Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes
Von
Günter Geschke
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!
DieDeutschenunddie Russen,Russlandund Deutschland - das Verhältnis dieser beiden so schicksalhaftverbundenenVölkerunddie vielfältigenBeziehungen der so verschieden gearteten Staaten einmal wieder ins „Gespräch“ zu bringen, stand schon lange auf unserer Wunschliste. Immer wieder jedoch drängten sich andere Themen aus triftigen Gründen nach vorn.
Dann aber kam dieser Sommer 2010 mit seiner Hitzewelle in Osteuropa, Schwerpunkt das europäische Russland: Rekordtemperaturen, StrapazenfürMenschundTier.BrandgefahrlaginderLuft. EinzelneFeuermeldungen verdichteten sichzumBild einer Katastrophe: Ausgedehnte Wälder standen in Flammen. Feuerwalzen stießen in Siedlungen vor, zerstörtenganze Dörfer, bedrohtenAtommeiler, Städte, Metropolen. Selbst das Ballungszentrum Moskau mit seinen 18 Millionen EinwohnerngerietinGefahr.
Rauchschwaden zogen über die Vorstädte bis ins Zentrum. Menschen mit improvisierten Atemmasken bahnten sich ihrenWeg. Ambulanzen brachten Leute mit Atemnot in die Kliniken. Die dramatischen Bilder gingen um die ganze Welt. Sie warfen Fragen auf: Warum brannten auf einmal so viele Wälder in weit voneinander entfernten Gebieten? Wo blieb der Brandschutz, die Feuerwehr, die Armee? Warum berichteten die russischenMediensounzureichend? FragenüberFragen.UndderMoskauer Bürgermeister im Urlaub, die Regierung irritierend maulfaul, aber Wladimir Putin im Fernsehen:
amSteuerknüppeleinesHubschraubers unterwegs zum nächsten Brandherd, dann beinahe omnipräsent in abgebrannten Dörfern vor Einwohnern, die um ihre verbrannte Habe weinen.
Der Ministerpräsident verspricht schnelle Hilfe, unbürokratische Entschädigungen. Einer Antwort auf die Fragen der Nation und der Welt scheint er durchAktionismus ausweichen zu wollen. Da schossen Gerüchte ins Kraut, war von früherenMassenentlassungenbeiWaldhütern die Rede, veraltetem Gerät zur Brandermittlungund- bekämpfung, Streichungvon Erneuerungsbedarf.
Und natürlich fehlte es auch nicht an dem bei Waldbränden in der Nähe dichter besiedelter Gebieten überall aufkommendem Verdacht, da hätten auch Grundstücksspekulanten ihre zündelnden Hände im Spiel, womöglich im geheimen Zusammenspiel mit korrupten lokalen oder regionalenAmtswaltern.
Unterdessen hielt die Spätsommerhitze an, lohten nicht nur die Wälder weiter; wo das GetreidenochaufdemHalmstand,verbrannte auch die Ernte. Großer volkswirtschaftlicher Schaden stand ins russische Haus. Und unvermeidlichwürdedanndieFragenachder politischen Verantwortung.. Aber wer würde sich dieserFragestellen, statt liebernachSündenböcken Ausschau zu halten?
Wie würde der so energische wie taktisch versierte MinisterpräsidentPutindieBrandkatastropheund ihre Folgen zu meistern versuchen?Kämeer, der bislangso erfolgreicheundvonderMehrheit des Volkes in Umfragen und Wahlen unterstützte Regent dabei zu Schaden, dann wäre in Russland mehr verbrannt als Wald und Getreide. Das „System Putin“, seine besondere Spielart „vertikaler Machtausübung“, „gelenkter Demokratie“ und „gesteuerter Liberalität“ (so die gängigen Zuschreibungen) könnten mit insWanken geraten.
UndwaswäredannmitRussland? SpannendeFragen! Auf Suche nach Zusammenhängen Wiraber hatten endlich unser Russland-Thema, alternativlos! Klar war auch, dass die Brandkatstrophe,ihreUrsachen,Schädenund möglichen politischen Folgen ein „Thema im Thema“ abgeben musste. Genosse Zufall sorgte auch gleich für den Autor: Unser bewährter Mitarbeiter Alexander Sorge hatte just am Ende des großen Feuers ein paar Wochen in Moskau verbracht, sich dort umgesehenundumgehört.
Hochmotiviertmachte sichdererfahreneInternet-Rechercheurandie Arbeitundförderte verblüffende, hierzulande noch kaum bekannte Zusammenhänge zu Tage. Sie finden sie unter dem Titel „Der Sommer, als die Wälder Feuer fingen“ (auf S. 23-26).
Das erste Wort zum Hauptthema „Deutschland, Russland und die Welt“ aber hat unser russischer Gastkommentator, Dmitri Tultschinski, Leiter des Berliner Büros der russischenNachrichtenagenturRIANowosti. Dem GadF seit langer Zeit freundschaftlich verbunden, erinnert er an die glückhaftesten Momente in der Geschichte beider Länder: die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze und die Wiedervereinigung.
Freilich mahnt Tultschinski auch, dass in seinem Land „das Thema ZweiterWeltkrieg“ noch längst nicht abgeschlossen sei (S. 5-6). Den großen historischen Bogen zu schlagen, von den aktuellen deutsch-russischen Beziehungen in ihre Uranfänge und wieder zurück, oblag Günter Geschke. Durch den ostpreußischen Zweigseiner Familie, das StudiumderZeitgeschichte, seinezahlreichenRussland- Reisen als Reporter wie als Beobachter bei hohen Staatsbesuchen in der russischen Hauptstadt und in der alten Bundeshauptstadt Bonn liegt ihm das Verhältnis von Russen und Deutschen seit seiner Jugend am Herzen.
SynchronmitderGeschichtewiemit der Reihenfolge hier im Heft, entledigt sich GeschkeseinerAufgabequasiimDreisprung: 1.„Wie aus guten Nachbarn Feinde wurden“ (S. 7), 2. mit einem „Rückblick auf die Zeit ihrer mörderischsten Konfrontation“ im ZweitenWeltkrieg (S. 9 ff) und 3. unter dem Titel „Potentiale und Probleme“ mit Bericht und Kommentar über Russlands Wandel von Michail Gorbatschows Perestroika bis zu Wladimir Putins straffer Regentschaft (S. 27-21).
Intensiv, vielfältig und dauerhaft waren und sind die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Völkern, Musik, Tanz, Malerei, Film, Literatur wechselseitig befruchtend. DavonmitNamenundWerkenauchnuroberflächlichzuberichten, würdeeinExtraheftprall füllen.
Wir haben uns auf die Literatur beschränkt, konkreter: zeitlich auf die Epoche der deutschen Teilung, inhaltlich auf die in „SBZ“und DDRerschienenendeutschen Übersetzungen aus der klassischen und zeitgenössischen russischen Literatur. Sie hatten starke Auflagen und erreichten mit der Zeit ein hohes qualitatives Niveau, das viele Lizenzausgaben imWesten zeitigte.
Undin den späten Jahren des SED-Regimes leisteten sie „Transporthilfe“fürbefreiendekritisch-selbstkritische Glasnost- und Perestroika-Gedanken. VondiesergediegenenÜbersetzungskultur berichtet einer ihrer bekanntesten und erfolgreichsten Mitgestalter, der Slawist Thomas Reschke, Freund, Leser und gelegentlicher Autor des GadF (S. 17 ff).
Wie kleine Inseln im Ozean des Faktischen und Problematischen eingestreut findet sich aucherholsamAnekdotisches:AusdemNachlassseinerFrauElisabethgibtDieterDieterich derenaufschlussreichenBerichtüberihreZeltreise in die UdSSR der frühen sechziger Jahre wieder (S. 20).
Er selbst erzählt in „Russischen Impressionen“ (S. 32) von seiner jugendlichen Begeisterung durch die sowjetische Nationalhymne, deren erhebendem KlangimMoskauerRundfunkzulauschen er oft bis Mitternachtwachblieb.
UndunserAutor und Freund Reimar Lenz,Berlin, schildert (S. 36) das kabarettreife Erlebnis, wie er bei den Weltjugendfestspielen 1957 in Moskau seinen gewachsenen Atheismus verleugnet, nurweilereifrigenKomsomolzinnennichtzu Willen sein will, die ihm eine aktive Gottesleugnung abfordern.
Mit 21 Seiten quantitativ und inhaltlich reich bestückt wie nie zuvor ist diesmal unser FORUM.Dort stechen drei Beiträge zu zwei der wichtigsten Themen unserer Zeit hervor: Unser Leser und Autor Dr. Hans-Jochen Luhmann, Forscher am renommierten Wuppertal- Institut, hat uns seine erhellendeAnalyse der großen, von den USA ausgehenden Finanzsystemkrisevon2007-8zurVerfügung gestellt.
Sie beruht auf einer subtilenAuswertung der wichtigsten Literatur zu diesem globalen Ereignis, gewährt tiefe Einblicke in seineUrsachenunddiekeineswegsausgestandenen Folgen. Luhmann enthält sich auch nicht der nötigen Schuldzuweisungen an die Verursacher des Unglücks von Millionen Krisenopfern (Teil I seines Reports auf S. 43- 47).
Eine Erstveröffentlichung von hohem Rang hat uns Dr.-Ing. Wolfgang Sassin anvertraut. Der technische Physiker, Jahrgang 1938, der ein ganzes Berufsleben lang die Wechselwirkungen zwischen der Natur und unserer technisch-wissenschaftlichenWelt erforschte und vermittelte, hat jetzt für seine Kinder und Enkel „zum Nachdenken“ die SummeseinerErkenntnisseundErfahrungen aufgeschrieben.
Es ist eine kompakte große Erzählungvonder herrischenAneignungund unumkehrbarenVerwandlungunsereskleinen PlanetenErdedurchdieMasseMensch.„Uns ist die Schöpfung verloren gegangen“ (S. 48- 53) klärt das Bewußtsein und geht unmittelbar zu Herzen.
Dass dabei auch intensiv vom Klimawandel die Rede ist, liegt inderkomplexenNaturder Sache.In DieterDieterichs„Fundsache“steht er im Mittelpunkt. Beim Stöbern in seinem Archiv stieß der einstige Chemieforscher auf einen der frühesten Forschungsberichte über den Einfluß des Verbrennungsprodukts Kohlendioxydauf die globaleÖkologie.1969von einem amerikanischen Wissenschaftler mit Akribie und großerWeitsicht verfasst, wurde er 1970 mitderplakativenÜberschrift„Neues Klima aus dem Schornstein“ in der „ZEIT“ vorgestellt und kommentiert.
Eben dies referiert Dieterich (S. 40), doppelt verwundert: überdenfrühenZeitpunktderErkenntnisund über die eigeneVergeßlichkeit. Großes internationales Aufsehen erregt, viel diplomatischen Staub aufgewirbelt hat in jüngster Zeit „Wikileaks“, die berühmt-berüchtigte Internet-Enthüllungsplattform und deren Eigner Assange.
Hans Bremer untersucht und kommentiert die Affäre vor allem unter dem Gesichtspunkt, ob Assange denn den USA irgendeinen Schaden zugefügt hat (S. 37 ff).Wieder näher an unserenThemenschwerpunkt heran kommt Uwe Tams mit seinem aufschlussreichen Report über die Geschichte und Bedeutung der Bahà` i-Weltreligion: „AlsRusslanddenBahà`isZuflucht bot“ (S. 38 f).
Strikt nach Osten weist auch dieKompassnadel unserer Bücherseiten: Der Dichter und Schriftsteller Arnim Juhre weitet mit der Erinnerung an Johannes Bobrowski unddessen berühmten Gedichtband „Sarmatische Zeit“ unserenaufRusslandfokussiertenBlicknach ganz Osteuropa.
Eine Auswahl von Gedichten des 1965 in Ost-Berlin verstorbenen Tilsiters interpretiert Juhre, den deutschen Leser in die Pflicht nehmend, als bis heute „unerhörte Nachrichten“ (S. 54). – VomErsten Weltkrieg als „Kulturkatastrophe“ handelt ein vielversprechendes Buch des jungen russischen Wissenschaftlers Alexandre Gnes, das er selbst vorstellt (S. 57.)
Unseren Buchteil beschließt die anrührende Geschichte von Paschka, einer blutjungen Prostituierten aus Leningrad in den schlimmenJahrennachdemZweitenWeltkrieg.
Der Erzählung „Die Engelspuppe“ von Edward Kotschergin nachempfunden, verweist dies kleine Feuilleton auf den gleichnamigen Sammelband desSankt Petersburger Schriftstellers und Bühnenbildners (S. 58).
An der deutschsprachigenÜbersetzung, imBerliner Persona Verlag erschienen, haben auch unser Autor Thomas Reschke und seine Frau Renate Reschke maßgeblich mitgearbeitet. Der breitgefächerte Inhalt und erheblich verstärkte Umfang dieses Winter-Heftes haben viel Kraft und mehr Zeit als sonst gekostet.
Ichwürdemichsehrfreuen,wenn SieunsseineverspäteteAuslieferungnachsehen könnten, und ich wäre glücklich, wenn der eine oder die andere sich sagte: es hat sich aber gelohnt. Herzliche Grüße
Ihr Günter Geschke
AUS DEM INHALT
Zur Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes
Dmitri Tultschinski:
Verständnis für deutsche Sehnsüchte
Das russische Volk hat die Wiedervereinigung unterstützt
Günter Geschke:
Wie aus Nachbarn Feinde wurden
Kleine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen
Günter Geschke:
Deutschland und Russland - Hitler und Stalin
Ein Rückblick auf ihre mörderischste Konfrontation
Eckart Kleßmann:
Der Marsch in den Untergang
Wie Napoleon die Grande Armée in Russland ruinierte
Thomas Reschke:
„Manuskripte brennen nicht“
Deutsch-russische Literaturbeziehungen nach 1945
Dieter Dieterich (Hrsgb.):
Ein früher Reisebericht aus der UDSSR
Aus dem Nachlass von Dr. med. Elisabeth Dieterich geb. Peitschner
Alexander Sorge:
Der Sommer, als die Wälder Feuer fingen
Über den Verlauf und die Ursachen der russischen Brandkatastrophe
Günter Geschke:
Potentiale und Probleme
VomWandel Russlands seit Gorbatschows Perestroika
UNSER FORUM:
Leser, Autoren, Herausgeber im Gespräch Echo aufs „Heilig-Heft“ von:
Gertrud Böttcher
, Dr. Hans- Martin Schmidt ,
Pfarrerin Andrea Gorres (34),
Dr. Konrad Uhlig (35).
FEUILLETON:
Reimar Lenz Als ich in Moskau den Atheismus verleugnete (36).
