß und Reue“ (1789),
und Johann Heinrich Voß verstärkt:
„Gesund an Leib und Seele sein, das
ist der Quell des Lebens“ ( Sämtliche
Poetische Werke, 1815).
Das Volk
aber weiß, was zum Glück noch dazu
gehört: „Ein gesunder, starker Leib,
ein gottselig Weib, gut Geschrei (ein
guter Ruf ) und bar Geld, ist das Best
in der Welt“ sagt ein alter Spruch.
Und ein anderer: „Ein gesunder Leib,
ein fröhlich freundlich Weib und
Freund´, die einander sind gleich, sind
drei Stück vom Himmelreich.“
„Gesundheit, Mut und heitern Blick
nach oben“ preist Emanuel Geibel
als Grundlage „zu echtem Heil“, wobei
Preußens Herold offen lässt, wer
mit „oben“ gemeint ist: der König, der
ihm 300 Taler im Jahr zahlt, oder der
Herrgott. In seinem Werk „Zur Diätetik
der Seele“ versteigt sich Ernst
Freiherr von Feuchtersleben 1838
zu der Schlussfolgerung: „Gesundheit
ist nichts anderes als Schönheit, Sittlichkeit
und Wahrheit.“
Wo die Moral so bemüht wird, steht
das Laster am Pranger, gelten Müßiggang
und Reichtum als der Nährboden,
auf dem die Gefahren für die
Gesundheit wachsen. Der niederschlesische
Dichter Friedrich Freiherr
von Logau (1604-1655), ein
scharfer Beobachter des Sittenverfalls
in und nach dem 30jährigen Krieg,
wegen seiner Epigramme von
Lessing hochgeschätzt, schreibt in
seinen 1654 veröffentlichten „Deutschen
Sinngetich-ten“ (sic): „Gesundheit
will bei Armen als Reichen lieber
stehn; / Wie so? Sie hasset Prassen
und stetes Müßiggehn“.
In dieser Sprüche-Ouvertüre klingen
die großen wie die kleinen Themen
dieses „Gesprächs“ an. Gäbe es in der
Musik die Note „k“, ließe sich Dieter
Dieterichs umfassender Aufsatz (ab
S. 4) wie ein klassisches Konzertstück
charakterisieren: „G-K-H“,
Gesundsein – Krankwerden – Heilenkönnen.
Was heißt das hier und
heute, unter technisch-wissenschaftlich
geprägten Lebensbedingungen?
In unserem „Gesundheitssystem“, das
einerseits bewundernswerte Spitzenleistungen
der Medizin hervorbringt
und andererseits selber an allerlei
Gebrechen krankt, ja sogar todbringende
Krankheiten (Sepsis im
OP-Saal) erst erzeugt?
Im Interview,
das Günter Geschke mit Hans-
Joachim Liebing geführt hat, findetdieser entschiedene Kritiker der
Schulmedizin herausfordernde Antworten,
erhebt er beunruhigende
Vorwürfe gegen den „medizinisch-industriellen
Komplex“ (S. 14 ff). Beide
generierten eine Betrachtung des ehemaligen
Chemieforschers Dieter
Dieterich zur produktiven Rolle des
Irrtums in der Wissenschaft: „Wir irren
uns empor“ (S. 23 f). In Liebings
Kerbe wiederum schlägt eine neue
dänische Studie, über die Hendrik
Geschke ( S. 20 f) berichtet; sie weist
die Gefährlichkeit des weltweit meistverkauften
Mittels gegen zuviel Magensäure
nach. Von der heilenden
Zunft meldet sich die Physiotherapeutin
Angela Dieterich zu Wort. Sie
referiert den anstrengenden Wandel
ihres Faches, das für die Behandlung
von Gelenk-, Knochen- und Muskelschmerzen
und in der „Reha“ immer
wichtiger wird (S. 25 f).
Die sogenannte
„alternative Medizin“ (Homöopathie,
TCM z.B.) wird zwar auch in
Deutschland stärker in Anspruch genommen,
gilt aber immer noch als
„Underdog“. In der Schweiz hat man
ihr jetzt per Volksabstimmung mit
Zweidrittelmehrheit Verfassungsrang
verschafft. Wie es dazu kam und was
es bedeutet, referiert und kommentiert
Markus Mühler (S. 27 f). Hans
Bremer berichtet über den „Kulturkrieg“
in den USA um Obamas
Gesundheitsreform (S. 43 ff).
Nach Kaschmir und in die koloniale
Vergangenheit führt ein anschaulich
erzählender Beitrag unserer Leserin
Helen Schreiner über das Volk der
Hunza, kerngesund durch seine beispielhafte
Lebensführung (S. 29 ff).
Für uns verwöhnte Europäer hat der
Schauspieler Jürgen Schilling ein
wohlfeiles Rezept: „Gut gekaut ist halb
verdaut!“ (S. 34 ff).
Über gute und böse Erfahrungen mit
den „Göttern in Weiß“ berichtet
Günter Geschke in „Alle meine Ärzte“
(S. 38 ff). Theodor Weißenborns
„Patientengeschichten“ (S. 59 ff) rüh
ren ans Herz. Schließlich verleihen
zwei legendenhafte Märchen – ein in
dianisches über Heilpflanzen (S. 62),
ein bulgarisches über zwei rivalisie
rende Meisterheiler (S. 64) – unserem
großen Thema eine unerwartete
Tiefendimension.– Weitere Anregungen
finden Sie nebenan.
Herzlich,
Ihr
Günter Geschke
A U S D E M I N H AL T :
Dieter Dieterich:
Kranksein im und am „System“
Gesundheit ist mehr als biologische Funktionstüchtigkeit
GadF-Interview:
Auf welche Medizin ist denn Verlaß? Hans-Joachim Liebing nimmt die „Schulmedizin“ aufs Korn
Hendrik Geschke:
Der 12-Milliarden-Dollar-Reflux
Über gefährliche Nebenwirkungen gewisser Magenmedikamente
Dieter Dieterich:
„Wir irren uns empor“
An die Kritiker von Wissenschaft und Schulmedizin
Angela Dieterich:
Zur Akademisierung der Krankengymnastik
Meine Erfahrungen auf dem Weg zur Physiotherapeutin
Helen Schreiner:
Wie andere Völker Krankheiten vorbeugen
Günter Baumgart interviewt den SchauspielerJürgen Schilling
Gut gekaut ist halb verdaut – Zur Wiederentdeckung des Nötigen
Günter Geschke:
Alle meine Ärzte – 7 Jahrzehnte als Patient
Hans Bremer:
Der Kulturkrieg um Obamas Gesundheitsreform
Theodor Weißenborn:
Patientengeschichten
Zwei Märchen:
Wie die Heilpflanzen zu den Menschen kamen
Der Schüler des Arztes. Von Macht und Eifersucht in der Heilkunst
U N S E R F O R U M
Mit Briefen von G. Böttcher, H. Ingebrand, Dr. H. Willkomm
Zur Diskussion gestellt: Darmtransplantation – Machen, was machbar ist?
BÜCHER BÜCHER BÜCHER
Rezensionen von:
Dieter Dieterich
zu Peter Sloterdijk: „Du mußt dein
Leben ändern“ –
Dr. med. Horst Koch zu Peter Schauder et al. (Hrsg.):
Zukunft sichern: Senkung der Zahl chronisch Kranker... (eine realistische)
Utopie –
Günter Baumgart zu Kurt G. Blüchel, H. Sieger (Hsg.):
Krisenmangerin Natur. Was Wirtschaft und Gesellschaft vom erfolgreichsten
Unternehmer aller Zeiten lernen können.
