AUSGABE NR.: 385
Revolution – nun auch in der Biologie
Über das „Fühlen“ als grundlegende Eigenschaft alles Lebendigen
Autor: Professor Dr. Dieter Dieterich
AUSZUG:
Die Besprechung dieses erstaunlichen Buchs hätte eigentlich ins vorige Heft des GadF gehört. Dessen Titel „Das hab’ ich im Gefühl...!“, bezieht sich auf Menschen; Weber geht darüber hinaus und versteht „Fühlen“ im denkbar weitesten Sinn als grundlegende Eigenschaft allen Lebens. Er behauptet damit, dass alles Lebendige, von der Zelle bis zum Organismus die grundlegende Eigenschaft der Subjektivität aufweist. Diese äußert sich zum Beispiel in Zielgerichtetheit und Kommunikationsfähigkeit. So in Kürze Webers Kernthese.
Wenn dieses Buch erst jetzt, sozusagen als Nachtrag zum vorigen Heft vorgestellt wird, so liegt dies daran, dass der Rezensent es erst kürzlich entdeckt hat, nachdem es im Märzheft der Zeitschrift „Naturwissenschaftliche Rundschau“ von dem bekannten Biologen und zugleich Theologen Prof. Dr. Günter Altner vorgestellt worden war. Um den Impuls der Kernsätze des Werks einschätzen zu können, muss die Situation, in die es geschrieben wurde, ein wenig beleuchtet werden.
Blicke ich auf die wissenschaftliche Biologie des 20. Jahrhunderts zurück, dann erscheint sie mir strukturell vergleichbar mit der Physik am Ende des 19. Jahrhunderts: festgefügt und streng objektivierend nach wenigen rationalen Prinzipien, intellektuell nachvollziehbar und geradezu unantastbar in ihrer fakten-orientierten Strenge.
Kaum aber war das 19. Jahrhundert zu Ende, erfolgte zur größten Überraschung und auch dem Widerspruch der Fachwelt ein „Umsturz im Weltbild der Physik“; so der Titel eines Buches, das diese physikalische Revolution verständlich und populär machte. In den Jahren vor dem Abitur sog ich diese Entwicklungsgeschichte begierig auf. Sie war die Grundlage meiner „Abiturientenrede“ zur Verabschiedung aus der Schule. Heute ist Quantenphysik samt ihren beeindruckenden Anwendungen, z.B. der Laser-, Halbleiter- und Informationstechnologie unverzichtbarer Teil des modernen Wissenskanons.
Seit Jahren erhoffe ich eine irgendwie vergleichbare Revolution in der Biologie, die sich allzulange von ihrer monokausalen physikalisch-chemischen Sichtweise nicht trennen konnte und auch nicht trennen wollte und sich immer mehr zu einer Molekularbiologie entwickelte – unvermeidlicherweise mit der Medizin und dem naturwissenschaftlichen Menschenbild im Schlepptau. Nun erfahre ich von Andreas Weber, dass Vorboten solch erhoffter Revolution längst am Werke waren, allerdings eher abseits vom „mainstream“ und kaum wahrgenommen von einer breiteren Öffentlichkeit.
Heute aber sprengt die eigentlich uralte Erkenntnis das ihr aufgezwungene rationalistische Korsett und, siehe da, Lebendigkeit tritt in den Vordergrund: Alles fühlt! Zweierlei wird dabei deutlich: Erstens auf der sogenannten Sachebene (res extensa) der objektiv-subjektive untrennbare Doppelcharakter alles Lebendigen. Subjektivität, bisher verpönt und verschwiegen, wird eine wissenschaftliche Kategorie. Zweitens: auf der Beobachterebene (res cogitans) werden die beobachtenden Subjekte und damit auch die Wissenschaftler von ihrem rein funktionalen Dasein befreit. Der Forscher darf, ja er sollte wieder ganz Mensch sein. Sein Mitgefühl wird zum Organ der Erkenntnis. Das Selbstverständnis des innigst naturverbundenen Begründers des Franziskanerordens, Franz von Assisi (1181-1226), das in jedem von uns schlummert, muss nicht länger unterdrückt, verborgen und als rührende Romantik abgetan werden: es ist real und elementar-menschlich. Wird solches Selbstverständnis auch gelebt, verliert sich das fatal-individualistische Gefühl sinnverlorener Einsamkeit und Degradierung zum austauschbaren Funktionsträger.
