Das Gespräch aus der Ferne 
Vierteljahreshefte zu wesentlichen Fragen unserer Zeit 
Aktuelle Ausgabe:
Gesundheit- unser höchstes Gut?
Zwischen Spitzenmedizin und Kassendefiziten Was nun, was tun?

Heft Nr. 389 im 63. Jahrgang


Zur Einführung in dieses Heft
Von
Günter Geschke

Sehr geehrte Leserin, sehr gehrter Leser!

Das „Sommerheft“ 2009 erst im April 2010 online? Da muß die Einmann-Redaktion vorab um Entschuldigung bitten. Die Gründe für diese Ausnahme-Verspätung sind so persönlich, dass sie in die Rubrik „In Eigener Sache“ gehören; sie sind also auf der letzten Seite dieses Heftes nachzulesen. Nicht allein um die Scharte an unserem Image der Verlässlichkeit auszuwetzen, ist es um die Hälfte umfangreicher als gewöhnlich, sondern vor allem des komplexen Themas wegen. Gegenüber unserer ursprünglichen Planung hat es bereits im Spätsommer ganz erheblich an Aktualität gewonnen. Der von Anbeginn umstrittene „Gesundheitsfonds“, den die Große Koalition sich trotz aller Halbheiten als große Leistung zurechnete, wurde zum heißen Thema des eher lauwarmen Wahlkampfs.

Die angriffsstarke FDP konnte auch deshalb damit punkten, weil sie schlicht seine Abschaffung auf ihre Fahnen schrieb; so scheinbar einfache Problemlösungen erweisen sich merkwürdigerweise immer noch als wählerwirksam. Erst als neuer Partner der Merkel-Regierung und nach dem Desaster der SPD müssen Westerwelle & Co. beweisen, ob sie stark genug sind, das angebliche Grundübel unseres schiefliegenden Gesundheitssystems zu beseitigen. Unterstellt, die unglaublich hohen Defizitprognosen der Krankenkassen stimmen - man spricht von rund acht Milliarden Euro im Jahr - und die Forderungen nach Soforthilfe des Staates unabweisbar, dann ist dies das Übel, das es abzuschaffen gilt und nicht der Fonds.

Überlassen wir dies ruhig den aktuellen Medien und wenden uns lieber den grundsätzlicheren Seiten der Gesundheitsproblematik zu. „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ weiß der weise „Volksmund“, und wer unsere Spruchwörterbücher befragt, wird in dieser Annahme bestärkt. In der von Franz Josef Freiherr von Lipperheide anno 1907 herausgegebenen und vielfach neu aufgelegten „Sammlung deutscher und fremder Sinnsprüche, Wahlsprüche etc...“ ertönt vielstimmig das hohe Lied der Gesundheit – von der Antike bis tief ins 19. Jahrhundert: „Es ist kein Reichtum zu vergleichen einem gesunden Leibe“ und „Gesund und frisch sein ist besser denn Gold“ heißt es bei Jesus Sirach, K.30, V. 16 bzw.14. „Mens sana in corpore sano“ beschwört Decimus Junius Juvenalis anno 117 unserer Zeitrechnung; „Nur die Gesundheit ist das Leben“ verkündet 1757 Friedrich von Hagedorn in seinen Epigrammatischen Gedichten. Und Johann Gottfried Herder überträgt in seinen berühmten „Stimmen der Völker in Liedern“ (1807) aus dem Englischen: „Gesundheit, Himmelskind! Der besten Gaben Quelle du, aus der uns Segen, Lust und Ruh in süßen Strömen rinnt.“

Gegen solch poetischen Überschwang setzt Georg Christoph Lichtenberg um 1806 sein ernüchterndes Diktum: „Das Gefühl von Gesundheit erwirbt man sich nur durch Krankheit.“ Es lehnt sich an Johann Wolfgang von Goethe an, der 1789 im Torquato Tasso die Prinzessin sagen lässt: „Ich bin gesund, das heißt: ich bin nicht krank.“ Das genügt den meisten Menschen nicht; wenn man denn schon gesund ist, hätte man lieber noch ein bisschen mehr. „Ein gesunder Körper ist gern gepaart mit einer heitern Seele“ heißt es in August von Kotzebues Drama „Menschenhaß und Reue“ (1789), und Johann Heinrich Voß verstärkt: „Gesund an Leib und Seele sein, das ist der Quell des Lebens“ ( Sämtliche Poetische Werke, 1815).
Das Volk aber weiß, was zum Glück noch dazu gehört: „Ein gesunder, starker Leib, ein gottselig Weib, gut Geschrei (ein guter Ruf ) und bar Geld, ist das Best in der Welt“ sagt ein alter Spruch. Und ein anderer: „Ein gesunder Leib, ein fröhlich freundlich Weib und Freund´, die einander sind gleich, sind drei Stück vom Himmelreich.“ „Gesundheit, Mut und heitern Blick nach oben“ preist Emanuel Geibel als Grundlage „zu echtem Heil“, wobei Preußens Herold offen lässt, wer mit „oben“ gemeint ist: der König, der ihm 300 Taler im Jahr zahlt, oder der Herrgott. In seinem Werk „Zur Diätetik der Seele“ versteigt sich Ernst Freiherr von Feuchtersleben 1838 zu der Schlussfolgerung: „Gesundheit ist nichts anderes als Schönheit, Sittlichkeit und Wahrheit.“

Wo die Moral so bemüht wird, steht das Laster am Pranger, gelten Müßiggang und Reichtum als der Nährboden, auf dem die Gefahren für die Gesundheit wachsen. Der niederschlesische Dichter Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655), ein scharfer Beobachter des Sittenverfalls in und nach dem 30jährigen Krieg, wegen seiner Epigramme von Lessing hochgeschätzt, schreibt in seinen 1654 veröffentlichten „Deutschen Sinngetich-ten“ (sic): „Gesundheit will bei Armen als Reichen lieber stehn; / Wie so? Sie hasset Prassen und stetes Müßiggehn“. In dieser Sprüche-Ouvertüre klingen die großen wie die kleinen Themen dieses „Gesprächs“ an. Gäbe es in der Musik die Note „k“, ließe sich Dieter Dieterichs umfassender Aufsatz (ab S. 4) wie ein klassisches Konzertstück charakterisieren: „G-K-H“, Gesundsein – Krankwerden – Heilenkönnen. Was heißt das hier und heute, unter technisch-wissenschaftlich geprägten Lebensbedingungen? In unserem „Gesundheitssystem“, das einerseits bewundernswerte Spitzenleistungen der Medizin hervorbringt und andererseits selber an allerlei Gebrechen krankt, ja sogar todbringende Krankheiten (Sepsis im OP-Saal) erst erzeugt?

Im Interview, das Günter Geschke mit Hans- Joachim Liebing geführt hat, findetdieser entschiedene Kritiker der Schulmedizin herausfordernde Antworten, erhebt er beunruhigende Vorwürfe gegen den „medizinisch-industriellen Komplex“ (S. 14 ff). Beide generierten eine Betrachtung des ehemaligen Chemieforschers Dieter Dieterich zur produktiven Rolle des Irrtums in der Wissenschaft: „Wir irren uns empor“ (S. 23 f). In Liebings Kerbe wiederum schlägt eine neue dänische Studie, über die Hendrik Geschke ( S. 20 f) berichtet; sie weist die Gefährlichkeit des weltweit meistverkauften Mittels gegen zuviel Magensäure nach. Von der heilenden Zunft meldet sich die Physiotherapeutin Angela Dieterich zu Wort. Sie referiert den anstrengenden Wandel ihres Faches, das für die Behandlung von Gelenk-, Knochen- und Muskelschmerzen und in der „Reha“ immer wichtiger wird (S. 25 f).