Bestellformular fürs „Gespräch“ (auch als Geschenk-Abo)
IN EIGENER SACHE / IMPRESSUM / ANSCHRIFT
In den nächsten Heften (Nr. 390, Herbst und Winter 2009):
Ich und Ich oder Ich und du?
Über den Wandel unserer Beziehungen
Wenn die Liebe der
Möglichkeiten die Möglichkeiten der Liebe verdrängt
(Nr.391, Frühjahr/Sommer 2010)Klimawandel und Ernährung
Die Liebe zur Umwelt geht auch durch den Magen
Von der Krankengymnastin zur Physiotherapeutin
Zur Akademisierung meiner Berufsgruppe
Von
Angela Dieterich
Das Thema bedeutet für mich konkret
den Übergang von arzt-zentrierter
Auftragsarbeit zur klientenorientierten
Gesundheitsberatung –
zugleich persönlich auch den von der
jungen, gesunden Krankengymnastin
zur älteren und erfahrenen Physiotherapeutin,
die ihre eigenen Beschwerden
ganz gut im Griff hat.
Seit 1983, als ich physiotherapeutisch
zu arbeiten begann, beschäftige ich
mich mit Krankheit, Therapie und
Gesundheit oder auch dem erreichbaren
Zustand, der der Gesundheit am
nächsten kommt. Jetzt, 26 Jahre später,
habe ich mich persönlich entwikkelt;
der Zeitgeist hat sich verändert
und das Gesundheitswesen mit den
darin Beschäftigten steht unter immer
größerem Finanzdruck. Nach meiner
Ausbildung war ich „Krankengymnastin“.
Seit 1994 sind wir „Physiotherapeuten“,
ich nehme an der Akademisierung
meiner Berufsgruppe teil
und studiere derzeit.
In diesen 26 Jahren
hat sich meine Auffassung von
Gesundheit und Krankheit verändert.
Obwohl dies Teil meiner persönlichen
Entwicklung ist, spiegelt sich darin
auch Zeitgeist.
Zu Beginn der 80erJahre, als ich mit
Anfang 20 als Krankengymnastin
begann, war für mich Gesundheit der
normale Zustand, in dem alles funktioniert,
nicht spürbar, sondern selbstverständlich.
Krankheit war jede Störung
dieses selbstverständlichen
Funktionierens. Meine Therapie bestand
(vereinfacht gesagt) aus einer
Vielzahl verschiedener Reize: Trainingsreize
für bestimmte Muskeln,
reflektorische Reize durch Herausforderungen
wie Balancesituationen,
physikalische Reize wie Wärme und
Kälte, mechanische Reize durch verschiedene
Massagetechniken.
Patienten
kamen mit Symptomen, die vom
Arzt mit einer Diagnose klassifiziert
worden waren. Meine Aufgabe war
es, mit den richtigen Reizen diese
Symptome zu lindern, womöglich eine
Ursache der Symptome zu interpretieren,
dem Patienten beizubringen,
wie er sich verhalten sollte, um das
Symptom nicht wieder zu bekommen.
Um das zu leisten, hatte ich in meiner
Ausbildung Handlungsanweisungen
gelernt, was bei welcher Diagnose zu
tun sei. Außerdem hatte ich Grundlagen
des gesunden Bewegungsverhaltens,
der Biomechanik, Anatomie
und Physiologie studiert, um die
Patientenbeschwerden und das Bewegungsverhalten
interpretieren zu können.
So war das Modell: Der Patient fühlte
sich aufgrund seiner Symptome
krank, ging zum Arzt, bekam eine
Diagnose sowie eine Therapie in Form
von Medikamenten, Physiotherapie
oder einer Operation. Herauskommen
sollte bei der Behandlung mindestens
eine Linderung seiner Beschwerden,
möglichst deren Verschwinden, was
der Patient dann als Gesundheit gedeutet
hätte. – Aber oft funktionierte
das so nicht! War die Diagnose falsch
oder die Handlungsanleitung, oder
wusste ich zu wenig oder machte der
Patient nicht mit?
Im Laufe eines physiotherapeutischen
Berufslebens lernt man viele verschiedene
Interpretationsmodelle von Beschwerden,
viele Techniken, immer
neue Methoden und den Einsatz
neuer Geräte. Diese werden oft mit
Versprechungen angepriesen, die
bis an die Grenze zur Lüge gehen.
Bei genauerer Betrachtung erschrecken
auch die Widersprüche zwischen
den Interpretationsmodellen. Zeitgeist
und Mode spielen eine überraschend
große Rolle für das, was gesund machen
soll. Mir werden immer neue Erklärungsmodelle
für Beschwerden
angeboten, die mit neuen therapeutischen
Konzepten verbunden sind.
Meine Erfahrungen mit der Übertragbarkeit
der wunderbaren Methoden
auf andere Therapeuten und Patienten
sind nicht so gut, wie mir zu Beginn
der Fortbildungen versprochen
wurde. Fazit: manchmal wissen wir,
was warum schmerzt und wie es sich
zuverlässig beeinflussen lässt, aber oft
wissen wir es eben nicht. Manchmal
können wir Beschwerden lindern, oft
reicht unser Wissen für „Heilung“
nicht aus. Wir arbeiten mit Patienten
an einem Weg, Symptome systematisch
zu beeinflussen, oder auch nur
besser damit zurecht zu kommen, im
Rahmen unserer therapeutischen
Möglichkeiten und Grenzen.
Ob das
viel ist oder wenig, hängt vom Fall ab
– und von den Erwartungen des Patienten.
Soweit zu dem, was man lernt. Aber
auch die eigene Erfahrung entwickelt
sich. Meine eigene Gesundheit hat
sich verändert. Ich erlebe die Momente
des Übergangs zwischen gesund
und krank, wenn etwas, was immer
funktionierte, plötzlich anfängt zu
schmerzen, wenn Symptome anscheinend
Bestandteil meines Älterwerdens
sind. Soll das „Krankheit“
sein? Wieviel „Heilung“ kann erwartet
werden? Was kann ich selbst gegen
meine Symptome tun? Wieder
komme ich an meine Grenzen.
Ich nehme an, dass die meisten Menschen
im Laufe ihres Lebens Symptome
am Ort des geringsten Widerstands
entwickeln, dort wo ihr Körper
den Belastungen des Lebens am
wenigsten standhält.
Ich sehe es als
meine Aufgabe an, Belastungen des
Bewegungssystems zu verstehen, zu
beurteilen, ob ein Mensch angemessen
mit diesen Belastungen umgeht,
und in Aufklärung, Beratung und Physiotherapie
(womit wir wieder bei den
Reizen wären) den Umgang mit diesen
Belastungen zu optimieren. Das
geht über eine rein mechanische Betrachtung
hinaus, psychologisches Fingerspitzengefühl
wird für Therapie
erfolg gebraucht, der Patient „macht“
eine erfolgreiche Therapie, er ist Klient,
Partner im therapeutischen Geschehen,
nicht Objekt.
