Das Gespräch aus der Ferne 
Vierteljahreshefte zu wesentlichen Fragen unserer Zeit 
Aktuelle Ausgabe:
Heft Nr. 385 im 62. Jahrgang

Wovon wir morgen leben wollen / müssen
Unser „täglich Brot“ und die globalen Krisen

Zwischen Furcht und Hoffnung

Zum Schwerpunktthema dieses Heftes
Von Günter Geschke

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

ganz ehrlich: der spektakuläre Streik der Milchbauern hat mich völlig überrascht, und es wäre mir auch im Albtraum nicht eingefallen, sie könnten ihr köstliches weißes Lebensmittel in Bäche oder Flüsse kippen und so den unschuldigen Fischen die Kiemen verkleben – mit tödlicher Wirkung. Bei allem Verständnis für ihre angestaute Wut über das Preisdumping der großen Handelsketten, einen solchen Frevel hätte ich unsern Landwirten nicht zugetraut. „Wer Brot wegwirft, Nahrung vernichtet,“ hat uns vor siebzig Jahren die Mutter gelehrt, „der versündigt sich!“ Das sitzt, bis heute. Aber ist es nicht längst überholt, so zu denken? In einer Zeit, da man den Tabubruch ohne Skrupel gezielt inszeniert, um sich über die Medien überhaupt erst Gehör und damit Wirkung zu verschaffen? Der Zweck heiligte offenbar auch dieses fragwürdige Mittel; am Ende zahlte der Handel den Produzenten 7Cent mehr für den Liter Milch – und gab seelenruhig die Kosten für alle einschlägigen Produkte an den Konsumenten weiter. Prompt zogen die Lebenshaltungskosten, ohnehin im Aufwärtstrend, weiter an.

Nun gab es in diesem Frühjahr gewiß potentere Preistreiber, von denen weiter unten noch die Rede sein wird, aber die Milchbauern stehen hier vorne an, weil sie als erste die Planung für das Thema dieses Heftes durcheinander wirbelten. „Wovon wir morgen leben wollen / müssen“, anfangs Februar ausgedacht, sollte nämlich ursprünglich in aller akademischen Ruhe und Sorgfalt angegangen werden. Sine ira et studio waren Verbindungen zu Fachleuten geknüpft, wissenschaftlicheTagungen besucht, Fachliteratur ins Visier genommen worden, da stießen die protestierenden Milchbauern gleichsam zwei Tore in den Alltag weit auf. Das eine gab den Blick frei auf die Sorgen und Nöte eines wichtigen Teils der Produktion wie der Vermarktung unserer Nahrungsmittel, dass andere verwies auf die größeren ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge: höhere Preise bei Futtermitteln und Energie z.B., stallbequeme oder artgerechte Milchviehhaltung...

Was da imschmalen Sektor der Milchwirtschaft zu erkennen war, galt und gilt ja – mehr oder weniger – für die gesamte landwirtschaftliche Produktion wie für deren Absatz und Konsum. Das war zwar schon immer so, richtig bewusst wird dies der Allgemeinheit aber erst jetzt wieder. Seit auch bei Aldi, Lidl & Co. die Preise für Lebensmittel steigen, ist das Thema Ernährung auf der Skala der Prioritäten in die erste Reihe gerückt. Aufmerksam registrieren die Deutschen, dass mitten im Überfluss immer mehr Mitbürger darben; sie sind zu arm, um sich zureichend, zu unwissend, um sich gesund zu ernähren. Soeben hat die Bundesregierung ein (heftig umstrittenes) Programm gegen Fettleibigkeit verabschiedet, weil die Hälfte der Frauen, ein Drittel der Männer „zu dick“ sind. An den Schulkindern hat man es zuerst gemerkt. Viele, allzu vielekommenhungrigzum Unterricht, blicken neidisch auf das Pausenbrot der anderen. Inzwischen, das wissen Statistiker zu berichten, lebt jedes 6. Kind in Deutschland in Armut.

Jetzt schärft der ängstliche Blick auf den jähen Preisanstieg bei uns auch das Auge für die globale Situation. Da sind – wie früher auch in Zentraleuropa – Mangel und Hunger an der Tagesordnung. Zwar schwanken die statistischen Angaben darüber nicht unerheblich, aber soviel ist gewiss: Zwischen 400 und 800 Millionen Menschen, also mindestens jeder 15. Erdenbewohner, muss darben, hungern, oder gar Hungers sterben. Aktuelle Tendenz steigend...

Da stellen sich die alten Fragen mit neuer Schärfe: Ist es denn ganz und gar unmöglich, mit den vorhandenen Ressourcen die derzeit sechseinhalb Milliarden Erdbewohner satt zu bekommen? Genügte nicht schon ein fairer Ausgleich zwischen dem Überfluss in den Industrieländern und demsichtbarenMangel in vielenLändern der Dritten und Vierten Welt, um wenigstens den Hunger auf der Welt auszuhungern? Lässt sich denn die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln nicht mit einer großen Kraftanstrengung so steigern, dass es auch für die wachsende Weltbevölkerung genug zu verteilen gibt? Das ging doch schon einmal gut, vor 20, 30 Jahren, als die „Grüne Revolution“, der massive Einsatz von Düngung und Pestiziden, neue Pflanzen- und Saatgutzüchtungen und massive Mechanisierung der Arbeit, großartige Ertragssteigerungen zeitigte. Oder führte – wofür es viele Hinweise gibt – eine Fortsetzung dieses Weges noch schneller in die ökologische Sackgasse? Müßte dann nicht nach naturverträglicheren Methoden geackert und gegärtnert werden, was die Klimaforscher fordern und die alternative Landwirtschaftsforschung als erfolgversprechend anpreist?

