Zur Einführung in dieses Heft:
Von Günter Geschke
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter
Leser!
Zum ersten Mal in der nun schon
langen Geschichte unseres „Gesprächs“
ist die letzte Ausgabe eines
Jahrgangs nicht vor Weihnachten erschienen,
sondern gelangt erst im
Februar in Ihre Hände.
Das war zwar
seit der Umstellung von Quartals- auf
Saison-Auslieferung (Start mit Nr.
385, „Sommer 2008“) folgerichtig, beginnt
der Winter ja auch kalendarisch
erst spät im Dezember (und dauert
bis zum 21. März); hätte aber im
„Herbst-Heft“ noch einmal ausdrücklich
erwähnt werden sollen. Wir bitten
also alle, die uns „wie früher“ erwartet
hatten, um Entschuldigung und
gestehen auch sogleich, dass diese
erste „Winterausgabe“ später fertig
geworden ist als geplant. Dabei war
aber sozusagen „höhere Gewalt“ im
Spiel. Als wir uns nämlich im Spätsommer
2008 das Schwerpunkt-Thema
„Leben heißt improvisieren“ vornahmen,
sollte das unter zwei sich ergänzenden
Aspekten geschehen:
1. zu berichten und zu erörtern, was
die moderne Hirnforschung an Interessantem,
Neuem zum Thema zu sagen
hat und wie dies von anderen
Disziplinen, etwa Philosophie und
Psychologie diskutiert wird, und
2. um eigene Lebenserfahrungen mit
dem „Improvisieren“ mitzuteilen.
Das ganze Vorhaben hatte also eher
einen – im guten Sinn – akademischen
wie lebensphilosophischen Charakter;
und es schien in Ruhe und Gelassenheit
zu verwirklichen zu sein. Dann
aber kam alles ganz anders: In Amerika
platzte die gigantischste Kreditblase,
die die Welt je erlebt hatte; mit
der Wucht eines Tsunamis ging eine
tödliche Springflut um die Welt, spülte
Großbanken und Investmenthäuser
hinweg, erschütterte das internationale
Finanzsystem bis in seine Grundfesten,
drückte stolze Weltfirmen,
„Global Players“, in die Pleite oder
degradierte sie zu demütig um Staatsknete
winselnden Bittstellern und drohte
schließlich, die ganze globalisierte
Weltwirtschaft in den Abgrund einer
Rezession zu spülen, gegen die jene
vom „Schwarzen Freitag“ 1929 an der
Wall Street ausgelöste sich nur noch
wie ein schwaches Vorspiel ausnahm.
Es war sofort klar: An diesem weltweiten
„Systembeben“ (so der Wirtschaftskrisen-
Forscher Robert Wade)
führte auch fürs „Gespräch“ kein
Weg vorbei, um so weniger, als auf
unserem „Leser- und Autorentreffen“
in Darmstadt der dringende Wunsch
vorgebracht worden war, neben dem
jeweiligen Schwerpunktthema eines
Heftes auch zu bedeutenden aktuellen
Ereignissen Stellung zu nehmen.
Der Auftrag war eindeutig, aber wie
sollten wir ihn beim akuten Krisenthema
„auf die Schnelle“ so ausführen,
dass es nicht wie ein Hinterherlaufen
und Nachplappern aussah?
Das musste umso sorgfältiger bedacht
werden, als Wirtschafts- und Finanzthemen
seit dem Tod unseres Freundes
(und promovierten Volkswirts)
Michael Günther gleichsam verwaist
waren. Schließlich mussten wir,
wie alle Welt, erst einmal gespannt
abwarten, ob und wie die Verantwortlichen
in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
auf diese Fundamentalkrise
reagieren, mit welchen Strategien,
Plänen und/oder Improvisationen sie
eingreifen würden.
Zwei weitere „bedeutende Ereignisse“
kamen alsbald hinzu:
1. Die erschreckende militärische Gewalt,
welche die israelische Regierung
gegen ihren im Gazastreifen herrschenden
„Todfeind“, die Hamas-Bewegung,
entfesselte und dabei massivste
„Kollateralschäden“ bei der Zivilbevölkerung
nicht nur in Kauf, sondern
sogar ins Kalkül genommen zu
haben schien – zweifellos eine massive
Verschärfung des israelisch-palästinensischen
Konflikts und damit
der komplizierten Dauerkrise im gesamten
Nahen Osten. Doch mit welchen
Folgen? Wie würden die arabischen
Nachbarn, die Europäer, die
UNO und – vor allem – die neue amerikanische
Regierung reagieren?
2. Der sensationelle Wahlsieg Barack
Hussein Obamas. Nach 43 weißen
Vorgängern war er der erste
„schwarze“ Präsident der USA, dessen
gemischtrassische wie soziale
Herkunft ihn zum ersten wahren obersten
Repräsentanten dieser Nation
macht, die wie keine andere auf der
Welt die Zugewanderten aus allen
Erdteilen, Ländern und Rassen zu
integrieren vermochte und vermag.
Nach Bildung, moralischem Zuschnitt
und Ausstrahlung ein heller Stern vor
dem rabenschwarzen Hintergrund
seines Vorgängers verkörpert Barack
Obama die tiefe Sehnsucht der Massen
nach einer Wiedergeburt des amerikanischen
Traums, den aufrichtigen
Wunsch nach einem echten Wandel
der Politik, die große Hoffnung, den
Respekt und die Hochachtung der
ganzen Welt wieder zu erlangen.
Wie
würde Obama schon beim Start versuchen,
diesen immensen Erwartungen
zu genügen? Amtsantritt war erst
am 20. Januar. Also hatte das GadF
einen weiteren zwingenden Grund zu
warten.
In solcher Lage verengt sich auch für
eine Vierteljahreszeitschrift, die in der
Regel in Ruhe planen kann, das Zeitfenster
fürs Entscheiden und Handeln
ungemein. Dann bleibt dem Redakteur
nichts anderes übrig wie dem
bedrängten Politiker, dem Unternehmer
am Verhandlungstisch, dem
Trucker bei Eisregen: er muß improvisieren,
sich auf sein Gefühl verlassen
und darauf vertrauen, dass ihn
auch dieses Mal sein Glück nicht im
Stich läßt.
Genau das haben wir getan, und irgendwie
hat sich dann alles gefügt:
Fürs große Krisenthema konnte uns
Dr. Hans Bremer, jahrzehntelang als
Molekularbiologe in USA tätig und
heute in Texas wie in Deutschland
zuhause, eine spannende Entstehungsgeschichte
nebst beherzigenswerten
Schlußfolgerungen schreiben (S. 15 ff).
Den heiklen Gaza-Auftrag übernahm
in vorletzter Minute der Redakteur
selber, sich seiner Reportagereisen
nach Israel und Palästina ebenso erinnernd
wie unseres einschlägigen
Heftes (Nr. 355) vom Herbst 2000,
als ein Friedensschluß zum Greifen
nahe schien. Zwangsläufig ist in Günter
Geschkes aktuellem Bericht (S.
22 ff) auch von Israels „Schutzmacht“,
den USA und ihrem neuen
Präsidenten, ausführlich die Rede.
Unser eigentliches Schwerpunkt-Thema
aber lag von Anfang an bei unseren
Professoren in bewährten Händen.
Der Pädagoge Werner E. Spies stellt
– kompakt und trennscharf wie immer
– (S. 4 f) Definitionen vor, berichtet
von Erfahrungen mit Improvisation im
Unterricht, ihrem Nutzen und ihren
Grenzen. Dieter Dieterich, ehedem
Chemieforscher, hatte selbst das Thema
angeregt – als Summe seiner eigenen
Lebenserfahrung und jahrelanger
Beschäftigung mit den Ergebnissen
der Hirnforschung sowie deren
Erörterung in Philosophie und Psychologie.
Seinen großen Essay (S. 6 ff) ergänzt
er durch „Stimmen der Meister“
(S 11 f) und einen anschließenden
Exkurs über das Verhältnis von Improvisation
und Willensfreiheit (S. 14).
Günter Geschke steuert Überlegungen
zum vorherrschenden Sicherheitsbedürfnis
des modernen Menschen bei
und erinnert an die selbsterlebte „große
Zeit“ der Improvisation in Deutschland
am Ende des Zweiten Weltkriegs
und in den ersten Nachkriegsjahren
(S. 27 ff).
„Unser Forum“ (ab S. 36) offeriert
eingangs ein weiteres sehr schönes,
aber weniger bekanntes Rilkegedicht,
dem sich zwei recht kritische Briefe
zum Poesieheft (Nr. 386) anschließen.