Die sogenannte „alternative Medizin“ (Homöopathie, TCM z.B.) wird zwar auch in Deutschland stärker in Anspruch genommen, gilt aber immer noch als „Underdog“. In der Schweiz hat man ihr jetzt per Volksabstimmung mit Zweidrittelmehrheit Verfassungsrang verschafft. Wie es dazu kam und was es bedeutet, referiert und kommentiert Markus Mühler (S. 27 f). Hans Bremer berichtet über den „Kulturkrieg“ in den USA um Obamas Gesundheitsreform (S. 43 ff). Nach Kaschmir und in die koloniale Vergangenheit führt ein anschaulich erzählender Beitrag unserer Leserin Helen Schreiner über das Volk der Hunza, kerngesund durch seine beispielhafte Lebensführung (S. 29 ff). Für uns verwöhnte Europäer hat der Schauspieler Jürgen Schilling ein wohlfeiles Rezept: „Gut gekaut ist halb verdaut!“ (S. 34 ff).

Über gute und böse Erfahrungen mit den „Göttern in Weiß“ berichtet Günter Geschke in „Alle meine Ärzte“ (S. 38 ff). Theodor Weißenborns „Patientengeschichten“ (S. 59 ff) rüh ren ans Herz. Schließlich verleihen zwei legendenhafte Märchen – ein in dianisches über Heilpflanzen (S. 62), ein bulgarisches über zwei rivalisie rende Meisterheiler (S. 64) – unserem großen Thema eine unerwartete Tiefendimension.– Weitere Anregungen finden Sie nebenan.

Herzlich,

Ihr
Günter Geschke


A U S D E M I N H AL T :

Dieter Dieterich:
Kranksein im und am „System“ Gesundheit ist mehr als biologische Funktionstüchtigkeit
GadF-Interview:
Auf welche Medizin ist denn Verlaß? Hans-Joachim Liebing nimmt die „Schulmedizin“ aufs Korn
Hendrik Geschke:
Der 12-Milliarden-Dollar-Reflux Über gefährliche Nebenwirkungen gewisser Magenmedikamente
Dieter Dieterich:
„Wir irren uns empor“ An die Kritiker von Wissenschaft und Schulmedizin
Angela Dieterich:
Zur Akademisierung der Krankengymnastik Meine Erfahrungen auf dem Weg zur Physiotherapeutin
Helen Schreiner:
Wie andere Völker Krankheiten vorbeugen
Günter Baumgart interviewt den SchauspielerJürgen Schilling
Gut gekaut ist halb verdaut – Zur Wiederentdeckung des Nötigen
Günter Geschke:
Alle meine Ärzte – 7 Jahrzehnte als Patient
Hans Bremer:
Der Kulturkrieg um Obamas Gesundheitsreform
Theodor Weißenborn:
Patientengeschichten
Zwei Märchen:
Wie die Heilpflanzen zu den Menschen kamen
Der Schüler des Arztes. Von Macht und Eifersucht in der Heilkunst


U N S E R F O R U M

Mit Briefen von G. Böttcher, H. Ingebrand, Dr. H. Willkomm Zur Diskussion gestellt: Darmtransplantation – Machen, was machbar ist?

BÜCHER BÜCHER BÜCHER

Rezensionen von:

Dieter Dieterich
zu Peter Sloterdijk: „Du mußt dein Leben ändern“ –

Dr. med. Horst Koch zu Peter Schauder et al. (Hrsg.):
Zukunft sichern: Senkung der Zahl chronisch Kranker... (eine realistische) Utopie –

Günter Baumgart zu Kurt G. Blüchel, H. Sieger (Hsg.): Krisenmangerin Natur. Was Wirtschaft und Gesellschaft vom erfolgreichsten Unternehmer aller Zeiten lernen können.

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IN EIGENER SACHE / IMPRESSUM / ANSCHRIFT

In den nächsten Heften (Nr. 390, Herbst und Winter 2009):

Ich und Ich oder Ich und du? Über den Wandel unserer Beziehungen
Wenn die Liebe der Möglichkeiten die Möglichkeiten der Liebe verdrängt

(Nr.391, Frühjahr/Sommer 2010)Klimawandel und Ernährung
Die Liebe zur Umwelt geht auch durch den Magen




Von der Krankengymnastin zur Physiotherapeutin Zur Akademisierung meiner Berufsgruppe

Von
Angela Dieterich


Das Thema bedeutet für mich konkret den Übergang von arzt-zentrierter Auftragsarbeit zur klientenorientierten Gesundheitsberatung – zugleich persönlich auch den von der jungen, gesunden Krankengymnastin zur älteren und erfahrenen Physiotherapeutin, die ihre eigenen Beschwerden ganz gut im Griff hat. Seit 1983, als ich physiotherapeutisch zu arbeiten begann, beschäftige ich mich mit Krankheit, Therapie und Gesundheit oder auch dem erreichbaren Zustand, der der Gesundheit am nächsten kommt. Jetzt, 26 Jahre später, habe ich mich persönlich entwikkelt; der Zeitgeist hat sich verändert und das Gesundheitswesen mit den darin Beschäftigten steht unter immer größerem Finanzdruck. Nach meiner Ausbildung war ich „Krankengymnastin“. Seit 1994 sind wir „Physiotherapeuten“, ich nehme an der Akademisierung meiner Berufsgruppe teil und studiere derzeit.

In diesen 26 Jahren hat sich meine Auffassung von Gesundheit und Krankheit verändert. Obwohl dies Teil meiner persönlichen Entwicklung ist, spiegelt sich darin auch Zeitgeist. Zu Beginn der 80erJahre, als ich mit Anfang 20 als Krankengymnastin begann, war für mich Gesundheit der normale Zustand, in dem alles funktioniert, nicht spürbar, sondern selbstverständlich. Krankheit war jede Störung dieses selbstverständlichen Funktionierens. Meine Therapie bestand (vereinfacht gesagt) aus einer Vielzahl verschiedener Reize: Trainingsreize für bestimmte Muskeln, reflektorische Reize durch Herausforderungen wie Balancesituationen, physikalische Reize wie Wärme und Kälte, mechanische Reize durch verschiedene Massagetechniken.
Patienten kamen mit Symptomen, die vom Arzt mit einer Diagnose klassifiziert worden waren. Meine Aufgabe war es, mit den richtigen Reizen diese Symptome zu lindern, womöglich eine Ursache der Symptome zu interpretieren, dem Patienten beizubringen, wie er sich verhalten sollte, um das Symptom nicht wieder zu bekommen. Um das zu leisten, hatte ich in meiner Ausbildung Handlungsanweisungen gelernt, was bei welcher Diagnose zu tun sei. Außerdem hatte ich Grundlagen des gesunden Bewegungsverhaltens, der Biomechanik, Anatomie und Physiologie studiert, um die Patientenbeschwerden und das Bewegungsverhalten interpretieren zu können.
So war das Modell: Der Patient fühlte sich aufgrund seiner Symptome krank, ging zum Arzt, bekam eine Diagnose sowie eine Therapie in Form von Medikamenten, Physiotherapie oder einer Operation. Herauskommen sollte bei der Behandlung mindestens eine Linderung seiner Beschwerden, möglichst deren Verschwinden, was der Patient dann als Gesundheit gedeutet hätte. – Aber oft funktionierte das so nicht! War die Diagnose falsch oder die Handlungsanleitung, oder wusste ich zu wenig oder machte der Patient nicht mit?
Im Laufe eines physiotherapeutischen Berufslebens lernt man viele verschiedene Interpretationsmodelle von Beschwerden, viele Techniken, immer neue Methoden und den Einsatz neuer Geräte. Diese werden oft mit Versprechungen angepriesen, die bis an die Grenze zur Lüge gehen. Bei genauerer Betrachtung erschrecken auch die Widersprüche zwischen den Interpretationsmodellen. Zeitgeist und Mode spielen eine überraschend große Rolle für das, was gesund machen soll. Mir werden immer neue Erklärungsmodelle für Beschwerden angeboten, die mit neuen therapeutischen Konzepten verbunden sind. Meine Erfahrungen mit der Übertragbarkeit der wunderbaren Methoden auf andere Therapeuten und Patienten sind nicht so gut, wie mir zu Beginn der Fortbildungen versprochen wurde. Fazit: manchmal wissen wir, was warum schmerzt und wie es sich zuverlässig beeinflussen lässt, aber oft wissen wir es eben nicht. Manchmal können wir Beschwerden lindern, oft reicht unser Wissen für „Heilung“ nicht aus. Wir arbeiten mit Patienten an einem Weg, Symptome systematisch zu beeinflussen, oder auch nur besser damit zurecht zu kommen, im Rahmen unserer therapeutischen Möglichkeiten und Grenzen.