Wie aber, wenn alle verstärkten Anstrengungen bei der Produktion nicht ausreichen, alle jetzt lebenden sechseinhalb Milliarden Menschen vor Hunger zu bewahren oder halbwegs zureichend zu ernähren, weil doch noch ein Verteilungsproblem als Ursache dahinter steht? Eins, das sich vielleicht durch mehr Solidarität der Satten mit den Darbenden lösen ließe? Wie müsste eine gerechte Welternährungsordnung aussehen? Von wem wäre sie als glaubwürdiges Ziel zu definieren? Und wer oder was könnte die Menschheit dahin auf den Weg bringen?
Das waren die Fragen, die – Zug um Zug – im Frühjahr und Frühsommer unter dem Eindruck der schlechten Nachrichten von der globalen Krisenfront an Zahl wie an Tiefe und Dringlichkeit zunahmen: der Ölpreis als Gipfelstürmer mit der unheiligen Seilschaft aus Spekulanten und rhetorischen Angriffskriegern in USA, Israel, Iran; der wachsende Rohstoffhunger der Schwellenländer, allen voran China und Indien; der Lebensmittelpreise treibende Biospritrummel; die Hungerrevolte in Haiti; die galoppierende Immobilienkrise samt international ansteckendem Bankensterben in den USA; die Börsenkräche, Firmenpleiten, Massenentlassungen und – zuletzt, aber am bedrohlichsten –die krisenantreibende Furcht vor Inflation, Stagflation und weltweiter Rezession.

Allein die intensive Lektüre der einschlägigen Presserzeugnisse gestaltete sich für den Redakteur zu einem kräftezehrenden Crashkurs in Weltökonomie, Internationaler Finanzwirtschaft, Landwirtschaft, Agrarwissenschaft, Klimaforschung und globaler Ökologie. Von Haus aus eher ans Feuilleton gewöhnt als an den Wirtschafts- und Finanzteil, kostete es ihn mehr Zeit als vorgesehen war, woher sich die verzögerte Fertigstellung dieser Ausgabe dann zwangsläufig ergab. Nun müssen Sie, liebe Leserin und Sie, lieber Leser, nach der Lektüre unserer Beiträge selber urteilen, ob sich der Aufwand gelohnt hat.

In seinem Artikel „Fettabsaugen hier, verhungern dort? Warum eine gerechteWelternährungsordnung unerlässlich ist“ analysiert
Günter Geschke
die aktuelle Krisenlage: die Preisexplosion bei Energie und Lebensmitteln; den Welt-Hunger und das noch weitgehend unsolidarische Verhalten der handelnden bzw. nichthandelnden Regierungen;
die Gegensätze zwischen entwickelten, halbentwickelten und unterentwickelten Ländern. Er fragt nach den Mitteln undMethoden für einen Ausweg aus der Ernährungskrise.
Dafür sei es notwendig, dass der Mensch sich von seinem Herrschaftsanspruch gegenüber der Natur verabschiede: „Macht euch der Erde untertan!“

Der renommierte Greifswalder Klimaforscher, Professor Michael Succow
schreibt dazu in seinem Thesen-Papier „Mensch und Natur im 21. Jahrhundert“ : „Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zu Grunde.
Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet.“

Professor Dr. Kurt Egger,
Heidelberger Botaniker und Fachmann für ökologischen Landbau in den Tropen,
setzt sich zunächst mit dem Subjekt unseres Themas auseinander: dem „Wir“ im Titel.. Dieses „Wir“ sehe ganz verschieden aus, je nachdem ob man von Deutschen, Chinesen oder Haitianern spricht. Aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrungen in der Landwirtschaft – der „grünen Revolution“ auf der einen und einer ökologischen Landwirtschaft, die traditionelle, autochthone Praktiken mit integralen modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet, empfiehlt Egger eine Umkehr:
Sein soziales und ökologisches Gegenmodell zur herkömmlichen Landwirtschaft heißt „Agroforstwirtschaft“. Freilich ist auch dieser „Fortschritt mit der Vergangenheit“ daran gebunden, dass ein globalmächtiges „Wir“ sich seiner annimmt und ihn auch durchzusetzen weiß.

Zur Diskussion um genmanipulierte Nahrung nimmt der Molekularbiologe
Hans Bremer
Stellung . Er sieht keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der in Millionen Jahren durch die Evolution entwickelten Resistenz vieler Pflanzen gegen bestimmte Schädlinge, Insekten oder Pilze und dem Versuch, unsere hochgezüchteten Nutzpflanzen, die anfälliger für Schädlinge sind, durch Genveränderung widerstandsfähiger zu machen. Jedenfalls hält er dies für die bessere Alternative zur Anwendung großer Mengen chemischer Pestizide. Diese Gifte schädigten meist wahllos auch andere, harmlose Insekten oder Kleinstorganismen, und sie würden zum Bestandteil unserer Nahrung, schließlich auch noch Umwelt und Gewässer verseuchen.

Die biblische Weisheit, wonach „der Mensch nicht vom Brot allein“ leben kann, ist das große Thema von
Professor Dr. Dieter Dieterich.
Es geht ihm um die Erörterung wie die Beantwortung der uralten Frage nach dem „guten Leben“.
Lässt es sich nicht nur als Wunsch und Ziel beschreiben, sondern auch als konkrete Utopie verwirklichen?
Für die sogenannten „Achtundsechziger“ schien dies keine Frage zu sein. Ihr Wortführer Rudi Dutschke hielt den „Garten Eden“ für ein auf dieser Welt und in unserer Zeit erreichbares Ziel.