Ich empfehle sie Ihrer besonderen
Aufmerksamkeit, weil beide eine sehr
entschiedene Vorstellung von „wahrer
Dichtkunst“ erkennen lassen, die
durchaus zur Stellungnahme herausfordert.
Auf unterhaltsame Weise
lehrreich ist eine Stellungnahme unseres
Freundes und Autors Jerry W.
Hodges (S. 39) zu einem Leserbrief
von Jobst-Henrich Benzler in unserem
Herbstheft. Darin hatte Benzler
erstaunliche Parallelen zwischen Hermann
dem Cherusker und Patrice
Lumumba gezogen. –
Zu guter letzt bitte ich Sie herzlich,
unsere Kolumne auf der letzten Seite
zu lesen. Sie berichtet unter anderem
von unserem gut besuchten, lebhaften
Leser- und Autorentreffen in
Darmstadt mit beherzigenswerten
Anregungen, viel Lob und ein wenig
Tadel für die „Blattmacher“ sowie der
Bekräftigung unserer jahrzehntelangen
Erfahrung: GadF-Leserinnen und
-Leser sind klasse, spitze, und die
persönliche Begegnung mit ihnen tut
einfach gut.
Mit freundlichen Grüßen und guten
Wünschen für die Zeit bis zum
Frühjahrsheft!
Ihr dankbarer
Günter Geschke
A U S D E M I N H ALT :
Günter Geschke: Einführung in dieses Heft 2
Werner E. Spies: Improvisation - Notwendigkeit und Grenzen
Handeln und Reden müssen an gültige Regeln gebunden bleiben 4
Dieter Dieterich: Die Kunst des Improvisierens
Über vier Voraussetzungen, sie zu lernen 6
Stimmen der Meister: Improvisierendes zur Improvisation
Aufgesammelt von Dieter Dieterich 11
Hans Bremer: Was ließ die Spekulationsblase platzen?
Über die tieferen Ursachen der Finanzkrise und was sie uns lehrt 15
Günter Geschke: Mit der Panzerfaust gegen Nadelstiche
Israels unangemessener Vergeltungsschlag im Gazastreifen 22
Günter Geschke: Improvisation in schweren Zeiten
Wie meine Familie Kriegsende und „Zusammenbruch“ überstand 27
UNSER FORUM
Leser, Autoren, Gäste und Herausgeber im Gespräch 36-41
Briefe von:
Gerhard Krumfuss (S.36), Horst Burggraef S. 36 f),
Hans Ingebrand (S. 37)
Ein Feuilleton von Theodor Weißenborn: Wider den
sogenannten Sachzwang oder Auforderung zum Unterlassen (S. 38)
Jerry W. Hodges: Ein anregender Vergleich
Über Parallelen zwischen Arminius und Patrice Lumumba 39
Arnim Juhre: Schreib ein Gedicht in Deutsch
Nina Neumanns Selbstversuche in einem fremden „Kulurkreis“ 42
BESTELLFORMULAR fürs „Gespräch aus der Ferne“
(auch als Geschenk-Abonnement) 43
IN EIGENER SACHE / IMPRESSUM:
Neue Adresse von Redaktion und Verlag, „Freunde des
Gesprächs e.V.“, Internetzugang – Bankverbindung (Letzte Seite)
*
Unser nächstes Thema:
Vor 20 Jahren: Als die Mauer in sich zusammenfiel
Rückblick und Bilanz: Was haben die Deutschen ausTrennung und
Wiedervereinigung gelernt?
Erinnerungen - Gespräche - Reportagen - Kommentare
Schreiben Sie mit, liebe Leserinnen und Leser! (Einsendeschluß für
Briefe, Manuskripte ist der 15. April)
Improvisation –
Notwendigkeit
und Grenzen
Handeln und Reden
müssen an gültige Regeln
gebunden bleiben
Von
Werner E. Spies
Was hat man sich schon gelangweilt
bei Vorträgen. Da
steht jemand am Pult mit
einem dicken Manuskript und liest das
vor. Manchmal merkt er sogar, daß
ihm die Aufmerksamkeit der Zuhörer
entgleitet - dann steigert er das
Tempo, um nur fertig zu werden; auch
besonders gutwillige Zuhörer schalten
dann ab...
Ähnlich im Schulunterricht. In vielen
Lehrproben unglückseliger Anwärter
haben die sich ganz genau vorbereitet,
jeden Schritt, sogar die „erwarteten
Schülerantworten“ aufgeschrieben
- sicheres Rezept für mausetote
Stunden. Denn Lebendigkeit ist nicht
vollständig planbar, ist spontan oder
gar nicht.
Aber soll sich ein Lehrer etwa nicht
vorbereiten auf seinen Unterricht?
Das ist nur denen zu raten, die das
Mitzuteilende ganz souverän beherrschen
und sozusagen geborene
Kommunikatoren sind. Alle anderen,
die weitaus meisten, müssen sich vorbereiten.
Sie müssen festlegen, wo sie
anfangen, und müssen überlegen, wo
sie hinwollen: Beginn und Ziel einer
Stunde, vielleicht noch einige mögliche
Zwischenschritte; der Rest ist
Selbstbewegung des Unterrichts, Gespräch
mit Schülern. Ein Gespräch
darf nicht völlig festgelegt sein, entwickelt
sich mit Teilnehmern, muß
ständig improvisieren.
Improvisation: aus dem Lateinischen
- improvisus ist die negierte Form des
Partizip Perfekts von providere, vorhersehen.
Italienisch improvviso meint
unvorhergesehen, unerwartet, unvermutet.
Unterrichtskunst heißt, Unerwartetes
zu nutzen, aus lauter Unvorhergesehenem
hinzuleiten auf Erkenntnisziele.
Aber unser Redner mit seinen Zetteln?
Zum Beispiel ein Redner im
Bundestag? Er wird sich nicht verlassen
können auf Kleists Beobachtung
„Über die allmähliche Verfertigung
der Gedanken beim Reden“
(Anmerkg. 1). Es ist sicher zutreffend,
wenn Kleist notiert: „Ich glaube, daß
mancher große Redner in dem Augenblick,
als er den Mund auftat, noch nicht
wußte, was er sagen würde.“ (2)
Wo und wann das
freie Reden riskant wird...
Aber sich einfach darauf verlassen,
daß ihm schon das Rechte einfallen
würde, ist zu riskant in ernsthaften
Situationen. Aber wenn er nur ablesen
kann, dann taugt er nichts – denn
„wenn der Geist schon, vor aller
Rede, mit dem Gedanken fertig
ist,...dann muß er bei seiner bloßen
Ausdrückung zurückbleiben, und dies
Geschäft, weit entfernt, ihn zu erregen,
hat vielmehr keine andere Wirkung,
als ihn von seiner Erregung abzuspannen“
(3).
In politischen Versammlungen zwingen
auch Zwischenrufe zu improvisierten
Antworten. Aber auch ohne
Zwischenrufe wird man beim Reden
abändern, akzentuieren, improvisieren,
nur so fesselt man die Hörer. Das gilt
auch für biedere Reden im Verein;
man muß nicht immer an weltbewegende
Reden denken - für die gilt es
allerdings fortiter (verstärkt, D.R.).
Man stelle sich vor, Marc Anton in
Shakespeares „Julius Cäsar“ hätte
seine Rede vom Blatt ablesen wollen
Nun klingt dies alles so, als könne der
Redner, der Lehrer zwecks besserer
Wirkung beliebig improvisieren. Das
ist keineswegs der Fall. Improvisation
hat deutliche Grenzen. Jeder politische
Redner ist einer Doktrin verpflichtet.
Die Doktrin, also z.B. eine
sozialistische, eine christliche bindet
an bestimmte Aussagen und untersagt
andere. Je enger die Orthodoxie,
umso beschränkter ist der Freiraum
für das, was einfällt. Doktrinen
binden Gruppen zusammen. Gruppen
zerfallen, wenn sie völlige Gedankenund
Redefreiheit gewähren. Es müssen
ständig die für sie verbindlichen
„Wahrheiten“ wiederholt werden, nur
so wird ihre Zusammengehörigkeit
erkennbar, nur so können sie Macht
wahren oder gewinnen. Und selbstverständlich
gelten Grenzen auch für
Lehrer – „was ist denn eigentlich ein
Unterrichtssystem, wenn nicht eine
Ritualisierung des Wortes, eine Qualifizierung
und Fixierung der Rollen für
die sprechenden Subjekte“, schreibt
Michel Foucault (4).