NEU:
D. Dieterichs Griff ins Archiv (I):
Eine Fundsache von 1970: „Neues Klima aus dem Schornstein“
EXTRA-Themen:
Wikileaks´ „Enthüllungen“? von
Hans Bremer
Ursachen und Folgen der Finanzsystemkrise von
Hans-Jochen Luhmann
„Uns ist die Schöpfung verloren gegangen“
Meinen Kindern und Enkeln zum Nachdenken
von
Wolfgang Sassin
BÜCHER BÜCHER BÜCHER:
Arnim Juhre:
J. Bobrowski, Osteuropa und dieDeutschen
Ankündigung:
A.Gnes:
Der ErsteWeltkrieg als Kulturkatastrophe
Gedichte von Johan. Bobrowski:
Der Ilmensee 1941;ChagallsHeimat
Grafik:
Sarmatien mit der Seele suchend...
von
Hans Ingebrand, Berlin
Vorgestellt: EdwardKotschergins
„Die Engelspuppe“
IN EIGENER SACHE: Zur„Runderneuerung“ desGesprächs:Herzlichen Dank liebe Spenderinnen und Spender! 65 Jahre GadF: Jubiläum im Herbst
Zumnächsten Thema: Die Sterne lügen nicht...
aber was haben sie uns zu sagen?
Verständnis für deutsche Sehnsüchte
Ohne die Unterstützung des russsischen Volkes wäre es nicht zur Wiedervereinigung gekommen
Von Dmitri Tultschinski
Unser russischer Autor ist dieser Zeitschrift schon anderthalb Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. Seit seiner Ausbildung an der Moskauer Fremdsprachenhochschule mit der deutschen Sprache auf Du und Du und mit den deutschen Verhältnissen auch aus Vor- Wendezeiten bestens vertraut, hat er uns mit Rat und Tat beigestanden, wenn es um „Ost-West-Themen“ und kompetente Autoren ging.
Als langjähriger Leiter des Berliner Büros von RIA NOWOSTI, der russischen Nachrichtenagentur, saß und sitzt er für uns an der richtigen Stelle. Häufig war Tultschinski auch mit eigenen Beiträgen im GadF vertreten. An diese gute Tradition knüpft er mit dem folgenden Beitrag zu unserem aktuellen Thema an.
Die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen ist lang und widersprüchlich. Es gab Bündnisse und familiäre Verflechtungen. Eine deutsche Prinzessin (Tochter des preußischen Generals Fürst Christian August von Anhalt- Zerbst) wurde zur bedeutendsten russischen Zarin, Katharina der Großen (1729-1796), und – zur Russin.
Die Russen haben die Deutschen immer für ihr technisches Können und ihre kulturellen Leistungen bewundert. Die Russische Akademie der Wissenschaften wurde von deutschen Wissenschaftlern geistig befruchtet. Die Deutschen wiederum waren immer fasziniert von der vielbeschriebenen, aber wohl bis heute geheimnisvoll gebliebenen „russischen Seele“.
In der Weltliteratur schätzten die deutschen Leser, um mit „Literaturpapst“ Marcel Reich- Ranicki zu sprechen, besonders die großen russischen Romanciers, Tolstoi und Dostojewskij, Gogol und Turgenjew, sowie den bedeutendsten russischen Dramatiker und Novellisten Anton Tschechow.
Den deutschen Arzt Friedrich Haass (1780-1853) hat man in Moskau zum „heiligen Doktor von Moskau“ gekürt. Insbe-sondere betreute er dort über 25 Jahre lang Strafgefangene seelsorgerisch, sozial und medizinisch. Dabei trat er engagiert für eine Humanisierung des Strafvollzugs ein.
In Berlin tragen ein Platz und eine Brücke den Namen des sowjetischen Generals Nikolaj Bersarin, des ersten Stadtkommandanten im von den Nazis befreiten Berlin.
Statt Rache zu üben ließ er die Gas-, Wasser- und Elektroenergieversorgung in Gang bringen und vergab Aufträge für die Versorgung der Bevölkerung. 1975 wurde ihm postum die Ehrenbürgerschaft Ost-Berlins verliehen, 1992 wurde er aus der Ehrenbürgerliste gestrichen.
2003 verlieh ihm der Berliner Senat erneut die Ehrenbürgerschaft und begründete dies mit den Verdiensten Bersarins beim Wiederaufbau Berlins.
>>Unsere tragische Gemeinsamkeit: zwei totalitäre Regime<<
Das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland hat in vieler Hinsicht die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts bestimmt. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind von zwei Weltkriegen geprägt, von der Teilung Deutschlands, vom Kalten Krieg und der Spaltung in Ost und West mit zwei militärischen Machtblöcken.
Schließlich waren zwei totalitäre Regime unsere tragische Gemeinsamkeit im 20. Jahrhundert.
In den schwierigen Abschnitten der Geschichte halfen sich beide Staaten gegenseitig, wenn auch beide vor allem an die je eigenen Interessen dachten.
Nach dem Ersten Weltkrieg konnten die zwei Outlaws der damaligen internationalen Politik mit dem Vertrag von Rapallo 1922 beginnen, ihre Beziehungen zu normalisieren und die internationale Isolation zu überwinden.
Einer der Neuordnungspläne für Deutschland nach dem von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg sah nicht nur Deutschlands Zerstückelung, sondern auch dessen Herabstufung zu einem Agrarland vor. Dieser bald verworfene Vorschlag kam nicht von Moskau, sondern vom US-Finanzminister Morgenthau.
45 Jahre nach seinem Untergang ist der deutsche Nationalstaat wiedererstanden, „unter definitivem Verlust eines Viertels seiner vorherigen territorialen Ausdehnung zwar, aber doch in
voller Souveränität und, wichtiger noch, im Einklang mit den Kriegsgegnern von damals, besonders dem am schwersten zu versöhnenden, der Sowjetunion“ (so Der Spiegel Nr. 30/1990).
Es wäre zu wenig und eine Schmälerung der historischen Tragweite festzustellen, dass die Sowjetunion und das neue Russland die Wiedervereinigung nur mitgetragen haben. Die langersehnteWiedervereinigungwäreohne den politischen Willen der Sowjetunion nicht möglich gewesen.
Der frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow verwies - zu Recht - am 3. Oktober vergangenen Jahres beim Festakt anlässlich des 20. Jahrestags der Wiedervereinigung in Frankfurt am Main darauf, dass es das Volk, „die Russen“, gewesen seien, die für die Sehnsüchte der Deutschen Verständnis aufgebracht hätten sowie den Glauben, dass sich das heutige Deutschland von Grund auf verändert habe.
„Wäre diese Unterstützung nicht da gewesen, hätte die sowjetische Regierung nicht so handeln können, wie sie gehandelt hat.“ Mehr als 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelten sich die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland allmählich zu einer strategischen Partnerschaft.
Auch heute, wie vor 20 Jahren, basiert die Zusammenarbeit auf dem Nützlich-keitsdenken. Die deutsche Wirtschaft ist mit über 6.000 Unternehmen und Beteiligungen in Russland immer noch die größte business community, auch wenn China Deutschland als Importeur Nummer eins abgelöst hat.
Russland ist mittlerweile der wichtigste Energielieferant Deutschlands. In einem Interview mit dem Radiosender Stimme Russlands betonte der Leiter des Zentrums für politische Forschung der Russischen Akademie der Wissenschaften, Boris Schmeljow:
„Deutschland ist ein ausgesprochen starker Staat, die Wirtschaftslokomotive Europas, das Rückgrat der Europäischen Union, und Russland behält das imAuge. Für Russland hat die Zusammenarbeit mit Deutschland eine sehr große Bedeutung hinsichtlich der Modernisierung seiner Wirtschaft, hinsichtlich der Perspektiven seiner sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung und seiner Stellung in Europa.
Ohne stabile russisch-deutsche Beziehungen ist mit einer stabilen Lage in Russland wie in Europa kaum zu rechnen.“
Es ist interessant zu beobachten, wie ein deutscher Autor zu einem ähnlichen Fazit kommt, auch wenn er die Akzente anders setzt. In einem Beitrag für den Sender Deutsche Welle lüftet der Leiter der Russischen Online- und Radio-Redaktion, Ingo Manteufel, ein „Geheimnis für die guten deutsch-russischen Beziehungen 20 Jahre nach der Wiedervereinigung“, indem er schreibt:
„Die russische Führung fühlt sich heute natürlich keiner kommunistischen Ideologie mehr verbunden, aber das staatstragende Motto lautet in Russland immer noch `Modernisierung des Landes´. Angestrebt werden unter Putin und seinem Gefolgsmann Dmitri Medwedew moderne wirtschaftlichtechnologische Lebensbedingungen, vergleichbar mit denen in den westlichen Staaten.
Und in dieser Hinsicht erfüllt das wiedervereinigte Deutschland den Traum aller russischen Führer seit Lenin, indem es hilft, als Handels- und Technologiepartner Russland zu modernisieren.
Und zugleich werden die Wünsche der deutschen Industrie nach Absatzmärkten und Rohstoffimporten befriedigt. Diese deutsch-russische Modernisierungspartnerschaft - frei von beiderseitigenAggressionen und ideologischen Theorien - entspricht daher den historischen Interessen beider Länder und geht weit über die besonderen Vorlieben einzelner Unternehmen oder Politiker hinaus.
Daher ist es kein Widerspruch, dass 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die deutsch-russischenBeziehungen so gut sind.“ Das Thema Zweiter Weltkrieg Die Frage nach dem Bild Deutschlands in Russland und dem von Russland in Deutschland ist natürlich eng mit der RollederMedien verbunden, diedie Bilder formen. Deutschland kommt in den russischen Medien ziemlich oft vor und zwar meistens als wichtigster Westpartner Russlands und als nachahmenswertes Beispiel.
Es wird ausführlich über die Gipfeltreffen und wichtige Besuche, wirtschaftliche Zusammenarbeit und bedeutende Projekte, beispielsweise „Nord Stream“ berichtet und kontrovers über die Rückgabe der „Beutekunst“ diskutiert. Das Thema Zweiter Weltkrieg mit ewigen Fragen nach Schuld und Sühne, Verdrehung von Fakten und Versöhnung der Menschen ist längst nicht abgeschlossen.
In der Darstellung des deutschen Gesundheitswesens geht es kaum um teuere Medikamente und abgehetzte Ärzte aber umsomehr umschwierige Operationen, die man russischen, allerdings oft gut betuchten Patienten ermöglicht, um Spenderorgane und die Anfertigung komplizierter Prothesen. Zusammenfassend kannmansagen, dass sich die Berichterstattung über Deutschland in den russischen Medien als eher neutral definieren lässt.
Dagegenstelltmanfest,dass in Veröffentlichungen der deutschen Presse über Russland eine begrenzte Zahl von Themen wie Menschenrechtsverletzungen, undemokratischeVerhältnisseundfehlende Pressefreiheit behandelt wird, wobei anprangerndeundbelehrendeTöneüberwiegen.
UmdasBildRusslandszumalen, bedienen sich deutsche Kolleginnen und Kollegen einer Palette mit recht wenigen und ganz bestimmten Farben. Dabei liegt mir der Gedanke fern, sie etwa Lügen zu strafen.
Im Gegenteil: Die Informationen derdeutschenMedienüberRusslandkommendenjeweils geschildertenVerhältnissen sogarziemlichnahe,nichtzuletztweil die Fakten oft kritischen russischen Artikeln entnommen sind. Nur: Die Realität Russlands ist weit umfassender und viel differenzierterundihr AbbildindendeutschenMediendeshalbziemlicheinseitig.
Bemerkenswerterweisebestätigendasjene Deutschen, die gerade in Russland arbeiten und - imUnterschied zum größeren Teil ihrer Landsleute daheim - nicht auf diedeutscheBerichterstattungbeiderMeinungsbildung angewiesen, sondern in einer günstigeren Lage sind,
sich ein Russlandbild aufgrund eigener, facettenreichererErfahrungen, Gespräche,Alltagserlebnisse und -beziehungen machen zu können. Eine im Auftrag der Friedrich- Ebert-StiftungunddesVerbandesderDeutschenWirtschaftinRusslanddurchgeführte Untersuchung ergab, dass 84 Prozent der vor Ort BefragtendieAuffassung vertraten, dassdiedeutschenMedienimVerhältnis zu Russland absichtlich „zu dick auftragen“.
Wiedemauch sei, die Bewertungen der aktuellen deutsch-russischen Beziehungen fallen sowohl von der deutschen als auch von der russischen Bevölkerung mehrheitlich positiv aus. Laut einer Repräsentativuntersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach (April 2008) bezeichneten mehr als drei Viertel der befragten Russen die bilateralen Beziehungenals „gut“ oder „sehr gut“.
Bei den Deutschen zogen „nur“ 55 Prozent eine positive Bilanz - immerhin. Mögen die soziologischen Erhebungen manchen beruhigend, anderen unvollständig erscheinen, erstrebenswert wären meiner Ansicht nach wesentlich zunehmende Begegnungen undsowachsendegegenseitige Erkenntnisse. Heißt es doch in unseren beiden Sprachen: Erfahrung ist der beste Lehrmeister!
Dmitri Tultschinski
Bundesratufer 12 a
10555 Berlin
Wie aus guten Nachbarn Feinde wurden
Eine kleine Geschichte der deutsch-russischen Beziehung bis zum ersten Weltkrieg
Von
Günter Geschke
Seit Menschengedenken hat das russische Kernland mit seinen weiten Ebenen und großen Strömen Fremde angelockt: wandernde Stämme, vagabundierende Abenteurer, Eroberer.
Im 9. Jahrhundert waren es die Waräger und Rus (Wikinger) die von Norden bis ans Schwarze Meer vorstießen. Später fielen aus dem Osten berittene Mongolen und Tataren ein, die plünderten und mordeten, bis sie sich damit zufrieden gaben, russische Fürstentümer tributpflichtig zu machen und zu halten. Dann, im Hochmittelalter, drängten von Westen die Ritter des Deutschen Ordens heran, die Ostpreußen und Lettland eingenommen hatten und nun das reiche Gebiet mit der blühenden Hansestadt Nowgorod dazuschlagen wollten.
Sie ließen erst von ihren Plänen ab, als ihr erster starker Stoßtrupp - Ritter in schwerer Rüstung zu Pferde, begleitet von einem estnischen Trupp zu Fuß - von einem russischen Heer auf dem noch brüchigen Eis des zugefrorenen Peipussee vernichtend geschlagen wurde.
Das geschah am 5. April 1242 und kann, modern ausgedrückt, als erster „deutsch-russischer Waffengang“ angesehen werden.
Anführer der siegreichen russischen Verteidiger war Fürst Alexander Jaros-lawitsch Newski, der zwei Jahre zuvor in der Schlacht an der Newa (in der Nähe des später gegründeten Sankt Petersburg) schon ein aus dem Norden eingedrungenes schwedisches Heer bezwungen hatte.
Als russischer Nationalheld und Heiliger der russisch-orthodoxen Kirche gilt Alexander Newski, der spätere Großfürst von Wladimir als einer der wichtigsten Begründer des russischen Reiches und Retter der russisch- orthodoxen Kirche vor der Vereinnahmung durch die „römischkatholischen“ Deutsch-Ordensritter.
Das exakte Datum wie die grauslichen Details der Schlacht am und auf dem Peipussee gehörten - unter - wechselnden Regimen - stets zum festen Kanon russischer Geschichtskunde.