Vier Jahrzehnte danach, im Frühjahr 2008, war der Rückblick auf die deutsche Studentenrebellion ein großes Thema in den Medien. Im GadF kommen nun zwei Wegbereiter der gesellschaftsverändernden Studentenbewegung zuWort:
Der Berliner Politologe,
Professor Dr. Ekkehart Krippendorff
und die
Bremer Sozialwissenschaftlerin
Professor Annelie Keil .

„Bücher-Bücher“ stellt drei gewichtige Neuerscheinungen vor:
1. Andreas Weber:
„Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften“. Dieter Dieterich sagt Ihnen, ob das Buch hält, was sein Untertitel verspricht.

2. Karl Ernst Nipkow:
„Geschichte und Theorie der Friedenspädgogik von Erasmus bis zur Gegenwart“ wird von unserem Rezensenten, Dr. theol. Horst Gloy, als anregendes „kompaktes Studienbuch“ empfohlen.

3. „Das vermessene Imperium“
heißt ein Sonderheft von
Le Monde diplomatique
über die USA. H.Bremer stellt die äußerst kritische Beschreibung dieser letzten Supermacht vor.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen,
Ihr

Günter Geschke


AUS DEM INHALT :

Günter Geschke:
Fett absaugen hier, verhungern dort... Warum eine gerechte Welt-Ernährungsordnung unerläßlich ist

Als der Hunger auch bei uns endemisch war 1817 und 1843: Chronik zweier deutscher Mangeljahre

Kurt Egger:
Den Hunger bannen, das Klima retten? Über Nahrungsproduktion und -Konsum in der X-Milliarden-Welt

Hans Bremer:
Unnötige Ängste? Zur Diskussion um Gen-manipulierte Nahrung

Dieter Dieterich:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...,“ ... sondern auch...

Rückblick auf den Aufstand der Moralisten
Ekkehart Krippendorff und Annlie Keil, zwei Wegbereiter der deutschen Studentenbewegung von 1968, erzählen


UNSER FORUM:

Leser, Autoren und Herausgeber im Gespräch Lesertreffen in Darmstadt – Diskussion über die Menschenwürde –
Reimar Lenz:
Nachtgebet
Günter Geschke:
Gedanken zum Abschiedsbrief von Frau E. B.
Dieter Gershoff:
Wo nichts und niemand vergessen sein soll: Das Piskarjowski Memorial

Erinnerung an Walter Hildebrandt



BÜCHER • BÜCHER • BÜCHER:


Dieter Dieterich über Andreas Weber:
Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften

Horst Gloy über Karl Ernst Nipkow:
Der schwere Weg zum Frieden. Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik

Hans Bremer über:
„Das vermessene Imperium“ (Sonderheft der Zeitschrift „Le Monde diplomatique“ über die Supermacht USA

Bestellformular fürs „Gespräch“ (auch als Geschenk-Abo!)

IN EIGENER SACHE:

Abschied vom „Quartal“ – Je ein „Gespräch“ pro Saison


Unser nächstes Thema:

Poesie und Leben
Zur Rückkehr des Gedichts in den Alltag
Es geschah zum ersten Mal vor gut zwei Jahren undwiederholt sich seither alltäglich: der bundesweit präsente (und vielgehörte) Deutschlandfunk streut Lyrik ein – überraschend, mitten in eine Sendung. So muß etwa die hektisch-nüchterne „Wirtschaft am Mittag“ urplötzlich den Strom der Nachrichten anhalten.
Die Regie erzwingt eine Besinnungspause, z. B. mit Rainer Maria Rilkes berühmtem Panther-Gedicht. Aber auch zeitgenössische Poeten wie Peter Rühmkorf oder Jan Wagner kommen zu Wort.
Andere ARD-Anstalten– der WDR, der SWR – haben mit eigenen Gedichtsendungen nachgezogen. Ist da ein echter Bedarf beim Publikum entdeckt und bedient worden? Dafür spricht, dass die Leute zunehmend nach einschlägigenHörbüchern greifen. So geht eine brandneue Gedichtsammlung, der „Hör-Conrady weg wie warme Semmeln. –
Durchbricht die Poesie also endlich die engen Schranken des gehobenen Feuilletons? Und wird es richtig populär, gute Gedichte nicht nur gern von schönen Stimmen vorgetragen zu bekommen, sondern sie auch selbst zu lesen, vielleicht sogar wieder auswendig zu lernen. Damit man sie in passenden Momenten des Lebens parat hat wie einst die Großeltern ihren Schiller oder ihren Wilhelm Busch? Wenn die Zeiten härter werden, ist wieder Sinn gefragt!
Andererseits: Ungebrochen ist der Trend moderner Lyrik, sich schnellem Verstehen zu entziehen, sich fast hermetisch abzukapseln, darin aktueller EMusik und abstrakter Malerei gleich. Das ist dann Stoff für philosophische Interpretationen und das junge Fach Neuroästhetik.
Unser Herbst-Heft soll aber nicht abstrakt geraten, vielmehr mit vielen Beispielen alter und neuer Lyrik aufwarten. Vielleich, hoffentlich schreiben Sie, liebe LerserInnen uns selber etwas zum Thema: „Mein liebstes Gedicht!“. Darauf freut sich,

Ihr Günter

Fett absaugen hier, verhungern dort...
Warum eine gerechte Welt-Ernährungsordnung unerläßlich ist
Von
Günter Geschke

Unter allen Bedingungen des Lebens auf dem Planeten Erde ist die gesicherte Nahrungszufuhr eine der elementarsten. VomEinzeller bis zum hochdifferenzierten Organismus, vom Wurm bis zum Homo sapiens sapiens, vom Bakterium bis zum Mammutbaum – alles Lebendige ist auf regelmäßige Zufuhr jener „Nahrungsmittel“ angewiesen, die für seinen Stoffwechsel unerlässlich sind: „Lebensmittel“ eben. Hapert es mit dem Nachschub, leidet das Lebewesen Not, bleibt er ganz weg, verdurstet oder verhungert es.