Unverzichtbare und zugleich begrenzte
Improvisation: Das ist nicht nur
Gesetz der Rede, des Unterrichts –
es ist Gesetz unseres Lebens. Man
braucht stets Planung und Bindung;
keiner kann existieren mit lauter adhoc-
Einfällen des Gemüts. Aber alle
Planung muß beweglich gehalten
sein, abänderbar bei dem, was zufällt.
Planung schafft Entschiedenheit und
Abwehr. Die Hausfrau, die ohne
Merkzettel in den Supermarkt rennt,
wird einiges vergessen, fällt zugleich
auf überflüssigen Kauf von „Sonderangeboten“
rein. Ein planlos agierender
Bundeskanzler wäre ebenso
schädlich wie einer, der im Verfolg
seiner Absichten nicht plastisch genug
ist, das nicht Vorhersehbare improvisierend
zu meistern.
Das Zufallende sowohl wie das aus
uns selbst aufsteigende Drängende:
Die Gefühle und Affekte beobachten
und sie zugleich zügeln können, stets
bereit sein zur Improvisation und zugleich
sie nur zulassen, wenn sie unsere
Rahmenplanung oder/und unsere
Gruppenbindung nicht aufhebt –
das ist Lebenskunst. Denn Plastizität,
Beweglichkeit im Handeln darf
man nicht verwechseln mit Anarchie;
Improvisation ist nur gestattet mit Disziplin,
mit Kontrolle von Handlung und
Diskurs im Rahmen gültiger Regel.
Prof. Dr., Dr. h.c. Werner E. Spies
Friedrich-Ebert-Str. 109
59425 Unna
Anmerkungen:
(1) Kleist, Heinrich von: Gesammelte
Werke, Hg. Deiters, H., Berlin
1955, Bd. 3, S. 568 ff.
(2) a.a.O. S. 569
(3) a.a.O. S. 572
(4) Foucault, Michel: Botschaften der
Macht. Foucault Reader, Hg. Engelmann,
J., dtv ohne Jahr, S. 73
Die Kunst des Improvisierens
Über vier Voraussetzungen sie zu erlernen
Von
Dieter Dieterich
Improvisieren? Wollen wir das?
Doch wohl lieber nicht. Das Wort
weckt Erinnerungen an Kriegsund
Nachkriegszeit, riecht nach Mangel,
nach „provisorisch“, nach „mal
probieren ob’s funktioniert“. Improvisiertes
gilt als vorläufiger Ersatz für
etwas Besseres, Endgültiges. Improvisieren
ist riskant: man kann ja nicht
wissen, ob’s klappt. Wenn nicht, stehe
ich blamiert da und kann den
„Schwarzen Peter“ nicht mal jemand
anderem zuschieben. Es ist mein Risiko.
Ich improvisiere ohne einen
Plan, den ich vor der Arbeit durchdenken
und abwägen kann.
Ganz anders hört sich Improvisation
im Zusammenhang mit Musik an, oder
auch mit „aus dem Stegreif“ sprechen.
Da geht es um Kreativität, Improvisation
als Inbegriff spontaner Gestaltungsfreiheit,
persönlicher Freiheit im
aktiven Sinn; ungleich attraktiver als
diese inzwischen geradezu langweilige
Freiheit der Wahl aus unübersehbar
vielen vorgegebenen Möglichkeiten,
die womöglich kostenpflichtig
sind.
Unser aller Leben ist zunehmend bestimmt
durch eine Gesetzes-,
Verordnungs- und Regelwelt. Ihre
schmalen Freiräume sind offen vorrangig
für das Konkurrieren, das seinerseits
sichtbare und unsichtbare
Zwänge mit sich bringt. Eigene und
fremde Erwartungshaltungen bringen
wiederum Einschränkungen mit sich.
Worin besteht eigentlich noch unsere
vielgepriesene Freiheit? Wir haben
begrenzte Wahlfreiheit: Wir können
bestenfalls frei wählen, welchen
Zwängen wir uns unterwerfen wollen.
Jeder Beruf, jeder Job, viele private
Verbindungen, z.B. eine Partnerschaft,
gar eine Ehe bringen je spezifische
Zwänge mit sich; der Verzicht
auf Bindungen übrigens nicht minder.
Wir sind fremdgesteuerte Funktionswesen
geworden, unsere freie
Menschlichkeit ist nachhaltig einschränkt,
oft sogar unterdrückt. Erkennen
wir noch das in uns schlummernde
Lebens-Potential, das zur
Verwirklichung drängt?
Keine Ausbildung, kein Studium ist
ohne lästige Zwänge. Um so bedeutungsvoller
wird jede Möglichkeit eigenen
Gestaltens, denn daraus erwächst
die Kraft zur Bewältigung der
unausweichlichen Hürden und Zwänge.
Ausufernde Regelwerke der Erziehung
und Ausbildung, Vorschriften
wie z.B. der „Bologna-Prozess“, die
Studierende zu einer Lernmaschine
degradieren, übersehen das. So wird
bei Lehrern und Schülern kreative
Improvisationsfähigkeit vorsätzlich
und systematisch abgetötet. Der
Richtigkeitswahn ausgedachter Konzepte
und der Machtwahn ihrer Gestalter
sind Ausdruck der Schattenseite
einer einseitig nur rationalen
Aufklärung, eines funktionalen Menschenbilds
und stehen aller Improvisation
entgegen.
Der multitalentierte und vielseitig gebildete
Fernseh-Moderator Gert
Scobel hat kürzlich in einer seiner von
3sat ausgestrahlten „scobel“-Sendungen
das Thema „Improvisation“ praktisch
und gedanklich bearbeitet und
hierzu die Jazz-Musiker Frank
Chastenier (Piano), Manfred Schoof
(Trompete), Sabine Kühlich (Gesang),
John Goldsby (Bass), sowie den klassischen
Pianisten Michael Rische eingeladen.
Dieser inspirierenden Sendung
verdanke ich die Anregung zum
Thema des vorliegenden Hefts, nicht
zuletzt deshalb, weil Gert Scobel das
Thema „Improvisation“ über den musikalischen
Aspekt hinaus erweiterte
und diese Fähigkeit als kreative Lebensgestaltung
würdigte. Das spannende
Gespräch mit den Musikern
mündete schließlich in Erfahrungen,
die denen gleichen, die der Übungsweg
des Zen-Buddhismus vermittelt.
Es ist die zeitlose Erfahrung einer
Herzensbildung im Hier und Jetzt:
hellwach und zugleich selbstvergessen,
ganz Ohr, die Welt in sich aufnehmend,
nichts festhaltend, Vorstellungen,
Konzepte, Phantasien loslassend,
Grenzen auflösend, selbst zum
Geschehen werden. Mir wurde klar:
Auch jede Zazen-Übungseinheit ist
Improvisation. Absichtslos wird sie
begonnen und nie weiß man vorher,
wie sie endet. (Siehe auch S. 11 ff.)
Die musikalische Improvisation ist für
mich Paradigma, Musterbeispiel für
eine früher lebensnotwendige, im heute
vorherrschenden Perfektionswahn
weithin vernachlässigte, ja unterdrückte
menschliche Fähigkeit. Aber
gerade deren Pflege und tägliche
Übung könnte hilfreich sein für individuelle
wie gesellschaftliche Lebensund
Problembewältigung. Wir leben
weitgehend funktional anstatt improvisierend
kreativ. Dies hat mit dem
funktionalistischen Menschenbild zu
tun, aber auch mit fehlendem Mut zur
kreativen Improvisation. Diese setzt
voraus, dass wir frei sind vom zweckhaften
Vorwissen. Aber gerade solches
Vorwissen wird gelehrt. Wir sollen
ja wissen, was uns erwartet. Das
hat zur Folge, dass wir hilflos sind,
wenn das nicht Erwartete geschieht.
Eine Grundfähigkeit
Improvisation ist ein weites Feld, ein
lohnendes und ein beglückendes Feld.
Zugleich ist es Inbegriff von
Menschenbildung, sozialer Kompetenz
– sogar von Lebensglück. Ich
halte die Entwicklung der Fähigkeit
zur Improvisation für mindestens
ebenso lebenswichtig, wie die ständig
geforderte und gelehrte zur Anpassung
an die Funktionsmechanismen
der modernen sogenannten Wissens-
Gesellschaft. Es gibt in meinen
Augen dafür einen ganz einfachen
Grund. Der Mensch hat tief verankerte
Anlagen, Voraussetzungen, Begabung
zur Improvisation. Ohne sie
wäre die Mensch-Werdung und seine
kulturelle Entfaltung gar nicht zu
verstehen... Wie alle Grundfähigkeiten,
z.B. Erkenntnis, Sprache, muss
auch die der Improvisation entdeckt,
gestärkt und entwickelt werden. Hierzu
bedarf es zugewandter Menschen,
aber auch des Für-sich-Seins schon
im frühen Kindesalter. Heute besteht
die Gefahr, dass allzu frühe „Indoktrination“
durch Fernsehkonsum und
gut gemeinte Wissensvermittlung die
Entwicklung eigener Kreativität hindert.