Ob das viel ist oder wenig, hängt vom Fall ab – und von den Erwartungen des Patienten. Soweit zu dem, was man lernt. Aber auch die eigene Erfahrung entwickelt sich. Meine eigene Gesundheit hat sich verändert. Ich erlebe die Momente des Übergangs zwischen gesund und krank, wenn etwas, was immer funktionierte, plötzlich anfängt zu schmerzen, wenn Symptome anscheinend Bestandteil meines Älterwerdens sind. Soll das „Krankheit“ sein? Wieviel „Heilung“ kann erwartet werden? Was kann ich selbst gegen meine Symptome tun? Wieder komme ich an meine Grenzen. Ich nehme an, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens Symptome am Ort des geringsten Widerstands entwickeln, dort wo ihr Körper den Belastungen des Lebens am wenigsten standhält.
Ich sehe es als meine Aufgabe an, Belastungen des Bewegungssystems zu verstehen, zu beurteilen, ob ein Mensch angemessen mit diesen Belastungen umgeht, und in Aufklärung, Beratung und Physiotherapie (womit wir wieder bei den Reizen wären) den Umgang mit diesen Belastungen zu optimieren. Das geht über eine rein mechanische Betrachtung hinaus, psychologisches Fingerspitzengefühl wird für Therapie erfolg gebraucht, der Patient „macht“ eine erfolgreiche Therapie, er ist Klient, Partner im therapeutischen Geschehen, nicht Objekt.
26 Jahre später ist also für mich Gesundheit ein subjektiv guter Zustand relativer Symptomfreiheit. Krankheit ist, wenn Symptome diesen Zustand zu stark beeinträchtigen, und Therapie hilft dem Menschen, ein Stück weiter in Richtung des gesunderen Zustands zu kommen. Natürlich ist das nicht „mein“ Modell, sondern Ausdruck einer Interpretation von Gesundheit und Krankheit, in die z.B. das Salutogenesemodell von Aaron Antonovsky einfließt (siehe Fußnote), oder die Gesundheitsdefinition der WHO (Weltgesundheitsorganisation). In meinen Augen ist der Knackpunkt dieser Betrachtung der: Ein subjektiv guter Zustand hängt von mehr ab, als nur von Anzahl und Qualität der Symptome. Für Lebensqualität sind diese nur ein Teilaspekt.

Zuletzt zum Handlungsrahmen, unserem Gesundheitswesen: Früher konnte ich als Therapeutin fast so viele Behandlungstermine vergeben, wie der Patient wünschte, manchmal sogar mehr, weil der Arzt mehr Aktivität des Patienten für nötig hielt, auch wenn der Patient sich lieber passiv verhielt.
Heute habe ich einen Katalog der „Regelverordnungsmenge“ zu beachten, 30% nicht ordnungsgemäß ausgefüllte Verordnungen, deren Korrektur ich erreichen muss, ohne den Arzt zu verärgern, umfangreiche Dokumentationspflichten. Und das alles soll ich in ca. einem Drittel der früher üblichen Gesamtbehandlungsdauer und für weniger Geld leisten. Es ist bei uns wie überall: viel mehr zu tun, alles zu dokumentieren, in deutlich weniger Zeit.

Trotzdem muss meine Praxis wirtschaftlich bleiben, damit der Betrieb und seine Arbeitsplätze erhalten bleiben. Ich brauche ein perfektes Management, eine fehlerlose Organisation, und das zwischen lauter Menschen, Menschen, denen es um Gesundheit und Therapie geht, nicht um Formulare. Dieser ständige Druck ist ungesund, macht also krank und trägt so zur Erhaltung des „Systems“ bei.



Angela Dieterich
Praxis am Thie, Reinhäuser Str.1
37130 Gleichen

z.Zt. im Studium an der Curtin University of Technology in Perth, Western Australia.

Fußnote: Aaron Antonovsky, ein amerikanisch-israelischer Medizinsoziologe, erforschte Faktoren, die die subjektive Gesundheit stärken. In seinem Modell befinden wir uns ständig auf einem Kontinuum zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit. Ein gutes Kohärenzgefühl, welches sich aus den Komponenten Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit zusammensetzt, stärke die Fähigkeit sich gesund zu fühlen. (Siehe: www.salutgenese-zentrum.de, oder http://de.wikipedia.org/wiki/ Salutogenese


Wieder besseres Wissen gehandelt... Warum die „Gesundheitsreformen“ stecken blieben

Schon vor 25 Jahren fielen mir viele Ungereimtheiten im Gesundheitswesen auf. Mit Schrecken stellte ich fest, daß es über 200 Krankenkassen gab, daß die Leistungen von Ärzten fast keiner Kontrolle unterlagen und daß Ärztekongresse, gesponsert von der Pharmasparte, zu hunderten in den schönsten Kurorten stattfanden.

Da mich die Sache weiter interessierte, wurde ich Vertrauensmann einer Ersatzkasse und später Mitglied ihrer Vertreterversammlung. Hier konnte ich feststellen: Die Flut von Gesetzesvorschriften und Verordnungen machten das ganze Gesundheitswesen fast undurchschaubar und trieb den Ver-waltungsaufwand in immer größere Höhen. Die Schulung der Krankenkas-senmitarbeiter wurde immer komplizierter. Das erforderte Mitarbeiter von immer höherer Qualifikation und somit auch einen höheren finanziellen Aufwand.

Alle in der „Gesundheitsindustrie“ handelnden Gruppen wollten, wie in den übrigen Industriezweigen, nur durch „Wachstum“, sprich: Vergrößerung, ihren Anteil am Kuchen erhöhen. Jede Gruppe versuchte, ihren Anteil und Einfluß zu vergrößern. Das führte in Verbindung mit neuen und teilweise auch teureren Behandlungen zu enormen Kostensteigerungen.
Ich selbst stellte vor 16 Jahren fest, dass mein Krankenkassenbeitrag innerhalb von ca. 30 Jahren sich um das 23fache gesteigert hatte. Mein Einkommen hatte sich in der selben Zeit, trotz beruflichen Aufstiegs über den Durchschnitt, „nur“ um das 8fache erhöht. Ein „weiter so“ war also für die Zukunft unmöglich. Die Steigerungen der Ausgaben für die Gesundheit würden dann bald die Einnahmen der Beitragszahler übersteigen. Meine Hoffnung, diese Erkenntnisse würden sich auch an verantwortlicher Stelle durchsetzen und zu gezielten politischen Korrekturen des Gesundheitssystems führen, wurde enttäuscht. Der Gruppenegoismus war stets stärker als der Gemeinsinn. Und jeder der das ändern wollte, sah sich alsbald vor eine nicht lösbare Aufgabe gestellt.