26 Jahre später ist also für mich Gesundheit
ein subjektiv guter Zustand
relativer Symptomfreiheit. Krankheit
ist, wenn Symptome diesen Zustand
zu stark beeinträchtigen, und Therapie
hilft dem Menschen, ein Stück
weiter in Richtung des gesunderen
Zustands zu kommen. Natürlich ist
das nicht „mein“ Modell, sondern
Ausdruck einer Interpretation von
Gesundheit und Krankheit, in die z.B.
das Salutogenesemodell von Aaron
Antonovsky einfließt (siehe Fußnote),
oder die Gesundheitsdefinition der
WHO (Weltgesundheitsorganisation).
In meinen Augen ist der Knackpunkt
dieser Betrachtung der: Ein subjektiv
guter Zustand hängt von mehr ab,
als nur von Anzahl und Qualität der
Symptome. Für Lebensqualität sind
diese nur ein Teilaspekt.
Zuletzt zum Handlungsrahmen, unserem
Gesundheitswesen: Früher konnte
ich als Therapeutin fast so viele
Behandlungstermine vergeben, wie
der Patient wünschte, manchmal
sogar mehr, weil der Arzt mehr Aktivität
des Patienten für nötig hielt, auch
wenn der Patient sich lieber passiv
verhielt.
Heute habe ich einen Katalog der
„Regelverordnungsmenge“ zu beachten,
30% nicht ordnungsgemäß ausgefüllte
Verordnungen, deren Korrektur
ich erreichen muss, ohne den Arzt
zu verärgern, umfangreiche Dokumentationspflichten.
Und das alles soll ich
in ca. einem Drittel der früher üblichen
Gesamtbehandlungsdauer und
für weniger Geld leisten. Es ist bei
uns wie überall: viel mehr zu tun, alles
zu dokumentieren, in deutlich weniger
Zeit.
Trotzdem muss meine Praxis wirtschaftlich
bleiben, damit der Betrieb
und seine Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Ich brauche ein perfektes Management,
eine fehlerlose Organisation,
und das zwischen lauter Menschen,
Menschen, denen es um Gesundheit
und Therapie geht, nicht um
Formulare. Dieser ständige Druck ist
ungesund, macht also krank und trägt
so zur Erhaltung des „Systems“ bei.
Angela Dieterich
Praxis am Thie,
Reinhäuser Str.1
37130 Gleichen
z.Zt. im Studium an der Curtin
University of Technology in Perth,
Western Australia.
Fußnote: Aaron Antonovsky, ein
amerikanisch-israelischer Medizinsoziologe,
erforschte Faktoren, die die
subjektive Gesundheit stärken. In seinem
Modell befinden wir uns ständig
auf einem Kontinuum zwischen den
Polen Gesundheit und Krankheit. Ein
gutes Kohärenzgefühl, welches sich
aus den Komponenten Verstehbarkeit,
Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit
zusammensetzt, stärke die
Fähigkeit sich gesund zu fühlen. (Siehe:
www.salutgenese-zentrum.de,
oder http://de.wikipedia.org/wiki/
Salutogenese
Wieder besseres Wissen
gehandelt...
Warum die „Gesundheitsreformen“
stecken blieben
Schon vor 25 Jahren fielen mir viele
Ungereimtheiten im Gesundheitswesen
auf. Mit Schrecken stellte
ich fest, daß es über 200 Krankenkassen
gab, daß die Leistungen von
Ärzten fast keiner Kontrolle unterlagen
und daß Ärztekongresse, gesponsert
von der Pharmasparte, zu
hunderten in den schönsten Kurorten
stattfanden.
Da mich die Sache weiter interessierte,
wurde ich Vertrauensmann einer
Ersatzkasse und später Mitglied
ihrer Vertreterversammlung. Hier
konnte ich feststellen: Die Flut von
Gesetzesvorschriften und Verordnungen
machten das ganze Gesundheitswesen
fast undurchschaubar und trieb
den Ver-waltungsaufwand in immer
größere Höhen. Die Schulung der
Krankenkas-senmitarbeiter wurde
immer komplizierter. Das erforderte
Mitarbeiter von immer höherer Qualifikation
und somit auch einen höheren
finanziellen Aufwand.
Alle in der „Gesundheitsindustrie“
handelnden Gruppen wollten, wie in
den übrigen Industriezweigen, nur
durch „Wachstum“, sprich: Vergrößerung,
ihren Anteil am Kuchen erhöhen.
Jede Gruppe versuchte, ihren
Anteil und Einfluß zu vergrößern. Das
führte in Verbindung mit neuen und
teilweise auch teureren Behandlungen
zu enormen Kostensteigerungen.
Ich selbst stellte vor 16 Jahren fest,
dass mein Krankenkassenbeitrag innerhalb
von ca. 30 Jahren sich um das
23fache gesteigert hatte. Mein Einkommen
hatte sich in der selben Zeit,
trotz beruflichen Aufstiegs über den
Durchschnitt, „nur“ um das 8fache
erhöht. Ein „weiter so“ war also für
die Zukunft unmöglich. Die Steigerungen
der Ausgaben für die Gesundheit
würden dann bald die Einnahmen der
Beitragszahler übersteigen.
Meine Hoffnung, diese Erkenntnisse
würden sich auch an verantwortlicher
Stelle durchsetzen und zu
gezielten politischen Korrekturen des
Gesundheitssystems führen, wurde
enttäuscht. Der Gruppenegoismus war
stets stärker als der Gemeinsinn. Und
jeder der das ändern wollte, sah sich
alsbald vor eine nicht lösbare Aufgabe
gestellt.
Die Aufgabe, vor die unsere Gesundheitsministerin
Ulla Schmidt gestellt
wurde, war nur teilweise und auch
dann nur durch – oft faule – Kompromisse,
zu lösen. So wursteln wir
uns weiter durch, mit dem Ergebnis,
daß die Bürokratie noch mehr wächst,
und jede Gruppe im System meint, sie
käme zu kurz. Es geht weiter so: Wer
am lautesten schreit, bekommt Zugeständnisse
– auf Kosten der Beitragszahler.
Fazit: auf zur nächsten
Gesundheitsreform!
Manfred Geschke
Robert-Koch-Straße 7c
59555 Lippstadt
(Der Autor war lange Jahre Mitglied
des Betriebsrats der Firma
„Hella“, Lippstadt, und gehörte einige
Jahre der Vertreterversammlung
der Schwäbisch Gmünder Ersatzkasse
an.)
Gut gekaut ist halb verdaut
Eine fast vergessene Fähigkeit - Jürgen Schilling entdeckte sie wieder
Ein Interview mit dem bekannten Schauspieler und Buchautor
Von
Günter Baumgart
Nahezu allen von uns sei eine uralte Fähigkeit
abhanden gekommen - der richtige, von der
Natur vorgesehene Gebrauch unseres Kauapparates.
Das behauptet der Buchautor und
Schauspieler Jürgen Schilling und kämpft seit
zehn Jahren in Wort und Schrift für eine Renaissance
unseres Mund-Bewußtseins. Allem
Anschein nach mit großem Erfolg: Sein Büchlein
„Kau Dich gesund!“, hat seit 1999 bereits
sechs Auflagen erlebt und auch bei Medizinern
und Ernährungswissenschaftlern starken
Widerhall gefunden. Ein einziger Satz aus den
zahlreichen ärztlichen Gutachten hat unseren
Kollegen Dr. Günter Baumgart, Herausgeber
und Chefredakteur der Zeitschrift „PROVOkant.
