Reifen können und verzichten müssen
Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes
Von Günter Geschke
Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser,
dass dieses Herbst-Heft 2011 Sie erst kurz vor Anbruch
des Winters erreicht, hat einen einzigen Grund: Die Redaktion
hatte einen temporären 100prozentigen Ausfall;
der einzige Redakteur war zunächst eine Weile
„unpäßlich“ und dann ein paar Wochen ernstlich krank –
zum zweiten Mal in rund 18 Betriebsjahren. Dank bedenkenloser
Einnahme aller schulmedizinisch verschriebenen
synthetischen Pharmaka wieder genesen, bittet
er hiermit um Entschuldigung für die verspätete Lieferung
dieser Ausgabe. Sie erscheint zum ersten Mal mit
einer neu gestalteten Titelseite – ein Zeichen, dass wir
es mit der Reform unserer Vierteljahreshefte ernst meinen.
Wir hatten sie unter dem Stichwort „Runderneuerung“
angekündigt. Damit ist mehr gemeint als eine
Modernisierung unserer Technik und des Layouts; es geht
uns auch um eine Neubesinnung auf die eigentliche Aufgabe,
den Daseinszweck unserer Zeitschrift, einer der
ältesten und gediegensten im deutschen Nachkriegs-
Blätterwald.
Davon war auf unserem Leser- und Autorentreffen
anläßlich ihres 65. Geburtstages umso intensiver die
Rede, als gerade der ausführliche Rückblick auf die Anfänge
und die Blütezeit des „Gesprächs aus der Ferne“
dessen gesellschaftspolitische Rolle und Wirkung in Erinnerung
rief. Bitte lesen Sie dazu den ausführlichen kommentierenden
Bericht von Günter Geschke: „Ein Jubiläum,
das in die Zukunft weist“ (S. 33 bis 38)
Das Hauptthema dieses Heftes, „Last, Lust und List des
Älterwerdens“, beginnt auf Seite 4. Werner E. Spies,
Jahrgang 1928, emeritierter Professor für Allgemeine
Pädagogik stimmt dort das Hohe Lied des allmählichen
bewußten Verzichts auf frühere Fähigkeiten und liebe
Gewohnheiten an. Wenn die Kräfte nachlassen, sich die
Altersgebrechen mehr oder weniger heftig einstellen,
ziemt sich vornehme Resignation und – findiger Gebrauch
des medizinischen und apparativ-technischen Fortschritts,
den sich unsere Ahnen nicht einmal im Traume wünschen
konnten. Keineswegs individualistisch, sondern
gesellschaftspolitisch begreift der Physiker Wolfgang
Sassin, 1938 geboren, das Älterwerden. In seinem „Zwischenruf“
(ab S. 6) sieht er es als einen „Reifungsprozeß“
an, als Verpflichtung, „... die Lethargie des Alters abzuschütteln
und sich mit der Enkelgeneration zusammen
der Aufgabe zu stellen, den Weg in eine Zukunft zu entwerfen,
deren Kennzeichen Ausgewogenheit und eine
neue Art der Dauerhaftigkeit der Lebensumstände sein
muß“.
Dieter Dieterich, Jahrgang 1931, erzählt (S. 9 ff) – detailfreudig,
anschaulich – wie er alt und älter geworden ist:
vom ersten Tag nach der Pensionierung bis in die unmittelbare
Gegenwart. Nun erinnert ihn der „spürbar zunehmende“
Alterungsprozeß „an die Zeit der Pubertät.
Wieder die Gefühlsschaukel. Nur ist es jetzt eine Art
Pubertät rückwärts... Es tut sich was im Gehirn, ständig
erlebe ich mich anders... Das Lästige ist, dass die Selbstsicherheit
verloren geht.“ Wie von selbst drängen sich
dem Achtzigjährigen Gedanken an das näherrückende
Ende der Lebensbahn auf: mögliches Siechtum, irgendwann
der Tod. Darauf hat er sich mit anderen beizeiten
in einem intensiven „Sterbeseminar“ vorbereitet. Es hat
ihn nicht von Ängsten und Zweifeln befreit, läßt ihn aber
dem eigenen Ende mit größerer Gelassenheit entgegensehen.
Auf die unheimliche Diskripanz der High-Tech-Medizin
zwischen Allmachtsanspruch bei der Rettung menschlichen
Lebens auf der einen Seite und erschreckender
Acht- und Hilflosigkeit im Umgang mit Sterbenden
andererseits, geht die Kulturpublizistin Marlene Stoessel
ein. Nachdrücklich plädiert sie für eine höhere Wertschätzung
und größere Verbreitung der Palliativmedizin wie
der Hospizbewegung (S. 13 f).- Mit nahezu allen Aspekten
des Lebens und Sterbens im Alter ist Andrea
Gorres vertraut. Als Pfarrerin in Boppard und ausgebildete
psychotherapeutische Heilpraktikerin berichtet sie
anregend von ihren Begegnungen und Erfahrungen mit
oft vereinsamten alten Leuten, aber auch von
gemeinschaftspflegenden Selbsthilfegruppen und effektiver
unbürokratischer Unterstützung durch Kommunen,
kirchliche und andere soziale Dienste. Ihr persönliches
Engagement stellt sie unter das Motto: „Das Zeitliche
segnen – ein schönes Alter pflegen“ (S. 15ff).