Die Aufgabe, vor die unsere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gestellt wurde, war nur teilweise und auch dann nur durch – oft faule – Kompromisse, zu lösen. So wursteln wir uns weiter durch, mit dem Ergebnis, daß die Bürokratie noch mehr wächst, und jede Gruppe im System meint, sie käme zu kurz. Es geht weiter so: Wer am lautesten schreit, bekommt Zugeständnisse – auf Kosten der Beitragszahler. Fazit: auf zur nächsten Gesundheitsreform!


Manfred Geschke

Robert-Koch-Straße 7c
59555 Lippstadt

(Der Autor war lange Jahre Mitglied des Betriebsrats der Firma „Hella“, Lippstadt, und gehörte einige Jahre der Vertreterversammlung der Schwäbisch Gmünder Ersatzkasse an.)


Gut gekaut ist halb verdaut
Eine fast vergessene Fähigkeit - Jürgen Schilling entdeckte sie wieder
Ein Interview mit dem bekannten Schauspieler und Buchautor

Von
Günter Baumgart


Nahezu allen von uns sei eine uralte Fähigkeit abhanden gekommen - der richtige, von der Natur vorgesehene Gebrauch unseres Kauapparates. Das behauptet der Buchautor und Schauspieler Jürgen Schilling und kämpft seit zehn Jahren in Wort und Schrift für eine Renaissance unseres Mund-Bewußtseins. Allem Anschein nach mit großem Erfolg: Sein Büchlein „Kau Dich gesund!“, hat seit 1999 bereits sechs Auflagen erlebt und auch bei Medizinern und Ernährungswissenschaftlern starken Widerhall gefunden. Ein einziger Satz aus den zahlreichen ärztlichen Gutachten hat unseren Kollegen Dr. Günter Baumgart, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „PROVOkant. Dialoge für eine gesündere Gesellschaft“ angeregt, dem Thema auf den Grund zu gehen:

„Der Umgang mit dem Essen ist ein Grundmuster des Umgangs mit uns selbst.“ (Er stammt von dem Arzt, Psychoanalytiker und Hypnotherapeut Dr. Falko Kronsbein.) Darüber sowie über die Bedeutung des Kauens für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden sprach Günter Baumgart mit Jürgen Schilling, der mit einer neuen Wortschöpfung seiner Kampagne für die richtige Nahrungsaufnahme Schwung zu geben versucht: „Schmauen“ für Kauen plus Schauen und Schmecken. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung, das jüngst in „PROVOkant“ (Nr. 3/ 2009) erschienene, auf amüsante Weise belehrende Interview nachzudrucken.

„PROVOkant“: Herr Schilling, haben Sie nie befürchtet, der Titel „Kau Dich gesund!“ könnte Ihrem Buch den Beigeschmack eines Patentrezepts geben?

Jürgen Schilling: Nein, wenn man von einer guten Sache überzeugt ist, hat man keine derartigen Bedenken. Mir war jedoch klar: Das Wort Kauen stellt in unserer Esskultur das folgenschwerste Missverständnis dar.
Gleichsam einen Konflikt zwischen Wissen und Handeln, und den wollte ich unbedingt lösen helfen. Kau Dich gesund! - Hieße das: Wenn Du krank bist, brauchst Du eigentlich weder Arzt noch Medikamente. „Mümmele“ Deine Brötchen nur richtig durch, und Du bist aus dem Schneider?
„Mümmeln“ schon gar nicht, höchstens schmauen. Pardon, zu diesem, Ihrem neuen Wort und seiner Bedeutung kommen wir noch. Sehr schön. Nur so viel vorab: Im Begriff des Schmauens verbinde ich das Schmecken mit dem Kauen. Aber auch in der Verkürzung meines Buchtitels liegt ein wahrer Kern! Nicht von ungefähr schrieb mir der 2003 verstorbene Ehrenvorsitzende der Internationalen Gesellschaft der F. X. Mayr-Ärzte, Dr. Erich Rauch als Vermächtnis in mein Buch:
„Sie haben Recht. Würden die Leute lernen wollen, ganz anders zu essen, würden etliche interne und kardiologische Krankenstationen nicht mehr benötigt werden.“
Ich möchte hervorheben, wie wichtig und genussreich die Mundverdauung für unsere Gesundheit ist. Können Sie in wenigen Sätzen den Kern Ihres Konzepts darlegen? Ich möchte die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Geschmack bringen“, aus ihrer Nahrung allen Wohlgeschmack herauszuziehen. Dabei geht es um ein äußerst harmonisches Zusammenspiel von lustvollem Kauen, Einspeicheln, Riechen und Schmecken der Nahrung. Dieser Prozess sollte im Mund mit dem Ausschmecken jedes Bissens enden, ganz gleich, wie fest oder weich er zu Anfang gewesen ist.
Dabei hat mein Konzept nichts mit dem altbekannten, mühsamen Kauen zu tun. Es ist auch keine Diät, sondern es bewirkt ein neues, gesünderes und genussvolleres Essverhalten, das dauerhaft erhalten bleibt. Man darf dabei essen und trinken, was man möchte, ganz gleich wie lange, wie oft, wie spät und wie süß. Man wird dabei schlank und gesund, und bleibt es auch.

Sie haben dafür den Begriff des „Schmauens“ geprägt? Ein Kunstwort?

Nein, kein Kunstwort. Ein lebendiges, neues Wort. Es steht nicht nur für das genannte Zusammenspiel der Faktoren bei der Mundverdauung, es bedeutet auch – um den Psychoanalytiker Dr. Kronsbein zu zitieren – ein „Schauen auf die Innenwelt“ und „ein Bauen auf die Selbstheilungskräfte“.
Aber Schmauen beinhaltet auch intensives Saugen, ein genüssliches Heraussaugen der Nährstoffe, das uns zur ursprünglichen Ekstase der ersten Erfahrung, zum rein sinnlichen Jetzt des Neugeborenen zurückführt.

Wie sind Sie auf diese Überlegungen gekommen?

Ein Leben lang hatte ich heftige Oberbauchbeschwerden und erhebliches Übergewicht. Kein Medikament und kein Arzt konnten mir helfen. 1990 kam ich zu der Erkenntnis, dass wir alle, kurz bevor wir unsere Nahrung schlucken, einen entscheidenden Fehler begehen. Im Selbstversuch habe ich das Schmauen zunächst nur für mich alleine entdeckt. Ich reduzierte auf diese Weise mein Gewicht dauerhaft um 30 Kilo, ohne auf etwas zu verzichten. Und ich kurierte dadurch auch meine bereits chronischen, therapieresistenten Magenund Darmbeschwerden. Bis heute – also noch 19 Jahre danach – hat sich dieser Erfolg gehalten.

An die Öffentlichkeit getreten sind Sie mit Ihren Erkenntnissen aber nicht erst heute.