Sie ist aber später im schwierigen
Leben gefragt.
Die Herausforderung
Die genannten Zwänge bestimmen
nachhaltig unser Lebensgefühl und
beeinträchtigen unseren Lebensmut.
Ich sehe einen Zusammenhang mit
dem, wie es scheint, unaufhaltsamen
Anstieg der Volkskrankheit „Depression“,
aber auch mit dem boomenden
Markt frustrationsbetäubender Konsum-
Angebote, etwa Handy-Unterhaltung,
zeitraubende Computerspiel-
Wettkämpfe – „Man gönnt sich ja
sonst nichts!“ Zwar wird immer noch
philosophisch „Willensfreiheit“ (zutreffender
wäre wohl „Entscheidungsfreiheit“)
als Ideal hochgehalten,
doch ist die konkrete Wirklichkeit
und die derzeitige öffentliche Diskussion
über dieses Thema eher von
Pessimismus bestimmt. Die Verneinung
dieser Freiheit, die Betonung
ihres objektiv illusionären Charakters
wird rational mit naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen, z.B. der Hirnforschung
begründet. Ich werde jedoch
den Verdacht nicht los, dass die
Akzeptanz solcher Auffassung eher
mit dem verbreiteten Eindruck, in einer
Welt der Zwänge zu leben, zu tun
hat.
Je rationaler die Zwänge verständlich
gemacht werden, desto mehr leiden
wir unter ihnen, weil Ungehorsam,
Aufmüpfigkeit, Aufstand, Kampf, Revolution
keine Besserung der Verhältnisse
mehr versprechen. Wir leben
nicht mehr im fortschrittsgläubigen 19.
Jahrhundert. Schon die fatalen Revolutionen
des 20. Jahrhunderts können
nur noch schrecken. Linker Sozialismus,
verordnete Gleichheit und
deren ebenfalls unausweichliche
Dominoeffekte sind hinlänglich bekannt
und haben sichtbar abgewirtschaftet.
Sozialismus ist keine Alternative
zum Kapitalismus. Beide sind
Kinder einer ausgedachten
menschenfernen, das Individuum mißachtenden
Philosophie sowie in Willkür
ausartender Machtausübung.
Was aber könnte im 21. Jahrhundert
unser Leben aus diesen vorgezeichneten
Sackgassen führen?
Der derzeit von der Politik beschrittene
und von den phantasielosen Parteien
propagierte Weg heißt: „Weiter
so! Nur anders“. Als wäre anders an
sich schon besser! Gefordert und
auch versprochen werden bessere
Kontrolle, mehr und schärfere Gesetze,
bessere Regelungen, Abschaffung
von Steueroasen und Handelshemmnissen.
Geld steht zur Verfügung;
macht was draus! („kurbelt die
Wirtschaft an!“ Was soll das eigentlich
heißen?) Kurzfristig mag das ein
naheliegender Ausweg sein, etwa um
in der aktuellen Wirtschaftskrise solche
Folgen zu vermeiden, wie sie 1929
die Brüning’sche Restriktionspolitik
mit sich brachte. Aber ist solch ein
Maßnahmenkatalog nicht auch schlicht
Ausdruck tiefer Ratlosigkeit?
Alte Erfahrungen und Folgerungen
daraus
Gibt es eine Langfrist-Perspektive?
Ich sehe keine und ich bin misstrauisch
gegenüber jedweden ausgedachten
Vorschlägen, die erfahrungsgemäß
nie das bewirken, was sie versprechen.
Sie gehen von der in meinen
Augen völlig falschen Prämisse aus,
dass aus dem „richtigen“ Denken –
falls es so etwas überhaupt geben
sollte – auch „richtiges“ Handeln folge,
und daher der Primat beim vorausschauenden
Denken, Planen, dessen
Umsetzung in Beschlüsse, Gesetze
und Verordnungen und der nachfolgenden
Verwirklichung – funktionalistisch
„Implementierung“ genannt
– in konkreten Handlungen liege.
Kein Wort gegen vernünftiges Denken
und seine Konsequenzen. Nur:
Vernünftiges, und das heißt
menschennahes praktikables Denken
hat entscheidende Voraussetzungen,
die jenseits von Begriffen, Logik und
Linguistik (kunstfertiges Gerede) in
der Erfahrung konkreten vorurteilslosen
Umgangs mit Menschen und
Dingen gründen. Man kann dies die
Erfahrung improvisierenden Handelns
nennen. Das ist zwar das Gegenteil
eines „großen Wurfs“, des
„großen Vorbilds“, das ist zugegebenermaßen
eher „Klein-klein“, aber unverzichtbar.
Nur aus dem konkreten
Kleinen kann etwas Größeres erwachsen.
Dies wusste übrigens schon Kong Zi
(Konfuzius, 551-479 v. abendländischer
Zeitrechng.) und hat es in seinem
8-Punkte-Programm der „Großen
Lehre“ festgehalten, zweifellos
einem Ergebnis vielfältiger und leidvoller
Lebenserfahrung. Ich zitiere
aus Lutz Geldsetzer und Hong Handing:
Grundlagen der chinesischen
Philosophie: „Ehe die Alten die ganze
Welt darüber aufklären wollten,
was die reine Tugend (oder die politisch
korrekte Gesinnung) ist,
brachten sie erst einmal ihren eigenen
Staat in Ordnung. Ehe sie
Ordnung im Staat machen wollten,
sorgten sie erst einmal für ihre Familie.
Ehe sie Ordnung in ihre Familienverhältnisse
bringen wollten,
arbeiteten sie erst einmal an sich
selbst. Ehe sie etwas für ihre Bildung
tun wollten, achteten sie auf
einen gradlinigen Charakter. Ehe
sie ihren Charakter formen wollten,
waren sie erst einmal ehrlich mit
sich selbst. Und ehe sie sich selbstkritisch
prüfen wollten, verschafften
sie sich Kenntnisse. Kundig
wird man nämlich nur durch
Handanlegen an die Dinge.“
Es geht für uns und für die gegenwärtige
Nutzanwendung bei einem so
alten Text nicht um eigentümliche
Formulierungen, nicht um Details (an
denen wir vielleicht Anstoß nehmen,
sie gar für überholt ansehen); es geht
um die aufgezeigten Stufen, die zurückzulegen
bzw. zu ersteigen sind,
ehe fundierte Ratschläge für unsere
heute so globalisierte Welt gegeben
werden können.
Warum aber betone ich „improvisiertes
Handeln“ und begnüge mich nicht
einfach mit einer Aufforderung zum
„Handeln“?
Nun, ganz einfach deshalb,
weil es überall Handlungstraditionen
gibt – man denke nur an
die dörflichen Verhältnisse überall in
der Welt – die zwar solange tragfähig
sind, als die zu bewältigenden
Aufgaben bekannt und im Wesentlichen
unveränderter oder sich nur langsam
wandelnder Art sind. Aber genau
dieses Muster ist heute praktisch
kaum noch irgendwo gegeben. Bedingt
durch die weltweiten und sekundenschnellen
Informationsnetze und
die rasch zurückzulegenden Transportwege
sind wir keinen Tag sicher
vor neuen und leider auch nicht vor
katastrophischen Verhältnissen, die
uns urplötzlich vor neuartige, also
fremde Herausforderungen aus der
Ferne stellen. Das altbewährte und
gelernte Handeln reicht da nicht mehr
aus. Wie können wir mit solchen Herausforderungen
umgehen?
Diese Frage war das Lebensthema
des von mir hochgeschätzten britischen
Universalhistorikers Arnold J.