Was für das Individuum gilt, gilt auch für die Art: Die Erdgeschichte lehrt uns, dass im Verlauf der Evolution ungezählte Arten ausgestorben sind, wenn sich ihre Lebensumstände – schleichend oder dramatisch – veränderten. Entweder blieben sie im „Kampf ums Dasein“, um Nahrung undLebensraumauf der Strecke oder fanden durch irdische und kosmische Katastrophen („Sintfluten“, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Meteoriten-Einschläge) ihr Ende.

Kraft ihres Verstandes und ihrer Vernunft hat die Gattung Mensch sich den größtmöglichen Zugang zu ihren Überlebensmitteln verschafft und sich – dank Wissenschaft und Technik – aus der ursprünglich tierhaften Abhängigkeit von der Natur auf phantastisch anmutende Weise emanzipiert. Dennoch: Das Individuum ist, auch wenn es heute – gegenüber dem Neandertaler – eine um Jahrzehnte ausgedehnte Lebenserwartung hat, prinzipiell so gefährdet und sterblich wie eh und je. Und die Menschheit als ganze ist längst in der Lage, sich selber abzuschaffen, nicht nur durch den seit Hiroshima und Nagasaki befürchteten Atomkrieg, sondern durch ihre bloße Existenz, ihr „Sosein“: wie sie sich an Zahl vermehrt, ihre zivilisatorischen Ansprüche in die Höhe treibt, die natürlichenRessourcen bis zur Erschöpfung ausbeutet, Tier- und Pflanzenarten in atemraubendem Tempo ausmerzt (100mal schneller als die natürliche Selektion) – kurz: hoffnungslos über ihre Verhältnisse lebt!

Dank Medizin und Hygiene hat die Weltbevölkerung ihr eigenes Wachstum ungeheuer beschleunigt, allein im 20. Jahrhundert trotz der ungeheuren Aderlässe in zwei Welt- und Dutzenden von Bürgerkriegen auf 6,5 Milliarden mehr als verdoppelt. Für das Jahr 2050 sagen die unbestechlichen Demographen noch einmal einen Zuwachs von knapp 50 Prozent voraus. Dann sind9Milliarden Menschen zu versorgen. Wie soll das gelingen, wenn heute schon 800 Millionen darben, Hunger leiden oder verhungern? Und das, während in den hochentwickelten Industrieländern bedrohlich viele Menschen immer dicker werden. „Fett absaugen“ hier, verhungern dort – das kann, das muß böse enden, wenn nicht noch ein Wunder geschieht: ein Ausgleich zwischen Reich und Arm, der Aufbau einer gerechten Welternährungsordnung.