Nein, bereits 1999 erschien mein Buch „Kau Dich gesund!“. Es wurde ein Bestseller und „Longseller“ und fand ein lebhaftes Echo. Nicht nur in vielen wertvollen Leserbriefen, auch in eindrucksvollen Feedbacks von Ärzten wurde und wird mir immer wieder aufs Neue von überraschenden Genesungen berichtet. Besonders freuen mich bisher drei wissenschaftliche Studien, die die gesundheitsbringende Kraft des Schmauens belegen. In der bisher letzten Studie konnte z. B. nachgewiesen werden, dass es helfen kann, Diabetes Typ 2 zu verhindern.

Dazu kann man nur gratulieren. Sind Sie Ihrem neuen Essverhalten konsequent treu geblieben? Ohne Rückfälle?

Selbstverständlich! Wer einmal mit dem „Schmau-Virus“ infiziert ist, der bleibt dabei.
Und Ihrer Gesundheit hat es offensichtlich gut getan.

In jeder Hinsicht. Schon der berühmte französische Gourmet Brillat-Savarin schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Werk „Physiologie des Geschmacks“, dass ein Mensch nicht vollkommen glücklich sein kann, solange sein Geschmack nicht befriedigt ist. Schmauen hat mein ganzes Leben revolutioniert - körperlich, geistig und seelisch. Bestimmt liegt es auch daran, dass beim Schmauen deutlich mehr von den Glückshormonen Serotonin und Dopamin freigesetzt wird. Es ist aber auch bestes Gehirn-Jogging.
Wer schmaut, dessen Hirn wird gut mit Sauerstoff versorgt. Man arbeitet effektiver, ja, man wird sogar intelligenter. Das klingt vielleicht übertrieben, aber es ist wissenschaftlich nachgewiesen. Diverse Kau-Studien des Intelligenzforschers Dr. Lehrl von der Universität Erlangen-Nürnberg haben das jedenfalls ergeben. Seit ich das Schmauen praktiziere, bin ich nicht mehr krank gewesen. Erkältungsinfekte, Oberbauchbeschwerden, aber auch andere „Wehwehchen“ sind in meinem Leben zu Fremdwörtern geworden.

Worauf führen Sie diese positiven Wirkungen zurück?

Eine Gegenfrage: Können Sie sich vorstellen, was wohl passierte, wenn beispielsweise der Monteur, der an einem Fertigungsband von BMW die allerersten Handgriffe zu meistern hat, immerzu nur schluderte? An vielen, wenn nicht an allen nachfolgenden Montagestationen gäbe es eine Menge Trouble, und die Fehler des Monteurs an der Station 1 erforderten von den Akteuren der nachgelagerten Stationen viel Aufwand und Kraft für nötige Korrekturen und Improvisationen.
Im Grunde nicht anders verhält es sich am „Fließband“ unserer Verdauung. Unser Mund ist - lässt man Blick und Geruchswahrnehmung einmal weg - das erste Glied dieser „Fertigungskette“. Was im Mund versäumt wird, können die nachgeordneten Verdauungsabschnitte nicht mehr wettmachen. Die meisten Menschen betrachten den Mund, d. h. unseren „ersten Magen“ lediglich als Durchrutsch-Station...
... in der sich Speisen und Getränke aber immerhin genießen lassen, oder?

Gewiss, nur wird dieser Genuss in der Regel auf ein Mindestmaß zurückgestutzt. Kaum richtig zerkleinert und nur wenig eingespeichelt, werden die Bissen meist hastig und vor allem unausgeschmeckt verschlungen. Löffel oder Gabel sind, im Parallelgang eiligst nachbeladen, längst wieder zum schnellen Nachstopfen in die Startpositionen gebracht. Auf diese Weise sind die Gedanken weniger bei dem, was man hat, als bei dem, was man noch nicht hat.

Es steckt also mehr dahinter als nur ein Fehler in der Technologie des Speisens?

Ja. Das Essen als eine tägliche, unvermeidbare Handlung ist doch nur scheinbar trivial. An der Weise, wie wir sie realisieren, lässt sich auch ein Stück unserer ganzen Lebensweise ablesen. Man sagt immer: Du bist, was Du isst. Ich sage: Du bist, wie Du isst. Nicht von dem, was wir essen, leben wir, sondern von dem, wie wir unsere Nahrung verdauen, also: wie wir sie kauen, ausschmecken und aus ihr alle Lust und Leben spendenden Nährstoffe „heraussaugen“. Selbst die teuerste biologische Ernährung bringt uns nur so viel, wie wir selbst ihr abgewinnen. Die Art, wie heutzutage viele Menschen die Speisen zu sich nehmen, trägt längst die Züge unserer Wegwerfgesellschaft.

Inwiefern?

Wir verschleudern Ressourcen. Wir versagen uns einen erheblichen Teil möglichen sinnlichen Genusses. Und wir schaden uns dabei, unserem Körper wie unserer Seele. Wir haben es bei unserer von Hast geprägten Esskultur, richtiger gesagt: -unkultur mit einer Gier zu tun, die uns nur einen allzu kurzfristigen Genuss der Gegenwart gestattet. Nichts hat Bestand. Alles muss schnell geschluckt werden. Wir leben in ständiger Erwartung von Künftigem und zugleich in Angst, etwas zu versäumen. Nebenbei gesagt: Wer sich aufmerksam umschaut, entdeckt dieses Prinzip nicht nur auf dem Gebiet der Ernährung. Wer aber schmaut, ist mit seinen Sinnen dort, wo er gerade verweilt: im Mund. Nicht in der Vergangenheit. Nicht in der Zukunft, sondern im Jetzt.


Zur Diskussion gestellt: Darmtransplantation
Machen, was machbar ist?

von
Günter Geschke


Das Oktoberheft der angesehenen und stets überaus ansehnlichen Monatszeitschrift „GEO“ überrascht mit einer einzigartigen Titelgeschichte und einem auf den ersten Blick befremdlichen, dann doch anziehenden Titelbild:
Im Zentrum drängen sich wurstähnliche Formen, die vom oberen Teil durch ein schlangenähnliches Gebilde getrennt sind. Es ist das raffinierte Zusammenspiel von Farbe und Schatten – alle Übergänge von Rotgold bis Schwarzbraun – das genauer hinschauen und erkennen lässt: Wir haben es mit einem menschlichen Torso zu tun, dessen attraktive Formen - von Brust bis Schambein - nur den äußeren Rahmen abgeben. Hier kommt es auf das Innere an, das was sonst unter Haut und Muskeln verborgen ist: den „Bauch“, vom Magen bis zum Dickdarm, das Kraftwerk und die Fabrik in einem, das System, das den lebensnotwendigen Stoffwechsel mit der Natur in Gang hält.

„Heilung für den Bauch“ kündigt die weiß eingeblendete Titelzeile an, und die Unterzeilen versprechen „Die Medizin bringt Licht in das Labyrinth des Körpers“ und „Drama und Wunder lebensrettender Transplantationen“. Beide Versprechen werden gehalten. Die zu Herzen gehende, dennoch wohltuend Distanz wahrende Reportage der Geo-Redakteurin Hania Luczak, einer promovierten Biochemikerin, die hellwachen Aufnahmen des Fotografen Andreas Reeg, die präzisen lexikalischen Texte und die den „Kosmos im Bauch“ fabelhaft erhellende Grafik (illuteam) fügen sich zu einem überzeugenden, preiswürdigen Ensemble:
populärwissenschaftlicher Journalismus, wie ihn unter den deutschsprachigen Zeitschriften wohl nur GEO zustande bringt – und wie ihn sich das „System GEO“ mit seinen zahlreichen Nebentiteln, Extraausgaben und Lexikas auch leisten kann.