Toynbee (1889-1975). Er zog aus seiner
Beschäftigung mit Aufstieg und
Niedergang der unterschiedlichen
Kulturen den Schluss, dass der „Erfolg“
einer Kultur davon abhängt ob
sie in der Lage ist, auf Herausforderungen
jeweils angemessene „Antworten“
zu geben. Toynbee betont
das Prinzip „Challenge and
Response“. Jede erfolgreiche Bewältigung
einer Herausforderung, d.h.
jeder erzielte Fortschritt hat neue
Herausforderungen zur Folge, auf die
dann naheliegender Weise in bewährter
Manier reagiert wird. Das mag
eine Weile gut gehen. In der Folge der
Herausforderungen erkannte Toynbee
jedoch eine wachsende Verschiebung
von äußeren Bedrohungen zu
inneren Bedrohungen („internal
threats“), die ganz andersartige kreative
Antworten erfordern, Antworten,
die nicht länger nur auf Maßnahmen
beruhen, vielmehr auf Zielvorstellungen
(„ends“) und menschlichen Charaktereigenschaften,
also auch auf einem
tragfähigen Menschenbild. Ich
denke, dass eben diese Situation heute
erst recht gegeben ist.
Das Prinzip „Challenge and Response“,
aufgestellt für den Entwicklungsweg
von Kulturen („civilizations“), gilt aber
ebenso für Individuen. Jeder Mensch
kann es an seinen Nächsten beobachten
und an sich selbst lernen. Dieses
Lernen geschieht ganz konkret praktisch,
denn lebenslang begleiten uns
kleine, manchmal auch große Herausforderungen,
auf die wir zu antworten
haben. Man kann einem Menschen
daher kein größeres Lob zollen,
als von ihm zu sagen, er sei keiner
Herausforderung aus dem Weg
gegangen. Äußere Erfolge bei dieser
Arbeit mögen eindrucksvoll erscheinen,
Misserfolge peinlich oder betrüblich.
Beides ist weniger wichtig gegenüber
der Annahme jener Herausforderungen,
die das Leben mit sich
bringt.
Improvisieren lernen
Was heißt eigentlich „improvisieren“?
Im Duden steht: „Etwas ohne Vorbereitung,
aus dem Stegreif tun“. Es ist
etwas, was – wie eingangs schon
bemerkt – heute eher ungebräuchlich
ist. Es bedeutet ja im Klartext: Handeln
ohne Rezept, ohne Vorschrift,
ohne vorher zu überlegen, zu planen.
Einfach so. Etwa frei sprechen ohne
vorherige Absicherung, den „Versprecher“,
das Risiko überhaupt akzeptieren.
Heißt das aber nicht: Improvisation
kann nicht gelehrt, also auch
nicht im üblichen Sinn gelernt werden?
Für das Improvisieren gibt es nur eine
Methode: „Learning by Doing“. Stehenlernen,
Laufenlernen, Sprechenlernen,
Singenlernen: Das Kleinkind
improvisiert und lernt so zu improvisieren
– bis..., ja bis in der Schule damit
Schluss gemacht wird; denn da
beginnt ja „der Ernst des Lebens“.
Auf einmal geht „lernen“ ganz anders,
der Begriff des „Fehlers“ wird eingeführt
und Zensuren drohenen. Schule
entwöhnt vom freien Improvisieren,
sie lehrt, wie es „richtig“ geht, korrekt
gemacht werden muß.
Improvisation ist nichts für Sicherheitsfanatiker.
Nein, ich selbst war
überhaupt kein Improvisationskünstler.
Wozu sollte Improvisation gut
sein? Lange, allzulange hielt ich nichts
von dergleichen. Meine Stärke war
die nüchterne Überlegung, waren die
wohl abgewogenen Worte. Natürlich
auch ein solides Gedächtnis mit allerlei
Wissen und Erfahrung. Und eine
Erfahrung war eben: In den meisten
Berufen ist Improvisation nicht gefragt,
vielmehr Wissen und Können.
Von Haus aus war ich – typisch für
meine Generation – in einer übersichtlichen
Regelwelt aufgewachsen.
Richtig oder falsch, das war die Frage.
Eltern und Lehrer und schließlich
der verinnerlichte Regelkatalog gaben
die Antwort. Die Regeln kennen und
danach leben, das verhieß Freiheit.
Freiheit war „Einsicht in die Notwendigkeit“
– auch ohne Marxismus. Die
Regeln änderten sich mit den Jahren,
den politischen Konstellationen und
natürlich auch mit dem Lebensalter
und der allmählichen Weitung des eigenen
Horizonts.
„Improvisieren“ hatte – wiederum
typisch für unsere bürgerliche Gesellschaft
bis in die 60er-Jahre des vergangenen
Jahrhunderts – eben den
bereits erwähnten schlechten Geschmack
nach Kriegs- und Nachkriegszeit,
nach stinkenden Kohleöfen,
beengten Wohnverhältnissen,
Mangel an Lebensmitteln, Gütern und
Material. Man musste sich „behelfen“.
Die Mutter konnte nicht mehr
nach alten Rezepten kochen, sie
musste kümmerlich „improvisieren“.
Improvisation klang nach Provisorium
(womit es ethymologisch wohl
nichts zu tun hat) war etwas Notdürftiges,
Vorläufiges, Unvollkommenes,
ohne Eigenwert, war „Ersatz“ für etwas
Besseres, auf das man hoffte,
wie z.B. auf den von den Erwachsenen
so schmerzlich vermissten Bohnenkaffee.
(Günter Geschke beschreibt
diese „Zeit des Improvisierens“
aus der Perspektive des „Bomben-
Flüchtlings“ in einem oberschwäbischen
Dorf. (Siehe S. 27)
In den 50er-Jahren verschwanden die
materiellen Improvisationen, wurden
ersetzt durch das nun für „endgültig“
Gehaltene. Man ahnte ja noch nichts
vom ständig neue Geräte, Waren und
Dienstleistungen produzierenden Wirtschaftswachstum.
Nun aber bekam
durch die (von den Nazis verdammte
und verfolgte) moderne Musik, der
Begriff „Improvisieren“ einen völlig
neuen Klang: Jazz! Die Entwicklung
des Jazz lebte von der Improvisation.
Der Jazz war ursprünglich ein Aufstand,
eine Selbstbehauptung: der
Schwarzen gegen die Weißen, der
Unterprivilegierten gegen das Establishment,
der sogenannten Ungebildeten,
gegen die sogenannten Gebildeten,
der naturwüchsig Musikalischen
gegen die ausgebildet Musizierenden,
der Spontanen gegen die rezeptiv
Rezitierenden.
Jazz war eine musikalische Revolution,
in der Interpreten ihre Person auf
eine bisher kaum praktizierbare Weise
einbringen, entwickeln und ausleben
konnten.
Jazz ist beispielhaft, weit über die
Musik hinaus paradigmatisch für Improvisation
als grundlegende Fähigkeit
des Menschen, die in unserer auf
Wissensanhäufung, Rationalität und
Perfektion ausgerichteten Gesellschaft
vernachlässigt und deren Potential
verkannt wird. Heute, „wo alles
wankt und fällt, wo Wahn die [vermeintlich!!
D.D.] Weisen treibet und
Trug die Klugen prellt“ (so Ernst
Moritz Arndt, 1769-1860, in einem
Lied des Evangelischen Gesangbuchs),
ist es höchste Zeit, sich zum
Wohle des Menschen der Improvisation
zu erinnern.
Tatsächlich improvisieren wir im nicht
protokollierten Alltag, in der Privatsphäre,
viel mehr als wir uns bewusst
machen. Jedes spontane Gespräch,
jeder Schwatz, jeder Klatsch und
Tratsch ist Improvisation. Wir alle
können gut improvisieren, zumindest
so lange wir nicht befürchten müssen,
uns damit bloßzustellen, negativ beurteilt
zu werden. Aber: Frei eine öffentliche
Rede halten, womöglich mit
juristischen Konsequenzen? Nein, lieber
nicht.
Voraussetzungen guten
Improvisierens
Die erste Voraussetzung ist die denkbar
einfachste: ein Mensch zu sein.
Jeder Mensch hat von Natur aus die
Fähigkeit zur Improvisation. Jedes
spontane Handeln, Denken, Tönen,
Singen und Sprechen ist Improvisation.
Wenn wir allein und unbeobachtet
sind, oder in Gesellschaft mit einem
ganz vertrauten Menschen oder
einem intimen Freundeskreis, dann
können und dürfen wir „unbedenklich“,
„aus dem Bauch heraus“ improvisieren.
Damit ist die zweite Voraussetzung
angesprochen: Vertrauen und die
Abwesenheit von Hemmnissen. In
unserer geregelten Welt und mit unseren
verinnerlichten Meinungen über
die Anderen und über uns selbst, mit
unseren Selbstzweifeln und Ängsten
trifft das Improvisieren auf starke
Gegenkräfte. Wer improvisiert muss
Fehler machen dürfen und lernen,
damit umzugehen, anstatt zu erschrekken.