Das spätere Zarenreich, dynastisch („Katharina die Große“, eine preußische Prinzessin), kulturell und wirtschaftlich mit Mittel- und Westeuropa eng verbunden (Peter der Große, „Zar und Zimmermann“) zog seit dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) nicht nur deutsch-baltischeAdlige, Baumeister, Handwerker und Fabrikanten an, sondern auch deutsche bäuerliche Siedler (später als „Wolgadeutsche“ bekannt);
sie kamen meist aus jenen Gebieten, in denen - wie etwa im schwäbischen Unterland (Korntal) - die reale Erbteilung der ohnehin meist kleinen Bauernhöfe das Überleben immer schwerer machte.
Als Deutschland auch für den russischen Adel immer attraktiver wurde... In umgekehrter Richtung fand der russische Adel mit seiner Vorliebe für alles Französische (Zweitsprache) seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon, dessen „Grande Armée“ ja immerhin bis Moskau vorgedrungen war, auch das noch kleinteilige „Deutschland“ immer attraktiver: deutsche Kultur (Klassik und Romantik),
das aufstrebende Kur- undBäderwesen (Treffpunkt Baden-Baden) und - nach der Reichsgründung 1871 - das schnellwüchsige Berlin, nebst der nahen alten Residenzstadt Potsdam.
(Nach Weltkrieg I und bolschewistischer Revolution suchten tausende russischer Flüchtlinge, Adlige, wohlhabende Bürger, Fabrikanten, dort erste Zuflucht. Viele zogen weiter nach Frankreich oder wanderten aus in die Vereinigten Staaten von Amerika.)
Das gebildete Deutschland aber las mit wachsender Begeisterung die große neue russische Literatur: Tschechow, Tolstoi, Dostojewski... Liberal orientierte Bürgerliche erregten sich über die dort geschilderten „rückständigen Verhältnisse“ in Russland; gescheiterte 48er Revolutionäre zogen - wie später die Sozialdemokraten - daraus den Schluß, dass die reaktionäre Zarenherrschaft im Namen des politischen und sozialen Fortschritts abgeschafft gehöre.
Radikal links Orientierte, frühe „Marxisten“ waren auf die ersten russischen Anarchisten aufmerksam geworden, lasen deren programmatische Schriften, suchten und pflegten Kontakte zu denen, die - wie Michail Bakunin -, verfolgt von zaristischen wie deutschen Geheimpolizisten - im Westen Zuflucht gefunden hatten. Man traf sich auf Kongressen und zu geheimen Aussprachen in Bern, Zürich oder London.
An diese Stelle gehört die Erinnerung an das bedeutende Sonderkapitel deutsch-russischer Beziehungen im 19. Jahrhundert, das - längst bis in alle Details erforscht und dargestellt - hier nur stichwortartig angedeutet sei.
Mit großen Namen wie: Hegel, Feuerbach, Marx und Engels auf der einen, Alexander Iwanowitsch Herzen, Wladimir Iljitsch Ulanow (Lenin) und Lew Davidowitsch Trotzki auf der anderen Seite.
Mit so epochemachenden Schriften wie: Das Kommunistische Manifest und Das Kapital. Zieht man in Betracht, was sich zeitgleich an nationalistischen wie rassistischen Ideen, Ideologien und Bewegungen entfaltete, wie Imperialismus, Kolonialismus und Militarismus die Politik nicht nur der europäischen Kabinette (auch die derUSAundJapans) beherrschten, und vergißt man nicht, welch ungeheures Vernichtungspotential Physik, Chemie und Technik bereitzustellen begannen, dann wird klar:
Damals bahnte sich derWeg in die große Kultur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts an - mit seinen beiden fürchterlichenWeltkriegen; der Oktoberrevolution in Russland und der nachfolgenden stalinistischen Schreckensherrschaft (Gulags);
den Exzessen des Nationalismus, insbesondere Faschismus und Nationalsozialismus (KZ, Holocaust) und mit all den Genoziden an Hereros und Armeniern, Kambodschanern, Tutsis und so weiter...
Dass Russen und Deutsche im August 1914, nach mehr als 100 Jahren friedlichen Nebeneinanders und gelegentlichen komplizenhaften Miteinanders (drei Teilungen Polens) ab August 1914 gegeneinander Krieg führen mussten,
war in hohem Grade abwegig. Es gab keinen plausiblen Grund; die Völker vertrugen sich gut, die Dynastien waren eng miteinander verwandt, Wirtschaft und Handel für beide Seiten vorteilhaft.
Aber beide Regierungen hatten sich - unter schmählicher Vernachlässigung ihrer wechselseitigen Interessen - auf gegeneinander gerichtete Bündnissysteme eingelassen. Nach dem kriegsauslösenden tödlichen Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajewo und der daran anknüpfenden Blankovollmacht der deutschen Reichsregierung für Österreich-Ungarn, Serbien notfalls auch ultimativ mit Krieg drohen zu können, blieb keine echte Wahl mehr:
In Berlin wie in Sankt Petersburg war Bündnistreue angesagt. Wie die Zahnräder einer Uhr griffen die Verpflichtungen der beteiligten Mächte ineinander:
Frankreich, England und Russland auf der einen, Deutschland und Österreich-Ungarn auf der anderen.
Die Deutschen fielen, dem - nur unter militärischen Gesichtspunkten zu rechtfertigenden - „Schlieffenplan“ folgend und unter Verletzung der Neutralität Belgiens in Frankreich ein;
die Russen marschierten auf Königsberg los, hielten einen großen Teil Ostpreußens solange besetzt, bis sie in der Schlacht bei Tannenbergvon den aus dem Westen verstärkten deutschen Truppen unter Hindenburg geschlagen, über die Grenzen zurückgetrieben und weit ins Baltikum und ins russische Land hinein verfolgt wurden.
Nun erst kamen Rachegefühle auf, gedieh tiefere Feindschaft zwischen den Völkern. In Russland aber wuchs angesichts der drohenden Niederlage eine vorrevolutionäre Situation heran.
Bedenkenlos verfielen die, in den Materialschlachten und Schützengräben an der Westfront in Frankreich festgefahrenen Deutschen, darauf, zu ihrer Entlastung im Osten, die Lage in Russland bedenkenlos auszunutzen.
Mit der Freifahrt für Lenin und seine Revolutionäre in deutschen Eisenbahnwaggons legten sie die Lunte ans russische Pulverfass.
Am Ende stand das deutsche Friedensdiktat von Brest-Litowsk, das die neue Moskauer Revolutionsregierung zähneknirschend annahm; Lenin wie Trotzki, der russische Delegationschef bei den Friedensverhandlungen mit den Deutschen, setzten darauf, dass diese unausweichlich schon bald die zweiten großen Verlierer dieses Weltkrieges sein würden.
Danach sollte es - so ihre feste Überzeugung - mit der kommunistischen Revolution in Deutschland und seinen Millionen Proletariern ja erst richtig losgehen. Und siegte sie dort, dann würde der Traum von der Weltrevolution endlich Wirklichkeit.
Nur mit ihrer ersten Annahme behielten die russischen Revolutionäre recht; auch Deutschland verlor den Krieg und musste mit dem Friedensvertrag von Versailles die Zeche nicht nur für den hohen eigenen Anteil an der Kriegsschuld, sondern für alle bezahlen.
Wie sich bald herausstellte war dies eine schwere Hypothek für die erste deutsche Republik, den tapferen Versuch, bürgerlicher und sozialdemokratischer Republikaner die politische Verantwortung zu übernehmen. Trotz der Belastungen durch die - von der Mehrheit des Volkes nicht einmal eingestandene - Niederlage an der Front, trotz des „Diktatfriedens“, trotz Not, Elend und drohendem Bürgerkrieg, versuchten sie tapfer, inDeutschland einen freiheitlichen und sozialen Rechtsstaat aufzubauen.
Im Sinne der Weimarer Klassik sollte es ein friedlicher, weltoffener Kulturstaat werden... Dass sie an dieser Herkulesaufgabe letztlich scheiterten, daran haben auch die Moskauer Strategen der Weltrevolution eine hohe Mitschuld. Zu lange haben sie an den Sieg der kommunistischen Sache in Deutschland geglaubt, sich mit den falschen Mitteln, Parolen und Personen eingemischt.
Die Sache mit Rapallo, der vertragsmäßigen Annäherung beider Kriegsverlierer, blieb ebenso ein Zwischenspiel wie die Zusammenarbeit mit der Reichswehr, die in heimlichen Manövern auf sowjetischem Boden ihre durch den Versailler Friedensvertrag gestutzten Flügel bewegen konnte.
Als es gegen Ende der Weimarer Republik, nachdemsteilenAufstiegAdolf Hitlers und seiner SA („Sturmabteilung“) und SS („Schutzstaffel“) zum Schwur kam - hie Rassimus, dort Humanismus; hie Kriegsvorbereitung, dort Friedenspolitik; hie (Groß)-“Deutschland über alles“, dort Völkerbund - da hatte sich Genosse Stalin längst für den „Aufbau des Sozialismus in (s)einem Land“ entschieden, für den systematischenTerror gegen Kulaken, Offiziere und andere„Volkschädlinge“ sowie gegen alle anderen, die seiner tyranninischen Alleinherrschaft irgendwann hätten gefährlich werden können.
Die deutschen Genossen aber ließ er - unter der Führung des tumb ergebenen Ernst Thälmann - stramm die Faust gegen Sozialdemokraten („Wer hat uns verraten...?“) undGewerkschaftler ballen und weiter in den eigenen Untergang marschieren.
DieQuittungdafür erteilte dieGeschichte ihm und dem schon bis aufs Blut gepeinigten russischen Volk erst am 22. Juni 1941, als Hitler und Nazideutschland denVernichtungs-undVersklavungskrieg gegen beide begannen. Aber dies ist ein - todtrauriges - Kapitel für sich!
Günter Geschke
„Manuskripte brennen nicht“
Deutsch-russische Literaturbeziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg
Von
Thomas Reschke
Unser Autor, Thomas Reschke, 1932 in Danzig-Langfuhr geboren, wurde nach dem Slawistik-Studium an der Humboldt-Universität Redakteur und Lektor in Ostberliner Verlagen. Seine Karriere als Übersetzer russischer Literatur begann 1957. Hohes Ansehen erlangte Reschke mit seinen Übertragungen von Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ und „Doktor Shiwago“ von Boris Pasternak.
Für sein Gesamtwerk erhielt Reschke im Jahr 2000 das Bundesverdienstkreuz und anno 2001 den renommierten, hochdotierten Übersetzerpreis der „Kunststiftung NRW“. In den zwölf Jahren Nazidiktatur war die Rezeption zeitgenössischer russischer Literatur in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. Eines der wenigen Werke, die damals erscheinen konnten, war der Erzählungsband „Schlaf schneller, Genosse“ mit satirischen Geschichten von Michail Sostschenko, von Katajew, Romanow und Schischkow.
Dabei könnte eine Rolle gespielt haben, dass sich die Satiren mit Missständen befassten, was sich von der Goebbels-Propaganda ausschlachten ließ.
NachdemSiegderAlliierten1945verlief die kulturelle Entwicklung in den beiden Hälften des gespaltenen Deutschlands, abhängigvomWillenderjeweiligenSiegermacht, sehr unterschiedlich. In den westlichenZonenkamenvieleamerikanische, englische und französische Bücher auf denMarkt, in der russischenZonehauptsächlich die jahrelang tabuisierte sowjetische Literatur. Diese aber kannte in den ersten zehn Nachkriegsjahren fast ausschließlichThemen, welchediedeutschen Leserkauminteressiertenunddarumauch keineVerkaufserfolgewaren:
dieHeldentaten der Sowjetarmee im Großen VaterländischenKrieg (Katajew- „In den KatakombenvonOdessa“, Simonow-„Tage und Nächte“, Fadejew- „Die junge Garde“), die Verherrlichung der Oktoberrevolution und der RotenArmee im Bürgerkrieg (Furmanow - „Tschapajew“, Serafimowitsch - „Der eiserne Strom“), die Industrialisierung (Gladkow - „Zement“, Ashajew - „Fern von Moskau“, Polewoi - „Der Querkopf“) und die zwangskollektivierte Landwirtschaft, die grotesk schöngefärbt wurde (Babajewski - „Ritter des goldenen Sterns“, Nikolajewa - „Ernte“).
Alle diese und die meisten Werke jener Zeit waren dem Dogma des „sozialistischen Realismus“ unterworfen. Sie stellten das Leben, die Menschen, die Gesellschaft keineswegs realistisch dar, sondern waren vielen staatlich vorgegebenen Einschränkungen ausgesetzt:
Alles, was als Versagen der Staats- und Parteifunktionäre gedeutet werden konnte, also Warendefizite, ausbleibende Lieferungen von Rohstoffen und Ersatzteilen, schwere Qualitätsmängel der Produktion, verbreitete Diebstähle in Werken und Fabriken, die katastrophalen Zustände in der Landwirtschaft, aus alldem resultierende menschliche Konflikte – all das durfte nicht mal erwähnt, geschweige denn künstlerisch gestaltet werden.
Als alles „Unsozialistische“ verpönt war...
Ebenso waren „unmoralische“ Themen im Privatleben verpönt: Untreue, uneheliche Kinder, auch der weit verbreitete Alkoholismus, Betrügereien aller Art. Gänzlich verboten war alles, was mit der „inneren Sicherheit“ zusammenhing: die Justiz, der Archipel Gulag, in dem Millionen Menschen Sklavenarbeit verrichtenmussten, jedwede Zweifel an den ewig wiederholten Forderungen nach Wachsamkeit und Konspiration und an der von Stalin postulierten Verschärfung des Klassenkampfs.
Und: Sprachliche Experimente, expressionistische Bilder, Gaunerund Obszönjargon und sonstige Abweichungen von der Normsprache galten als unsozialistisch.
Fast nur Bücher mit solchen Inhalten und geringer künstlerischer Umsetzung konnten in den DDR-Verlagen erscheinen. Hinzu kam, dass erfahrene Übersetzer noch nicht zur Verfügung standen.
Darum übernahmen die Verlage Übersetzungen aus dem Moskauer Fremdsprachenverlag, für den jüdisch-deutsche Emigranten tätig waren (Hilde Angarowa, Lasar Steinmetz, Olga Halpern u.a.), oder sie zogen ehemalige Kriegsgefangene oder Baltendeutsche heran, die in Russland die Sprache gelernt hatten. Die Ergebnisse waren unbefriedigend, denn die Emigranten hatten lange fern vom deutschen Sprachraum gelebt, und die Kriegsgefangenen verstanden nichts vom literarischen Übersetzen.
Darum waren in den DDR-Verlagen Germanisten als Lektoren und Redakteure tätig, um die Texte halbwegs lesbar zu machen. Die Folge: Es bildete sich ein graues Übersetzerdeutsch heraus, in dem sich ein Buch wie das andere las - stilistische Unterschiede des Originals waren weggebügelt. Die kaum verkäuflichen Bücher gingen großenteils an die „Volksarmee“ und an volkseigene Betriebe, wo sie als Prämien für besondere Leistungen vergeben wurden.
All das änderte sich langsam in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre. 1957 erschien Ilja Ehrenburgs „Tauwetter“, das einer ganzen Periode den Namen gab.
Der künstlerisch kaum gelungene Roman war die erste literarische Reaktion auf die Veränderungen nach Stalins Tod, eine Rückbesinnung auf das menschliche Privatleben, das nach dem bisher verbreiteten Kollektivismus als wohltuend neu empfunden wurde.