Zehn Monate intensivster Recherche wurden in „Heilung für den Bauch“ investiert. Der harte Kern der Reportage ist eine Spitzenleistung der Bauchchirurgie, ihre Fähigkeit, den kompletten Dünndarm zu transplantieren, einem hirntoten „Spender“ zu entnehmen und in den Leib eines kranken Empfängers zu verpflanzen. Diese, bis 1987 als unmöglich geltende Operation ist immer noch eine der kompliziertesten und risikoreichsten unter den Organverpflanzungen. Aber einige Zentren, darunter das Universitätsklinikum Tübingen, haben sie im „Angebot“ für Menschen, die unter „Morbus Hirschsprung“ leiden, einem teilweisen oder vollständigen Versagen des Dünndarms.

Das GEO-Team hat drei akute Fälle in der voroperativen Phase begleitet, zwei bis in die Zeit nach der geglückten OP. Lenie, knapp vier Jahre alt, ist der anrührendste und spektakulärste Fall: nie zuvor hat man in Deutschland einem so kleinen Kind den Dünndarm ersetzt.
Lenies hatte schon unmittelbar nach der Geburt komplett versagt, als eigentliches Organ der Verdauung wie als „Bauchhirn“, als Steuerungssystem ungezählter Verdauungs- und Immunisierungsvorgänge und als Teilsitz des Unbewussten.
Ein neuer Dünndarm als Rettung?
Hätte man die Ursache nicht sofort diagnostiziert, das Neugeborene wäre innerhalb weniger Tage gestorben. Operationen (vier künstliche Darmausgänge) retteten sein Leben, eine kunstvoll zusammengestellte, täglich neu unter sterilen Bedingungen anzurührende und zu verabreichende Nährflüssigkeit erhielt es.
Die ungeteilte Zuwendung ihrer Eltern und die ständige medizinische Überwachung ließen Lenie zu einem aufgeweckten, liebenswürdigen Mädchen gedeihen.
Aber es hatte nie einen festen Bissen kauen, nie einen Apfel schmecken können, und ihr Überlebensfaden war hauchdünn. Die kleinste Unaufmerksamkeit, eine minimale Verunreinigung der Nährflüssigkeit, irgendeine schwere Infektion hätte Lenie umbringen können. Ein neuer Dünndarm als Rettung?
Eine 80prozentige Chance, die nächsten fünf Jahre zu überleben, konnten die Ärzte versprechen. Die Eltern gingen das Risiko ein. Beinahe 20 Stunden dauerte die ungemein anstrengende, außerordentlich aufwändige Transplantation des Dünndarms eines gleichaltrigen, bei einem Verkehrsunfall getöteten Mädchens.
Die Beschreibung und Bebilderung in GEO nahmen mich bei meiner nächtlichen Lektüre gefangen. Ich fühlte mit, bangte bei jeder Komplikation, zitterte dem Gelingen entgegen, war am Ende erlöst, als wäre es um das eigene Enkelkind gegangen. Das ist wahrlich meisterhaft gemacht, rundum gelungen, dachte ich. Herzlichen Glückwunsch an die Kollegen! Aber am Morgen danach klopften leise Bedenken an, verdichteten sich zu Fragen: Hatte ich etwas überlesen? Etwa: In welchem Verhältnis stehen eigentlich Aufwand und Ertrag all dieser schier unmenschlichen Anstrengungen? Schlichter: Welche Krankenkasse zahlt welche Kosten, vielleicht zu Lasten anderen, dringenderen Bedarfs?
Welcher Forschungsetat steckt welche Summen in dieses ehrgeizige Projekt? Und welche Interessen der Pharmabranche werden bedient, wenn diese oder jene Entdeckung gelingt? Kein Wort davon fand ich beim Wiederlesen.
Ich stellte mir selbst auch diese Fragen: Was haben denn die Eltern im Sinn gehabt, als sie das todgeweihte Baby unter allen Umständen retten mussten? Welches Leben muteten sie Lenie damit zu – und welche Last sich selber, wenn unter diesen Umständen an weiteres Kinderkriegen nicht zu denken war?
Schließlich: Welche Motive bewegten die ärzte bei der ersten Operation? Warum rieten sie, die doch die Folgen am besten vermochten, den Eltern nicht ab? Etwa schon mit erwartungsvollem Blick auf die spätere Transplantation? Ist Machbarkeit an sich denn schon Legitimation für Handeln?
Es fällt mir schwer diese Fragen allein zu beantworten. Deshalb stelle ich sie hier in unser Forum. Vielleicht, hoffentlich, können sie mir helfen.

Günter Geschke
E-mail:
Gueges@t-online.de


Der Schüler des Arztes Von Macht, List und Eifersucht in der Heilkunst

Ein bulgarisches Märchen
Dies geschah vor langer Zeit. Da gab es dich noch nicht auf der Welt, auch nicht deinen Vater oder Großvater. Dazumal regierte Zar Boris über Bulgarien. Er lebte in der Stadt Pliska, in einem großen Palast. Und wie jeder Zar hatte auch er einen Hofarzt. Von diesem Arzt wollen wir erzählen. Der Arzt hieß Wassil, und die Leute sagten, daß er von Griechen abstamme. Er war hochgelehrt und tüchtig. Jede Krankheit erkannte er, und für jedes Leiden wußte er ein Heilmittel zu bereiten. Wer ihn die Heilkunst gelehrt hatte, wissen wir nicht. Er selber gab sein Wissen an keinen weiter. Einsam, wie ein Kauz in einer Baumhöhle, lebte er und hütete seine Geheimnisse.

Nicht einmal einen Diener hielt er sich, aus Angst, der könne ihm das Zubereiten der Arzneien abgucken, könne ein Krümchen seiner Weisheit aufsammeln. Er war wie eine Truhe, in der fest verschlossen ein Schatz lag. Aber auch zu diesem Schloß fand sich ein Schlüssel. Eines Tages kam ein taubstummer Bursche zu dem Arzt, stieß klägliche Laute aus und gab durch Gesten zu verstehen, er sei für ein Stück Brot bereit, ihm treu und redlich zu dienen. Nun war der Arzt zu allem Überfluß auch noch geizig. Er nahm den Burschen in seinen Dienst.
Denn er dachte: Er kostet mich keinen Pfennig und sollte er etwas erspähen so kann er doch nichts hören, und sollte er etwas begreifen, so kann er es doch keinem erzählen Was der Arzt nicht wußte, das wissen wir, und ihr sollt es erfahren. Dieser Bursche namens Radomir lebte früher in einem armen Fischerdorf am Meer. Er hatte flinke Augen, scharfe Ohren, eine schlagfertige Zunge und einen hellen Verstand. Von klein auf wollte Radomir alles wissen und begreifen. Er wuchs heran und verließ sein Heimatdorf. Als er nach Pliska kam und von dem Arzt Wassil hörte, beschloß er: Das ist etwas für mich! Wenn ich den alten Fuchs nicht überliste und ihm seine Geheimnisse entreiße, bin ich ein Dummkopf.

Und er stellte sich taubstumm, und zwar so kunstvoll, daß Wassil trotz seiner Weisheit den Betrug nicht durchschaute. Sieben lange Jahre diente Radomir dem Arzt Wassil. Er zerrieb ihm Kräuter, trocknete Wurzeln und bereitete Aufgüsse aus Blüten. Und wenn er den Boden fegte und die Glaskolben wusch, prägte er sich die wunderlichen Bezeichnungen der Pulver und Mixturen ein, die der gelehrte Arzt vor sich hin murmelte. Des Nachts wälzte er in seiner Kammer dicke Bücher.
Noch sieben lange Jahre vergingen. Wassil nahm ihn mit zu den Kranken. Radomir durfte sie zur Ader lassen, ihnen Blutegel ansetzen und Umschläge machen. Er lernte die Krankheiten erkennen, erfuhr, wie sie entstanden und wie sie zu heilen waren.