Es bleibt unbestritten, dass die elementaren identifizierbaren Bausteine der Biologie physikalischer und chemischer Natur sind und prinzipiell den Gesetzen von Physik und Chemie gehorchen. Das Konstrukt einer spezifisch biologischen Größe namens „Lebenskraft“ (lateinisch vis vitalis) ist gescheitert. Die im Labor aus einer Chemikalie vollzogene chemische Synthese eines ganz typisch vom „Lebendigen“ herkommenden Stoffes, nämlich Harnstoff, hat der physikalisch- chemischen Sicht auf die Lebensphänomene ungeheuren Auftrieb gegeben. Sie reicht aber immer nur für spezielle Detail-Erklärungen und bekommt das Phänomen „Zelle“, „Organ“, gar „Organismus“ jeweils als schaft, sondern eine Wissenschaft des Herzens. (S.14)
... Dass die Materie selbst schöpferisch ist, dass sie einem Prinzip der Fülle folgt und Subjektivität aus sich hervorbringt. Das ist der Weg einer „Schöpferischen Ökologie“, die ich ... vorstellen will. (S.14)
Wir haben ein Jahrhundert der beispiellosen humanitären und ökologischen Katastrophen hinter uns – und wir sehen weiteren entgegen. Recht zu verstehen, was das Leben ist, wird über unsere Zukunft entscheiden. (S.16)
Menschen suchen die Natur, weil sie etwas in sich selbst verloren haben. Denn in seinem Körper ist auch der Mensch Natur. (S.17)
Biologen waren ihrem Vorbild, den Physikern, gefolgt. Sie hatten es sich zur Devise gemacht, das Leben ausschließlich mit den Bauteilen der toten Materie zu begreifen. Darwinisten taten Gefühl und Empfindung als Illusionen ab – als sentimentale Köder, deren Zweck i n W a h r h e i t darin besteht, möglichst viele Nachkommen mit den gleichen Genen hervorzubringen. jedes andere Bild galt – und gilt vielen immer noch – als unwissenschaftlich .... (S.29)
Biologen legen heute den Grundstein für eine radikal gewandelte Auffassung des Lebens. Sie glauben: Ohne das Fühlen zu berücksichtigen, ist der Aufbau eines Lebewesens nicht zu verstehen – und muss auch unsere eigene Innenwelt letztlich rätselhaft bleiben. (S.42)
Francisco Varela (1946-2001, chilenischer Biologe, Philosoph und Neurowissenschaftler) ist der Denker, der Karl Ernst von Baers (1792- 1876; baltischer Naturforscher, Entdecker der Säugetier-Eizellen) und Jakob von Uexkülls (1864-1944) Idee der Schöpferischen Ökologie mit begrifflicher Präzision gefüllt hat – freilich ohne deren Arbeiten zu kennen. Varela hat naturwissenschaftlich begründet, warum Lebewesen Subjekte sind. „Leben ist der andauernde Vorgang, eine Identität aufzubauen.“ Ein Gebilde lebt, wenn es sich über eine längere Zeit von selbst als Ganzes erhält – auch gegen Störungen von außen. Radikaler ausgedrückt: Leben ist keine Kaskade von Reaktionen, sondern ihr Gegenteil: Autonomie. (S.54)
Varela ging fest davon aus, dass unser Körper und unsere Seele nicht zwei voneinander isolierte Dinge sind, sondern zwei Seiten der gleichen Wirklichkeit. (S.55)
Für Varela lag das Geheimnis darin: Lebewesen sind gerade solche Gebilde, die vorrangig mit sich selbst befasst sind. ... Jeder Vergleich mit einer künstlichen Maschine geht fehl, weil diese nicht ihre eigene Fortdauer anstrebt. .... besteht die Essenz des Organischen darin, dass eine lebende Zelle ihre eigenen Bauteile beständig selbst produziert. Eine Zelle betreibt Selbstschöpfung. Sie ist die materielle Umsetzung des Prinzips der Subjektivität. (S.55/56).
Gefühl ist die Form, wie subjektive Bedeutung erlebt wird. (S.61) Denn anders, als die meisten Wissenschaftler vermutet haben, befindet sich in den Genen nicht die komplette Montageskizze für ein Wesen. ... Wie ein Singvogel, der nur dann ein Nest baut, wenn langes Tageslicht und warme Strahlen den Hormonpegel in seinem Blut angehoben haben, antworten Zellen entsprechend ihrer individuellen Situation auf die Botschaften der DNA mal so und mal anders. .... Nicht von oben gesteuert, sondern als Chor autonomer Komponenten sind Organismen möglich. (S.71-73)
Zwecke, die Zwecke der Wesen, sind ein biologisches Phänomen und eine physikalische Macht, die Materie zu ordnen vermag. (S.76)
Wie anders sähe eine Religion aus, die .... davon ausginge, dass Gott die Welt nicht schuf wie ein Objekt, sondern sich selbst in werdende Welt verwandelte... (S.96)
Das Gefühl ist das, was die körperlichen Prozesse für das Subjekt bedeuten. (S.108) komplexe Ganzheit nicht in den Blick, geschweige denn in den Griff.