Dialoge für eine gesündere Gesellschaft“ angeregt,
dem Thema auf den Grund zu gehen:
„Der Umgang mit dem Essen ist ein Grundmuster
des Umgangs mit uns selbst.“ (Er stammt
von dem Arzt, Psychoanalytiker und Hypnotherapeut
Dr. Falko Kronsbein.) Darüber sowie
über die Bedeutung des Kauens für unsere
Gesundheit und unser Wohlbefinden sprach
Günter Baumgart mit Jürgen Schilling, der mit
einer neuen Wortschöpfung seiner Kampagne
für die richtige Nahrungsaufnahme Schwung
zu geben versucht: „Schmauen“ für Kauen
plus Schauen und Schmecken. Wir bedanken
uns für die freundliche Genehmigung, das
jüngst in „PROVOkant“ (Nr. 3/ 2009) erschienene,
auf amüsante Weise belehrende Interview
nachzudrucken.
„PROVOkant“: Herr Schilling, haben
Sie nie befürchtet, der Titel
„Kau Dich gesund!“ könnte Ihrem
Buch den Beigeschmack eines Patentrezepts
geben?
Jürgen Schilling: Nein, wenn man
von einer guten Sache überzeugt ist,
hat man keine derartigen Bedenken.
Mir war jedoch klar: Das Wort Kauen
stellt in unserer Esskultur das folgenschwerste
Missverständnis dar.
Gleichsam einen Konflikt zwischen
Wissen und Handeln, und den wollte
ich unbedingt lösen helfen.
Kau Dich gesund! - Hieße das:
Wenn Du krank bist, brauchst Du
eigentlich weder Arzt noch Medikamente.
„Mümmele“ Deine Brötchen
nur richtig durch, und Du bist
aus dem Schneider?
„Mümmeln“ schon gar nicht,
höchstens schmauen.
Pardon, zu diesem, Ihrem neuen
Wort und seiner Bedeutung kommen
wir noch.
Sehr schön. Nur so viel vorab: Im
Begriff des Schmauens verbinde ich
das Schmecken mit dem Kauen. Aber
auch in der Verkürzung meines Buchtitels
liegt ein wahrer Kern! Nicht von
ungefähr schrieb mir der 2003 verstorbene
Ehrenvorsitzende der Internationalen
Gesellschaft der F. X.
Mayr-Ärzte, Dr. Erich Rauch als Vermächtnis
in mein Buch:
„Sie haben
Recht. Würden die Leute lernen wollen,
ganz anders zu essen, würden
etliche interne und kardiologische
Krankenstationen nicht mehr benötigt
werden.“
Ich möchte hervorheben,
wie wichtig und genussreich die
Mundverdauung für unsere Gesundheit
ist.
Können Sie in wenigen Sätzen den
Kern Ihres Konzepts darlegen?
Ich möchte die Menschen im wahrsten
Sinne des Wortes „auf den Geschmack
bringen“, aus ihrer Nahrung
allen Wohlgeschmack herauszuziehen.
Dabei geht es um ein äußerst harmonisches
Zusammenspiel von lustvollem
Kauen, Einspeicheln, Riechen
und Schmecken der Nahrung. Dieser
Prozess sollte im Mund mit dem Ausschmecken
jedes Bissens enden, ganz
gleich, wie fest oder weich er zu Anfang
gewesen ist.
Dabei hat mein
Konzept nichts mit dem altbekannten,
mühsamen Kauen zu tun. Es ist auch
keine Diät, sondern es bewirkt ein
neues, gesünderes und genussvolleres
Essverhalten, das dauerhaft erhalten
bleibt. Man darf dabei essen und trinken,
was man möchte, ganz gleich
wie lange, wie oft, wie spät und wie
süß. Man wird dabei schlank und gesund,
und bleibt es auch.
Sie haben dafür den Begriff des
„Schmauens“ geprägt? Ein Kunstwort?
Nein, kein Kunstwort. Ein lebendiges,
neues Wort. Es steht nicht nur für das
genannte Zusammenspiel der Faktoren
bei der Mundverdauung, es bedeutet
auch – um den Psychoanalytiker
Dr. Kronsbein zu zitieren – ein
„Schauen auf die Innenwelt“ und „ein
Bauen auf die Selbstheilungskräfte“.
Aber Schmauen beinhaltet auch intensives
Saugen, ein genüssliches
Heraussaugen der Nährstoffe, das
uns zur ursprünglichen Ekstase der
ersten Erfahrung, zum rein sinnlichen
Jetzt des Neugeborenen zurückführt.
Wie sind Sie auf diese Überlegungen
gekommen?
Ein Leben lang hatte ich heftige
Oberbauchbeschwerden und erhebliches
Übergewicht. Kein Medikament
und kein Arzt konnten mir helfen.
1990 kam ich zu der Erkenntnis,
dass wir alle, kurz bevor wir unsere
Nahrung schlucken, einen entscheidenden
Fehler begehen. Im Selbstversuch
habe ich das Schmauen zunächst
nur für mich alleine entdeckt. Ich reduzierte
auf diese Weise mein Gewicht
dauerhaft um 30 Kilo, ohne auf
etwas zu verzichten. Und ich kurierte
dadurch auch meine bereits chronischen,
therapieresistenten Magenund
Darmbeschwerden. Bis heute –
also noch 19 Jahre danach – hat sich
dieser Erfolg gehalten.
An die Öffentlichkeit getreten sind
Sie mit Ihren Erkenntnissen aber
nicht erst heute.
Nein, bereits 1999 erschien mein
Buch „Kau Dich gesund!“. Es wurde
ein Bestseller und „Longseller“ und
fand ein lebhaftes Echo. Nicht nur in
vielen wertvollen Leserbriefen, auch
in eindrucksvollen Feedbacks von
Ärzten wurde und wird mir immer
wieder aufs Neue von überraschenden
Genesungen berichtet. Besonders
freuen mich bisher drei wissenschaftliche
Studien, die die gesundheitsbringende
Kraft des Schmauens belegen.
In der bisher letzten Studie
konnte z. B. nachgewiesen werden,
dass es helfen kann, Diabetes Typ 2
zu verhindern.
Dazu kann man nur gratulieren.
Sind Sie Ihrem neuen Essverhalten
konsequent treu geblieben? Ohne
Rückfälle?
Selbstverständlich! Wer einmal mit
dem „Schmau-Virus“ infiziert ist, der
bleibt dabei.
Und Ihrer Gesundheit hat es offensichtlich
gut getan.
In jeder Hinsicht. Schon der berühmte
französische Gourmet Brillat-Savarin
schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts
in seinem Werk „Physiologie
des Geschmacks“, dass ein
Mensch nicht vollkommen glücklich
sein kann, solange sein Geschmack
nicht befriedigt ist. Schmauen hat
mein ganzes Leben revolutioniert -
körperlich, geistig und seelisch. Bestimmt
liegt es auch daran, dass beim
Schmauen deutlich mehr von den
Glückshormonen Serotonin und
Dopamin freigesetzt wird. Es ist aber
auch bestes Gehirn-Jogging.
Wer
schmaut, dessen Hirn wird gut mit
Sauerstoff versorgt. Man arbeitet effektiver,
ja, man wird sogar intelligenter.
Das klingt vielleicht übertrieben,
aber es ist wissenschaftlich nachgewiesen.
Diverse Kau-Studien des
Intelligenzforschers Dr. Lehrl von der
Universität Erlangen-Nürnberg haben
das jedenfalls ergeben. Seit ich
das Schmauen praktiziere, bin ich
nicht mehr krank gewesen. Erkältungsinfekte,
Oberbauchbeschwerden,
aber auch andere „Wehwehchen“
sind in meinem Leben zu
Fremdwörtern geworden.