Aber auch äußere Umstände
können das Improvisieren stark einschränken
oder verhindern. Sobald ich
nicht für mich selbst, sondern in einer
Funktion, als Repräsentant, für eine
bestimmte Öffentlichkeit rede, muss
ich entweder meine Worte sorgfältig
abwägen und ihre Wirkung bedenken,
oder aber – was einfacher ist – immer
einen Sack voller Worthülsen mit
mir tragen, die mir dann scheinbar
spontan von den Lippen perlen. Dasselbe
gilt natürlich, wenn ich zwar
scheinbar für mich selbst, in Wahrheit
aber für meine Interessen, für
mein Ansehen, meinen Ruf rede.
Die dritte Voraussetzung, wenn es um
„gute“ Improvisation geht, ist eine
natürliche und in der Erfahrung gewachsene
Selbstsicherheit und Konzentrationsfähigkeit.
Der Jazzmusiker
hat sein Innen, seine „musikalischen
Gedanken“, die er zum Ausdruck
bringen möchte, im Fokus, und zugleich
(!!) seine Mitspieler, deren
Spiel, in das er interagiert, und dann
noch womöglich sein Publikum und
dessen „Mitgehen“. Damit ist klar,
dass Improvisation keine intellektuelle
Angelegenheit ist, sondern vor allem
eine empathische, mitfühlende.
Damit ist die vierte Voraussetzung
angesprochen: eine jahrelang geübte,
praktizierte Gefühlskultur, in der ich
immer eingebettet bin in ein über mich
hinausreichendes Ganzes; es ist Herzensbildung
im besten Sinne.
Mit der Nennung der Voraussetzungen
guten Improvisierens sind zugleich
die Defizite im Bildungskanon der Industriestaaten
benannt und damit die
verbreiteten Handlungsdefizite. Und
denen liegen die Defizite jenes modernen
Menschenbilds zugrunde,
nach dem der Mensch entweder ein
„vernünftig“ rational Denkender und
Handelnder oder aber ein irrational
seinen Impulsen Ausgelieferter ist.
Neulich, angesichts einer Fernsehsendung
über Lebensläufe, wurde mir
klar, dass viele Menschen einfach
glauben, einen ausgedachten Lebensentwurf
verwirklichen zu sollen oder
gar zu müssen – als „ihr“ tatsächliches
Leben. Aber dazu hat doch
schon Bert Brecht das Nötige gesagt:
„Ja, mach nur einen Plan / sei nur ein
großes Licht! / und mach dann noch
’nen zweiten Plan / geh ’n tun sie
beide nicht!“ Macht erst dass Scheitern
klug und weise, also reif fürs
„richtige“ Improvisieren ?
Wenn ich an die Wendepunkte meines
Lebens zurück denke, entdecke
ich zu meiner Überraschung, dass ich
„nüchterner“ Mensch die wesentlichen
Entscheidungen spontan und eigentlich
„unüberlegt“ getroffen habe,
aber mit einer inneren gleichsam
schlafwandlerischen Sicherheit, deren
Konsequenzen dann auch durchaus
überraschend waren, keineswegs immer
gut ausgingen, aber meine innere
Entwicklung herausforderten. Andererseits:
die innere Sicherheit gegen
äußeren Anschein gab mir die
Kraft zur Hingabe, zur Geduld, zum
Durchhalten und Aushalten auch des
Zusammenbruchs. Wenn ich ganz tief
im Innern – „in the heart of my heart“
– „weiß“, d.h. sicher bin, dass dies
nun mein Weg ist, dann kann diese
Sicherheit durch Argumente nicht erschüttert
werden.
Stufen des Improvisierens
Es ist unumgänglich zwei Stufen des
Improvisierens zu unterscheiden: Zunächst
ist da so eine Art Grundstufe.
Der freie Vortrag, das freie Schreiben,
der Solotanz, das freie Phantasieren
auf einem Musikinstrument
sind Beispiele. Man braucht dazu –
abgesehen von der selbstverständlichen
Beherrschung der „handwerklichen“
bzw. „technischen“ Voraussetzungen
(durch Übung erworben), vor
allem Intuition und „Flow“, die Fähigkeit
„es einfach fließen zu lassen“.
Improvisation erfordert nicht vorheriges
Durchdenken oder eine willentliche
Anstrengung. Im Gegenteil:
Beides kann gute Improvisation nur
hemmen. Die Grundstufe des Improvisierens
ist eine Art Selbstgespräch.
Auch dieses ist reine Improvisation:
Das Selbstgespräch geschieht einfach.
Es wäre ja töricht, sich darauf vorzubereiten.
Eine besondere Form des
Selbstgesprächs ist das stille oder
auch allein laut gesprochene Gebet.
Gute Beispiele sind die Psalmen der
Bibel.
Etwas Anderes ist die „Fortgeschrittenen-
Stufe“: Das Improvisieren zu
zweit, zu dritt, eventuell sogar zu viert.
Beispielhaft ist der sogenannte Free
Jazz, der von der gemeinsamen Improvisation
lebt. Guter Free Jazz ist
„freihändiges gemeinsames Musizieren“.
Das ist nun eine wirkliche Herausforderung!
Man muss das nicht
nur gehört, man muss es gesehen haben:
Wie drei oder vier Musiker ohne
Noten aufmerksam und zugleich in
sich gekehrt miteinander musizieren,
offensichtlich wie zusammengehörig
ein Musikstück gleichsam „erfinden“.
Was passiert da eigentlich? Wie machen
die das? Da ist ja nicht einmal
ein Dirigent! Das kann doch gar nicht
gehen! Und es geht doch, wie man
sieht, hört und fühlt.
Das ist noch etwas anderes als das
„Vor-sich-hin-Improvisieren“. Hier ist
ständig zugleich das Hören, die innere
Verarbeitung des Gehörten und das
eigene „Erfinden“ am Werk. Offenheit,
Selbstvergessenheit, Hingabe,
Einfühlung sind die Stichworte. Sind
es nicht gerade die Fähigkeiten, die
wir heute oft schmerzlich vermissen?
An Anderen, aber auch an uns selbst?
Ich behaupte: Wir alle haben das Potential
dieser Fähigkeiten, aber es ist
uns aberzogen worden und wir haben
es selbst gering geachtet und nicht
gepflegt, stattdessen Abgrenzung,
Selbstbezogenheit, Kritik, Vorteilssuche,
Misstrauen, Profilierung angestrebt.
Es ist kein Wunder, dass unsere Gesellschaft
sich mit echter, gewollter
und gefühlter Kooperation schwer tut,
schon im Elternhaus, in Partnerschaft
und Ehe, in Gruppen, Vereinen, Parteien,
Regierung, Administration und
schließlich in der internationalen Politik.
Es ist sicher richtig, wenn gesagt
wird, dass Egoismus und daraus
erwachsende Konflikte in der Natur
des Menschen (wenn nicht sogar in
der Natur jeglichen Lebens) lägen.
Der Gipfel solcher Anschauung ist
„das egoistische Gen“. Inzwischen
scheint sich aber sogar in der Biologie
das Blatt zu wenden. Vielfältige
Beispiele von Kooperation in der
Natur werden entdeckt, sobald man
beginnt, sie ernsthaft zu suchen.
Lebenskunst
Auch das menschliche Zusammenleben,
privat wie gesellschaftlich, ließe
sich anders, kooperativer gestalten,
als dies derzeit der Fall ist. Die Stärkung
unserer Fähigkeit zur spontanen
vorurteilsfreien Improvisation könnte
dabei hilfreich sein.
Meine Generation ist regelhaft erzogen
worden und regelhaft aufgewachsen.
Dies war schon in der Kaiserzeit
am Ende des 19. Jahrhunderts
selbstverständlich und hat sowohl dem
Ersten Weltkrieg als auch dem Nationalsozialismus
den Weg geebnet.
Wir haben dann gelernt, dass das konkrete
Leben die vermeintlich Halt
gebenden starren Gerüste, die Masken
von Charakter und Moral erbarmungslos
zerbricht.
Während dies den bis dahin unterdrückten
Frauen offensichtlich zum
Segen gereichte, ist die Männerwelt
bis heute tief verunsichert. Das traditionelle
Männerbild trägt nicht mehr
und ein neues ist noch nicht in Sicht.
Wo kein Vorbild mehr Orientierung
bietet, wo keine Leitlinien, keine Geländer
mehr den Weg weisen, da ist
die Fähigkeit zur Improvisation gefragt.