Wie wir die Welt und uns selbst sehen, liegt vor allem an unserem Blick. Wir sehen, was wir sehen können und sehen wollen. Der Blick ist wesentlich ein gelernter Blick. Eltern, Kindergarten, Schule und Hochschule lehren ihn. Wir lernen Methoden und völlig unbewusst „werden Methoden zu Mentalitäten“ (Karl Stern über die „Pathologie des Zeitgeists“).
Andreas Weber zeigt in seinem Buch einen anderen Blick auf die Welt und auf uns selbst. Dieser neue Blick ist nicht einfach nach analytischer Denkmethode aus den Defiziten des bisher Geläufigen ableitbar. Weber behauptet nicht, sondern demonstriert an der eigenen Biographie, wie so ein neuer Blick entsteht, z.B. aus der Begegnung und dem Angeblicktwerden von einem lebenden Wesen, einer Kröte, einemWolf und der unmittelbaren Einsicht, das diese Tiere keine Sachen, keine primitiven Instinktautomaten, keine „Reflexmaschinen“ sind. Das läßt sich nicht in einer Rezension kurz und bündig zusammenfassen, das muss man bei der Lektüre selbst innerlich nachvollziehen. Deshalb imFolgenden nur Sätze, die sich für Weber aus seiner Einsicht ergeben haben:
Kernsätze Webers: Ich beschreibe in diesem Buch, wie die Biologie die Subjektivität als Grundmotor allen Lebens wiederentdeckt.... Haben wir uns bislang ... als biologische Maschinen verstanden, in denen irgendwie vage noch ein seelischer Faktor enthalten war, so finden wir nun die Subjektivität überall in der Natur wieder als ihr fundamentales Prinzip. (S.12-13)
Die Suche danach, wie Lebewesen Wert und Bedeutung herstellen, bildet das Herz der modernen Kognitionsforschung, von der Robotik bis zu den Neurowissenschaften. ... Die neue Biologie ... stellt fest, dass die Subjektivität der Lebewesen eine physikalische Größe ist. (S.13)
Ich propagiere auf diesen Seiten keinen Abschied von der Wissen Empfindung ist die gemeinsame Sprache aller Zellen und aller Wesen, die Sprache der Körper und der Dichter. (S.110) Unsere Innerlichkeit ist ein Phänomen der Materie. Sie ist eine Dimension des Leibes, nicht die eines körperlosen Geistes. (S.111)
Ohne Bezug auf den Körper könnte sich unsere Sprache nicht entwickeln. Unsere Denkwege entspringen nicht der „reinen Vernunft“, sondern der Ratio des lebendigen Leibes. (S.142)
Wir können nur in einem Netz verkörperter Wesen zu uns selbst finden. (S.142) Die Individuen sind nicht getrennt, sondern bilden ein großes Gewebe. .... Im Schwarm (z.B. Tanz der Delphine) zeigt sich die Lebensäußerung als Tanz. Ein Schwarm hat keine Intelligenz: Er ist Intelligenz. (S.235)
Francisco Varela, der Miterfinder der Autopoiese (Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems, das charakteristische Organisationsmerkmal von Lebewesen), bezeichnet einen Organismus als „Geflecht aus vielen Selbsten“. (S.249)
Die Natur zu bewahren heißt, unsere Gesundheit zu wahren. (S.271)
Die Quantenverschränkung heißt ... dass es unterhalb der „makrophysikalischen“ Ebene unserer Alltagswelt real eine andere Schicht gibt, in der alle Ereignisse miteinander zusammenhängen. ... Wenn wir Lebewesen betrachten, stehen wir sofort einer Reihe von Phänomenen gegenüber, die sich uns auf frappierende Weise ebenfalls als Verschränkung präsentieren. (S.308)
Webers Buch ist in meinen Augen ein großer Wurf, weil es eine Vielzahl vorgängiger Gedanken und Einsichten, die aber nicht in den damaligen mainstream der physikalisch orientierten Biologie passten, aufgreift und sammelt, sie mit modernen Ergebnissen experimenteller Forschung kombiniert und mit geistesgeschichtlichen Ideen und Überlegungen verknüpft. Die Neuheit des Naturprinzips „Schöpferische Ökologie“ ist im Grunde gar nicht neu. Sie lebt schon lange, aber die Einzelvertreter wussten zum Teil gar nichts voneinander. Kreative Querdenker sind typischerweise „Solisten“.
