AUSGABE NR.: 384
Autor: Günter Geschke
AUSZUG:
An den Grenzen des Bewußtseins
Stanislav Grof und die transpersonale Psychologie
Von Günter Geschke
Die transpersonale Psychologie ist ein jüngerer Zweig am üppig wachsenden Baum der wissenschaftlichen Seelenkunde. Sie geht weit über die Erforschung der Psyche des Individuums hinaus, indem sie überindividuelle Bewußtseinsinhalte und das kollektive Unbewusste (nach C. G. Jung) ebenso mit einbezieht wie kulturelle, religiöse und „esoterische“ Einflüsse auf die Psyche. Einen Schwerpunkt bilden die sogenannten „außergewöhnlichen Bewusstseinszustände“. Dazu zählen die Nahtod-Erlebnisse reanimierter Patienten, die „Erinnerungen“ an frühere Leben (Reinkarnations-Zeugnisse), Visionen von anderen Welten, vorgeburtliche Wahrnehmungen, Trancezustände, die Heilmethoden und die Heilerfolge von Schamanen, Telepathie und „Hellsehen“. (Vergleiche hierzu den Artikel von Bodo Strass in diesem Heft auf S. 12 ff.) Mit dieser universalen Ausweitung des psychologischen Forschungsinteresses scheint ein zunehmender Anspruch der transpersonalen Psychologie auf Deutungshoheit in der Wissenschaft einherzugehen. Unverkennbar ist jedenfalls eine gewisse polemische Frontstellung gegen psychologische „Schulen“, die stärker medizinisch-naturwissenschaftlich ausgerichtet sind. Auffällig dabei ist, dass viele Vertreter der transpersonalen Psychologie zunächst streng naturwissenschaftlich bzw. medizinisch ausgebildet waren, ehe sie das Studium der Psychologie, Psychiatrie, Verhaltensforschung oder Soziologie absolvierten. Auch die transpersonalen Psychologen verfolgen mit ihrem breitgefächerten Forschungsansatz keinen Selbstzweck; den meisten geht es in erster Linie darum, die Ergebnisse ihrer Bemühungen in der Psychotherapie, bei der Heilung oder Besserung psychischer Leiden und Störungen nutzbar zu machen. Allerdings sind sie fest davon überzeugt, dass dabei eine umfassendere Kenntnis und Erkenntnis der komplexen Wirklichkeit menschlichen Bewusstseins allen materialistischen und mechanistischen Weltdeutungen bzw. -Erklärungen überlegen ist. Tatsächlich haben manifeste Erfolge bei der Behandlung besonders komplexer Psychosen, schwerer Schizophrenien etc., der transpersonalen Psychologie weltweit Aufmerksamkeit, aber in Fachkreisen nicht überall Anerkennung verschafft. „Das Abenteuer der Selbstentdeckung“ Als führende Vertreter dieser - in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den USA ausgehenden – Richtung sind zu nennen: Stanislav Grof, Roger J. Woolgers, Michael Grosso, Charles T. Tart. In zwischen gibt es mit der International Transpersonal Association auch einen weltweiten Zusammenschluß Ihr Präsident ist der 1931 in Prag geborene Stanislav Grof, heute Professor für Psychologie in San Francisco. Er ist der allseits anerkannte Nestor der transpersonalen Psychologie und ihr prominentester Interpret, dessen in bester angelsächsischer Tradition verständlich geschriebene Bücher große internationale Verbreitung gefunden haben. Mehrere deutsche Übersetzungen sind, mehrfach aufgelegt, in angesehenen Verlagen (Klett- Cotta, Rowohlt, Kösel) erschienen. Wissen wir mehr als unser Gehirn? Grof hat auch den einleitenden Aufsatz in einem Sammelband verfasst, der einen sehr guten Einblick in die Vielseitigkeit der Themen und einen trefflichen Überblick zum Stand der transpersonalen Forschung verschafft: Stanislav Grof u.a. „Wir wissen mehr als unser Gehirn. Die Grenzen des Bewusstseins überschreiten“. Das 2003 im Herder-Verlag, Freiburg erschienene und 2008 neu herausgegebene Buch ( 190 Seiten, 9,90 Euro) trägt in der englischen Originalausgabe von 2001 einen bescheideneren und instruktiveren Titel: Thinking beyond the brain. A Wider Science of Consciousness. Seinen global erfolgreichen „Bestseller“ hat Stanislav Grof schon vor gut 20 Jahren unter dem lockenden Titel „The Adventure of selfdiscovery” veröffentlicht (deutsch: Das Abenteuer der Selbstenddeckung. Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände. Ein Leitfaden. 2006 in 6. Auflage als rororo Sachbuch, 374 S., 8,90 Euro). 1987, auf dem Höhepunkt seines Schaffens und angesichts einer vielversprechenden weltpolitischen Lage (Ende des Kalten Krieges) traf Grof der Forscher und Anhänger dieser psychologischen Schule. damit den Nerv der Zeitgenossen, die nun auf Selbsterforschung erpicht waren. Der studierte Mediziner, Medizin- Philosoph, Facharzt für Psychiatrie und weltbekannte Psychotherapeut wies ihnen den Weg nach innen: Selbsterkenntnis durch „Selbstentdeckung“, abenteuerähnliches Bewußtwerden eigener seelischer Kräfte. Und als wichtigsten Rat empfahl Grof, dabei endlich der „Spiritualität“ den weiten Raum zu geben, der ihr im Normalvollzug des modernen Lebens verweigert wird. Der berühmte Psychotherapeut nennt sie die „wichtigste und mächtigste Kraft im Menschen“. Und welcher helle Zeitgenosse möchte sich die nicht zunutze machen wollen!?
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