So kam er hinter alle Geheimnisse der Heilkunde und nahm sich die Schätze aus der verschlossenen Truhe. Und sein junges Gedächtnis und sein scharfer Verstand vermehrten diese Schätze noch. In all den vierzehn Jahren sprach Radomir kein einziges Wort, gab kein einziges Mal zu erkennen, daß er einen lebendigen Laut von tödlicher Stille unterschied.
Indes war dem Zaren Boris sein Töchterchen Marina herangewachsen.. Aus dem übermütigen kleinen Mädchen war vor aller Augen eine Schönheit geworden – weiß wie Schnee, rot wie eine Rose, strahlend wie die Sonne am wolkenlosen Himmel. Zar Boris liebte seine Tochter über alles. Er hütete sie vor jedem Lufthauch, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Alle im Palast waren ihr von Herzen zugetan, nicht nur ob ihrer Schönheit, sondern auch ob ihres freundlichen Wesens.

Eines Tages tummelte sich Marina mit ihren Freundinnen im Palastgarten auf einer Wiese. Die Zarentochter versteckte sich tief im Gebüsch, so daß keiner sie fand. Sie wartete und wartete und merkte selbst nicht, wie sie der Schlaf übermannte. Sie schlummerte nur einen Augenblick grad so lange, daß die Sonne ihren Schatten um ein Ameisenschrittchen weiterschieben konnte. Aber ein Unglück ist schnell geschehen. Als sie erwachte, war sie wie ausgewechselt. Ihr schwindelte, und der ganze Körper tat ihr weh.
Seit jenem Tag welkte die Zarentochter Marina dahin. Das Rosenrot ihrer Wangen erlosch, die klaren Augen trübten sich. Bald plagte sie Hitze, bald Kälte, am schlimmsten aber war das Kopfweh. Der Arzt Wassil probierte alle Heilmittel aus. Keines schlug an. Der Zarentochter ging es von Tag zu Tag schlechter. Bald konnte sie nicht mehr das Bett verlassen, lag mit geschlossenen Augen und stöhnte.

Zar Boris verlor vor Kummer beinah den Verstand. Und der Arzt wußte nicht, wie er dem Übel beikommen sollte. Unser Radomir hatte das Geheimnis des Leidens längst erkannt, fürchtete aber, sich preiszugeben. Denn mit einem Wort würde er alles zunichte machen, was er in vierzehn Jahren aufgebaut hatte.
Wassil ging daran, eine neue Mixtur zuzubereiten Er mischte den Aufguß von zehn Kräutern, zerstampfte im Mörser neun seltene Steine zu feinem Pulver und schüttete es dazu. Dann dachte er nach. Was sollte er noch tun? Da faßte sich Radomir ein Herz. Er trat vor seinen Herrn und machte sich ihm durch Gesten verständlich. Er legte sich die Handfläche auf den Scheitel, berührte die Ohren. Dann hob er den Deckel von einem Gefäß, in dem Wassil sein Gebräu kochte, sah hinein und spreizte die Finger.

Die Augen des Hofarztes leuchteten freudig auf: Er hatte begriffen, was ihm der Diener sagen wollte. Doch gleich darauf runzelte er böse die Brauen: Er hatte auch begriffen, daß sein Diener in das Geheimnis der Heilkunde eingedrungen war.
Na, macht nichts! dachte Wassil. Er hat es nun mal erlernt. Sein Wissen, das er mir abgeguckt hat, wird er mit ins Grab nehmen. Denn er ist taub und stumm! Niemand wird erfahren, was er weiß. Der Arzt goß seine Mixtur aus zehn Kräutern und neun Pülverchen weg und ging zu Zar Boris. «Ich weiß nun, was für ein Leiden deine Tochter peinigt», sprach er zu ihm. «Es ist eine schwere, unheilbare Krankheit. Und nur ein Mittel kann ihr helfen.. .»

«Was zögerst du noch?» rief der Zar. «Höre mich an, Herrscher», antwortete Wassil. «Dieses Mittel ist wie eine hochgeworfene Münze: auf der einen Seite – Gesundheit, auf der anderen – Tod. Und niemand weiß, auf welche Seite sie fallen wird.» Da weinte Zar Boris und sprach: «Fragen wir meine Tochter. Was sie entscheidet, soll geschehen.»
Marina war zu schwach, die Augen aufzuschlagen, sie flüsterte nur: «Komme, was kommen muß! Ich kann diese Qual nicht länger ertragen. Vertrau mich diesem Arzt an, Vater.»

«Du hast es gehört», sagte der Zar zu dem Heilkundigen. «Geh ans Werk.» «Des Zaren Wort ist des Zaren Wille », antwortete Wassil. «Gib mir einen Schutzbrief, und darin schreibe: Wenn die Zarentochter sterben sollte, wirst du deinen Zorn nicht an mir auslassen.»
«Ich werde dir so ein Schreiben geben », willigte der Zar ein. «Und ich setze noch hinzu: Gibst du mein geliebtes Kind dem Leben wieder, so erfülle ich dir jeden Wunsch.» Stets hatte Wassil seinen stummen Diener mit ans Bett eines Kranken genommen, doch jetzt bedeutete er ihm hinauszugehen. Arzt und Zar blieben allein, in Marinas Schlafgemach und verschlossen die Tür. Wassil flößte der Zarentochter einen Trank ein und wartete, bis sie in tiefen Schlaf gesunken war.

Indes war unser Radomir über eine, Wendeltreppe heimlich auf den Dachboden gestiegen. Er hatte bemerkt, daß unter der hohen Decke des Schlafgemachs winzige Fenster in die Stuckverzierungen eingelassen waren. Und an solch ein Fensterchen schmiegte er sich.
So konnte er alles sehen und hören. Die Zarentochter Marina schlief tief und fest, schien überhaupt nicht mehr zu atmen, sah aus wie tot. Nun nahm Wassil ein spitzes Messer und machte hinter ihrem zarten Ohr einen Schnitt. Was zeigte sich da? Ein großer Holzbock hatte sich ihr tief ins Hirn gebohrt. Er war es, der sie Tag und Nacht gepeinigt hatte. «Sieh her», sagte der Arzt zu Zar Boris, «das ist die Ursache der Krankheit. Der Holzbock ist der Zarentochter durchs Ohr in den Kopf gekrochen, derweil sie im Garten schlummerte. Sei stark, Zar! Gleich wird sich entscheiden, ob deine Tochter am Leben bleibt.»

Und Wassil setzte schon die Zange an, um den Holzbock herauszuziehen. Aber da schallte von oben eine Stimme: «Halt ein, Meister! So wirst du sie töten!» Zar Boris erstarrte, und dem Arzt war die Hand mit der Zange wie gelähmt. Die Stimme aber sprach weiter: «Fürchtet euch nicht! Ich bin es, der Diener Radomir. Hör zu, Wassil. Mache eine Nadel weißglühend und spieße sie dem Holzbock in den Bauch: So lösen sich seine Kiefer und erschlaffen seine Beine. Dann zieh ihn heraus.» Der Arzt befolgte den Rat. Da kehrte das Leben in die Zarentochter zurück. Zwar schlief sie noch fest, aber ihr Atem ging gleichmäßig, und ihre bleichen Wangen färbten sich rosig.