Das erscheint umso dringlicher, als just die „Hungerländer“ unter den Folgen des menschengemachten Klimawandels am meisten leiden. Ungeahnt heftige Orkane, ausgedehnte Überflutungen, extreme Dürre suchen sie immer häufiger heim, gefährden Abermillionen an Leib und Leben, vertreiben sie aus ihrer angestammten Heimat. Sie werden zu „Klimaflüchtlingen“, die in Auffang- oder Durchgangslagern keineswegs nur notdürftig überleben wollen, sondern nach neuen Lebenschancen Ausschau halten, auch in fernen Ländern und fremden Kulturen. Gewiß werden sie noch intensiver als ihre (noch) nicht vom Unglück betroffenen Landsleute über die Ursachen ihrer Misere nachdenken, etwa darüber, dass – verglichen mit einem Inder – ein US-Amerikaner die 20fache und ein Europäer die achtfache Menge des Klimakillers CO2 erzeugen. Zwar wächst deshalb in den meisten wohlhabenden Industriestaaten das schlechte Gewissen, in den Ländern der Dritten und ViertenWelt aber staut sich dieWut, steigert sich, von Fundamentalisten und Terroristen angefacht, der Hass gegen die Verursacher. Durchaus seriöse Politikwissenschaftler und Soziologen befürchten daher „Klimakriege“ (so der Titel eines stark gefragten Buches von Harald Wenzer: „Klimakriege.Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.“ Verlag S. Fischer). Droht irgendwann gar ein dritter Weltkrieg? Diesmal nicht um „Endlösungen“, Macht, Einfluss, sondern um so elementare Überlebens- Mittel wie Nahrung, Wasser, Atemluft?
Und ist dieser Weltkrieg, der wohl der letzte wäre, etwa noch unvermeidlicher als die beiden vorangegangenen? Solch düstere Ausblicke in die Zukunft werden einstweilen von ganz akuten Sorgen ums tägliche Brot, die Schüssel Reis, den Topf Hirse verdrängt. Und die dringlichste Sorge heißt: Preisexplosion – erst beim Erdöl, nun bei den Lebensmitteln. Die fortgeschrittene Globalisierung hat alle Erdteile, sämtliche Volkswirtschaften der Welt so miteinander vernetzt, dass – mehr oder weniger – alle Menschen betroffen sind. Darüber zu wehklagen ist menschlich, hilft aber nichts, am wenigstens dort, wo der Brotkorb auch vorher schon anstrengend hoch hing. Wie in jeder Krise steckt auch in dieser Teuerung durchaus eine Chance. Das Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit könnte weiter um sich greifen und die Bereitschaft stärken, auch mit dem Fernsten solidarisch zu sein, bereit, ihm in der Not zu helfen, wie das im spendenfreudigen Deutschland gute Tradition geworden ist. Das heißt freilich auch, streng nach den Ursachen und den Verursachern zu forschen. Dabei sind wir in hohem Maße auf Fachleute angewiesen, insbesondere auf Agrarund Finanzexperten. Sie wissen viele Gründe für den Preisanstieg zu nennen:
• eine ständig wachsende Nachfrage nach qualifizierten Lebensmitteln, etwa durch die stetig wachsendeMittelklasse in Indien und China. Sie verlangt unter anderem nach mehr Fleisch auf dem Tisch. Das treibt die Preise für Mais und Getreide als Futtermittel nach oben und macht sie für die Armen oft unerschwinglich.
• die Verarbeitung von Raps und Mais zu Biotreibstoff (die Umweltorganisation Oxfam geht soweit, diese ursächlich für 70 Prozent der Preissteigerung zu machen);
• Dürreperioden in Anbaugebieten Australiens und in der Schwarzmeer- Region; Dauerregen und Überflutungen in anderen Weltgegenden, zuletzt im Haupt-Reisanbaugebiet in Burma;
• Die im Zuge der „Grünen Revolution“ erzielten enormen Zuwächse der Produktivität (bei Weizen wurden zuletzt bis zu 10 Tonnen pro Hektar und Jahr geerntet) tendieren seit einiger Zeit gegen Null, weil die bisherigen Mittel dazu – verbessertes Saatgut, Einsatz von Mineraldünger, Pestiziden und ausgefeilter Technik – „ausgereizt“ sind;
• eine hohe Bedeutung bei der Preissteigerung für Lebensmittel aber messen viele Experten der einschlägigen Spekulation zu. Der ehemalige Landwirtschaftskommissar der EU und bewährte österreichische Landwirtschaftsminister
Franz Fischler etwa weist darauf hin, dass es auf diesem Sektor geradezu eine Explosion der Gelegenheiten gegeben habe. Umfasste die Spekulation auf steigende oder fallende Preise bei Lebensmitteln 1973 rund 10 Milliarden Dollar, so machte sie im Jahre 2007 bereits 142 Milliarden aus. Verlockende neue Angebote der Finanzwirtschaft seien innerhalb des vergangenen Jahres bis Anfang Februar 2008 von 70 auf 140 gestiegen. Man mag diese Spekulation auf den Hunger der Armen noch so verwerflich finden – einstweilen ist sie weltweit gängige Praxis auf den Finanzmärkten.
Weit verbreitet ist die Ansicht, die so rasant gestiegenen Preise seien auch auf das Versagen des Agrarmarktes selbst zurückzuführen. Fachleute wie Franz Fischler betonen jedoch, dass es hier vielfach überhaupt kein freies Spiel von Angebot und Nachfrage gebe. Traditionelle ländliche Strukturen und preisverfälschende Subventionen für die Landwirtschaft durch nationale Regierungen seien dafür verantwortlich. So herrsche z. B. bei Reis in weiten Teilen Asiens der sogenannte „Vertragsanbau“ vor; die Reisbauern müssen bereits vor der Ernte die allzu oft „gedrückten“ Preise der Reismüller akzeptieren. Deren Gewinne bei steigenden Preisen aber gingen an den Produzenten vorbei. In den Vereinigten Staaten von Amerika empfingen die Farmer keine richtungsweisenden Signalemehr vom Markt, weil ihnen die Regierung dadurch die Preise garantiert, dass sie die Differenz zum Marktpreis durch Subventionen voll ausgleicht. Große Agrarerzeuger wie Argentinien und Russland wiederum beeinträchtigten das Funktionieren des Marktes durch Exportsteuern, Mengenbeschränkungen oder Preisfestsetzungen. Insgesamt, so das Fazit dieser Expertisen, gibt es zu viele marktverfälschende Regelungsmechanismen..

Lassen sich Gegenmaßnahmen treffen? Kann man den Markt für Agrarprodukte von seinen Behinderungen und Verzerrungen befreien? Gemäßigte Kritiker der gegenwärtigen Verhältnisse hielten es schon für einen großen Gewinn, wenn es gelänge, durch genauere Beobachtung und Kontrolle sowie rechtzeitige präzise Information aller Akteure auf den Märkten mehr Transparenz, Durchsichtigkeit und Übersichtlichkeit, herzustellen. Maßnahmen gegen die Auswüchse der Spekulation hingegen müssten durch Eingreifen solcher internationaler Einrichtungen wie den IWF (Internationaler Währungsfonds) vorgenommen werden. Jene Kritiker halten es für aussichtslos, die Spekulation mit Agrarprodukten schlicht zu verbieten; sie schlagen stattdessen vor, solche Spekulationsgeschäfte mit einer mäßigen oder geringen Abgabe zu belegen. Franz Fischler, inzwischen weltweit gefragter Regierungsberater, setzt sich für eine Bagatell-Steuer ein; nach seinen Berechnungen würde allein in der EU eine Mindestabgabe von 0,1 Promille rund 80 Milliarden Euro im Jahr einbringen, die man dann z. B. in die schnellere Anpassung der Agrarerzeugung an ökologische Erfordernisse investieren könnte. So trügen denn auch noch die Spekulanten ihr Scherflein zu einer besseren Welt bei.

