Das Gespräch aus der Ferne 
Vierteljahreshefte zu wesentlichen Fragen unserer Zeit 

Last, Lust und List des Älterwerdens
Heft Nr. 397 • 64. Jahrgang Herbst 2011


Reifen können und verzichten müssen

Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes
Von Günter Geschke

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

dass dieses Herbst-Heft 2011 Sie erst kurz vor Anbruch des Winters erreicht, hat einen einzigen Grund: Die Redaktion hatte einen temporären 100prozentigen Ausfall; der einzige Redakteur war zunächst eine Weile „unpäßlich“ und dann ein paar Wochen ernstlich krank – zum zweiten Mal in rund 18 Betriebsjahren. Dank bedenkenloser Einnahme aller schulmedizinisch verschriebenen synthetischen Pharmaka wieder genesen, bittet er hiermit um Entschuldigung für die verspätete Lieferung dieser Ausgabe. Sie erscheint zum ersten Mal mit einer neu gestalteten Titelseite – ein Zeichen, dass wir es mit der Reform unserer Vierteljahreshefte ernst meinen. Wir hatten sie unter dem Stichwort „Runderneuerung“ angekündigt. Damit ist mehr gemeint als eine Modernisierung unserer Technik und des Layouts; es geht uns auch um eine Neubesinnung auf die eigentliche Aufgabe, den Daseinszweck unserer Zeitschrift, einer der ältesten und gediegensten im deutschen Nachkriegs- Blätterwald.

Davon war auf unserem Leser- und Autorentreffen anläßlich ihres 65. Geburtstages umso intensiver die Rede, als gerade der ausführliche Rückblick auf die Anfänge und die Blütezeit des „Gesprächs aus der Ferne“ dessen gesellschaftspolitische Rolle und Wirkung in Erinnerung rief. Bitte lesen Sie dazu den ausführlichen kommentierenden Bericht von Günter Geschke: „Ein Jubiläum, das in die Zukunft weist“ (S. 33 bis 38)

Das Hauptthema dieses Heftes, „Last, Lust und List des Älterwerdens“, beginnt auf Seite 4. Werner E. Spies, Jahrgang 1928, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik stimmt dort das Hohe Lied des allmählichen bewußten Verzichts auf frühere Fähigkeiten und liebe Gewohnheiten an. Wenn die Kräfte nachlassen, sich die Altersgebrechen mehr oder weniger heftig einstellen, ziemt sich vornehme Resignation und – findiger Gebrauch des medizinischen und apparativ-technischen Fortschritts, den sich unsere Ahnen nicht einmal im Traume wünschen konnten. Keineswegs individualistisch, sondern gesellschaftspolitisch begreift der Physiker Wolfgang Sassin, 1938 geboren, das Älterwerden. In seinem „Zwischenruf“ (ab S. 6) sieht er es als einen „Reifungsprozeß“ an, als Verpflichtung, „... die Lethargie des Alters abzuschütteln und sich mit der Enkelgeneration zusammen der Aufgabe zu stellen, den Weg in eine Zukunft zu entwerfen, deren Kennzeichen Ausgewogenheit und eine neue Art der Dauerhaftigkeit der Lebensumstände sein muß“.

Dieter Dieterich, Jahrgang 1931, erzählt (S. 9 ff) – detailfreudig, anschaulich – wie er alt und älter geworden ist: vom ersten Tag nach der Pensionierung bis in die unmittelbare Gegenwart. Nun erinnert ihn der „spürbar zunehmende“ Alterungsprozeß „an die Zeit der Pubertät. Wieder die Gefühlsschaukel. Nur ist es jetzt eine Art Pubertät rückwärts... Es tut sich was im Gehirn, ständig erlebe ich mich anders... Das Lästige ist, dass die Selbstsicherheit verloren geht.“ Wie von selbst drängen sich dem Achtzigjährigen Gedanken an das näherrückende Ende der Lebensbahn auf: mögliches Siechtum, irgendwann der Tod. Darauf hat er sich mit anderen beizeiten in einem intensiven „Sterbeseminar“ vorbereitet. Es hat ihn nicht von Ängsten und Zweifeln befreit, läßt ihn aber dem eigenen Ende mit größerer Gelassenheit entgegensehen.

Auf die unheimliche Diskripanz der High-Tech-Medizin zwischen Allmachtsanspruch bei der Rettung menschlichen Lebens auf der einen Seite und erschreckender Acht- und Hilflosigkeit im Umgang mit Sterbenden andererseits, geht die Kulturpublizistin Marlene Stoessel ein. Nachdrücklich plädiert sie für eine höhere Wertschätzung und größere Verbreitung der Palliativmedizin wie der Hospizbewegung (S. 13 f).- Mit nahezu allen Aspekten des Lebens und Sterbens im Alter ist Andrea Gorres vertraut. Als Pfarrerin in Boppard und ausgebildete psychotherapeutische Heilpraktikerin berichtet sie anregend von ihren Begegnungen und Erfahrungen mit oft vereinsamten alten Leuten, aber auch von gemeinschaftspflegenden Selbsthilfegruppen und effektiver unbürokratischer Unterstützung durch Kommunen, kirchliche und andere soziale Dienste. Ihr persönliches Engagement stellt sie unter das Motto: „Das Zeitliche segnen – ein schönes Alter pflegen“ (S. 15ff).