Wassil schloß die Wunde, bestrich sie mit duftenden Salben, verband sie mit einem Leinentuch und sagte zu Zar Boris: «Jetzt braucht sie nur noch ein Heilmittel: ruhigen Schlaf. Laßt sie schlafen, bis sie von selbst aufwacht.» Und beide gingen auf Zehenspitzen aus dem Schlafgemach. Am nächsten Tag lächelte die Zarentochter. Am übernächsten lachte sie und verlangte zu essen. Und am dritten Tag erhob sie sich vom Bett.
Da beschied Zar Boris den Arzt Wassil und seinen Diener zu sich. Als sie vor ihm standen, sprach er: «Du hast gesagt, eines Zaren Wort sei trügerisch, nun wisse, daß mein Wort härter ist als Diamant. Nenne mir deinen Wunsch, ich werde ihn erfüllen. » «Lasse meinen Diener hinrichten, Zar!» Zar Boris runzelte die Stirn. «Wünsch dir etwas anderes», sagte er. «Ich habe dir mein Wort gegeben, doch am Bett meiner kranken Tochter habe ich mir geschworen, auch deinen Diener

zu belohnen. Denn ihr beide wart wie zwei Flügel eines Vogels, der meiner Tochter das Leben gebracht hat.» «Aber Zar, ich habe dein Schreiben.» Der Arzt bestand auf seinem Verlangen. Da trat Radomir vor. «Zar Boris, erlaube einem Mann zu sprechen, der so viele Jahre geschwiegen hat. Ich weiß, daß Wassil nicht nachgeben wird. Er wünscht meinen Tod. Und du mußt dein Versprechen halten. Befiehl also: Der Arzt soll ein Gift bereiten und mir zu trinken geben. Bleibe ich aber am Leben, so werde ich ein Gift bereiten, und er soll es trinken. Dann sind deine beiden Schwüre erfüllt.»
«Nun denn! Ich bin einverstanden», erwiderte der Zar und dachte bei sich: Um beide ist es schade, aber was soll ich tun! Wer unversehrt aus diesem schrecklichen Wettstreit hervorgeht, der ist wirklich der bessere Heilkünstler. Er soll mein Hofarzt werden. Am nächsten Morgen brachte Wassil ein Gift, das er die ganze Nacht gebraut hatte, und Radomir leerte vor den Augen des Zaren den Becher bis auf den Grund. Dann fragte er den Arzt: «Wie lange habe ich noch zu leben?»

«Gegen Abend bist du tot», antwortete Wassil und lächelte hämisch. «Gegen Abend komme ich wieder», sagte Radomir und lachte, «dann bringe ich das Gift für dich. Du aber, Zar, untersage allen im Palast, sich tagsüber meiner Tür oder meinem Fenster zu nähern. Selbst ein Rüchlein Dampf von meinem brodelnden Gebräu ist tödlich.» Wassil knirschte mit den Zähnen. «Du wirst den Sonnenuntergang nicht mehr erleben! Ich brauche dein Gift nicht zu trinken.»
«Du dauerst mich, Meister!» antwortete Radomir. Kaum hatte sich die Sonne hinterm Berg versteckt, als Radomir vor den König trat. «Du siehst, Zar, ich bin heil und lebendig. Jetzt schau her!» sagte er und nahm eine leere Schale vom Tisch. «Ich fülle sie mit einem Gift, für das es kein Gegengift gibt. Denn es ist kein Gift.» Mit diesen Worten füllte Radomir die Schale mit Quellwasser, das mitten im Saal aus einem Springbrunnen sprudelte. Da tat sich die Tür auf, und Wassil trat ein. Als er seinen Schüler mit der Schale in der Hand erblickte, wich er zurück.

«Hölle und Teufel! Du hast mein Gift an Farbe, Geruch und Geschmack erkannt und ein Gegengift bereitet.» «So ist es!» antwortete Radomir. «Nicht umsonst bin ich dein Schüler!» «Aber vergiß nicht, daß ich dein Meister bin! Messen wir unsere Kräfte ein letztes Mal!» «Ich will nicht deinen Tod, wie du den meinen wolltest. Höre, was ich dir sage. Wenn du das Gift erkennst, bist du gerettet. Wenn nicht, stirbst du nach dem ersten Schluck. Nimm das!»
Und Radomir reichte ihm die Schale mit Wasser. Wassil sah in die Schale und erbleichte, der Trunk war farblos. Dann roch er an der durchsichtigen Flüssigkeit und wurde leichenfahl, das Gift war geruchlos. Dann führte er mit bebender Hand die Schale an die Lippen, nahm einen Schluck und fiel tot um. Die Angst hatte ihn getötet. So endete dieser Streit. Radomir aber wurde zum Hofarzt ernannt. Er lebte viele Jahre und machte viele Menschen gesund. Und nach seinem Tode hinterließ er drei Schüler. Er hatte sie all das gelehrt, was er selber wußte.


Aus:
Das Luchsfellchen. Märchen slawischer Völker. Der Kinderbuchverlag Berlin, 1982 Illustrationen von N. Pohl, Übersetzungen aus dem Russischen von Renate Landa

„Es ist alles schon mal dagewesen“ ließe sich der plötzliche Tod des eifersüchtigen Heilkundigen Wassil im vorstehenden Märchentext kommentieren. Denn dass er durch einen Schluck reinen Wassers stirbt, ist ja im Kern nichts anderes als die Anwendung und Wirkung des „Placebo- Effekts“; den kannten also auch die alten Bulgaren schon.

Der Spruch „Die Welt ist ein Dorf“ wiederum paßt auf die Umstände bei der Beschaffung auch dieses Textes mithilfe von Herta und Arnim Juhre. Er wies eine Renate Landa als Übersetzerin aus, mit dem GadFRedakteur seit langem unter ihrem Ehenamen Reschke befreundet. Ein Anruf in Berlin verhalf ihr zu dieser schönen Erinnerung an den Beginn ihrer Karriere:

„Eine Mär erzählen mag ich nicht, zu fabulieren wag ich nicht, unwahre Geschichten will ich nicht dichten, also sage ich die Wahrheit.“ So fängt ein ukrainisches Märchen an. Und ich sage die Wahrheit, wenn ich hier erzähle, dass mir das Märchenbuch „Das Luchsfellchen“ sehr am Herzen liegt, denn es war meine erste größere Übersetzung. Ich habe die Märchen vor mehr als dreißig Jahren für den Kinderbuchverlag Berlin in der DDR übersetzt, der das Buch mit großer Sorgfalt lektorierte und ausstattete. Meist habe ich Scheu, nach langer Zeit in meine alten Übersetzungen zu schauen, denn da finde ich doch schon mal Stellen, die ich heute anders übersetzen würde.

Aber als ich jetzt den „Schüler des Arztes“ wieder las, hat mich das Märchen mit seiner tiefen Volksweisheit genauso gefangen genommen wie vor dreißig Jahren (auch die Übersetzung fand ich nicht ganz schlecht).
32 slawische Märchen sind in dem Buch versammelt, Märchen voller Poesie, die von tapferen Helden, bösen Hexen und Waldgeistern, von schwatzhaften Frauen und faulen Männern erzählen, von sagenhaften Abenteuern, von Dummheit und Klugheit, Mut und Feigheit, vor allem aber von Liebe. Jedes Märchen hat seinen eigenen Zauber. Ich habe gern noch einmal darin gelesen.

Renate Reschke (Landa)



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