Wie aber ließe sich weltweit mehr Gerechtigkeit in Sachen Ernährung erreichen? Zur Aufgabe, eine gerechte Welternährungsordnung zu schaffen, bekennen sich viele – jüngst erst wieder die „G 8“ in Toyako, wo Bundeskanzlerin Merkel vorschlug, als Soforthilfe bei Hungersnöten eine Bevorratung von Lebensmitteln wie beim Erdöl einzurichten. Das war wenigstens ein Schrittchen auf dem weiten Weg zum Ziel.

Angesichts des weltweiten Klimawandels muss darüber grundsätzlicher, unter Einbeziehung aller wesentlichen Faktoren nachgedacht und irgendwann auch auf internationaler Ebene entschieden werden. Dabei ist davon auszugehen, dass die schlimmen Folgen des Klimawandels die ohnehin benachteiligten Regionen der Welt, in denen meist auch die Armut endemisch ist, intensiver und häufiger trifft als die bereits hochentwikkelten gemäßigten Zonen. Dürreperioden und Überflutungen suchen jene ungleich stärker und häufiger heim als diese. Aber gerade die regelmäßige Verfügbarkeit von Süßwasser ist eine wesentliche Voraussetzung für die Sicherung und Verstetigung der Agrarproduktion. Schon heute werden daher 70 % aller Lebensmittel in den Ländern der klimatisch gemäßigten Zonen erzeugt. Ihnen kommt daher auch eine wachsende Verantwortung für die Ernährung der ganzen Menschheit zu.

Um sie besser als bisher wahrzunehmen ist es nötig, vom bisherigen – über Jahrzehnte bevorzugten – Konzept der Selbstversorgung eines Landes abzugehen. Länder, die das Potential dazu haben, müssen anstreben,weit mehr zu produzieren als für den Eigenbedarf nötig ist. Deren Agrarexporte tragen nicht nur zur Sicherung der Ernährung der übrigen Welt bei, sondern auch zur Entwicklung wie zur Existenzsicherung der eigenen Landwirtschaft.

Dringend erforderlich ist auch ein Strategiewechsel bei der Weltbank. Sie hat hat sich zu lange am historischen Vorbild der Industriestaaten ausgerichtet und die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte gefördert. Aber was nützlich war, solange Bergwerke, Fabriken oder Baubetriebe auch ungelernte Arbeitskräfte in Massen brauchten, hat sich durch Automatisierung und Rationalisierung der Arbeit längst zu einem brisanten gesellschaftlichen und politischen Problem entwickelt – weltweit, wie solche ins Unregierbare und Unbegehbare entarteten Slums wie in Kalkutta, Lima oder Lagos, aber auch die Ghettos der abgehalfterten ehemaligen „Gastarbeiter“ in Westeuropa, zeigen.
Jetzt kommt es darauf an, die verheerende Landflucht zu stoppen – in Indien, Bangladesh und China, in Lateinamerika (Brasilien) und Afrika (Nigeria). Überall gilt es, die bedrohte Existenz von Hunderten von Millionen Kleinbauern sichern zu helfen. Das heißt vor allem, ihnen – über die Selbstversorgung hinaus – einen Absatz ihrer Produkte zu ermöglichen, auf dem heimischen Markt und im Ausland. Wichtigste Voraussetzung dafür sind Kleinkredite als Starthilfe, damit die Bauern die nötigen Investitionen tätigen, Saatgut und Kleingeräte kaufen können. Mit dem sensationellen Erfolg seiner Genossenschaftsbanken hat der indische Nobelpreisträger für Wirtschaft (1998), Armaty Sen, gezeigt, wie man das machen muß.

Nun ist es an den wohlhabenden Industrieexportländern, darauf endlich angemessen zu antworten. Als erstes hätten sie die diskriminierenden Handelsschranken für Agrarimporte schrittweise zu senken und schließlich ganz zu beseitigen. Sie dürfen nicht länger darauf bauen, ihre Industrieprodukte der Dritten und Vierten Welt verkaufen zu können, ohne sich an deren ökonomischer und sozialer Entwicklung tatkräftig zu beteiligen. Dies gebietet schon allein der gesunde ökonomische Eigennutz; langfristig lassen sich gute Geschäfte nur mit Partnern machen, die genug eigene Kaufkraft entwickelt haben. (Wir Deutschen haben da ja nach der Währungsreform von 1948 mit unserer Sozialen Marktwirtschaft gute, durchaus modellfähige Erfahrungen gemacht!)

Die weltweiten fundamentalen Krisen der Gegenwart lehren uns jedoch, weit über den Tellerrand des gemeinnützigen Eigennutzes hinaus zu blikken. Wenn die Menschheit als Gattung eine Zukunft haben soll, ist mehr von Nöten; dann muß der epochale Prozeß der Globalisierung human gestaltet werden. Erste Voraussetzung dafür ist ein tiefgreifender Bewußtseinswandel: Solidarität mit allen Erdenbürgern, mit dem „kranken Nachbarn“ aus unserem schönen Claudius- Lied und dem fernsten Fremden. Globale Gerechtigkeit heute beginnt mit dem Bekenntnis zum Lebensrecht jedes Einzelnen. Und das elementarste Überlebensgebot für alle heißt: Täglich Brot, frisches Wasser, saubere Luft!