Etwas später erschienen auch ältere Werke, die bislang unterdrückt worden waren, so Isaak Babels „Reiterarmee“ (1964) oder Michail Scholochows frühe Erzählungen „Flimmernde Steppe“ (1958), in denen der Bürgerkrieg dargestellt wurde als das, was er war - eine Folge unendlicher Grausamkeiten, von Hass und Zerrissenheit bis hinein in die Familien. Das fand auch in der verdichteten Sprache des Originals künstlerischen Ausdruck.
Mitte der Fünfziger rückten in der DDR die ersten Hochschulabsolventen in die Verlage. Die Slawisten brachten die Kenntnis der russischen Sprache und die literarische Vorbildung mit, um die Übersetzungskunst zu erneuern und adäquate deutsche Wiedergaben anzustreben.
Das war sehr notwendig, denn Scholochow, Babel und die nun erscheinenden Autoren der ersten Nachkriegsgeneration (Axjonow, Jewtuschenko, Kusnezow und andere) nutzten nicht nur das „Normal- Russisch“, sondern auch die Umgangs-, die Jugendsprache, Jargonelemente und anderes, was deutsche Nachgestaltung verlangte.
Die jungen Redakteure (so wurden sie im Verlag „Volk und Welt“ genannt) verglichen jetzt die eingegangenen Texte sorgfältig mit den Originaltexten und hatten auch die deutsche Wiedergabe im Blick, so dass allmählich die Qualität der Übersetzungen besser wurde.
Die russische Gegenwartsliteratur, die bis in die Sechziger im westdeutschen Buchhandel kaum vertreten und in der DDR schwer verkäuflich war, fand nun allmählich das Interesse der Buchleser und -käufer.
1962 kam nach langem Widerstand der Zensur ein schwergewichtiger Roman (mehr als 900 Seiten) heraus: „Schlacht unterwegs“ von Galina Nikolajewa. Das Buch markiert eine gewisse Wende, es schildert den Aufbau eines großen Industriewerks, der sich in vielfachen Schwierigkeiten und Konflikten vollzieht, wie sie bisher kaum zu lesen waren, und lässt den tüchtigen Chefingenieur Bachirew fast scheitern, weil er neben seiner Ehefrau eine Geliebte hat, die überdies zu den positiven Helden des Romans gehört.
Bis zur wahrheitsgetreuen Gestaltung der sowjetischen Wirklichkeit war es noch weit, doch ein wichtiger Schritt war getan.
Weitere Schritte waren die Werke von Juri Trifonow, Wladimir Tendrjakow, Viktor Astafjew, Wassili Schukschin, dem Belorussen Wassil Bykau, dem Kirgisen Aitmatow.
Sie waren geduldete Autoren und hatten es in Russland nicht immer leicht mit der Zensur, im Gegensatz zu den geförderten Autoren wie Simonow, Tschakowski, Koshewnikow, deren Linientreue außer Zweifel stand.
Die dritte Kategorie der russischen Literatur, Dissidenten und Emigranten (Maximow, Kopelew, Solshenizyn, Gorenstein u.a.), kam natürlich nicht in Betracht, schließlich mussten DDR-Verlage vor jeder Veröffentlichung die Genehmigung der sowjetischenAutorenagenturWAAPeinholen.
Durchbruch zur Wahrheit und Phantasie
Die zuvor genannten Autoren gingen in ihren Werken viel weiter als ihre Kollegen in den Sechzigern, sie berührten schon mal das Thema der Rechtlosigkeit (Aitmatows „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“,
Trifonows „Das Haus an der Uferstraße“), der durch die Zwangskollektivierung zerstörten Landwirtschaft (Schukschin, Rasputin u.a.) oder der Stalinschen Nationalitätenpolitik, die ganze Völker aus ihren Siedlungsgebieten riss und in die kältesten Gegenden verbannte (Pristawkins „Schlief ein goldnes Wölkchen“).
Und in den Achtzigern konnten wir endlich auch die Werke des wohl größten russischen Prosaikers des 20. Jahrhunderts, Andrej Platonow, in einer schönen mehrbändigenAusgabe herausbringen,
vor allem das Hauptwerk „Tschewengur“. Und die herrlichen Satiren von dem Autorenpaar Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: „Die zwölf Stühle“ und „Das goldene Kalb“.
Die Sowjetliteratur war nun schon kritischer, als es DDR-Autoren sein durften, und es ist vorgekommen, dass einzelne sich bei der Hauptverwaltung Verlage beschwerten, weniger offen schreiben zu dürfen als die russischen Kollegen.
Aber die Massenverhaftungen, die Deportationen, der Archipel Gulag, in dem Menschen durch Knochenarbeit, Hunger und Kälte vernichtet wurden, Tragödien, die buchstäblich keine Familie in der Sowjetunion verschont hatten, blieben als Thema der Literatur noch immer tabu, und erst in der Wendezeit konnten endlich die Werke von Warlam Schalamow und Alexander Solshenizyn erscheinen.
Aus ihnen erfuhren die Leser in Deutschland und der Welt nun, künstlerisch gestaltet, in bestürzenden Bildern, was für eine Menschheitskatastrophe die Bolschewiken in Russland angerichtet hatten.
In der gleichen Zeit waren die sowjetischen Verlage nicht untätig und brachten auch einiges an DDRLiteratur heraus.
Allerdings: Fragte man einen literarisch interessierten Russen, was er von deutscher Gegenwartsliteratur kenne und schätze, so wurden – zum Verdruss der DDR-Literaturfunktionäre – fast immer zwei Namen genannt:
Heinrich Böll und Erich Maria Remarque. Nicht einmal der vorzüglich ins Russische übersetzte Erzähler Hans Fallada fand vergleichbaren Anklang. Überhaupt ist die Teilung Deutschlands in zwei unabhängige Staaten den meisten Russen nie so ganz ins Bewusstsein gedrungen, bzw. an deren Dauer haben sie nie geglaubt.
Eine Sonderstellung nahm der Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow ein.
Karl Schlögel nennt ihn den „Schlüsselroman für das Russland des 20. Jahrhunderts“.
Zuerst 1966/67 in einer von der Zensur verstümmelten Zeitschriftfassung in Moskau erschienen (sechsundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors), kam er acht Jahre später als vollständige Buchfassung heraus.
Das Werk war von Anfang an „Kult“ - nicht nur in Russland, sondern auch in der DDR. Und ein Bestseller in der BRD. Und später auch im vereinigten Deutschland. „Manuskripte brennen nicht“ – dieser Satz wird immer wieder zitiert.
Für eine Deutung des Jahrhundertwerks ist hier nicht der Raum, aber allein schon die Tatsache, dass er von den Dogmen des sozialistischen Realismus unendlich weit entfernt war, sicherte ihm die Liebe seiner Leser, die anfangs, um in den Besitz des Werkes zu gelangen, es abtippten oder gar von Hand abschrieben.
Oder auf dem Schwarzmarkt Höchstpreise dafür boten. Für mich war es ein einzigartiger Glücksfall, dieses Buch übersetzen zu dürfen.
In der DDR war die sowjetische Literatur in den beiden führenden Verlagen, Aufbau und Volk & Welt, mit nachgerade wissenschaftlicher Sorgfalt verfolgt, ausgewertet und ediert worden.
Wenn Moskauer Verlagsvertreter uns besuchten, haben sie uns mehr als einmal attestiert, wirklich das Beste der jeweiligen Jahresausbeute zur Veröffentlichung ausgewählt zu haben. Wir hatten zu vielen russischen Autoren freundschaftliche Beziehungen und wussten daher oft von Büchern, von denen noch keine Zeile geschrieben war.
Wir werteten alle wesentlichen Literaturzeitschriften regelmäßig aus und trieben einen materiellen und personellen Aufwand, den sich heute kein Verlag mehr leistet.
Nach dem Unterschied in der Verlagssituation vor und nach der Wende von 1989 befragt, antworte ich:
In der DDR mit 16 Millionen Einwohnern druckten wir unbekannte sowjetische Autoren mit zehntausend Exemplaren Erstauflage.
Im vereinigten Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern drucken wir bekannte russische Autoren mit zwei- bis dreitausend Exemplaren Erstauflage.
In dieser veränderten Situation werden Bücher aus dem Nachbarland oft nur profitorientiert verlegt. So manches literarisch wertvolle Buch kann sich am Markt nicht behaupten, weil viele Verlage den Bestsellerfimmel haben.
Andere, auch bekannte Autoren, deren Werke in der DDR in guten Übersetzungen erschienen sind, werden neu übersetzt, und gar nicht immer in besserer Qualität.
Überhaupt werden die verlegerischen und übersetze- rischen Leistungen der DDR heute gern übersehen bzw. ignoriert. Vor etlichen Jahren erschien in einer namhaften Zeitung eine vergleichende Besprechung der bislang deutsch erschienenen Dostojewski- Werke.
Eine ganze Reihe von Ausgaben wurde besprochen. Nur eine nicht: die vorzügliche Werkausgabe der Dostojewski-Werke im Aufbau- Verlag in den letzten Vorwendejahren.
Thomas,Reschke Dolomitenstraße,18 13187,Berlin
Der Sommer, als die Wälder Feuer fingen
ÜberdenVerlaufunddieUrsachender Brandkatastrophe inRußland
Eine Recherche von Alexander Sorge>
Der große Waldbrand-Smog hing noch in Resten über Moskau, als ich Ende August dort meinen Studienaufenthalt antrat. Kurz nach meiner Ankunft wurde ich krank, beim Versuch, zur Hauptverkehrszeit eine Internet- Kneipe zu Fuß zu erreichen. Dabei wurde ich von einer beißend penetranten, übel riechenden Mischung aus Rest-Brandrauch und normalem Verkehrssmog getroffen, die an jenem Tag durch eine Wetterinversion in Bodennähe stark konzentriert waren.
Mir wurde speiübel und ich musste umkehren. Nur mit großer Mühe schaffte ich den Kilometermarsch zurück in meine Wohnung.
Dort lag ich die ganze Nacht wach im Bett, geplagt von Magenkrämpfen, die so stark waren, dass ich eine Zeitlang sogarAngst hatte, eine Herzattacke erlitten zu haben. Zum Glück war das nicht der Fall.
Später las ich irgendwo, daß solche Krämpfe oft vorkommen, wenn man zum ersten Mal solcher Art von Kombi-Smog begegnet. Ein Arzt berichtete, die Moskowiter hätten sich bereits weitgehend an solche Luftverschmutzung gewöhnt.
Die negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit würden sich jedoch später bemerkbar machen. Ihre Körper würden eben schneller alt, ihre Lebenserwartung verkürze sich.
Natürlich wollte ich erfahren, wie die Leute auf diese extreme Situation und die Strapazen reagieren und was sie nun dazu zu sagen hatten.
Ich begegnete wenigen, die offen über ihre Erfahrungen sprachen. allenfalls beiläufig teilten sie etwas mit. So erzählte mir eine Frau, dass ihr alter Vater fast ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, da er die verdreckte Luft kaum noch einatmen konnte, sodaß er einemHerzinfarkt ganz nahe war.
Eine andere Frau musste Urlaub auf einer Insel machen, um sich von dem Rauch zu erholen. Wenn ich Leute direkt befragte, waren die Antworten vage, wie „Ja es war unangenehm, bedrohlich sogar. Jetzt wo es vorbei ist, kann das Leben weiter gehen.“
Ich fragte mich immer wieder, ob dies Ausdruck eines gelassenen Stoizismus der Moskowiter war, oder ob diese scheinbare Gleichgültigkeit vielleicht nur eine Maske war, die dazu dienen sollte, ihre wahren Gefühle vor mir, dem Ausländer, zu verbergen.
Möglicherweise gaben mir die Leute auch Signale ihrer wahren Gefühle, die ich, unerfahren mit russischer Kultur und Kommunikation, zu verstehen nicht in der Lage war.
Eine interessante Erfahrung machte ich, als ich eingeladen wurde, im Englischunterricht einer Gymnasialklasse in einem Moskauer Vorort mitzuwirken. Der Ort lag mitten in einem Birkenwald.
Während meines Vortrages wurden wir plötzlich von einer schrillen Alarmglocke unterbrochen. Die Schüler schauten auf, reagierten leicht irritiert, bis die Lehrerin kurz danach herausbekam, dass es sich um einen falschen Feueralarm gehandelt hatte.
Dann wurde weiter gemacht, als sei gar nichts passiert.
Als ich in Moskau angekommen war, gab es im russischen Fernsehen so gut wie keine Berichterstattung über den Brand. In der englischsprachigen Zeitschrift „Passport Moskau“ las ich dannAuszüge aus dem Tagebuch eines U.S.-Amerikaners, der seine Erfahrungen aus der Zeit der Brände beschrieb:
„Fernsehnachrichten haben eine Wiedergeburt an Popularität gewonnen...; sogar ich schau rein! Bald aber beginne ich, mich sehr enttäuscht zu fühlen.
Es scheint als ob russische Leichtathletik- Siege oder Bilder von Überschwemmungen wichtiger sind als das, was hier passiert.“ (P. M., Nr. 09/2010, Seite 27)
Bis Ende August/Anfang September wurde kaum mehr in den Medien über das Feuer berichtet. Es war als würden diese versuchen, jegliche Gedanken an die Brände schnell zu löschen.
Ich erinnere mich daran, dass Ende August im Fernsehen immer wieder derselbe Film über Vladimir Putin gesendet wurde, wie er ein Feuerlöschflugzeug steuerte und dabei lodernde Flammen irgendwo auf dem Lande löschte.
Später erfuhr ich, dass auch der Herr Ministerpräsident eigentlich nicht befugt ist, ein solches Flugzeug zu führen.
DIE TÖDLICHE MISCHUNG AUS HITZE UND SMOG
Statistiken aus den westlichen Medien zeigten ein anderes Bild der Lage, was offenbar nicht ohneWirkung auf die russischen Verlautbarungen blieb.
Am 17. August entschuldigte sich ein ranghoher Demografie- Forscher der Russischen Akademie der Wissenschaften, Boris Revich, in aller Öffentlichkeit für seine früheren Mitteilungen über die zu niedrig geschätzte die Zahl der in Verbindung mit dem Feuer Verstorbenen im Monat Juli.
Er berichtete, dass allein im Juli fast 5 800 Moskowiter an der fatalen Mischung aus Hitze und Smog gestorben seien.
„ ... Nie haben wir eine derartige Hitze erlebt“, sagte Revich (Quelle: Dmitry Solovyov für Reuters, in TORONTO SUN, 17. August 2010).
Am 8. Oktober veröffentlichte der englische Radiosender BBC offizielle russische Statistiken, wonach 42 000 mehr Personen in Russland gestorben seien als während der vergleichbaren Periode im Jahr zuvor.
Am18. September schließlich zitierte Agence France Press einen Staatsbeamten, wonach ungefähr 11 000 Moskowiter in der Hitze und dem Smog ums Leben gekommen waren.
UNSICHERE SCHADENSBILANZ
Es gibt große Unterschiede bei der Einschätzung des wirtschaftlichen Schadens.