Zu unserer großen Freude hat sich nach langer, lebensbedrohlicher Krankheit unser Freund und Autor Hans Bremer mit einem großen Beitrag zurückgemeldet. Übers Älterwerden wollte der 86jährige Molekularbiologe und unermüdliche „Pendler“ zwischen zwei Welten (Texas und Schleswig-Holstein) nicht schreiben, wohl aber über das, was die Alten an Erfahrung und Rat zum Nutzen der Jungen und zur Stabilisierung lebens- und liebenswerter Verhältnisse einzubringen haben. Seine wichtigste Botschaft heißt „Europas kulturelle Vielfalt erhalten!“ (S. 21 ff)

Literarisch melden sich gleich vier Autoren zu Wort. In eine Art Zwiegespräch mit sich selbst (S. 30), fiktiv auf den Tag nach seinem Tod gelegt, läßt der 1931 geborene Berliner Schriftsteller Reimar Lenz seine lebenslangen Versuche Revue passieren, verläßliche Antworten auf die uralten Fragen nach Glauben, Liebe und Hoffnung zu finden. Sein nur wenige Jahre jüngerer Partner Hans Ingebrand stellt ans Ende einer äußerst knappen Skizze seines mühevollen „Coming out“ als bildender Künstler und bekennender Homosexueller den Wunsch nach ungestörter Selbstbestimmung, wenn es denn ans Sterben geht (S.43). Für diesen Fall sorgt der einsame Held einer meisterlichen Erzählung von Theodor Weissenborn lieber selber vor. Weil er als schwerkranker Insasse einer Seniorenresidenz, nicht ein zweites Mal von gnadenlos funktionierenden Medizinern aus dem Koma ins Leben zurückgeholt werden will, hat er insgeheim seine Selbsttötung organisiert. Aber dann vertraut er sich doch dem befreundeten Hausarzt an. Der erteilt ihm einen sehr weisen Rat ( S.48f ).

Nicht von Tod oder Leben, sondern von der Überwindung der Einsamkeit im Alter handelt die Geschichte, die Arnim Juhre erzählt (S. 53). Eine Gruppe textender und komponierender religiöser Liedermacher versammelt sich auch dann noch zum regelmäßigen, Freundschaft erhaltenden Werkstattgespräch, als Jochen, der Initiator des Kreises, längst gestorben ist. Was sie zusammenhält ist auch die Vision des Verstorbenen, die ganze Korona eines Tages auf der Insel Patmos in jener Felsengrotte zum Psalmendichten zu versammeln, da einst der Heilige Johannes seine Weissagungen aufgeschrieben hat.

Zu guter Letzt bietet unser reichhaltiges „Forum“ (S.33-45) noch interessante Leserbriefe, eingesandte Gedichte zu unserem Hauptthema sowie Hinweise auf zwei wichtige neue Bücher (S.46f). Schließlich runden ausgewählte Buchtitel zu Altwerden bzw. Tod und Sterben unseren Service im Herbst-Heft ab. Möge seine Lektüre Ihnen zusagen und zu verbindenden Gesprächen mit Verwandten und Freunden anregen! Mit guten Wünschen zu Weihnachten und zum Neuen („Gesprächs“-) Jahr, grüßt Sie herzlich,
Ihr Günter Geschke


AUS DEM INHALT

Günter Geschke: Reifen können und verzichten müssen Zur Einführung ins Schwerpunktthema dieses Heftes

Werner E. Spies: Rückzug in die Resignation? Wenn die Liste des Verzichts immer länger wird

Wolfgang Sassin: Richtig älter werden, heißt reifer werden Zur Verantwortung der Alten für den Zusammenhalt der Gesellschaft

Dieter Dieterich: Ein Hohes Lied aufs Altern! Zeit der freien Gegenwart, des Rückblicks und der Vorschau

Marleen Stoessel: Vom Sinn der Endlichkeit Plädoyer für eine neue Kultur des Sterbens

Andrea Gorres: Das Zeitliche segnen – ein schönes Alter pflegen Gedanken-Fragmente zum Alter, aus der Sicht einer Pastorin

Hans Bremer: Europas kulturelle Vielfalt erhalten! Was wir Alten noch zur Weltverbesserung beitragen können

Reimar Lenz: „Wahrlich, es kommt der Tag danach...“ Ein Zwiegespräch mit sich selbst über Gott, den Tod und die Welt

U N S E R F O R U M Leser, Autoren, Herausgeber im Gespräch

Günter Geschke: Ein Jubiläum, das in die Zukunft weist Bericht vom 65. Geburtstag des „Gesprächs aus der Ferne“

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Zu guter Letzt: Was ist Jugend?