Es ist Webers großes Verdienst, die Vermächtnisse der großen Solisten zusammengeführt und daraus einen überzeugenden und hoffentlich auch wirkungsmächtigen Theorieimpuls komponiert zu haben.
Wie schwierig es ist und wie lange es dauert, bis grundlegende neue Erkenntnisse zu tragenden Schlussfolgerungen in den Köpfen der Wissenschaftler und schliesslich auch in Institutionen und Richtlinien finden, dafür ist wissenschaftsgeschichtlich die Quantentheorie ein beredtes Beispiel. Es war der sachlich nüchterne Max Planck, der im Rückblick auf die Geschichte der Physik und ihrer weitreichenden Ideen ernüchtert und resigniert feststellte, dass noch so gut begründete neue Einsichten und daraus folgende Theorien sich nicht durchsetzten, weil ihre Gegner überzeugt werden, sondern dadurch, dass diese Gegner altern und sterben und die jungen Wissenschaftler von Anbeginn mit den neuen Einsichten vertraut werden. Warum ist das so?
Überzeugungen, auch falsche und überholte, sind nicht frei flotierende und überschreibbare „Software“, sie sind im Gehirn verankert in neuronalen Verschaltungen von zumindest einer gewissen Stabilität, die nur durch (uns noch zu wenig bekannte) starke – und das heißt wohl: gefühlsbeladene – Impulse neu strukturiert werden können. In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich und überaus dankenswert, dass Andreas Weber gar nicht den wissenschaftsüblichen Versuch macht, sein Thema (das fühlende Subjektsein alles Lebendigen) distanziert und gleichsam von Hoher Warte aus gedanklich zu entwickeln und an die Einsicht für sein vernünftiges Argumentieren zu appellieren. Vielmehr weist er mit biographisch erzählerischen Mitteln – die in der strengen Wissenschaft immer noch verpönt sind – auf, wie er selbst zum fühlenden und mitfühlenden Menschen wurde und dadurch den Zugang zum Thema seines Buchs gefunden hat.
In meinem Gespräch mit dem Biologen und Ökologen (und GadF-Autor) Kurt Egger über das vorliegende Buch betonte der zu Recht, dass es nutzlos sei, sich über die Bedeutung des Fühlens zu verbreiten, wenn Autor und Leser nicht selbst von ihrer fühlenden Subjektivität durchdrungen sind und sie auch wirklich leben. Das Fühlen als eine neben vielen anderen objektivierte Eigenschaft von Lebewesen erscheint, schon infolge seiner unexakten und variablen Natur, marginal und unerheblich. Mag ja sein, dass vielleicht höhere Tiere fühlen, aber denken können sie doch nicht. Als menschliche Grundeigenschaft steht „denken“ bisher ausschließlich im Vordergrund. Gefühle werden als Inbegriff des Unbeständigen, Fließenden, aber auch des Unkontrollierten und daher Suspekten, ja geradezu Gefährlichen angesehen.
Einmalige „Schöpfung“ oder Evolution?
Webers „Schöpferische Ökologie“ als Lebensprinzip und damit als unverzichtbares Thema biologischer Forschung wirft neues und fruchtbares Licht auf die heute so umstrittenen Begriffe „Schöpfung“ und „Evolution“, damit auf die Frage nach der Herkunft alles Lebendigen und insbesondere des Menschen. Bisher herrscht ein unversöhnlicher Gegensatz zweier Vorstellungen. Die eine beruht auf einem wortwörtlichen Verständnis des sogenannten Schöpfungsberichts am Anfang der Bibel, wobei es sich bei genauer Betrachtung eigentlich um zwei durchaus unterschiedliche Berichte handelt (Genesis 1+2,1-4a und Genesis 2,4b-24). Beiden gemeinsam ist aber die Aussage, dass ein persönlicher Gott diese Welt geschaffen hat und den Menschen expressis verbis mit eigener Hand. Die Interpretation der beiden Berichte als Tatsachenbericht einer Welterschaffung in 6 Tagen ist Inhalt des sogenannten Kreationismus, der vor allem unter „Evangelikalen“ verbreitet ist. Dessen abgemilderte Form nimmt zwar die Einzelheiten nicht wörtlich, besteht aber auf dem persönlichen Schöpfer, der angesichts des heutigen Wissens über die Vielfalt und Komplexität der Welt als ganz großer intelligenter Designer gewirkt haben muß.