Während der Leiter des russischen Katastrophenschutzministeriums, Sergej Schoigu die Gesamtkosten auf knapp 400 Millionen Dollar beziffert, kommt der Vorsitzende des russischen Artenschutzzentrums Alexej Simenko auf eine fast zehnmal höhere Schadenssumme.
Gründe für die unterschiedlichen Schätzungen sind darin zu finden, dass Schoigus Ministerium nur die Ausgaben für die Brandbekämpfung und den Wiederaufbau zerstörter Gebäude in Betracht zieht, während Simenko auch den Gesamtmarktwert der zerstörten Holzbestände sowie die Wiederaufforstungskosten berechnet.
Er schätzt den Schaden konservativ auf ungefähr 25.000 US-Dollar pro zerstörtes Hektar Nutzholz. Da insgesamt zehn bis zwölf Mio. Hektar Nutzholz abbrannten, ergibt sich also ein Gesamtschaden von mindestens 300 Milliarden Dollar (236 Mrd. Euro).
Gravierende Verluste dürfte es auch durch die Getreideernteausfälle gegeben haben.
Die Wiener Zeitung Die Presse, schätzt - leider ohne ihre Quelle zu nennen -, dass die Ernte von vorjährigen 97 Mio. auf 63 Mio. Tonnen zurückgefallen ist. Eigentlich müssten auch noch weitere Kostenfaktoren wie Gesundheitsschäden und Arbeitsausfälle berechnet werden.
Bis heute (Mitte Januar) liegen keine offiziellen Angaben über den Gesamtschaden vor.
(MeineQuellen: RIA Novosti, „Umweltschützer beziffert ... Schaden auf 375 Milliarden Dollar“ 26. 8. 2010; Junge Welt, „300 Milliarden Dollar Waldbrandschäden“. 17. 8.; Die Presse: ...Brände kosten jede Menge Wachstum“, 31. August 2010)
AUF DER SUCHE NACH DEN WAHREN URSACHEN
Als ich nach Deutschland zurückkam, studierte ich die Sache genauer. Ich begann mit einer Analyse westlicher Medienquellen – hauptsächlich US-amerikanische aber auch französische und deutsche.
Schnell stieß ich auf das enorm komplexe Problemfeld des Umweltschutzes im russischen Forstwesen und bei Gewinnung sonstiger wichtiger Ressourcen.
Diese Thematik ist zu komplex, um kurz gefasst und trotzdem akkurat dargestellt zu werden. Daher vermag ich hier nur einige Beobachtungen wiederzugeben und vorläufige Schlussfolgerungen zu ziehen.
ZUR ROLLE DER MEDIEN
Was die reine Beschreibung der Brände und ihrer Auswirkungen angeht, waren die westlichen Medien eigentlich viel besser als die der Russen.
Von Anfang an ist es den westlichen Medien gelungen, die Entwicklung der Brandherde akkurat wiederzugeben.
Greenpeace Russland spielte dabei eine herausragende Rolle. Diese Organisation, die auch von vielen Russen als sehr zuverlässige Quelle geachtet wird, beschrieb die Lage an der Feuerfront aktuell und korrekt.
Ein Muster-Beispiel: Am 6. August berichtete dieRussische Forstschutzagentur, dass in der Gegend von Brjansk, südlich von Moskau, 28 verschiedene Feuer brannten. Diese Region gilt seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl (1986) noch immer als kontaminiert.
Vermutlich deshalb und wahrscheinlich auf Anordnung des Innenministeriums entschied sich die Regionalbehörde, die Webseite der Forstagentur still zu legen. Es war Greenpeace, das danach berichtete, dass es im Brjansker Gebiet immer noch brannte.
(Quelle: Ulrich Heyden: „Russlands Waldbrände“ in DIE WOCHENZEITUNG, Wien, v. 19. 8.) Greenpeace Russland unterhielt auch eine Webseite, die nicht nur zuverlässig über die Ereignisse berichtete, sondern auch versuchte, eine Diskussion über die wahren Ursachen der Katastrophe in Gang zu bringen.
Was die Ursachen der Waldbrände angeht, zeigten alle von mir herangezogenen Medien Lücken. Woran mochte das liegen?
Viele westliche und prowestlich eingestellte russische Autoren schienen nur allzu geneigt, die ganze Schuld für die Katastrophe Ministerpräsident Putin anzulasten.
Die Kritik konzentrierte sich auf einen 2006 verabschiedeten Forstkodex, der den Zugang zu staatlichen Forstgebieten erleichterte und zugleich die Entlassung von Tausenden Forstangestellten aus dem öffentlichen Dienst verfügte.
Hierzu nur einige prägnante Beispiele aus der Berichterstattung: Am 4. August 2010 schrieb Yulia Latynina, eine Dissidentin und Journalistin, die große Popularität unter Russlandexperten im Westen hat: „Premierminister Vladimir Putin versprach, jene Bürokraten schwer zu bestrafen, die die Feuer nicht genügend bekämpft hätten.
Eigentlich gibt es aber nur einen Bürokraten, der die Verantwortung für diese Tragödie trägt – Putin selbst. Er war es, letztendlich, der den Forstkodex unterschrieb.“ („Putin Sang Songs While Russia Burned“, in THE MOSCOW TIMES, 4. August 2010).
WLADIMIR PUTIN UND „DAS VERTIKALE SYSTEM“
Weniger polemisch dagegen ist die Analyse von Yevgenia Albats, einer gut bekannten und hochgeschätzten Moskauer Journalistin, die im selben Blatt am 16. August schrieb: „Forstexperten sehen die Ursache in dem Forstkodex, der die Entlassung von 90 Prozent der Forstschützer zur Folge hatte.
Dieses Gesetz wurde von der Regierung eingebracht und schnell von der Staatsduma verabschiedet.
Dort gab es keine Diskussionen darüber ... sowie keine Anhörungen oder Stellungnahmen von Experten. Jetzt muss das Land die Zeche zahlen für Putins vertikales System der routinemäßigen Genehmigungen.“
Unter anderem sieht Albats eine Hauptursache des Problems der unkontrollierten Machtausübung in der gegenwärtig herrschenden typisch russischen „politischen Apathie“, die es Putin erlaube,
eine „vertikale Machtstruktur“ aufzubauen, die keinen Dissens erlaubt und die sich letztendlich unfähig zeigt, mit „anomalen Situationen“ wie dem Feuer zurecht zu kommen.
Sie sieht in dieser Apathie sogar eine Bedrohung für Russlands weitere Existenz Ähnliche Besorgnis ist imWesten zum Ausdruck gekommen.
Und nicht erst jetzt. Schon zu Beginn von Putins erster Präsidentschaft äußerte sich ein westlicher Umweltschützer bestürzt über Putins eigenhändige Schließung der russischen Umweltschutzbehörde und die Übertragung ihrer Funktionen auf das Ministerium für Ressourcen im Jahre 2000.
Der Autor, Mark Hertsgaard, warnte schon damals davor, dass die „Zerstörung von Russlands riesigen Forstgebieten, eine der Hauptquellen von Frischluft und Wasser, zur globalen Erwärmung beitragen könnte“. (Quelle: M. Hertsgaard „Russia is an Ecological Disaster“ in WASHINGTON POST, 9. Juli 2000).
In Europa reicht die Skala der Putinkritiker von liberal bis konservativ. Zwei Beispiele: Am 12. August 2010 schrieb Manfred Quiring, Moskau-Korrespondent der Zeitung DIE WELT, ebenfalls über das Problemfeld Forstkodex.
Auch er sieht die gesamte Schuld bei Putin. Dann bringt er, wie es viele seiner Kollegen tun, seine Analyse des „Falles Forstkodex“ dem System Putin als solches in ursächliche Verbindung.
Auch Quiring bedient sich dabei des Begriffs Machtvertikale: „Der neue Waldkodex der jetzt allenthalben für die Brisanz der Lage verantwortlich gemacht wird, wurde auf Betreiben des damaligen Präsidenten Putin durchs Parlament gepeitscht.
Die schlechteAusrüstung des bislang immer hochgelobten Katastrophenschutzes, dem es offenbar an allem fehlt, muss der Führung ebenso angelastet werden...
Es gehört zu den charakteristischen Merkmalen des putinschen Systems, dass es sämtliche politischen Alternativen, jedes Korrektiv im Lauf der Zeit abgebaut oder ganz beseitigt hat.“
Es sei ein System, in dem „Loyalität vor Kompetenz“ geht. (Quiring, „Feuerwehrmann Putin – verschlissen und verehrt“, in: DIE WELT 12. 9. 2010).
Gleiche Töne vernimmt man im linksliberalen französischen LE MONDE DIPLOMATIQUE; dort erschien am 8. Oktober einArtikel, geschrieben von einem Moskauer Soziologen namens Wladislaw Insomezew.
Er verfolgt dieselbe Linie wie Quiring und beschreibt ein System von Machtkonzentration, das jede Möglichkeit einer Opposition eliminiert habe, denn:
„In einem Land, das nur auf Ausbeutung seiner natürlichen Ressourcen setzt, sind Intellektuelle überflüssig.“
Wie viele andere setzt Insomezew Hoffnung auf Präsident Dmitri Medwedjew, der, anders als Putin, verstanden zu haben scheine, dass die „intellektuelle Klasse“ eigentlich zur Erhaltung und Festigung des Staates beitragen kann.
Interessant ist auch, dass Isnomezew in dem gefallenen Oligarchen Michail Chodorkowski das leuchtende Beispiel eines vorwärtsdenkenden, progressiven Intellektuellen, der unter Putins Machtvertikale zu Grunde gehen mußte.
Gepriesen wird, wie Chodorkowski, „frisch von der Uni, eine Bank gründete und mit seinem Yukos-Konzern sehr schnell unglaublich reich wurde.“
(Chodorkowski sitzt gegenwärtig eine achtjährige Haftstrafe „wegen Steuerhinterziehung“ ab. Manche Kritiker meinen, seine Verurteilung sei politisch motiviert gewesen. Das russische Volk im allgemeinen, heißt es, hasse ihn als Muster eines raffgierigen „Oligarchen“.)
Als ich derlei Kritik aus dem Westen an Putin und seinem Regierungsstil las, hatte ich oft den Eindruck, dass es dabei eigentlich um etwas anders geht als „Demokratie“ oder Sorge um die russische Umwelt.
Wünschen sich diese Journalisten sich nicht eigentlich genauso einen Regierungswechsel in Russland, wie man es auch einem großen Teil der westlichen Finanzelite nachsagt?
Viele westliche Journalisten sehen ja auch in Medwedjew eine glaubwürdige Alternative zu Putin. Diese aktuelle Voreingenommenheit könnte vielleicht auch erklären, warum so wenig versucht wird, die Probleme der Umweltzerstörung in Russland im historischen Zusammenhang zu betrachten.
ZWEI KONZERNE IM HINTERGRUND
Andrew E. Kramer schrieb in den NEW YORK TIMES vom 7. August 2010, dass auch er eine der Hauptursachen des Problems im Forstkodex sieht.
Während der 90er Jahre war Ilim Pulp von Dmitri A. Medwedjew juristisch vertreten worden.
“(Andrew E. Kramer, „Russia’s Response to Fires Does Little to Calm“,NYT, 7.August 2010)
Die Firma Ilim Pulp wurde 1992 von einem Oligarchen namens Zakhar Smushkin gegründet.
Ende der neunziger Jahre war sie bereits die größte Holzverarbeitungsfirma Russlands. (Quelle: Dmitry Butin, „History of the Russian Timber Industry 1991-2000“ inKOMMERSANT, 29. Jan. 2002)
Medwedjew soll sich der Firma im Jahre 1993 angeschlossen und deren Rechtsabteilung geleitet haben. Medwedjew war auch Mitbegründer einer Holdinggesellschaft mit Namen Finstell.
Laut Recherchen, veröffentlicht in Radio Free Europe, war Finstell die Dachfirma, die an der Gründung von Pulp Ilim Enterprises beteiligt war (RADIO FREE EUROPE: Victor Yasmann and Donald Jenson, „A Profile of Medvedev“; siehe auch die Website: www.russiaprofile.org).
Medwedjew verließ die Firma 1999 als er in die Regierung eintrat. Medwedjew unterhält immer noch sehr enge Beziehungen zu Ilim Pulp.
(Quelle: u.a.: The Future Medvedev Team“, Radio Free Europe, 23.3.2010; Irina Titova, „Medvedev´s PhotoGets 1.7 Million Dollars at Charity Auction“, ABC News vom 16.1. 2010)
Im Oktober 2006 wurde Ilim Pulp zu 50 Prozent von dem U.S.- amerikanischen Holzverarbeitungsgiganten International Paper aufgekauft. Dieser Kauf soll viel zu tun gehabt haben mit der Verabschiedung des Forstkodex.
Diese Information wird in der Presse wenig diskutiert, nicht einmal von Greenpeace, das anderswo (vor allem im Süd-Pazifik) die Verquickung von Holzindustrie und Politik sehr kritisch unter die Lupe nimmt.
Angesicht der Gefährlichkeit von investigativem Journalismus in Russland ist dies verständlich. Dies wäre also eigentlich eine wichtige Aufgabe der etablierten Medien im Westen.
DIE BRANDKATASTROPHE IM KONTEXT DER GESCHICHTE
Um den Zusammenhang zwischen der Waldbrandkatastrophe und dem gegenwärtigen politischen System in Russland in den allgemeinen historischen und politischen Kontext einzuordnen, müsste man weit ausholen und tief graben.
Hier müssen ein Paar Hinweise und Schlussfolgerungengenügen,damitdeutlich wird, wo eine solide Forschung ansetzen müsste, um weiterführende Ergebnisse zu erzielen.
RusslandsUmweltproblemesindnatürlich nicht neu, sondern sie waren - wie zuvor inWest-undMitteleuropa- eine ständige Begleiterscheinung der industriellen Entwicklung.
Waldzerstörung als Teil dieses Komplexes ist aber eine relativ neue Erscheinung. Denn erst nach der Wende anno 1991 nahm dieses Problem akute Formen an.
Die oft wiederholte Annahme, dass industrielle Umweltprobleme während der Sowjetzeit weitgehend tabuisiert wurden, scheint nicht zu stimmen. Sie wurden in den sowjetischen Medien oft und heftig diskutiert.
Dies ist belegt unter anderem durch eine Reihe von Studien, die im Auftrag der Pace Law School in den achtziger Jahren gemacht wurden.
In einer einschlägigen Untersuchung (NicholasARobinson „Perestroika and Priroda: Environmental Protection in the USSR“ Pace Law Faculty Publications, Januar 1988), beschreibt Prof. Robinson, wie im Jahre 1988 Umweltschutz währendder Politikder Perestroika zu einem wichtigenArbeitsfeld in der UdSSR wurde.
Robinson bietet einen kurzenÜberblick über die administrativen und juristischen Maßnahmen, die zur Besserung der Umweltsituation in derUdSSRführen sollten.
Interessant ist, dass dabei das Problemfeld Forstschutz zwar erwähnt wurde, anderen Problemen jedoch eine höhere Priorität eingeräumt worden ist, wie zum Beispiel die Kontaminierung vonWasser und Boden durch Lösungsmittel und andere zersetzende Substanzen.
