AUSGABE NR.: 375
Autor: Professor Dr. Dieter Dieterich
AUSZUG:
...der harte und holprige Boden der unangenehmen Tatsachen (in Wirtschaft und Gesellschaft des Westens) sind das Thema des Buches von Meinhard Miegel. Der renommierte, gebildete und tiefschürfende Autor ist ein Aufklärer im besten Sinne des Wortes. Im Jahr 2002 erschien sein Bestseller: Die deformierte Gesellschaft. Er wirft darin sowohl der Politik, als auch Gewerkschaften und Unternehmein totales Versagen vor, weil sie nicht das Notwendige taten, um rechtzeitig ein den veränderten Bedingungen angepaßtes Sozialsystem zu schaffen. Dem Bürger wurde vorgegaukelt, die bestehenden Systeme hatten immerwährenden. Bestand.
Das neue Buch Epochenwende setzt den Tenor fort, ist jedoch umfassender und internationaler angelegt und berücksichtigt wohl auch Einwände, die gegenüber dem Vorgängerwerk erhoben worden sind.
Ausgangspunkt sind nicht wirtschaftliche oder soziale oder politische Probleme, sondern längst bekannte, aber immer noch wenig zur Kenntnis genommene Fakten: die Zahlen und wohlbegründeten Hochrechnungen zur dernographischen Bevölkerungsstruktur in den "frühindustrialisierten Ländern" (einem Schlüsselbegriff, der sich durch das ganze Buch zieht). Das Schwergewicht liegt dabei weniger auf dem hohen und immer noch wachsenden Anteil der Alten, sondern auf dem niedrigen Anteil der Jungen. Die unheilbare schicksalhafte Kalamität liegt darin, daß die Eltern der so dringend benötigten Kinder fehlen, weil sie in den vergangenen zwei bis drei Dezennien nicht geboren worden sind. Diese relativ wenigen Jungen sollen in Zukunft unser Sozialsystern finanzieren und müssen auf einem globalisierten Arbeitsmarkt mit einer Übermacht von gutausgebildeten, fähigen, intelligenten, dynamischen und zugleich genügsamen (!) Gleichaltrigen konkurrieren. Die geschilderte Situation gilt für West wie Osteuropa, für Rußland und die anderen UdSSR-Nachfolgestaaten, für Japan, und mit Verzögerung unausweichlich auch für die USA.
Die erfolgreichen Konkurrenten leben vor allem in China und Indien. Daraus folgen zwangsläufig langsame aber nicht aufzuhaltende globale Machtverschiebungen. Deshalb der Titel "Epochenwende". Ob es uns paßt oder nicht: Um Geringeres geht es nicht. Und der Westen ist darauf schlecht vorbereitet. Während hierzulande ängstliches Sicherheitsdenken, Bewahrenwollen des Bestehenden, Anspruchshaltung, Konsumismus und der dadurch bewirkte Abfall von Motivation und Leistungsbereitschaft schon der Kinder den Niedergang beschleunigen, wachsen Leistungswille, Bildung und Selbstbewußtsein in den aufstrebenden Staaten.
So wird verständlich, daß der Autor besorgt fragt: Gewinnt der Westen die Zukunft?
...Miegel schreibt sachlich, unaufgeregt, unpolemisch und gut. Das Buch liest sich trotz des schwergewichtigen Inhalts leicht. Seine politische Haltung läßt sich verdeutlichen, wenn man weiß, daß er früher ein enger Mitarbeiter von Kurt Biedenkopf gewesen ist. Er dürfte also der CDU näher stehen, als der SPD und den Gewerkschaften, aber er denkt unabhängig und scheut sich nicht, auch zur CDU-Politik quer zu stehen.
Ein Kritikpunkt meinerseits sei nicht verschwiegen: Das Buch ist in seinem analytischen Teil und der Fakten-Darstellung hervorragend und ebenso in seinen daraus abgeleiteten Forderungen. Schwach aber ist es in Vorschlägen oder Beispielen, wie die wahrhaft "unerhörten" Forderungen von den Menschen verkraftet werden sollen und können. Dazu hätte ich mir etwas mehr Substanz gewünscht. Aber damit ist wohl ein Wirtschafts und Sozialwissenschaftler überfordert.
Zitate aus Meinhard Miegels .Epochenwende.:
>> Der bisherige Auftritt der Europäer auf der Weltbühne geht seinem Ende entgegen. Dies gilt sowohl diesseits als auch zeitlich ein wenig versetzt jenseits des Atlantiks.
Die Konsumenten in den frühindustrialisierten Ländern sind sich als Produzenten zu teuer. Die hohen Arbeitskosten, die sie verursachen, wollen sie in den Preisen der von ihnen bereitgestellten Waren und Dienstleistungen nicht wiederfinden. Sie erwarten hohe Löhne und hohe Sozialleistungen, aber in den Geschäften billige Angebote. Auf Dauer kann das nicht zusammengehen und es geht nicht zusammen.
Es geht nicht mehr darum, ob jemand etwas besser kann oder eine höhere Leistung erbringt. Entscheidend ist, daß er es billiger kann, und zwar einzig und allein, weil er genügsamer, weil er bescheidener ist.
Diejenigen, die in der Erwerbsarbeit Lebenssinn nicht nur suchen, sondern auch finden, bilden überall eine kleine privilegierte Minderheit.
Es ist falsch, bezahlter Arbeit einen gesellschaftlich höheren Rang einzuräumen als nicht bezahlter. Umgekehrtes Vorgehen ist sachgerechter. Denn die Erwerbsarbeit wird ja bereits entlohnt.... Wenn Arbeit zu adeln ist, dann die unentgeltliche oder schlecht bezahlte. Eine Gesellschaft ist in die Irre gegangen, wenn Menschen in den Erwerb drängen, nur um von ihren Mitmenschen anerkannt zu werden.<<
(Vollständiger Text der Rezension und der Buchzitate in GadF Nr. 375, IV. Quartal 23005, Seiten 48-50)
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