Schöpfung ist demnach „Intelligent Design“ (I.D.). Kreationismus wie I.D. sind mit der von Charles Darwin Mitte des 19.Jahrunderts begründeten Evolutionstheorie unvereinbar. Diese gründet auf der Tatsache, dass das Leben auf der Erde eine Entwicklungsgeschichte durchgemacht hat, die im Wesentlichen eine Höherentwicklung aus einfachsten Organismen bis schließlich zu Säugetieren, zu Primaten und endlich zum Menschen ist. Streitproblem ist vor allem, w i e diese Höherentwicklung zustandekommen konnte. „Mutation“ und „Selektion“ sind bisher die erklärenden Schlüsselbegriffe. Zufall und Wahrscheinlichkeit könnte man auch sagen. Die Mutationen in den Genen der Lebewesen, spontan oder durch äußere Einflüsse ausgelöst, sind im Grunde zufällig, aber sie führen zu Veränderungen im Erscheinungsbild der Organismen. Die Selektion, nach der Unbrauchbares bzw. schlecht an die Umwelt Angepasstes über kurz oder lang ausstirbt und damit nur die „guten“ Mutationen sich durchsetzen („survival of the fittest“) sorgt für die sich über Hunderte von Millionen Jahren hinziehende Höherentwicklung.
Weber konstatiert eine interessante Gemeinsamkeit der beiden sich so diametral unterscheidenden Auffassungen über Herkunft und Entwicklung des Lebens. Die Gemeinsamkeit ist die „Außensteuerung“ eines Programms, nach dem alles Weitere gesetzmäßig abläuft. Beim I.D. ist der Schöpfergott der „Erfinder“ des „Designs“, also eines in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Plans, gleichsam einer Blaupause, nach der sich die Organismen als Art und als Einzelwesen entwickeln. In der modernen Fassung der Evolutionstheorie ist das Genom diese „Blaupause“. Nach dieser „Vorgabe“ soll sich dann mit zwar im Einzelnen unbekannten Schritten, aber doch mit der aus Physik und Chemie bekannten strengen Gesetzmäßigkeit der Aufbau des Organismus vollziehen, wobei die unübersehbare Vielzahl der Vorgänge, die unglaubliche Komplexität Neues, spezifisch Biologisches zur Folge hat: die „Emergenz“ neuer Eigenschaften, die für Lebendiges charakteristisch sind. Kurz könnte man sagen: Beim I.D. kommt das Design von „oben“, bei der genetisch determinierten Evolution kommt es von „unten“, von den Nukleinsäuren, die das Genom bilden. Der Lebensprozess ist aber in beiden Fällen vorgegeben, determiniert. Freiheit ist eigentlich „verboten“, entweder weil vom Designer nicht vorgesehen, oder aber aufgrund der durchgehenden Kausalketten. Natur und Mensch werden so „entmündigt“.