Worauf führen Sie diese positiven
Wirkungen zurück?
Eine Gegenfrage: Können Sie sich
vorstellen, was wohl passierte, wenn
beispielsweise der Monteur, der an
einem Fertigungsband von BMW die
allerersten Handgriffe zu meistern
hat, immerzu nur schluderte? An vielen,
wenn nicht an allen nachfolgenden
Montagestationen gäbe es eine
Menge Trouble, und die Fehler des
Monteurs an der Station 1 erforderten
von den Akteuren der nachgelagerten
Stationen viel Aufwand
und Kraft für nötige Korrekturen und
Improvisationen.
Im Grunde nicht
anders verhält es sich am „Fließband“
unserer Verdauung. Unser
Mund ist - lässt man Blick und Geruchswahrnehmung
einmal weg - das
erste Glied dieser „Fertigungskette“.
Was im Mund versäumt wird, können
die nachgeordneten Verdauungsabschnitte
nicht mehr wettmachen. Die
meisten Menschen betrachten den
Mund, d. h. unseren „ersten Magen“
lediglich als Durchrutsch-Station...
... in der sich Speisen und Getränke
aber immerhin genießen lassen,
oder?
Gewiss, nur wird dieser Genuss in der
Regel auf ein Mindestmaß zurückgestutzt.
Kaum richtig zerkleinert und
nur wenig eingespeichelt, werden die
Bissen meist hastig und vor allem
unausgeschmeckt verschlungen. Löffel
oder Gabel sind, im Parallelgang
eiligst nachbeladen, längst wieder
zum schnellen Nachstopfen in die
Startpositionen gebracht. Auf diese
Weise sind die Gedanken weniger bei
dem, was man hat, als bei dem, was
man noch nicht hat.
Es steckt also mehr dahinter als
nur ein Fehler in der Technologie
des Speisens?
Ja. Das Essen als eine tägliche, unvermeidbare
Handlung ist doch nur
scheinbar trivial. An der Weise, wie
wir sie realisieren, lässt sich auch ein
Stück unserer ganzen Lebensweise
ablesen. Man sagt immer: Du bist,
was Du isst. Ich sage: Du bist, wie
Du isst.
Nicht von dem, was wir essen, leben
wir, sondern von dem, wie wir unsere
Nahrung verdauen, also: wie wir sie
kauen, ausschmecken und aus ihr alle
Lust und Leben spendenden Nährstoffe
„heraussaugen“. Selbst die teuerste
biologische Ernährung bringt uns
nur so viel, wie wir selbst ihr abgewinnen.
Die Art, wie heutzutage viele
Menschen die Speisen zu sich nehmen,
trägt längst die Züge unserer
Wegwerfgesellschaft.
Inwiefern?
Wir verschleudern Ressourcen. Wir
versagen uns einen erheblichen Teil
möglichen sinnlichen Genusses. Und
wir schaden uns dabei, unserem Körper
wie unserer Seele. Wir haben es
bei unserer von Hast geprägten
Esskultur, richtiger gesagt: -unkultur
mit einer Gier zu tun, die uns nur einen
allzu kurzfristigen Genuss der
Gegenwart gestattet. Nichts hat Bestand.
Alles muss schnell geschluckt
werden. Wir leben in ständiger Erwartung
von Künftigem und zugleich
in Angst, etwas zu versäumen.
Nebenbei gesagt: Wer sich aufmerksam
umschaut, entdeckt dieses Prinzip
nicht nur auf dem Gebiet der Ernährung.
Wer aber schmaut, ist mit
seinen Sinnen dort, wo er gerade verweilt:
im Mund. Nicht in der Vergangenheit.
Nicht in der Zukunft, sondern
im Jetzt.
Zur Diskussion gestellt:
Darmtransplantation
Machen, was machbar ist?
von
Günter Geschke
Das Oktoberheft der angesehenen
und stets überaus ansehnlichen
Monatszeitschrift „GEO“ überrascht
mit einer einzigartigen Titelgeschichte
und einem auf den ersten Blick befremdlichen,
dann doch anziehenden
Titelbild:
Im Zentrum drängen sich
wurstähnliche Formen, die vom oberen
Teil durch ein schlangenähnliches
Gebilde getrennt sind. Es ist das raffinierte
Zusammenspiel von Farbe
und Schatten – alle Übergänge von
Rotgold bis Schwarzbraun – das
genauer hinschauen und erkennen
lässt: Wir haben es mit einem menschlichen
Torso zu tun, dessen attraktive
Formen - von Brust bis Schambein -
nur den äußeren Rahmen abgeben.
Hier kommt es auf das Innere an, das
was sonst unter Haut und Muskeln
verborgen ist: den „Bauch“, vom
Magen bis zum Dickdarm, das Kraftwerk
und die Fabrik in einem, das
System, das den lebensnotwendigen
Stoffwechsel mit der Natur in Gang
hält.
„Heilung für den Bauch“ kündigt die
weiß eingeblendete Titelzeile an, und
die Unterzeilen versprechen „Die
Medizin bringt Licht in das Labyrinth
des Körpers“ und „Drama und Wunder
lebensrettender Transplantationen“.
Beide Versprechen werden gehalten.
Die zu Herzen gehende, dennoch
wohltuend Distanz wahrende Reportage
der Geo-Redakteurin Hania
Luczak, einer promovierten Biochemikerin,
die hellwachen Aufnahmen
des Fotografen Andreas Reeg,
die präzisen lexikalischen Texte und
die den „Kosmos im Bauch“ fabelhaft
erhellende Grafik (illuteam) fügen
sich zu einem überzeugenden,
preiswürdigen Ensemble:
populärwissenschaftlicher
Journalismus, wie ihn
unter den deutschsprachigen Zeitschriften
wohl nur GEO zustande
bringt – und wie ihn sich das „System
GEO“ mit seinen zahlreichen
Nebentiteln, Extraausgaben und
Lexikas auch leisten kann.
Zehn Monate
intensivster Recherche wurden
in „Heilung für den Bauch“ investiert.
Der harte Kern der Reportage ist eine
Spitzenleistung der Bauchchirurgie,
ihre Fähigkeit, den kompletten Dünndarm
zu transplantieren, einem hirntoten
„Spender“ zu entnehmen und in
den Leib eines kranken Empfängers
zu verpflanzen. Diese, bis 1987 als
unmöglich geltende Operation ist
immer noch eine der kompliziertesten
und risikoreichsten unter den Organverpflanzungen.
Aber einige Zentren,
darunter das Universitätsklinikum
Tübingen, haben sie im „Angebot“
für Menschen, die unter „Morbus
Hirschsprung“ leiden, einem teilweisen
oder vollständigen Versagen
des Dünndarms.
Das GEO-Team hat
drei akute Fälle in der voroperativen
Phase begleitet, zwei bis in die Zeit
nach der geglückten OP.
Lenie, knapp vier Jahre alt, ist der
anrührendste und spektakulärste Fall:
nie zuvor hat man in Deutschland einem
so kleinen Kind den Dünndarm
ersetzt.
Lenies hatte schon unmittelbar
nach der Geburt komplett versagt,
als eigentliches Organ der Verdauung
wie als „Bauchhirn“, als Steuerungssystem
ungezählter Verdauungs- und
Immunisierungsvorgänge und als Teilsitz
des Unbewussten.
Ein neuer Dünndarm
als Rettung?
Hätte man die Ursache nicht sofort
diagnostiziert, das Neugeborene wäre
innerhalb weniger Tage gestorben.