Wenn ´s aber den „bösen“ Nachbarn nicht gefällt: den Islamisten, christlichen Fundamentalisten, orthodoxen Zionisten? Wenn die Terroristen und Anti-Terroristen aller „Ismen“ ihre jeweiligen Feinde zu Teufeln erklären, die erst vernichtet werden müssen, ehe die Welt nach der je eigenen Fasson „selig“ werden kann?

Wer die ungeheuerlichen Schrecken des 20. Jahrhunderts überlebt hat und sich des angehäuften Vernichtungspotentials, der Fähigkeit der Menschheit zum xfachen Overkill, stets bewußt ist, der wird nicht umhin können, jederzeit mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dies gehört einfach zur modernen Conditio humana. Aber wenn er Charakter hat, wird er den Mut zur Hoffnung nicht aufgeben und beherzt den je nächsten kleinen Schritt tun in Richtung Gerechtigkeit und Frieden.

Unnötige Ängste?

Zur Dikussion um Gen-manipulierte Nahrung
von
Hans Bremer Herr Geschke bat mich, als Mikrobiologe meine Meinung zu äußern über die Verbreitung von genetisch verändertem bzw. manipuliertem Saatgut und den daraus resultierenden „genmanipulierten” Erzeugnissen: Getreide, Gemüse, Früchte. In Deutschland hätte man eine unbestimmte, mitunter große Angst vor unübersehbaren, schädlichen Folgen für die jeweilige natürliche Umwelt, Pflanzen und Tiere, und die Gesundheit des Menschen.

In Amerika kennt man diese Angst seit langem nicht mehr.Als mir vor mehreren Jahren ein Bekannter in Deutschland seinen Widerwillen gegen genetisch manipulierte Produkte mitteilte und ich nach dem Grund seiner Besorgnis fragte, meinte er, es sei doch schrecklich, eine Tomate mit einem menschlichen Gen zu essen. Ich konnte ihm darauf nur erwidern, dass ich davon noch nie gehört hätte (Wozu Menschen-Gene in Tomaten? Erfindung eines Reporters?). Aber ich sah keinen Grund sich darüber aufzuregen, denn die Grundreaktionen des biologischen Stoffwechsels sind in allen pflanzlichen und tierischen Zellen gleich; sie werden von den gleichen biochemischen Katalysatoren (Enzyme genannt) gesteuert, wozu die gleichen Gene in den Zellen benötigt werden, auch wenn diese Gene sich im Laufe der Jahrmillionenwährenden Evolution an unterschiedlichen, für ihre Funktion unwesentlichen Stellen etwas verändert haben. Im Grunde haben wir Menschen schon immer Tomaten-Gene in unseren Zellen, oder die Tomaten haben Menschen-Gene, wie man’s nimmt.

Viele Pflanzen haben während ihrer Evolution eine Resistenz gegen bestimmte Schädlinge, Insekten oder Pilze, entwickelt. Da die meisten unserer Nutzpflanzen diese Resistenz nicht haben, verwenden Landwirte heute grosse Mengen chemischer Pestizide, um die Schädlinge abzutöten. Diese Gifte töten meist wahllos auch andere, harmlose Insekten oder Organismen; sie kommen zum Teil in unsere Nahrung und verseuchen die Umwelt und Gewässer. Das halte ich für schlimmer als die Gen-modifizierten Saaten, die praktisch keinen Schaden anrichten. An diese Natur-vergiftenden Folgen unserer Landwirtschaft denken die Gegner genmanipulierter Saaten anscheinend weniger, vielleicht weil sie nicht genug darüber wissen.

Die Schweizer Firma Novartis, aus dem Zusammenschluß von Ciba- Geigy und Sandoz hervorgegangen, hat eine Reihe gen-manipulierter Saaten entwickelt, die in den USA verwendet werden. Ich las, der Firma sei es egal, ob die europäischen Bauern ihre modifizierten Saaten kauften oder nicht. Wenn sie die gegen Schädlinge resistenten Sorten nicht wollten, dann kauften sie die Pestizide, die ebenfalls von der Firma hergestellt werden, woran diese mindestens ebensoviel verdiene.

Unsere Nutz- und Gartenpflanzen, und auch unsere Haustiere und landwirtschaftlich genutzten Tiere, sind Produkte langjähriger Züchtung, die schon vor Jahrtausenden begann. Durch gezielte, über viele Generationen erfolgte Auslese und Kreuzungen hat man von der ursprünglichen Natur sehr abweichende Organismen erzeugt. Man denke nur an die unterschiedlichen Hunde, vom winzigen Schosshund bis zur riesigen Bulldogge, die alle aus dem gleichen Wolfstier hervorgegangen sind und die in der freien Natur nicht überleben könnten. Das gleiche gilt von der Vielfalt unserer Gartenblumen, wie den Rosen oder Tulpen, die nur mit menschlicher Pflege gedeihen und in der freien Natur überwuchert und wahrscheinlich bald aussterben würden. Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied darin, ob ein mutiertes Gen durch Zuchtwahl in vielen Generationen selektioniert wird, wie seit Urzeiten üblich, oder ob es „auf moderne Weise” direkt in eine Keimzelle injiziert wird, wobei es in einer einzigen Generation zu einer neuen Getreidevariation kommen kann.