Zu unserer großen Freude hat sich nach langer, lebensbedrohlicher
Krankheit unser Freund und Autor Hans
Bremer mit einem großen Beitrag zurückgemeldet. Übers
Älterwerden wollte der 86jährige Molekularbiologe und
unermüdliche „Pendler“ zwischen zwei Welten (Texas
und Schleswig-Holstein) nicht schreiben, wohl aber über
das, was die Alten an Erfahrung und Rat zum Nutzen
der Jungen und zur Stabilisierung lebens- und liebenswerter
Verhältnisse einzubringen haben. Seine wichtigste
Botschaft heißt „Europas kulturelle Vielfalt erhalten!“ (S. 21 ff)
Literarisch melden sich gleich vier Autoren zu Wort. In
eine Art Zwiegespräch mit sich selbst (S. 30), fiktiv auf
den Tag nach seinem Tod gelegt, läßt der 1931 geborene
Berliner Schriftsteller Reimar Lenz seine lebenslangen Versuche Revue passieren, verläßliche
Antworten auf die uralten
Fragen nach Glauben, Liebe und
Hoffnung zu finden. Sein nur wenige
Jahre jüngerer Partner Hans
Ingebrand stellt ans Ende einer äußerst
knappen Skizze seines mühevollen
„Coming out“ als bildender Künstler
und bekennender Homosexueller
den Wunsch nach ungestörter Selbstbestimmung,
wenn es denn ans Sterben
geht (S.43). Für diesen Fall sorgt
der einsame Held einer meisterlichen
Erzählung von Theodor Weissenborn
lieber selber vor. Weil er als schwerkranker
Insasse einer Seniorenresidenz,
nicht ein zweites Mal von
gnadenlos funktionierenden Medizinern
aus dem Koma ins Leben zurückgeholt
werden will, hat er
insgeheim seine Selbsttötung organisiert.
Aber dann vertraut er sich doch
dem befreundeten Hausarzt an. Der
erteilt ihm einen sehr weisen Rat
( S.48f ).
Nicht von Tod oder Leben, sondern
von der Überwindung der Einsamkeit
im Alter handelt die Geschichte, die
Arnim Juhre erzählt (S. 53). Eine Gruppe
textender und komponierender religiöser
Liedermacher versammelt sich
auch dann noch zum regelmäßigen,
Freundschaft erhaltenden Werkstattgespräch,
als Jochen, der Initiator des
Kreises, längst gestorben ist. Was sie
zusammenhält ist auch die Vision des
Verstorbenen, die ganze Korona eines
Tages auf der Insel Patmos in
jener Felsengrotte zum Psalmendichten
zu versammeln, da einst der
Heilige Johannes seine Weissagungen
aufgeschrieben hat.
Zu guter Letzt bietet unser reichhaltiges
„Forum“ (S.33-45) noch interessante
Leserbriefe, eingesandte Gedichte
zu unserem Hauptthema sowie
Hinweise auf zwei wichtige neue
Bücher (S.46f). Schließlich runden
ausgewählte Buchtitel zu Altwerden
bzw. Tod und Sterben unseren Service
im Herbst-Heft ab. Möge seine
Lektüre Ihnen zusagen und zu verbindenden
Gesprächen mit Verwandten
und Freunden anregen! Mit guten
Wünschen zu Weihnachten und
zum Neuen („Gesprächs“-) Jahr, grüßt
Sie herzlich,
Ihr Günter Geschke
AUS DEM INHALT
Günter Geschke: Reifen können und verzichten müssen
Zur Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes
Werner E. Spies: Rückzug in die Resignation?
Wenn die Liste des Verzichts immer länger wird
Wolfgang Sassin: Richtig älter werden, heißt reifer werden
Zur Verantwortung der Alten für den Zusammenhalt der Gesellschaft
Dieter Dieterich: Ein Hohes Lied aufs Altern!
Zeit der freien Gegenwart, des Rückblicks und der Vorschau
Marleen Stoessel: Vom Sinn der Endlichkeit
Plädoyer für eine neue Kultur des Sterbens
Andrea Gorres: Das Zeitliche segnen – ein schönes Alter pflegen
Gedanken-Fragmente zum Alter, aus der Sicht einer Pastorin
Hans Bremer: Europas kulturelle Vielfalt erhalten!
Was wir Alten noch zur Weltverbesserung beitragen können
Reimar Lenz: „Wahrlich, es kommt der Tag danach...“
Ein Zwiegespräch mit sich selbst über Gott, den Tod und die Welt
U N S E R F O R U M Leser, Autoren, Herausgeber im Gespräch
Günter Geschke: Ein Jubiläum, das in die Zukunft weist
Bericht vom 65. Geburtstag des „Gesprächs aus der Ferne“
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Zu guter Letzt: Was ist Jugend?
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