Robinsonbeschreibtauch,wieschon1918 die damals noch junge sozialistische Regierung eine Reihe vonMaßnahmen ergriff- einschließlichWiederaufforstungsarbeiten - inGebieten, die durch Kriegshandlungen schwer beschädigt worden waren.
Dieses erstaunlich frühe, zunehmendeUmweltbewusstseingipfelte1924 in der Gründung der Gesamtrussischen Gesellschaft für Umweltschutz.
Diese Entwicklung wurde durch den Zweiten Weltkrieg und die forcierte Industrialisierungspolitik Stalins schwer zurückgeworfen, erlebte aber nach der Stalin-Ära eine Art Wiedergeburt.
Ein zunehmend aufgewecktes öffentliches Bewusstsein und der Druck seitens der Bevölkerung bewogen 1988 die sowjetische Führungzur Gründung desStaatskomitees zum Schutz der Umwelt (Goskompriroda).
Dieses Komitee entwarf Pläne, die zu einer spürbaren Besserung der Umweltqualität bis 2005 führen sollten. Leider ist es dazu nicht gekommen.
Was den Schutz wie die Nutzung der russischen Wälder angeht, kommt Dr. Maria-Helene Mandrillon, eineHistorikerin am Pariser Centre d’Etudes des Mondes Sovietiques, zu dem Schluß: „Der Zusammenbruch der UdSSR im Jahre 1991 war gekennzeichnet durch eine Loslösung vom Staatszentralismus.
Die Schwächung des Forstschutzes fand während der darauffolgenden Wirtschaftskrise statt.“
(„Le Monde diplomatique“, November 2010) Dieses Forschungs-ergebnis wird durch den Befund der American Lands Alliance aus dem Jahr 2001 untermauert, dem zufolge die erste massive Kürzung von Geldern zum Schutz des russischen Waldes aufgrund von Auflagen des internationalen Währungsfonds (IWF) geschah.
Dies war die Voraussetzung für finanzielle Hilfe, die Russland dringend brauchte, um den Folgen der ruinösen Restrukturierungs- und Privatisie-rungspolitik der JelzinÄra begegnen zu können.
(Jason Tockman, „How IMF - deutsche Abkrzg: IWF - Loans and Policies are Responsible for Global Forest Loss“. In: United States Congress, Congressional Record 1999-2001).
Die Organisation Greenpeace Russland
hat offenbar die Schwerpunkte ihrer Berichterstattung und Kommentierung im Verlauf des großen Waldbrandes geändert. AmAnfang war sie eher bestrebt, diejenigen beim Namen zu nennen - vor allem die in der russischen Staatsduma - die sie für mitverantwortlich für die Verabschiedung des 2006er Forstkodex hielt.
Später ging Greenpeace dazu über, konstruktive Vorschläge zu machen, wie solch eine Katastrophe zukünftig vermieden werden könnte.
In Anspielung auf Einschätzungen des wahrenAusmaßes des Schadens seitens einiger NGOs empfahl die Organisation sofort, die Zahl der Waldhüter auf mindestens 20 000 landesweit aufzustocken sowie das während der Jelzin-Zeit stark reduzierte Luftüberwachungssystem „Avia-lesookhrana“ wieder einzuführen.
Greenpeace Russlands Hauptargu-ment: Allein die durch die aufwändige Brandbekämpfung ausgegebenen Gelder hätten ausgereicht, um ein effektives Forstverwaltungssystem über Jahre hinaus zu finanzieren. Deshalb forderteGreenpeacedieRegierungauf, endlich entsprechend zu handeln.
Verheerende Tsunamis, unaufhaltsame Versteppung ganzer Regionen, sintflutartige Überschwemmungen, die Millionen Menschen in Gefahr und Not bringen, Hunderttausende das Leben kosten: Die Hiobsbotschaften von der „Klimafront“ nehmen zu, an Zahl wie an Intensität. Und auch die Dringlichkeit, irgendetwas Sinnvolles gegen die „menschengemachten“ Ursachen dieser Katastrophen zu unternehmen. Cancun, Kopenhagen, Kyoto – diese Städtenamen stehen für die Versuche der Politiker, Wissenschaftler und Umwelt-Aktivisten der ganzen Welt, auf die immer bedrohlicheren Veränderungen unseres Habitats angemessen zu reagieren. Über mühsam errungene Anfangserfolge sind sie noch nicht hinausgekommen; der Streit der Nationen über Schuldzuweisungen, Finanzierung von Programmen, aber auch immer wieder aufkeimende Zweifel an der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit der Datendeutung, dauern an während die Zeitbombe tickt. – Dr.-Ing. Wolfgang Sassin, Jahrgang 1938, technischer Physiker, hat sich ein ganzes Berufsleben lang um die Wechselwirkungen zwischen unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation und der Natur gekümmert. Für seine Kinder und Enkel hat er jetzt die Summe seiner Erfahrungen und Erkenntnisse aufgeschrieben. Durch Vermittlung unseres „Gesprächs“- Freundes Dr. Hans-Jochen Luhmann, Klimaforscheramrenommierten „Wuppertalinstitut“ ist das GadF in der glücklichen Lage, diesen Text erstmals zu veröffentlichen. Inhaltlich umfassend, sprachlich packend und moralisch verpflichtend handelt es sich um eine außergewöhnliche Problembeschreibung zur Schieflage der Menschheit in der von ihr unwiderruflich verwandelten Schöpfung. G.G.
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„Uns ist die Schöpfung verloren gegangen!“
Meinen Kindern und Enkeln zum Nachdenken
Von
Wolfgang Sassin
In meiner Lebensspanne ist die Schöpfung verloren gegangen. Damit meine ich jene Schöpfung, die mir als erster mein Religionslehrer nahe gebracht hat, und von der auch heute noch in Akademien, auch der päpstlichen, gesprochen wird.
Diese Schöpfung ist vergangen, für immer. Der Schluss lässt sich nicht länger beiseite schieben, selbst wenn ihn noch kaum jemand mit mir teilt. Die wenigen Erfahrungen, die mich gerne glauben machen möchten, es sei nicht so, bringen das Drama unserer menschlichen Entwicklung nur noch schärfer in den Blick.
Selbst auf einer meiner geliebten einsamen Bergwanderungen oder draußen auf dem Meer, weit vor der Küste, gehen mir die Nachrichten über brennende Torfflächen, Überschwemmungen halber Länder oder den verölten Golf von Mexiko nicht mehr ganz aus dem Sinn.
Denn ich weiß, es sind nur erste sanfte Beispiele für radikale Veränderungen, die auch meinen und eurenGesichtskreis betreffen, wo immer wir auf diesem Planeten dereinst auch sein mögen.
Unsere Erde hat vor der Kulturepoche des Menschen dramatische Umbrüche erlebt.
Der frühe Mensch konnte den Veränderungen aber immer noch ausweichen. Er wanderte mit der Weltenuhr, wie Ernst Jünger das schon 1953 in seinem Buch Der GordischeKnoten formuliert hat.
Nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit und den Turbulenzen, die sich danach noch über Jahrtausende hinzogen, begann vor rund 10.000 Jahren eine Epoche, die wir Warmzeit nennen.
Anders als frühere Zwischeneiszeiten zeichnet sie sich durch ein außergewöhnlich stabiles Klimaregime aus.
Über viele Hunderttausende von Jahren, das lesen wir aus Eisbohrkernen oder Tiefseesedimenten, schwankte das Klima annähernd zwischen den Bedingungen von Eis- und Warmzeiten hin und her, wobei die Übergänge zuweilen nur einige hundert Jahre oder in manchen Zonen sogar deutlich weniger beanspruchten. Im Mittel war es in einer Warmzeit eben öfters warm als kalt, in den Kaltzeiten war es umgekehrt. (Siehe Endnote 1)
Erst mit der Stabilität dessen, was wir modernen Menschen für normales Klima halten, ein Phänomen übrigens, für das die Klimaforscher keine zureichende Erklärung haben, erst mit dieser Stabilität also kam die Chance sesshaft zu werden.
Dieses erdgeschichtliche „Geschenk“ interpretiert die Bibel als Auftrag Gottes an uns Menschen, sich die Erde Untertan zu machen. Denn ohne vorhersehbare Verhältnisse keine Sesshaftigkeit, und ohne Sesshaftigkeit keine planvollen Eingriffe in die Natur.
Ob unsere klimatische Sondersituation noch lange bestehen bleibt, ist eine der wichtigsten, aber auch eine der am meisten verdrängten Fragen der ökologischen und klimatologischen Forschung.
Wir können uns eben leichter vorstellen, dass es zu einem durch menschliche Aktivitäten ausgelösten, langsam und stetig zunehmendenAnstieg der mittleren Erdtemperatur kommt als zu einer instabilen, zwischen Extremen schwankenden und weite Teile des Globus erfassenden klimatischen Achterbahnfahrt.
Ihr wären wir nämlich weitgehend schutzlos ausgeliefert. Und in einem solchen Fall nützte es weder, Eingriffe in die Natur zurück zu fahren, noch gäbe es sinnvolle Maßnahmen, sich gegen ein unvorhersagbares Wechselspiel zu wappnen.
Für die Politiker, ebenso wie für die Wissenschaft, gilt deshalb - nachvollziehbar - die Devise: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Also bereiten wir uns auf das vor, wogegen wir Mittel haben, nicht auf das, was uns möglicherweise erwartet.
Dabei zeigt das Beispiel des seit Jahrhunderten bekannten El Niño Phänomens, dessen stärkste je beobachtete Ausprägung Pakistan unter Wasser gesetzt hat, worauf wir uns einrichten müssten, falls bekannte Anomalien wieder zum Normalfall würden.
Und dass es Anstöße zu Umklappvorgängen zu hunderten gab, ehe der Mensch in das delikate Wechselspiel des Ökosystems Erde eingegriffen hat, das belegen alle Klimaarchive.
Vor der neolithischen Revolution, also vor der Erfindung des Ackerbaus, gab es etwa4Millionen Menschen auf der Erde.
Dann begannen unsere damaligen Vorfahren, hauptsächlich in Mesopotamien, am Nil und entlang der großen Ströme in Indien und China, die zur Ruhe kommende Schöpfung für sich arbeiten zu lassen.
Denn die Flüsse wurden berechenbarer; sie lieferten fruchtbaren Schlamm und Wasser das ganze Jahr. Zu Beginn unserer Zeitrechnung, um Christi Geburt, die den ersten Höhepunkt und auch die erste große Krise der auf Ackerbau und Viehzucht ruhenden Weltreiche markiert, lebten etwa 100 Millionen Menschen - hauptsächlich um das Mittelmeer herum und in China.
Die Überdehnung des Römischen Reiches und der Chinesischen Han Dynastie und die dadurch mit ausgelösten Völkerwanderungen in die geschwächten Reichsterritorien hinein, die zur Plünderung geradezu einluden, führten dort zu einem 4 Jahrhunderte andauernden Bevölkerungsrückgang. Global wurde er in etwa ausgeglichen durch die Zuwächse auf dem indischen Subkontinent und im Bereich der Arabischen Halbinsel.
In den folgenden tausend Jahren stieg die globale Bevölkerung, gebremst durch den geringen Fortschritt im Wissen um Natur und Technik, auf rund eine Milliarde im Jahr 1800 an.
Eine neue und reichere Lebensgrundlage hat die technischeRevolution unserer Neuzeit, vorbereitet in Europa durch die Renaissance, die Konflikte um den Glauben und die darauf folgende Aufklärung, nicht nur den Europäern, sondern der globalen Bevölkerung eröffnet. Sie gründet auf toten Ressourcen, auf Kohle, Eisenerz, Kali- und Phosphatlagerstätten, vor allem anderen aber auf billigen Energiequellen wie Erdöl und Erdgas.
Unsere Urgroßeltern und unsere Großeltern plagten sich nicht nur in der Landwirtschaft. Sie plagten sich in Stollen unter der Erde.
Erst unsere Eltern begannen schließlich zu genießen, was es heißt, in einem Land zu leben, in dem nicht Milch und Honig fließen, sondern in dem saubere Energie, warmes Wasser und Informationen aus Leitungen kommen.
Die Nahrung für die Zug- undArbeitstiere musste dem Land nicht länger abgerungen werden.
>>Wir leben von einem technischen Geflecht, das weder von selbst wächst, noch sich von selbst anpasst, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern<<
Nur 150 Jahre nach der französischen Revolution hatte sich in Mitteleuropa deshalb die für die menschliche Ernährung verfügbare Bodenfläche nahezu verdoppelt.
Gleichzeitig ging der in der Landwirtschaft tätige Bevölkerungsanteil von 75% auf etwas über 15% zurück. Maschinen und fossile Energie machten das möglich.
Wälder wuchsen wieder nach. Heute arbeiten in Mitteleuropa nur noch etwa 3% als Bauern. Der Großteil der Bevölkerung wanderte vom Land in die Städte. Selbst Klein- und Mittelstädte, inzwischen hoch verdichtet und von einer komplexen Infrastruktur abhängig, würden ohne weit über nationale Grenzen ausgreifende technische Verund Entsorgungssysteme heute alsbald kollabieren.
Wir leben nicht mehr von der Schöpfung der Bibel, von einer in menschlicher Reichweite verfügbaren und sich selbst regenerierenden Natur.Wir leben von einem technischen Geflecht, das weder von selbst wächst, noch sich von selbst anpasst, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern.
Die Globalisierung der materiellen Austauschvorgänge hat vor gerade einmal rund 25 Jahren begonnen. Ihre Voraussetzung waren der Computer und die moderne Telekommunikation. Der Welthandel ist seither „explodiert“.
In dieser unglaublich kurzen Zeitspanne hat sich die Weltbevölkerung geradezu dramatisch um weitere zwei Milliarden Menschen vermehrt.
Dafür sind die erforderlichen zusätzlichen Häuser, Straßen, Felder, Brunnen, Minen, Fertigungsstraßen und Rezyklierungsanlagen noch gar nicht in ausreichendem Maße geschaffen worden.
Zwei Milliarden Menschen, das sind zweimal so viel wie sich naturnah und auf regionaler Basis um 1800 weltweit gerade ernähren konnten, also auf erneuerbarer, von einer toleranten Schöpfung bereit gestellter Basis. Ohne die industrielle Basis und deren Erweiterung hätten diese 2 Milliarden schon ihre ersten Jahre nicht überlebt.
Wie stehen wir, die Menschen in den alten Industrienationen also nicht nur zum Umweltproblem, sondern zur Industriezivilisation selbst und damit auch zu dem sie organisierenden Werte- und Rechtssystem?
Und wie sehen die Menschen in den Entwicklungsländern dieses Phänomen, das manche vereinfachend Technosphäre nennen, von der die Menschheit inzwischen vollständig abhängig geworden ist?
Die Kultur und die Zivilisation des Abendlandes, die zwei eigentlich untrennbaren Seiten ein und derselben Münze, hat jenen, die sie hervorgebracht und jenen, die sie aktiv übernommen haben, die Fron des Überlebens weitgehend erspart.
Die technische Zivilisation hat sich, anders als die westliche Kultur und ihr modernes Menschenbild, weltweit rasch durchgesetzt.
Da gab es kaum Widerstände. Wer hätte dem pragmatischen Teil dieses Lebensstils auch nicht folgen wollen?