Operationen (vier künstliche Darmausgänge)
retteten sein Leben, eine
kunstvoll zusammengestellte, täglich
neu unter sterilen Bedingungen anzurührende
und zu verabreichende
Nährflüssigkeit erhielt es.
Die ungeteilte
Zuwendung ihrer Eltern und die
ständige medizinische Überwachung
ließen Lenie zu einem aufgeweckten,
liebenswürdigen Mädchen gedeihen.
Aber es hatte nie einen festen Bissen
kauen, nie einen Apfel schmecken
können, und ihr Überlebensfaden war
hauchdünn. Die kleinste Unaufmerksamkeit,
eine minimale Verunreinigung
der Nährflüssigkeit, irgendeine schwere
Infektion hätte Lenie umbringen
können.
Ein neuer Dünndarm als Rettung?
Eine 80prozentige Chance, die nächsten fünf Jahre zu überleben, konnten
die Ärzte versprechen. Die Eltern gingen
das Risiko ein. Beinahe 20 Stunden
dauerte die ungemein anstrengende,
außerordentlich aufwändige Transplantation
des Dünndarms eines gleichaltrigen,
bei einem Verkehrsunfall getöteten
Mädchens.
Die Beschreibung und Bebilderung in
GEO nahmen mich bei meiner nächtlichen
Lektüre gefangen. Ich fühlte
mit, bangte bei jeder Komplikation,
zitterte dem Gelingen entgegen, war
am Ende erlöst, als wäre es um das
eigene Enkelkind gegangen. Das ist
wahrlich meisterhaft gemacht, rundum
gelungen, dachte ich. Herzlichen
Glückwunsch an die Kollegen!
Aber am Morgen danach klopften leise
Bedenken an, verdichteten sich zu
Fragen: Hatte ich etwas überlesen?
Etwa: In welchem Verhältnis stehen
eigentlich Aufwand und Ertrag all dieser
schier unmenschlichen Anstrengungen?
Schlichter: Welche Krankenkasse
zahlt welche Kosten,
vielleicht zu Lasten anderen, dringenderen
Bedarfs?
Welcher Forschungsetat
steckt welche Summen in dieses
ehrgeizige Projekt? Und welche
Interessen der Pharmabranche werden
bedient, wenn diese oder jene Entdeckung
gelingt? Kein Wort davon
fand ich beim Wiederlesen.
Ich stellte mir selbst auch diese Fragen:
Was haben denn die Eltern im
Sinn gehabt, als sie das todgeweihte
Baby unter allen Umständen retten
mussten? Welches Leben muteten sie
Lenie damit zu – und welche Last
sich selber, wenn unter diesen Umständen
an weiteres Kinderkriegen
nicht zu denken war?
Schließlich: Welche Motive bewegten die ärzte bei der ersten Operation?
Warum rieten sie, die doch die Folgen am besten vermochten, den Eltern nicht ab? Etwa schon mit
erwartungsvollem Blick auf die spätere Transplantation?
Ist Machbarkeit an sich denn schon Legitimation für Handeln?
Es fällt mir schwer diese Fragen allein zu beantworten.
Deshalb stelle ich sie hier in unser Forum.
Vielleicht, hoffentlich, können sie mir helfen.
Günter Geschke
E-mail:
Gueges@t-online.de
Der Schüler des Arztes
Von Macht, List und Eifersucht in der Heilkunst
Ein bulgarisches Märchen
Dies geschah vor langer Zeit.
Da gab es dich noch nicht auf
der Welt, auch nicht deinen
Vater oder Großvater.
Dazumal regierte Zar Boris über Bulgarien.
Er lebte in der Stadt Pliska, in
einem großen Palast. Und wie jeder
Zar hatte auch er einen Hofarzt. Von
diesem Arzt wollen wir erzählen.
Der Arzt hieß Wassil, und die Leute
sagten, daß er von Griechen abstamme.
Er war hochgelehrt und tüchtig.
Jede Krankheit erkannte er, und für
jedes Leiden wußte er ein Heilmittel
zu bereiten. Wer ihn die Heilkunst
gelehrt hatte, wissen wir nicht. Er
selber gab sein Wissen an keinen
weiter. Einsam, wie ein Kauz in einer
Baumhöhle, lebte er und hütete seine
Geheimnisse.
Nicht einmal einen Diener
hielt er sich, aus Angst, der könne
ihm das Zubereiten der Arzneien
abgucken, könne ein Krümchen seiner
Weisheit aufsammeln. Er war wie
eine Truhe, in der fest verschlossen
ein Schatz lag. Aber auch zu diesem
Schloß fand sich ein Schlüssel.
Eines Tages kam ein taubstummer
Bursche zu dem Arzt, stieß klägliche
Laute aus und gab durch Gesten zu
verstehen, er sei für ein Stück Brot
bereit, ihm treu und redlich zu dienen.
Nun war der Arzt zu allem Überfluß
auch noch geizig. Er nahm den Burschen
in seinen Dienst.
Denn er dachte:
Er kostet mich keinen Pfennig und
sollte er etwas erspähen so kann er
doch nichts hören, und sollte er etwas
begreifen, so kann er es doch
keinem erzählen
Was der Arzt nicht wußte, das wissen
wir, und ihr sollt es erfahren. Dieser
Bursche namens Radomir lebte
früher in einem armen Fischerdorf am
Meer. Er hatte flinke Augen, scharfe
Ohren, eine schlagfertige Zunge und
einen hellen Verstand.
Von klein auf wollte Radomir alles
wissen und begreifen. Er wuchs heran
und verließ sein Heimatdorf. Als
er nach Pliska kam und von dem Arzt
Wassil hörte, beschloß er: Das ist etwas
für mich! Wenn ich den alten
Fuchs nicht überliste und ihm seine
Geheimnisse entreiße, bin ich ein
Dummkopf.
Und er stellte sich taubstumm, und
zwar so kunstvoll, daß Wassil trotz
seiner Weisheit den Betrug nicht
durchschaute.
Sieben lange Jahre diente Radomir
dem Arzt Wassil. Er zerrieb ihm Kräuter,
trocknete Wurzeln und bereitete
Aufgüsse aus Blüten. Und wenn er
den Boden fegte und die Glaskolben
wusch, prägte er sich die wunderlichen
Bezeichnungen der Pulver und
Mixturen ein, die der gelehrte Arzt vor
sich hin murmelte. Des Nachts wälzte
er in seiner Kammer dicke Bücher.
Noch sieben lange Jahre vergingen.
Wassil nahm ihn mit zu den Kranken.
Radomir durfte sie zur Ader lassen,
ihnen Blutegel ansetzen und Umschläge
machen. Er lernte die Krankheiten
erkennen, erfuhr, wie sie entstanden
und wie sie zu heilen waren.
So
kam er hinter alle Geheimnisse der
Heilkunde und nahm sich die Schätze
aus der verschlossenen Truhe.
Und sein junges Gedächtnis und sein
scharfer Verstand vermehrten diese
Schätze noch.
In all den vierzehn Jahren sprach
Radomir kein einziges Wort, gab kein
einziges Mal zu erkennen, daß er einen
lebendigen Laut von tödlicher
Stille unterschied.
Indes war dem Zaren Boris sein
Töchterchen Marina herangewachsen..
Aus dem übermütigen kleinen
Mädchen war vor aller Augen eine
Schönheit geworden – weiß wie Schnee,
rot wie eine Rose, strahlend wie
die Sonne am wolkenlosen Himmel.