Man kann einwenden, dass wir weder resistente Nutzpflanzen noch Pestizide brauchen: lasst doch die Insekten, Schnecken und Pilze einen Teil unserer Ernte auffressen, denn diese „Schädlinge” sind Teil unserer Natur, die wir mit erhalten wollen! Durch ihre Verschiedenheit konnten sich Pflanzen und Tiere ökologischen Nischen anpassen und damit (d.h. durch genetische Mutationen) eine immer grösser werdende Vielfalt in der lebendigen Natur hervorbringen. Gerade diese Vielfalt macht doch die besondere Schönheit unseres Planeten aus!
Heute sterben immer mehr Organismen- Arten aus, was u. a. mit der fortgesetzten Ausdehnung landwirtschaftlicher Anbauflächen (etwa durch Waldrodung) zusammenhängt und durch die vereinheitlichende „Globalisierung” unseres Wirtschaftssystems noch beschleunigt wird. In der heutigen Massenproduktion der Landwirtschaft für eine immer grössere Zahl von Menschen sehe ich die Gefahr, nicht in der Genmanipulation.

Bereits mit unseren „klassischen” Methoden der Landwirtschaft verändern wir das Artengleichgewicht der Natur: z.B., wenn der grossflächige Kartoffelanbau eine Massenvermehrung von Kartoffelkäfern auslöst. Durch das Ausmass unserer zum grossen Teil der Ernährung dienenden Eingriffe in die Natur zerstören wir immer grössere Teile davon. Darin sehe ich die Gefahr für die Zukunft.

Trotz immer raffinierter werdenden Techniken in der Landwirtschaft, nimmt die Zahl der Hungernden in der Weltbevölkerung zu. Durch vermehrte Düngung und Bewässerung, oder auch durch genetisch verbesserte Nutzpflanzensorten, können wir die Not eines wachsenden Teils der Menschheit noch eine Zeitlang eindämmen, aber wohl nicht mehr beheben, denn es gibt Grenzen des Wachstums, die wir vielleicht schon überschritten haben. Verglichen mit den durch unsere Anbaumethoden angerichteten Schäden in der Natur erscheinen mir die möglichen Folgen der genetischen Verbesserung des Saatgutes noch die umweltfreundlichsten.

Eines der neuen Forschungsgebiete zielt darauf ab, eine besondere Eigenschaft der Leguminosen, zu denen Bohnen und Erbsen gehören, auf andere Nutzpflanzen zu übertragen: Leguminosen bilden an ihrenWurzeln kleine Knollen, die bestimmte Bakterien anziehen, die von den Leguminosen ernährt werden. Die nahrhaften Säfte ihrer Wirtspflanze entstehen in den Blättern mit Hilfe des Chloro-phylls (Blattgrüns) durch die Energie des Sonnenlichtes, wobei die Kohlensäure aus der Luft mit dem von den Wurzeln aufgenommenen Bodenwasser reagiert und dabei zu Zuckern und anderen energiereichen Molekülen verarbeitet wird. Die in denWurzelknollen „symbiotisch” lebenden Bakterien geben dafür der Pflanze stickstoffhaltige Moleküle zurück, welche sie zum Leben, braucht. Bei anderen Nutzpflanzen ohne diese symbiotischen Bakterien müssen die nötigen Stickstoffverbindungen durch „Kunstdünger“ in den Boden gebracht werden. Die Bakterien der Leguminosen verbinden den reichlich vorhandenen Luft-Stickstoff mit Wasserstoff (aus dem Bodenwasser) mit Hilfe der von der Pflanze gelieferten Energie (letztlich von der Sonne kommend) und erzeugen das zum Leben gebrauchte Ammonium. Wenn es nun gelänge, anderen Nutzpflanzen die Fähigkeit zu übertragen, diese Bakterien zu beherbergen, könnte dadurch der Einsatz von Kunstdünger drastisch gesenkt werden. Das würde Energie und Kosten sparen, wäre besser für die Umwelt und käme auch besonders den Bauern in armen Ländern zugute.

Hans Bremer (Post über die Redaktions-Adresse, s. Impressum)

Aktion 1000 plus X“
Leser werben Leser Das „Gespräch“ wird 61, seine Leser sind 70 bis 90; manche steuern die 100 an. Daß wir gemeinsam älter werden konnten, ist schön, hat aber auch seine Schattenseite: Die unvermeidlichen Lasten und Defizite des Alters nehmen zu. Man muß liebgewordene Aktivitäten und Gewohnheiten hinter sich lassen. Wir bekommen das verstärkt zu spüren: anrührende Abschiedsbriefe bringen die Auflage unserer Zeitschrift auf Sinkflug. Die Tausendergrenze ist nach unten durchstoßen. Die Kosten aber steigen kontinuierlich. Da wir trotz vermehrter Anstrengungen leider nicht genügend Geld für eine professionelle Werbung neuer Leser einwerben konnten (Siehe letzte Seite: In Eigener Sache), besinnen wir uns jetzt auf die eigene Kraft: Sie, liebe Leserinnen und Leser! Sie sind unsere besten Werber, weil Sie uns aus eigener Erfahrung weiterempfehlen können! Unsere herzliche Bitte: Sprechen Sie Verwandte, Freunde, guteBekannteaufdas„GesprächausderFerne“an, ermuntern Sie sie, ein Probeabonnement oder Probeheft zu bestellen oder von Ihnen bestellen zu lassen, oder bestellen Sie selber ein Geschenkabonnement - Weihnachten ist nahe. Helfen Sie uns, den Abwärtstrend der Auflage umzukehren! Das Nahziel heißt „1000 plus X“, das Fernziel: schwarze Zahlen für ein langes Leben unseres „Gesprächs aus der Ferne“. (Bitte bedienen Sie sich dazu dieser oder der vorletzten Seite.)
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