Das gilt für ehemalige Kolonien in Afrika, es gilt für den indischen Subkontinent, und es gilt selbst im Herrschaftsbereich des Islam.
Weil dort aber fundamental andere kulturelle Werte dominieren, findet sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in dieser geistig-technischen Bruchzone nicht nur wachsender, ja teils erbitterter Widerstand gegen die geistige Vereinnahmung durch den Westen. In dieser Bruchzone findet sich auch das größte Bevölkerungswachstum.
Nur wenigen, wie etwa Helmut Schmidt, dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler, ist in diesem Zusammenhang aufgefallen, dass die Vereinten Nationen zwar einen Katalog der Menschenrechte verfasst, aber den zugehörigen Katalog der Menschenpflichten vergessen haben.
Im Bewusstsein der von ihr abhängigen Gesellschaften hat die globale Industriezivilisation und die ihr zugehörige wissenschaftlich-technische Kultur nie den Status einer erhabenen, ja durch Kulte zu heiligenden, diesmal menschlichen Schöpfung erlangt.
So wie das für die gezähmten großen Ströme und deren die frühe Landwirtschaft speisenden Bewässerungssysteme in den Großreichen Mesopotamiens, Ägyptens und Indiens galt. Dazu ist die Industriezivilisation nicht nur zu jung, ihr ist vielleicht auch ein zu kurzes Dasein beschieden (2). Immerhin wird sie aber nicht direkt in Frage gestellt, weil von ihr das Überleben der Mehrheit aller heute lebenden Menschen abhängt.
Eine Alternative ist zwar wünschenswert, über den Status vonUtopien sind die bisherigen alternativen Konzepte jedoch nicht hinaus gekommen. Jedenfalls solange man die Notwendigkeit im Auge behält, dass sie ja für die Menschheit als Ganzes und nicht nur für einige, derzeit noch reiche Nationen etabliert werden müssten. Es ist eng geworden auf dem Planeten Erde. Das ist die eigentliche Wurzel unserer Probleme.
Wie eng, das sieht man nicht aus der Warte eines unserer höheren Alpengipfel. Das Gebot Wachset und mehret Euch! der Bibel bedarf nach 2000 Jahren oder – genauer – nach 5771 hebräisch gezählten Jahren seit Erschaffung einer vermeintlich für den Menschen vorgesehenen Lebensgrundlage, dringend einer wahrhaft ernsten Überprüfung.
Und zu diesem Zweck ist es hilfreich, von deutlich höheren Standpunkten als unseren Alpen oder auch dem Himalaya auf diesen Planeten und nicht nur auf das vor den Bergen liegende Schwemmland zu blicken.
Im Museum Mensch und Natur im Schloss Nymphenburg vermittelt die Wanderausstellung einen Blick auf die Erde. Satellitenaufnahmen mit hoch auflösenden Kameras zeigen plastisch und eindrucksvoll, wie schnell wir Menschen diesen Planeten verändern.
Geradezu beängstigend ist die Zahl der Satelliten, die dort in einem Schaubild verdichtet die Erde umkreisen, ähnlich einem Schwarm Moskitos, die sich hungrig auf ihr Opfer Erde stürzen.
Und dieser Vergleich hinkt keineswegs. Eine wachsende Zahl künstlicher Augen späht hungrig nach bislang unentdeckten Ressourcen, die unsere globale Bevölkerung schneller konsumiert, als wir das wahr haben wollen.
>>Der Ruf nach dem Staat, von dem wir Notfallhilfe erwarten, verhallt in vielen Regionen im Leeren<<
Was diese Aufnahmen von oben zeigen ist nicht mehr ein Blick auf eine weitgehend ungestörte Schöpfung, welch ästhetischer Reiz von vielen dieser Bilder auch auszugehen vermag.
Es ist genau besehen ein Blick auf und in eine globale Baugrube. Die Frage nach demWohin der Menschheit stellt sich - vom Mond oder einer Raumstation aus - dringlicher als imAuge einesHurrikans oder vor einem brennenden Getreidefeld. Stürme ziehen weiter, und verwüstete Felder erholen sich.
Vonoben betrachtet stellt sich unübersehbar die Frage wie unsere Staatsverfassungen an grundsätzlich veränderte Lebens-, ja Existenzbedingungen auf diesem Planeten angepasst werden können.
Mäßigung und Askese fordern jetzt nicht ein Savonarola oder ein Franziskus, sondern die wachsende Zahl an Dürren und Fluten, das offenkundige Überschreiten eines absoluten Fördermaximums für Öl, die Veränderungen in der Tiefsee, mit ihren Folgen für die Nahrungskette der Ozeane oder das Schmelzen der Gletscher und des Packeises.
Der Ruf nach dem Staat, von dem wir Notfallhilfe erwarten, verhallt in vielen Regionen im Leeren, wie die Berichte aus Russland oder Pakistan zeigen, aus Haiti oder vorher schon aus anderen Problemgebieten. Natürlich erläutert kein Politiker die beschränkten Möglichkeiten seines Nationalstaates anlässlich der zunehmenden Überforderung der eigenen Ressourcen.
Er setzt in solchem Fall vielmehr auf Besänftigung, nach außen wie nach innen. Und er setzt für den jeweiligenAugenblick auf das kosmetische Mittel der humanitären Hilfe, zu der die Völkergemeinschaft verpflichtet sei. Ein Politiker, der an solchen Brennpunkten nicht präsent ist, verliert schnell die Sympathien seiner Wähler.
AnBeispielen wieAfghanistan, Somalia oder dem Sudan ist aber zu erkennen, dass die Familie, der Clan und andere noch archaischere Gruppierungen letztlich als kleinräumige, aber keineswegs sichere Rettungsboote herhalten müssen, wenn das Staatsschiff weit genug außer Kurs geraten oder gar gesunken ist.
Die Sorge, dass es, einmal so weit gekommen, kein Zurück mehr gibt, diese Sorge steht hinter den Mahnungen an die Bevölkerung der „wohlhabenden“ Länder, in der Spendenbereitschaft nicht nachzulassen. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird nach all den Indizien, die sich inzwischen finden, eine globale Bewegung von Bevölkerungen werden.Anders als für den frühen Menschen gibt es aber keine Freiräume mehr.
Und es gibt auch keine Natur, in die wir uns zum Überleben flüchten könnten. Weder Windparks, Biogasanlagen noch Solarpaneele können als Handgepäck auf der Suche nach einem besseren Standort mitgenommen werden.
Die Quellen der Zukunft sind ortsgebunden, sie brauchen anders als das Saatgut der Agrargesellschaften nicht ein paar Monate, um Früchte zu tragen, sondern viele Jahre, - und sie zwingen zurVerteidigung gegen moderne Nomaden, die, von der Not getrieben, Grenzen überschreiten, jagen und sammeln werden.
Die christlichen Kirchen, allen voran die katholische Kirche, werden von dieser Entwicklung überrollt. Das erstaunt nicht, hat doch Rom fast 400 Jahre gebraucht, um den Prozess gegen Galilei wieder aufzugreifen und sich von dem damaligen, für die Kirche fatalen Fehlurteil zu distanzieren.
Dass es zur de facto Revision des Urteils der Inquisition kam, ist das leider viel zu wenig gewürdigte Verdienst des inzwischen verstorbenen Wiener Kardinals Franz König.
Er hat den verschütteten Dialog mit der Wissenschaft in einer Zeit gesucht, in der wir uns anschicken, massiv in die Evolution einzugreifen und nun nicht nur Verantwortung dafür, sondern Verantwortung vor allem anderen auch für die materiellen Grundlagen übernehmen müssen, von deren laufender Erneuerung das Überleben von mindestens 4 Milliarden Menschen abhängt.
Dabei wird die Zahl der Bedrohten in den kommenden 20 Jahren deutlich steigen und die Lage massiv verschärfen.
Gemessen an dieser Aufgabe erscheinen die aktuellen Verschuldungen vieler Staaten eine Kleinigkeit. Die herrschende volkswirtschaftliche Lehre sieht keine Rückstellungen für die gigantische Aufgabe eines Wechsels zu einer nachhaltigen Basiszivilisation vor.
Und sie sieht ebenfalls keine Rückstellungen vor für die Bereitstellung der minimalen Lebensbedürfnisse des uns noch weiter bevorstehenden Bevölkerungszuwachses. Keine Generation vor uns hat je etwas Vergleichbares an explosivemWachstum erlebt.
Denen, die noch geboren werden, schulden die Eltern, und nur die Eltern, aber die Möglichkeit zu überleben.
Ob wir es sehen wollen oder nicht, jedes Kind das zusätzlich auf die Welt kommt erhöht den Preis für einen Liter Trinkwasser, für ein Kilo Brot oder einen Liter Treibstoff für die, die schon da sind (3).
Das trifft auch für die schrumpfenden „alten“ Gesellschaften Europas zu, denn unsere Märkte sind längst und zwangsläufig global. Die Situation der Erde gleicht heute einer belagerten Festung, deren Besatzung sich fröhlich vermehrt, während die Vorräte versickern und dabei auch noch die Fundamente unterspülen (4).
Würden wir weltweit das Bruttonationalprodukt also um diese beiden Faktoren– Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum– bereinigen, d.h. die Abschreibungen für einen Wechsel zu Nachhaltigkeit vornehmen und die notwendigen Investitionen für das weitere globale Bevölkerungswachstum tätigen, dann mündete das in ein ökonomisches und politisches Erdbeben.
Das Problem sind nicht die künftigen„Renten“, es sind primär die Bedürfnisse der noch ungeborenen Jungen.
Angesichts der inzwischen unbestreitbaren Tatsachen, angesichts immer weiter wachsender Zweifel an der Eignung politischer Rezepte und Methoden, einen Zivilisationsbruch auch nur ins Auge zu fassen, geschweige denn ihn zu steuern, ist eine Art globaler Enzyklika zur Verantwortung aller Menschen für wahrhaftiges und an der Realität orientiertes Handeln überfällig.
Anstatt dessen diskutieren wir über Werte, die das Leben in einer Welt regeln sollten, die uns wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.
>>Die Erde verträgt, das scheint die Quintessenz, keine Vermehrung ihrer Bewohner mehr, ohne dass diese in ihrer Summe dafür Einschränkungen hinnehmen müssten<<
Denn eines ist klar: Die vor uns liegenden Herausforderungen werden nicht von oben herab, durch Regierungshandeln oder durch charismatische Führer oder neue Ideologien bewältigt werden.
Solange nicht jeder Einzelne seine persönliche Zukunftsvorsorge in die Hand nehmen und auf deren ungeteilte Früchte für sich und seine eigenen Nachkommen hoffen kann, solange wird er auch nicht bereit sein, einen schmerzhaften zusätzlichen Beitrag in Form von Steuern undAbgaben an Institutionen zu leisten, die Wohlstand über Schulden finanzieren.
In dieser Haltung unterscheidet sich ein deutscher, österreichischer oder ein anderer EUSteuerbürger nicht von einem Pakistani, der sein Haus in den Fluten verloren hat.
Verständlicherweise suchen alle, deren Existenz bedroht ist nach einem Boot, in dem sie, ihre Familien und andere Nahestehende aufgenommen und in ein gelobtes Land gebracht werden; ein Land das mehr verspricht als das nächste Hochwasser.
Dieses Land liegt aber nicht wie einst am Jordan. Und Gott könnte Moses auch kein zweitesAmerika inAussicht stellen, denn alle Kontinente sind schon vergeben.
Die Erde verträgt, das scheint die Quintessenz, keine Vermehrung ihrer Bewohner mehr, ohne dass diese in ihrer Summe dafür Einschränkungen hinnehmen müssten.
Die Fähigkeit der Erde zur Selbstregulierung, also das, was mit einer sich selbst tragenden Schöpfung wirklich gemeint ist, diese Fähigkeit ist sicherlich bis nahe an ihre Grenzen, wahrscheinlich aber weit darüber hinaus erschöpft.
Trotzdem planen wir, ohne uns der Konsequenzen dieser Idee bewusst zu sein, die uns tragenden Ressourcen bis zur deren Erschöpfung zu nutzen. Und dann? Was wir brauchen ist eine grundlegende Änderung der Richtung unserer globalen Entwicklung. Wir das ist jeder von uns, gleichgültig wie wir gestellt sind.
Keiner darf seine Talente vergraben. Gerade die nicht, die nur wenige haben und deshalb an das Heute, nicht aber an das Morgen denken.
Das ist eine Forderung, für die neben anderen unbequemen Wahrheiten Jesus einst ans Kreuz genagelt wurde. Denn hat er nicht die Weisen und Schriftgelehrten aufgefordert, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist?
Er hat gar nicht daran gedacht, dass die Menschen einst darauf verfallen würden, Gott zu nehmen, was Gottes ist. In ihrem kindlichen Geiste vergessen sie, dass wir alle aus diesem Paradies des Nur-nehmen-Könnens seitAdam und Evas Zeiten schon vertrieben sind.
In unserer Lebensspanne müssen wir zusehen, wie wir mit der Erschöpfung der schwarzen Ressourcen und der Erschöpfung der grünen Umwelt uns aus dem zweiten, nämlich dem industriellen Paradies, selbst vertreiben.
Diese angstbesetzte Zuschauerrolle müssen wir überwinden. Es ist höchste Zeit, dass auch die Kirchen als traditionsreiche Hüter jenerWerte, die unser Zusammenleben letztlich erst ermöglichen, die Motivationen kritisch unter die Lupe nehmen, die zu blindem Wachstum führen – und die Gefühle stärken über die eigentlich unser Gewissen und nicht der Staat regieren sollte.
Denn wir wählen mit ersteren, nicht mit letzterem. Himmel wie Hölle wollen neu beschriebenwerden. Ihr und andere haben mich an dieser Stelle meiner Gedanken gefragt: Was sollen wir tun?
Der erste Schritt scheint mir, Klarheit im eigenen Denken zu schaffen. Sie hilft, sich nicht von Träumen verführen zu lassen.
Träume sind ansteckend. Träume motivieren uns zwar, aber sie enden leicht in Albträumen, wenn wir sie mit Chancen verwechseln.
Es war ein Postkartenabend in einer Ankerbucht. Die letzten Wellen plätscherten an unser Boot. Es wurde still. Während wir über diese Themen nachdachten sprangen erst einige, dann mehrere, schließlich ein ganzer Schwarm kleiner Fische aus ihrem Element.
Es dauerte lange, bis mir klar wurde, was da unter der Oberfläche tobte; ein paar Armlängen zwischen Entspannung und Frieden hier an Bord und dem Kampf ums Überleben dort, der auch uns Menschen in einer langen Kette hervorgebracht hat und dem gerade wir als „Krone der Schöpfung“ nicht entrinnen.
Wofür Ihr euch also einsetzt und wofür ihr eure Kraft immer verausgabt, bedenkt zuerst Wem oder Was ihr wirklich gegenüber steht.
Erst dann macht es Sinn das gesteckte Ziel beizubehalten, eventuell einen Umweg zu wählen oder das Ziel besser gleich bei den Träumen abzulegen.
Himmel und Hölle bedingen einander. Darwin hat uns diesen Apfel vom Baum der Erkenntnis geholt.
Die existentielle Konkurrenz zwischen dem Individuum und der globalen Gesellschaft scheint Schicksal.