Zar Boris liebte seine Tochter über
alles. Er hütete sie vor jedem Lufthauch,
las ihr jeden Wunsch von den
Augen ab. Alle im Palast waren ihr
von Herzen zugetan, nicht nur ob ihrer
Schönheit, sondern auch ob ihres
freundlichen Wesens.
Eines Tages tummelte sich Marina
mit ihren Freundinnen im Palastgarten
auf einer Wiese. Die Zarentochter
versteckte sich tief im Gebüsch, so
daß keiner sie fand. Sie wartete und
wartete und merkte selbst nicht, wie
sie der Schlaf übermannte. Sie
schlummerte nur einen Augenblick
grad so lange, daß die Sonne ihren
Schatten um ein Ameisenschrittchen
weiterschieben konnte. Aber ein Unglück
ist schnell geschehen. Als sie
erwachte, war sie wie ausgewechselt.
Ihr schwindelte, und der ganze
Körper tat ihr weh.
Seit jenem Tag welkte die Zarentochter
Marina dahin. Das Rosenrot
ihrer Wangen erlosch, die klaren Augen
trübten sich. Bald plagte sie Hitze,
bald Kälte, am schlimmsten aber
war das Kopfweh.
Der Arzt Wassil probierte alle Heilmittel
aus. Keines schlug an. Der
Zarentochter ging es von Tag zu Tag
schlechter. Bald konnte sie nicht mehr
das Bett verlassen, lag mit geschlossenen
Augen und stöhnte.
Zar Boris verlor vor Kummer beinah
den Verstand. Und der Arzt wußte
nicht, wie er dem Übel beikommen
sollte. Unser Radomir hatte das Geheimnis
des Leidens längst erkannt,
fürchtete aber, sich preiszugeben.
Denn mit einem Wort würde er alles
zunichte machen, was er in vierzehn
Jahren aufgebaut hatte.
Wassil ging daran, eine neue Mixtur
zuzubereiten Er mischte den Aufguß
von zehn Kräutern, zerstampfte im
Mörser neun seltene Steine zu feinem
Pulver und schüttete es dazu. Dann
dachte er nach.
Was sollte er noch tun?
Da faßte sich Radomir ein Herz. Er
trat vor seinen Herrn und machte sich
ihm durch Gesten verständlich. Er legte
sich die Handfläche auf den Scheitel,
berührte die Ohren. Dann hob er
den Deckel von einem Gefäß, in dem
Wassil sein Gebräu kochte, sah hinein
und spreizte die Finger.
Die Augen des Hofarztes leuchteten
freudig auf: Er hatte begriffen, was
ihm der Diener sagen wollte. Doch
gleich darauf runzelte er böse die
Brauen: Er hatte auch begriffen, daß
sein Diener in das Geheimnis der Heilkunde
eingedrungen war.
Na, macht nichts! dachte Wassil. Er
hat es nun mal erlernt. Sein Wissen,
das er mir abgeguckt hat, wird er mit
ins Grab nehmen. Denn er ist taub und
stumm! Niemand wird erfahren, was
er weiß.
Der Arzt goß seine Mixtur aus zehn
Kräutern und neun Pülverchen weg
und ging zu Zar Boris.
«Ich weiß nun, was für ein Leiden
deine Tochter peinigt», sprach er zu
ihm. «Es ist eine schwere, unheilbare
Krankheit. Und nur ein Mittel kann
ihr helfen.. .»
«Was zögerst du noch?» rief der Zar.
«Höre mich an, Herrscher», antwortete
Wassil. «Dieses Mittel ist wie
eine hochgeworfene Münze: auf der
einen Seite – Gesundheit, auf der anderen
– Tod. Und niemand weiß, auf
welche Seite sie fallen wird.»
Da weinte Zar Boris und sprach:
«Fragen wir meine Tochter. Was sie
entscheidet, soll geschehen.»
Marina war zu schwach, die Augen
aufzuschlagen, sie flüsterte nur:
«Komme, was kommen muß! Ich
kann diese Qual nicht länger ertragen.
Vertrau mich diesem Arzt an,
Vater.»
«Du hast es gehört», sagte der Zar
zu dem Heilkundigen. «Geh ans
Werk.»
«Des Zaren Wort ist des Zaren Wille
», antwortete Wassil. «Gib mir einen
Schutzbrief, und darin schreibe:
Wenn die Zarentochter sterben sollte,
wirst du deinen Zorn nicht an mir
auslassen.»
«Ich werde dir so ein Schreiben geben
», willigte der Zar ein. «Und ich
setze noch hinzu: Gibst du mein geliebtes
Kind dem Leben wieder, so
erfülle ich dir jeden Wunsch.»
Stets hatte Wassil seinen stummen
Diener mit ans Bett eines Kranken
genommen, doch jetzt bedeutete er
ihm hinauszugehen. Arzt und Zar blieben
allein, in Marinas Schlafgemach
und verschlossen die Tür.
Wassil flößte der Zarentochter einen
Trank ein und wartete, bis sie in tiefen
Schlaf gesunken war.
Indes war unser Radomir über eine,
Wendeltreppe heimlich auf den Dachboden
gestiegen. Er hatte bemerkt,
daß unter der hohen Decke des
Schlafgemachs winzige Fenster in die
Stuckverzierungen eingelassen waren.
Und an solch ein Fensterchen
schmiegte er sich.
So konnte er alles sehen und hören.
Die Zarentochter Marina schlief tief
und fest, schien überhaupt nicht mehr
zu atmen, sah aus wie tot. Nun nahm
Wassil ein spitzes Messer und machte
hinter ihrem zarten Ohr einen
Schnitt. Was zeigte sich da? Ein großer
Holzbock hatte sich ihr tief ins
Hirn gebohrt. Er war es, der sie Tag
und Nacht gepeinigt hatte.
«Sieh her», sagte der Arzt zu Zar
Boris, «das ist die Ursache der
Krankheit. Der Holzbock ist der
Zarentochter durchs Ohr in den Kopf
gekrochen, derweil sie im Garten
schlummerte. Sei stark, Zar! Gleich
wird sich entscheiden, ob deine Tochter
am Leben bleibt.»
Und Wassil setzte schon die Zange
an, um den Holzbock herauszuziehen.
Aber da schallte von oben eine Stimme:
«Halt ein, Meister! So wirst du
sie töten!»
Zar Boris erstarrte, und dem Arzt war
die Hand mit der Zange wie gelähmt.
Die Stimme aber sprach weiter:
«Fürchtet euch nicht! Ich bin es, der
Diener Radomir. Hör zu, Wassil.
Mache eine Nadel weißglühend und
spieße sie dem Holzbock in den
Bauch: So lösen sich seine Kiefer und
erschlaffen seine Beine. Dann zieh
ihn heraus.»
Der Arzt befolgte den Rat.
Da kehrte das Leben in die Zarentochter
zurück. Zwar schlief sie noch
fest, aber ihr Atem ging gleichmäßig,
und ihre bleichen Wangen färbten sich
rosig.
Wassil schloß die Wunde, bestrich sie
mit duftenden Salben, verband sie mit
einem Leinentuch und sagte zu Zar
Boris: «Jetzt braucht sie nur noch ein
Heilmittel: ruhigen Schlaf. Laßt sie
schlafen, bis sie von selbst aufwacht.»
Und beide gingen auf Zehenspitzen
aus dem Schlafgemach.