Aber gerade sie haben wir nicht
gelernt, nicht einmal das Vertrauen zu
ihr. Mit einem noch so großen Wissens-
Rucksack und der erlernten Fähigkeit
zu logischem und rationalem
Denken allein ist das Leben nicht zu
bewältigen.
Leben erfordert Lebenskunst und
Lebenskunst kann gelernt und eingeübt
werden, freilich nicht im abgesonderten
Kinderzimmer vor dem Fernseher,
nicht bei Computerspielen und
– leider im Regelfall – auch nicht in
der Schule. Viele lernen es erst nach
ganz realen schmerzhaften Zusammenbrüchen.
Wohl denen, die auch
dann hilfreiche Mitmenschen finden.
Freiheit der Lebenskunst ist wie jede
Freiheit der Kunst zunächst einmal
eine Freiheit des Könnens: eben
„Learning by doing“. Es ist mehr
wert, als sich mit Wissen vollzustopfen,
das in einer schnelllebigen
Welt noch rascher veraltet als in früheren
Zeiten.
Es gibt ein verbreitetes Ungenügen
am Bestehenden, an den immer wieder
gleichartigen floskelhaften Sätzen,
Versprechen, Vertröstungen, Visionen
von „mehr“ und „besser“. Die Sehnsucht
nach Neuem, nach Veränderung
ist groß. Ich bin sicher: es gibt
das Neue, aber nicht in Gestalt neuer
Gedanken, neuer Schlagworte, neuer
Sätze.
Das Neue, das wir brauchen,
ist der neue Umgang mit uns selbst,
mit unseren Mitmenschen und mit den
Dingen dieser unserer Welt.
Dieses Neue kommt nicht aus einem
Utopia auf uns zu; wir müssen es
selbst improvisierend-evolutionär entwickeln.
Ganz vorn in der Prioritätenliste stehen
dabei: konkretes menschliches
Verhalten, Humanität, Achtsamkeit,
Mitgefühl, Zugewandtheit, Hingabe.
Wir brauchen sie, um die bestehenden
Verhältnisse aushalten zu können
und zugleich um Besseres vorzuleben.
Wenn wir das ersehnte Neue nicht
vorzuleben versuchen, wird es auch
nicht kommen.
Prof. Dr. Dieter Dieterich
Im Bruch 185
53945 Blankenheim
Mit der Panzerfaust gegen Nadelstiche
Israels unangemessener Vergeltungsschlag im Gazastreifen
Von
Günter Geschke
Der beispiellose Vergeltungsschlag
mit dem die israelische
Armee auf die vergleichsweise
harmlosen grenznahen Raketenüberfälle
der Hamas-Aktivisten reagiert
hat, wirft viele Fragen auf. Drei
der wichtigsten scheinen mir diese zu
sein:
1. Warum hat die israelische Regierung
diese so offensichtlich unangemessene
Gewaltanwendung befohlen? Was
hat sie damit bezweckt, was erreicht?
2. Weshalb geben die Palästinenser im
Gaza-Streifen keine Ruhe? Warum
unterstützen sie mehrheitlich die radikale
Hamasbewegung und teilen
deren Überzeugung, Israel könne man
nur mit Gegengewalt zu substantiellen
Zugeständnissen zwingen.
3. Ist die Chance, im nun schon 60
Jahre währenden israelisch-palästinensischen
Krieg doch noch Frieden
zu schließen, nun endgültig vertan?
*
Eine weitgehend vernichtete Infrastruktur,
Tausende zerstörte Wohnungen,
mehr als tausendfünfhundert
getötete und an die fünftausend verletzte
Palästinenser (darunter überwiegend
Zivilisten, Frauen und Kinder),
die nachhaltige Traumatisierung
großer Teile der auf engem Raum
ohnehin unter miserablen Verhältnissen
lebenden Gesamtbevölkerung im
Gaza-Streifen – angesichts dieser
ungeheuren Verheerungen stellt sich
als erste Frage die nach der Verhältnismäßigkeit:
Warum die gepanzerte
Faust gegen Nadelstiche, warum diese
brüske Abweichung vom altjüdischen
Grundsatz „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“?
Dieser exzessive Militärschlag lag in
der Logik der noch amtierenden israelischen
Koalitions-Regierung. Seit
die Hamasbewegung die Kontrolle im
Gazastreifen übernommen und in demokratischer
Wahl eine Mehrheit bekommen
hatte, galt Hamas für die
Regierung Olmert als Todfeind, den
zu bekämpfen, ja zu vernichten jedes
Mittel recht schien, drohte diese radikalere
der beiden palästinensischen
Parteien doch auch im israelisch besetzten
Westjordanland (Westbank)
die gemäßigtere Al Fatah (einst von
Arafat gegründet und nun von Abbas
geführt) zu verdrängen. Es begann
damit, Hamas die Schelle einer terroristischen
Vereinigung umzuhängen,
mit der man niemals in Verhandlungen
eintreten werde. Als zureichenden
Grund für diese unnachgiebige
Haltung verwies man auf die wiederholten
Einschläge der im Gazastreifen
abgefeuerten Quassam-Raketen
auf grenznahem israelischen Territorium.
Sie richteten relativ geringen
Sach- und selten Personenschaden
an.
Dies genügte aber, in Israel selbst die
Rufe nach massiver Vergeltung immer
lauter werden zu lassen. Und
nicht nur im israelfreundlichen Ausland
zeigte das lautstarke Argument
Wirkung, kein Staat der Welt könne
sich solche Angriffe gefallen lassen.
Was die israelische Regierung und
ihre geschickte Öffentlichkeitsarbeit
geflissentlich verschwiegen war, dass
Hamas wiederholt angeboten hatte
und weiterhin anbot, den Beschuß mit
Raketen und Mörsern sofort und auf
Dauer einzustellen, falls – im Gegenzug
– Israel auf seine Übergriffe im
Gazastreifen, die gezielten Ermordungen
führender Hamasmitglieder und
die Blockade verzichten würde.
Statt die Ernsthaftigkeit dieser Offerte
zu testen, verschärften die Israelis mit
jedem Rakteneinschlag den Druck
auf die Bevölkerung im Gazastreifen,
um diese so gegen Hamas aufzubringen,
dass diese sich gezwungen sehen
sollte, auf das Abschießen von
Raketen und Mörsergranaten zu verzichten.
Das Mittel der Wahl war eine
sich steigernde Blockade, die wie eine
Schlinge immer fester um die auf ein
Gebiet von nur 365 Quadratkilometern
zusammengepferchten 1,5 Millionen
Palästinenser gezogen wurde.
Ihnen wurde der Zugang nach Israel,
wo viele ihre Arbeitsplätze hatten, erst
erschwert, dann völlig verweigert.
Die Zufuhr lebenswichtiger Güter
wurde gedrosselt, dann ganz eingestellt.
Bereits vor einem Jahr, im Januar
2008, war die Blockade komplett.
Wie in einem Dampfkochtopf, den
man trotz abgesperrten Ventilen weiter
anheizt, steigerte sich der Druck.
Er entlud sich an der schwächsten
Stelle, an der ägyptischen Grenze, die
ebenfalls versperrt war. Als eine größere
Menge Palästinenser den Übergang
am Kontrollpunkt Rafah zu erzwingen
versuchten, wurden sie von
den Schüssen ägyptischer Grenzpolizei
zurückgetrieben. Es gab Verletzte.
Danach schlugen Aktivisten der
Hamas Breschen in die Grenzanlagen,
sodaß Hunderttausende Palästinenser
nach Ägypten einströmten und
sich – nun unbehindert – mehrere
Tage lang beim „Stiefbruder“ Ägypten
mit dem Nötigsten versorgen
konnten.
Der in Tel Aviv lebende israelische
Publizist und unbeugsame Kritiker
seiner Regierung, Uri Avnery, beschrieb
dieses international aufsehenerregende
Ereignis so: „Es sah aus
wie beim Fall der Mauer in Berlin. Und
es sah nicht nur so aus. Einen Augenblick
lang war der Übergang
Rafah das Brandenburger Tor.“ Seinen
Landsleuten und den besorgten
Freunden im Ausland erklärte er das
Geschehen: „Der Gazastreifen ist das
größte Gefängnis auf Erden... die
Blockade absolut – keine Nahrung,
keine Arzneien. Als sie auch noch die
Ölzufuhr stoppten, war die Klimax
erreicht. Weite Teile Gazas blieben
ohne Strom, Brutkästen für Frühgeburten,
Dialyse-Geräte, Pumpen für
Brauch- und Abwasser (fielen aus,
Einschub des Verfassers). Hunderttausende
waren ohne Heizung der
strengen Kälte ausgesetzt, nicht mehr
in der Lage zu kochen, und sie hatten
von Tag zu Tag weniger zu essen.“
(Kommentar Avnerys vom 26. 1.