Das verdeutlicht euch vielleicht die folgende Frage: Wie interpretieren Rotschwänzchen wohl den Ruf des Kuckucks?
Als Zieheltern, die sich über das flügge Kind freuen?
Oder als Eltern, deren eigener Nachwuchs durch das Ziehkind ausgeschaltet wurde?
Das Dilemma zwischen diesen beiden, sich grundsätzlich voneinander unterscheidenden Wahrnehmungen wird von jeder Art von Migration ausgelöst.
Es bestimmt die dadurch hervorgerufene Integrationsproblematik. Das gilt für Menschen, für Kapital, für Produkte, selbst für Ideen in ihrem je eigenen Bezugsrahmen. Integration ist kein ökonomisches Problem und mit ökonomischen Mitteln nicht zu lösen, anders als die meisten Politiker uns glauben machen wollen. Und es ist auch kein religiös/ kulturelles Problem. Wirklich integrierte Zuwanderer stehen weiterer Zuwanderung in der Regel deutlich kritischer gegenüber als die aufnehmende Bevölkerung.
Denn sie wissen um den bleibenden Zwiespalt in ihrer Identität. Der positiv besetzte soziale Instinkt gegenüber den „zu gewinnenden, weil noch formbaren Kindern der Migranten“ wird gemeinhin als Grundlage für Integration angesehen.
Es gehört zum symbolischen Verhalten heutiger Eliten, dass sich deren weibliche Mitglieder in der Sozialarbeit für Kinder aus fremden Kulturen exponieren.
Angelina JoliesAmmenpose (als Botschafterin des Flüchtlingshilfswerks derUN zögerte sie nicht, medienwirksam einen farbigen Säugling an ihre entblößte weiße Brust zu legen!) bildet hier ein auf die Spitze getriebenes Beispiel.
Kaschiert wird durch solches Verhalten: Die Investition in einen Kuckuck der nächsten Generation steht immer in Konkurrenz zur Investition in eigene Nachkommen.
Und wenn die Bereitschaft, ausreichend eigene Nachkommen in die Welt zu setzen schrumpft, dann geht die Bereitschaft, fremde Kinder in Überzahl zu fördern nicht nur zurück, sie führt zum Gegenteil, zurAversion.
Jenseits eines sehr geringen Grades an Durchmischung entfernt sich das Ideal, alle Menschen seien gleich, schlicht von der Realität. Nicht nur die Instinkte des Menschen sind auf Erhalt der eigenen Besonderheit fixiert. Wie sonst hätten sich Arten bilden können. Das Faszinierende des exotischen Partners lässt sich auch nicht auf eine ganze Generation an „Mischlingen“ übertragen.
Das gilt genetisch wie kulturell. Vor diesem Hintergrund erhebt sich die sehr offene Frage, ob überhaupt eine globale Geburtenbeschränkung ohne Zwang, Gewalt und Selbstzerstörung möglich ist.
Denn die Generationen meiner Großeltern, meiner Eltern und meine eigene haben eine biologische Kettenreaktion gestartet, ohne je ernsthaft darüber nachzudenken, wie sie sich denn kontrollieren ließe. Schon eure Generation wird die Antwort erleben...
ENDNOTEN:
(1) David Archer The long Thaw (2008) erklärt den Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten als Ergebnis eines Rückkopplungsprozesses zwischen der geänderten Sonneneinstrahlung in derArktis durch geänderte Erdbahnelemente und einer dadurch stimulierten höheren Absorption infolge wegschmelzendes Eises. Der Rhythmus dieser Prozesse liegt im Bereich von 100.000 Jahren. Die wesentlich schnelleren Temperaturschwankungen, die den langen Schwankungen überlagert sind haben jedoch andere Ursachen. Sie dürften durch eine Überlagerung primärer geophysikalischer, geochemischer und biologischer Veränderungen und ihren vielfältigen Rückkopplungen zustande kommen. Die Kräfte, die unseren Planeten geformt haben und weiter formen, sind jedoch erst in Ansätzen verstanden.
(2) Die Hybris der Technik wird beklagt, seit sie ihren Siegeszug begonnen hat. Dabei geht die eigentliche Gefahr weniger von mannigfachen Nebenwirkungen der zu kontrollierenden, gewaltigen Kräfte aus. DieAchillesferse jeder „großen Technik“ lag und liegt in dem destruktiven Potential, das Unvorsichtige ebenso entfesseln können, wie zu allem entschlossene „Kämpfer“. Die Hindenburg, die Titanic oder der Reaktor in Tschernobyl haben das Verhältnis ganzer Gesellschaften zu Technik ebenso verändert wie dieAtombombe und die Twin Towers am 11. September 2001 in New York.
(3) Das immer wieder benutzte Argument, es herrsche insgesamt betrachtet kein Mangel, die Reichen verschwendeten nur zu viel, geht am Kern desWachstumsproblems vorbei. Jenseits der Verteilungsfrage geht es bei Milliarden Menschen primär um die Tragfähigkeit der Erde als Ganzes. Die Größe der zu unterhaltenden Population gibt letztlich deren mittlere Lebensbedingungen vor. Das trifft „die oben“ ebenso wie „die unten“.
(4) Festungen basierten auf der Überzeugung, dass sie bei existentieller Bedrohung bis zum letzten Mann verteidigt werden würden. Das geistige Fundament unserer modernen Zivilisation, die uns gegen eine keineswegs freundliche Natur schützen soll, ist ziemlich brüchig geworden. Technik undWissen als einzige und letzte Überlebensgrundlage genießen nicht länger die oberste Priorität in Staat und Gesellschaft. Mit jedem verbrauchten Barrel Öl und jeder emittierten Tonne Kohlendioxid verengt sich der Blick auf Sparen und Teilen. Von beherzten und bejubelten Ausbruchsversuchen aus unseren materiellen Beschränkungen ist nichts zu sehen. Die Pisastudie beleuchtet nicht, ob unsere technischen Eliten die bestmögliche Förderung erfahren, sie orientiert sich am Durchschnitt. Volksbegehren kämpfen gegen, nicht für neue Projekte, die den Planeten notwendig umgestalten müssen, wenn sie denn nützen sollen. Falls wir den Regenwald an einer Stelle erhalten wollen, dann müssen an anderer Stelle technische Photosynthese oder Photovoltaik Anlagen installiert werden, die mehr Fläche und Rohstoffe verschlingen als der geschützte Regenwald, der ja nur sich selbst zu dienen hat. Vor hundert Jahren mussten in England rote Laternen vor dem gerade erfundenen Automobil her getragen werden,umdie Bevölkerung zu schützen. Heute haben wir Ethikkommissionen und ein Rechtssystem, das Altes gegen Neues schützt, nicht aber das dringend benötigte Neue als Ziel und Maßstab nimmt.
Meinen menschlichen Werdegang würde ich wie folgt beschreiben, um das eine oder andere für Leser außerhalb meiner Familie verständlicher zu machen:
Auf der Suche nach Erkenntnis, die dem Chaos seinRecht lässt, offen für andere Standpunkte bleibt und für andere Perspektiven, die sich von dort aus eröffnen, - auf der Suche nach einer Identität, die sich nicht imHier und Jetzt eingrenzt, - auf dieser Suche habe ich einige Fußspuren im Sand und im Schlick hinterlassen.
Schon etwas verweht und verwaschen markieren sie dennoch meinen Weg durch 70 Jahre, in denen sich der menschliche Kosmos mehr verändert hat als in Äonen davor.
Meine persönliche Biografie beginnt in der Steinzeit, jener Phase, in der zum Überleben herhalten musste, was die Natur sich von einem Kind entwinden ließ.- Geprägt haben mich danach Metalle als Ingenieur, Atome und Elementarteilchen als Physiker - ehemich Information undWissen als treibende Kräfte von Wirtschaft, Gesellschaft und Zivilisation mitgerissen haben in jener Eruption, die Enrico Fermi und Konrad Zuse, schließlich James Watson und Francis Crick, später auch ein Bill Gates und Tim Berners-Lee, der Vater des Internets, in einer Art Kettenreaktion gezündet haben.
Geleitet hat mich auf meiner Suche die Frage nach den Erhaltungssätzen, die Ordnung im menschlichen Chaos schaffen. Sie mündete auch in die Frage nach der Wahrnehmung als jenem schöpferischen Vorgang, der die materielle Realität verändert. Die Dualität der Quantenphysik, die mich als Student fasziniert hat, greift heute nachmeiner Überzeugung auf ein weiteres Feld aus:
das Werden und Vergehen in einer geschlossenen Welt tritt neben das Bewusstsein, Teil eines offenen Evolutionsprozesses zu sein, der seine Grenzen selbst zu verschieben vermag.
Mein „Lebenslauf“
Dr.-Ing.Wolfgang Sassin (geb. 1938) technischer Physiker ( Dipl.-Ing., TH München);
1964 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Jülich;
1969 Promotion an derRWTH Aachen (Materialforschung). Früh mit gesellschaftlichen und zivilisatorischen Prozessen befasst.
Co-Autor der ersten deutschen Studie über Kernenergie und Umwelt (1972),
Von 1975 bis 1982 Senior Scientist für Energiefragen und später Leiter des Energieprojektes am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg bei Wien.
1983 Gastaufenthalt am Institute for Advanced Studies Berlin (Zivilisationsgeschichte).
1982 bis 1989 Lehrauftrag für Energiewirtschaft an der TH Wien.
Danach Tätigkeiten für das Intergovernmental Panel on Climate Change, für das UN-Programm „Habitat“, für die EU Kommission und für das Forschungszentrum Jülich auf den Gebieten Wirtschaft, Energie, Siedlungsstrukturen, Klima, Innovationsprozesse und Informationssysteme.
2002 Gründung der Beratungsgruppe Enhanced Perception and Communication (EP Com) mit dem Schwerpunkt kognitive Prozesse; Beratungsaufträge für Mensch/Maschine-Schnittstellen. Den Autor erreichen Sie am besten übers Internet unter:
w.sassin@aon.at
Briefpost bitte über:
Freunde des Gesprächs e.V. Dorfstraße 12 D-23883 Klein Zecher
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DAS GESPRÄCH AUS DER FERNE wird für einen Freundeskreis als Manuskript gedruckt. Es erscheint vierteljährlich im Selbstverlag der „Freunde des Gesprächs e. V.“ Herausgeber: Dr. Günter Geschke, Klein Zecher; Ulrike Rietz, Berlin; Prof. Dr. Dieter Dieterich, Blankenheim Redaktion: Dr. Günter Geschke, Dorfstraße 12, 23883 Klein Zecher / Titel-Grafik Seite 1: Heide Blunk, Vlotho Verlags- und Redaktionsanschrift: Dorfstraße 12, 23883 Klein Zecher; Tel.: 04545 788867, Fax: 04102 30582 e-mail: gueges@t-online.de dr.guentergeschke@alice-dsl.de website: www.gadf.de Druck: Druckerei&Verlag Steinmeier, Gewerbepark 6, 86738 Deiningen Der Verein „Freunde des Gesprächs e.V.“ ist als gemeinnützig anerkannt. Der Preis von 26,- Euro für das Jahresabonnement (Einzelheft 6,50 Euro; Auslandspreis - nach Versandart - auf Anfrage) deckt die tatsächlichen Kosten nicht vollständig. Zusätzliche (steuerabzugsfähige) Spenden sind daher notwendig, um die Unabhängigkeit der Zeitschrift zu erhalten, den Freundeskreis zu erweitern und interessierten Arbeitslosen, Rentnern, Schülern und Studenten den ermäßigten oder kostenlosenBezug unserer Zeitschrift zu ermöglichen. Konto „Freunde des Gesprächs e. V.“ Deutsche BankAGNeuss, Nummer 9324971, BLZ 300 700 24
Liebe Freundinnen und Freunde des Gesprächs,
wieder einmal haben Sie eindrucksstark bestätigt, dass wir Sie in dieser Kolumne zu Recht so anreden dürfen; Freunde sind nachsichtig und - hilfsbereit. Im Vorfeld dieses Heftes ließen Sie uns beides spüren: ohne Murren nahmen Sie seine verzögerte Auslieferung hin, die ich weiter vorn (S. 4, Spalte 1) begründet habe. Für diese Freundlichkeit bedanke ich mich an dieser Stelle zuerst, weil solch nachsichtiges Verhalten in unseren hektischen, auf Lust- und Gewinnmaximierung getrimmten „normalen“ Beziehungen zwischen Lieferanten und Kunden längst ausgestorben scheint. Da ermutigt es den in die Klemme geratenen Redakteur, wenn er auf das Wohlwollen seiner Leserschaft vertrauen kann. Mein zweiter Dank, den ich auch namens unserer Mitund Zuarbeiter sowie unseres Vereins „Freunde des Gesprächs e.V.“ hier aus vollem Herzen abstatten darf, gilt den vielen Abonnentinnen undAbonnenten, die auf meinen Appell, uns bei der nötigen Renovierung unserer Zeitschrift behilflich zu sein, reagiert haben. Ihre großen und kleinen Geldspenden kamen, mitten im frühen harten Winter, über uns wie ein warmer Regen. Schon Ende November konnten wir eine kräftige Stärkung unseres abgeschlafften Kontos verbuchen, und im Dezember gab es noch einen ansehnlichen Nachschlag. Alles zusammen genommen können wir nun mit rund 4.000 Euro extra wirtschaften. Das ist ein großartiger Vertrauensbeweis und eine ermutigende Hilfe!Auch wenn sie zur kompletten „Runderneuerung“ (noch) nicht zureicht, erlaubt sie doch die dringendsten Erneuerungen unserer veralteten technischen Ausstattung, die Bezahlung hilfreicher Dienstleistungen von außen (z. B. bei der Adressenpflege durch die Deutsche Post) ebenso wie die angestrebte moderate Modernisierung des Layouts unserer Zeitschrift. So starten wir mit neuem Optimismus in deren neuen Jahrgang; es ist der 65.! Im Herbst 2011 können wir Geburtstag feiern. Im Oktober 1946, aus der Wohnküche in Wuppertal schrieb Dr. Hans Dahmen seinen ersten Rundbrief an die Kameraden aus dem Kriegsgefangenen- Lager in den Rheinwiesen bei Koblenz. Das Gespräch ist ein rheinisches Kind und wuchs dort bis zum stattlichen Erwachsenenalter heran ehe es vor 18 Jahren in den Norden emigrierte. Aber auch der neue Redakteur stammte vomRhein, aus Duisburg. Und so liegt es nahe, unsere bereits im letzten Heft angekündigte große Jubiläumstagung in die Urheimat des Gesprächs zu legen: nach Düsseldorf, Leverkusen, Köln oder Bonn, wo es überall kleine „Kolonien“ unserer Abonnenten gibt. Sie sind hiermit alle aufgerufen, schon jetzt ihr Interesse an einer Teilnahme zu bekunden und - vielleicht/ hoffentlich - Ihre Bereitschaft zu bekunden, uns mit ortskundigem Rat bei der Vorbereitung zu unterstützen. Machen Sie dazu gerne Gebrauch von unserem neuen anrufaufnahmefreudigen Telefon (04545 788867) und der E-Mailadresse
Ihr dankbarer
Günter Geschke
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