Am nächsten Tag lächelte die Zarentochter.
Am übernächsten lachte sie
und verlangte zu essen. Und am dritten
Tag erhob sie sich vom Bett.
Da beschied Zar Boris den Arzt
Wassil und seinen Diener zu sich. Als
sie vor ihm standen, sprach er: «Du
hast gesagt, eines Zaren Wort sei trügerisch,
nun wisse, daß mein Wort
härter ist als Diamant. Nenne mir
deinen Wunsch, ich werde ihn erfüllen.
»
«Lasse meinen Diener hinrichten,
Zar!»
Zar Boris runzelte die Stirn. «Wünsch
dir etwas anderes», sagte er. «Ich
habe dir mein Wort gegeben, doch am
Bett meiner kranken Tochter habe ich
mir geschworen, auch deinen Diener
zu belohnen. Denn ihr beide wart wie
zwei Flügel eines Vogels, der meiner
Tochter das Leben gebracht hat.»
«Aber Zar, ich habe dein Schreiben.»
Der Arzt bestand auf seinem Verlangen.
Da trat Radomir vor.
«Zar Boris, erlaube einem Mann zu
sprechen, der so viele Jahre geschwiegen
hat. Ich weiß, daß Wassil nicht
nachgeben wird. Er wünscht meinen
Tod. Und du mußt dein Versprechen
halten. Befiehl also: Der Arzt soll ein
Gift bereiten und mir zu trinken geben.
Bleibe ich aber am Leben, so
werde ich ein Gift bereiten, und er
soll es trinken. Dann sind deine beiden
Schwüre erfüllt.»
«Nun denn! Ich bin einverstanden»,
erwiderte der Zar und dachte bei sich:
Um beide ist es schade, aber was soll
ich tun! Wer unversehrt aus diesem
schrecklichen Wettstreit hervorgeht,
der ist wirklich der bessere Heilkünstler.
Er soll mein Hofarzt werden.
Am nächsten Morgen brachte Wassil
ein Gift, das er die ganze Nacht gebraut
hatte, und Radomir leerte vor
den Augen des Zaren den Becher bis
auf den Grund. Dann fragte er den
Arzt: «Wie lange habe ich noch zu
leben?»
«Gegen Abend bist du tot», antwortete
Wassil und lächelte hämisch.
«Gegen Abend komme ich wieder»,
sagte Radomir und lachte, «dann bringe
ich das Gift für dich. Du aber, Zar,
untersage allen im Palast, sich
tagsüber meiner Tür oder meinem
Fenster zu nähern. Selbst ein Rüchlein
Dampf von meinem brodelnden
Gebräu ist tödlich.»
Wassil knirschte mit den Zähnen. «Du
wirst den Sonnenuntergang nicht
mehr erleben! Ich brauche dein Gift
nicht zu trinken.»
«Du dauerst mich, Meister!» antwortete
Radomir. Kaum hatte sich die
Sonne hinterm Berg versteckt, als
Radomir vor den König trat.
«Du siehst, Zar, ich bin heil und lebendig.
Jetzt schau her!» sagte er und
nahm eine leere Schale vom Tisch.
«Ich fülle sie mit einem Gift, für das
es kein Gegengift gibt. Denn es ist
kein Gift.»
Mit diesen Worten füllte Radomir die
Schale mit Quellwasser, das mitten im
Saal aus einem Springbrunnen sprudelte.
Da tat sich die Tür auf, und
Wassil trat ein. Als er seinen Schüler
mit der Schale in der Hand erblickte,
wich er zurück.
«Hölle und Teufel! Du hast mein Gift
an Farbe, Geruch und Geschmack
erkannt und ein Gegengift bereitet.»
«So ist es!» antwortete Radomir.
«Nicht umsonst bin ich dein Schüler!»
«Aber vergiß nicht, daß ich dein
Meister bin! Messen wir unsere Kräfte
ein letztes Mal!»
«Ich will nicht deinen Tod, wie du den
meinen wolltest. Höre, was ich dir
sage. Wenn du das Gift erkennst, bist
du gerettet. Wenn nicht, stirbst du
nach dem ersten Schluck. Nimm
das!»
Und Radomir reichte ihm die Schale
mit Wasser.
Wassil sah in die Schale und erbleichte,
der Trunk war farblos.
Dann roch er an der durchsichtigen
Flüssigkeit und wurde leichenfahl, das
Gift war geruchlos.
Dann führte er mit bebender Hand die
Schale an die Lippen, nahm einen
Schluck und fiel tot um. Die Angst
hatte ihn getötet.
So endete dieser Streit.
Radomir aber wurde zum Hofarzt
ernannt. Er lebte viele Jahre und
machte viele Menschen gesund. Und
nach seinem Tode hinterließ er drei
Schüler. Er hatte sie all das gelehrt,
was er selber wußte.
Aus:
Das Luchsfellchen. Märchen slawischer
Völker. Der Kinderbuchverlag Berlin, 1982
Illustrationen von N. Pohl, Übersetzungen aus
dem Russischen von Renate Landa
„Es ist alles schon mal dagewesen“
ließe sich der plötzliche Tod des
eifersüchtigen Heilkundigen Wassil
im vorstehenden Märchentext kommentieren.
Denn dass er durch einen
Schluck reinen Wassers stirbt,
ist ja im Kern nichts anderes als die
Anwendung und Wirkung des „Placebo-
Effekts“; den kannten also
auch die alten Bulgaren schon.
Der Spruch „Die Welt ist ein Dorf“
wiederum paßt auf die Umstände
bei der Beschaffung auch dieses
Textes mithilfe von Herta und Arnim
Juhre. Er wies eine Renate Landa als
Übersetzerin aus, mit dem GadFRedakteur
seit langem unter ihrem
Ehenamen Reschke befreundet. Ein
Anruf in Berlin verhalf ihr zu dieser
schönen Erinnerung an den Beginn
ihrer Karriere:
„Eine Mär erzählen mag ich nicht, zu
fabulieren wag ich nicht, unwahre
Geschichten will ich nicht dichten, also
sage ich die Wahrheit.“ So fängt ein
ukrainisches Märchen an. Und ich
sage die Wahrheit, wenn ich hier erzähle,
dass mir das Märchenbuch
„Das Luchsfellchen“ sehr am Herzen
liegt, denn es war meine erste größere
Übersetzung. Ich habe die Märchen
vor mehr als dreißig Jahren für
den Kinderbuchverlag Berlin in der
DDR übersetzt, der das Buch mit großer
Sorgfalt lektorierte und ausstattete.
Meist habe ich Scheu, nach langer
Zeit in meine alten Übersetzungen
zu schauen, denn da finde ich doch
schon mal Stellen, die ich heute
anders übersetzen würde.
Aber als
ich jetzt den „Schüler des Arztes“
wieder las, hat mich das Märchen mit
seiner tiefen Volksweisheit genauso
gefangen genommen wie vor dreißig
Jahren (auch die Übersetzung fand
ich nicht ganz schlecht).
32 slawische Märchen sind in dem
Buch versammelt, Märchen voller
Poesie, die von tapferen Helden, bösen
Hexen und Waldgeistern, von
schwatzhaften Frauen und faulen
Männern erzählen, von sagenhaften
Abenteuern, von Dummheit und Klugheit,
Mut und Feigheit, vor allem aber
von Liebe. Jedes Märchen hat seinen
eigenen Zauber. Ich habe gern noch
einmal darin gelesen.
Renate Reschke (Landa)
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