Diesen beiden unbefriedigenden Vorstellungen stellt Weber eine Entwicklung gegenüber, in der ein „Chor autonomer Komponenten“ auf jeder Entwicklungsstufe den Genen nicht gleichsam sklavisch gehorcht, sondern sie in einer Art Eigeninteresse interpretiert. Also keine Außensteuerung sondern Schöpfung innerhalb des Naturprozesses wechselseitigen Wahrnehmens und wechselseitiger Beeinflussung. Die Weisheit der Schöpfung ist nichts von außen Vorgegebenes, sondern die Rückseite des Körperlichen. „Die Zwecke der Wesen [nicht zu verwechseln mit den teleologischen Ideen der Menschen über solche Zwecke; D.D.] sind ein biologisches Phänomen und eine physikalische Macht, die Materie zu ordnen vermag.“
Eine wissenschaftliche Bestätigung dieser Auffassung von Evolution finde ich in den Ergebnissen der Komplexitätsforschung, wie sie kürzlich in der Sendung „scobel“ von 3sat vorgestellt wurde. Ich zitiere aus dem Begleittext (Quelle: www.3sat.de/ scobel): „Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in den Naturwissenschaften im letzten Jahrzehnt eine Revolution ereignet. Ausgangspunkt für das Umdenken war die Frage nach der Natur dynamischer und komplexer Systeme. Es bildet sich ein neues wissenschaftliches Denken heraus, das es ermöglicht, die Komplexität der Welt besser und vielleicht erstmals überhaupt zu verstehen. Das neue Denken bewirkt, dass sich die Komplexitätsforschung anschickt, die prägende wissenschaftliche Leitdisziplin des 21. Jahrhunderts zu werden. Am 25. und 26. April versammelten sich in der Villa Bosch in Heidelberg die namhaftesten Komplexitätsforscher aus Europa, um über die Grundlagen und die Perspektiven ihrer Disziplinen zu diskutieren. scobel nimmt dies zum Anlass zu zeigen, wo die Komplexitätsforschung heute steht. Live zu Gast im Studio ist der Initiator dieses internationalen Kongresses, der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer von der TU München. scobel zeichnet ein Bild der Bedeutung und Aufgaben der Komplexitätsforschung als einer der spannendsten und wegweisendsten Forschungsrichtungen der nächsten Jahrzehnte.“
Für mein eigenes Leben ziehe ich aus dem von Andreas Weber Dargestellten den Schluss, dass es für eine so komplexe Entwicklung, wie sie die eigene Biographie darstellt, in der Tat darauf ankommt, mit Achtsamkeit die eigene Gefühlswelt zu erspüren, sie womöglich bewusst wahrzunehmen, um sie in Entscheidungen einzubeziehen. Ich habe ja durchaus die „Willensfreiheit“, in einer körperlichen oder seelisch-geistigen Krisensituation entweder meine gefühlte Innenwelt ernstzunehmen und auf Signale sorgfältig zu achten, Entscheidungen nach solchen Signalen auszurichten, oder aber besserwisserisch diese Signale zu überhören, mit vermeintlich klugen Gedanken zuzudecken und sie notfalls mit Medikamenten zum Schweigen zu bringen.
Ich bin der Überzeugung, dass es auch für denk- und sprachmächtige Menschen gut und gesundheitsdienlich ist, die nonverbale Sphäre des universellen Fühlens nicht als „nur ich-ferne Biologie“, der man nun einmal leider ausgesetzt ist, abzutun, sondern gewollt und bewusst als „mein Wesen“ personal ernst zu nehmen. Es ist gerade die nonverbale Sphäre, die uns mit allemLebendigen, ja mit der Erde und dem Universum verbindet (engl. „interbeing“) und uns hier „zuhause“ sein lässt. Webers Buch ist inhaltlich anspruchsvoll, einfach weil „der Blick“ auf Natur und Selbst ungewohnt ist. Es ist aber lesefreundlich und verständlich geschrieben.Glossar,Quellenverzeichnis und Register sind hilfreich. Die Lektüre ist dringend zu empfehlen – noch mehr: sie erscheint mir notwendig, um uns und unsere Umwelt besser zu verstehen, und sie schlägt eine Brücke ins rätselhaft Zukünftige.
Prof. Dr. Dieter Dieterich
Im Bruch 185
53945 Blankenheim
Wer sich für den von Weber mehrfach erwähnten einschlägigen „Vordenker“ interessiert, dem sei empfohlen: Francisco Varela: Über die Natur und die Natur des Erkennens. Enthalten in: Hans-Peter Dürr und Walther Ch. Zimmerli (Hrsg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung. 415 S. Scherz Verlag 1989; dort S. 90-109. Wichtige „Vorfühler“ seien nur erwähnt: Vor allem natürlich Goethe („Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nicht erblicken“), Schleiermacher, dann aber auch romantische Naturforscher und Entdekker: Novalis (F.v.Hardenberg), Chamisso, Lorenz Oken, K. W. G. Kastner, Leopold Gmelin, C. G. Carus, der Däne H. Chr. Örsted. >>Ein Intellekt, der sich von Gefühlen nicht stören lässt, bleibt letztlich geistlos. Erst die Intelligenz des Herzens verbindet, integriert, versöhnt - der Geist des Herzens sucht Dialog und Ganzheit. Der Verstand und Wille ohne Gefühl dagegen teilt, zerklüftet, vereinzelt, dividiert auseinander. Die Intelligenz des Herzens bildet sich im unaufhörlichen Üben in uns und mit uns... Was man nicht bei sich selber kennt, das kann man auch bei anderen schwer wahrnehmen.<< (Doris Weber in der Reihe „Fünf vor Sechs” SWR2; 2.-6. Juni)
Rezensionen bedeutender Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt gehören zum Repertoire des „Gesprächs aus der Ferne“.
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