2008) Der aus Deutschland stammende
Jude, der sich in seiner Jugend leidenschaftlich
für den Aufbau Israels
eingesetzt hat und nun seit Jahrzehnten
unerschrocken für Frieden und
Aussöhnung mit den Palästinensern
kämpft, stand denn auch nicht an,
bereits das damalige Vorgehen seiner
Regierung gegen die Gesamtbevölkerung
im Gazastreifen als „Kriegsverbrechen
im Sinne des Völkerrechts“
zu brandmarken.
Und was sagt er heute, nach dem
verheerenden Militärschlag in Gaza?
Zwar hatte Avnery schon vor längerer
Zeit in einem satirischen Artikel
die Lage in Gaza mit einem wissenschaftlichen
Experiment verglichen,
„das herausfinden soll, wie weit man
dabei gehen kann, eine Zivilbevölkerung
dem Verhungern auszusetzen
und ihr das Leben zur Hölle zu machen,
ehe sie die Hände hochhält und
kapituliert“. Dass seine Regierung
aber zum Zwecke möglichst großer
Abschreckung auch ein Flächenbombardement
gegen die Zivilbevölkerung
einsetzen würde, hat er wohl
bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten.
Ums so schärfere Worte findet er
jetzt. In seinem Kommentar vom 24.
1. 09 geht Avnery mit den Verantwortlichen
hart ins Gericht: „Unsere
Führer sind noch immer vom Kriegführen
vergiftet und trunken von Gewalt.
.. Sie wetteifern in ruhmsüchtiger
Prahlerei um ihren Anteil am
„Kredit“, (der ihnen durch den vermeintlichen
Erfolg zugefallen ist. Interpretation
des englischen Textes
durch den Verfasser) ... Der brutalste
ist (Verteidigungsminister) Ehud
Barak. Früher habe ich ihn mal einen
`Friedensverbrecher´ genannt, weil er
die Konferenz von Camp David anno
2000 zum Scheitern gebracht und das
israelische Friedenslager zerschlagen
hat. Nun muß ich ihn einen `Kriegsverbrecher
´ nennen als den Mann, der
den Gaza-Krieg im klaren Bewußtsein
geplant hat, dass damit Massen
von Zivilisten hingemordet werden.“
Avnery bezichtigt Barak indirekt
auch, er habe sich von dieser (in der
breiten israelischen Öffentlichkeit ja
durchaus gepriesenen) Militäraktion
einen Vorteil bei den nächsten Parlamentswahlen
versprochen; seine Arbeiterpartei
war auf neun Sitze (von
120) geschrumpft und liege in den
Umfragen „dank der Gaza-Greuel“
(so Avnery) nun wieder bei 16.
Israelisches Timing
Neben dem nahe bevorstehenden
Wahltermin in Israel dürften auch
andere aktuelle Gegebenheiten die
Regierung Olmert zum Handeln gedrängt
haben: im Dunkeln der weltweiten
Finanz- und Wirtschaftskrise
ließ sich gut munkeln, und außerdem
war die halbe Welt in den Weihnachtsund/
oder Neujahrsferien. Den Ausschlag
aber dürfte gegeben haben, den
brutalen Schlag in Gaza noch zu Amtszeiten
des unbeirrten Israel-Freundes
Georges W. Bush zu führen und vor
dem Amtsantritt des neugewählten
US-Präsidenten Barack Obama am
20. Januar. Daß der höchstwahrscheinlich
andere Saiten im Verhältnis
USA/Israel aufziehen würde, war
den aufmerksamen Israelis ja nicht
entgangen.
Warum können oder wollen die Leute
im Gaza-Streifen keine Ruhe geben?
Warum stehen und halten sie zu
Hamas? 1,1 von 1,5 Millionen Einwohner
sind Flüchtlinge (zusammen mit
ihren im Gaza-Streifen geborenen
Kindern), vor Jahrzehnten vertrieben
aus ihrer angestammten palästinensischen
Heimat. Warum können sie sich
nicht – wie es etwa den 12 Millionen
deutschen Vertriebenen aus den Ostgebieten
abverlangt wurde – endlich
in ihr Schicksal ergeben? Nun,
Deutschland hatte einen Weltkrieg
angezettelt und verloren, und die
Deutschen mussten kollektiv dafür
haften. Die Vertriebenen traf es am
Schlimmsten, aber Restdeutschland,
so zerstört es war, nahm sie auf. Und
Westdeutschland, später die BRD,
half nicht nur mit Unterbringung, sondern
mit einem „Lastenausgleich“
zwischen Besitzenden und Habenichtsen,
mit „Wirtschaftswunder“-Arbeitsplätzen
und zahlreichen anderen
Eingliederungshilfen. Nicht zuletzt
hatten die Feinde von gestern, die
Amerikaner, mit den Krediten aus
dem Marshall-Plan wichtige Starthilfe
für den Wiederaufstieg Westdeutschlands
gegeben.
So konnte es geschehen, dass auch
die Vertriebenen-Organisationen schon
zu Beginn der fünfziger Jahre in Proklamationen
und Kundgebungen feierlich
auf jegliche Revanche gegen
die osteuropäischen Völker verzichteten.
Und die Ostverträge, die von
der sozialliberalen Koalition durchgesetzt
werden konnten, besiegelten dies
später auf völkerrechtlicher Ebene.
Heute reisen Ostpreußen, Pommern,
Schlesier und Sudetendeutsche in ihre
ehemalige Heimat; viele schließen
Freundschaft mit den Menschen dort,
die übrigens oft selber Kriegsflüchtlinge
waren.
Warum lief in Palästina alles so anders,
und bis heute – besonders im
Gazastreifen – so verhängnisvoll?
Weil sich die palästinensischen Flüchtlinge,
ihre Kinder und Kindeskinder
zu Recht als unschuldige doppelte
Opfer sehen – Opfer der gewalttätigen
Landnahme durch die Israelis
(erst 1948, dann – Zug um Zug – nach
ihrem Sieg im Siebentage-Krieg von
1967), Opfer aber auch der anhaltenden
Revanche-Politik der meisten
arabischen Nachbarländer gegenüber
Israel. Sie haben sich einer dauerhaften
Lösung des palästinensischen
Flüchtlingsproblems, und auch einer
wirklichen Integration der Palästinenser
in ihren eigenen Ländern stets mit
dem Argument verweigert, Israel sei
verpflichtet, alle Flüchtlinge und deren
Nachkommen in ihre Heimat zurückkehren
zu lassen und für das erlittene
Unrecht voll zu entschädigen.
Diese berechtigte Forderung wäre
schon unmittelbar nach der Vertreibung
kaum durchzusetzen gewesen.
Die Eroberer hätten ja einen beachtlichen
Teil ihrer Beute zurückgeben,
die Vertriebenen bereit zur Versöhnung
mit dem bösen Feind sein müssen.
Damit waren beide Seiten überfordert.
Großherzigkeit siegt bestenfalls
unter Individuen, nie in Kollektiven.
Ihre Forderung mit dem nötigen außenpolitischen
Nachdruck oder gar
mit Gewalt durchzusetzen, fehlte es
diesen arabischen Ländern an Geschlossenheit
wie an ausreichender
militärischer Stärke. Sie wiederholten
ihren Anspruch auf Wiedergutmachung
des Unrechts an den Palästinensern
dennoch solange wie ein
Mantra, bis Israel durch geschickte
Anwerbung von Juden aus aller Welt
und schließlich durch den Zustrom
Hunderttausender aus der implodierten
Sowjetunion geltend machen konnte,
daß nun kein Platz mehr für die
Rückkehr der vertriebenen Palästinenser
sei. Außerdem habe man mit
den in Israel verbliebenen, immerhin
einigen Hunderttausend, schon genug
Sorgen.
Historische Wurzeln
des Konflikts
Um den israelisch-palästinensischen
Konflikt besser zu verstehen und zu
begreifen, warum es so schwer ist,
wenn nicht eine dauerhafte Lösung,
dann wenigstens ein verträgliches Nebeneinander
der Konfliktparteien zu
finden, kommt man nicht umhin, an
seinen historischen Ursprung zu erinnern.
Es begann mit dem systematischen
Landerwerb jener jüdischen
Einwanderer nach Palästina, die sich
schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts
von der zionistischen Idee einer Rückkehr
ins „gelobte Land“ hatten inspirieren
lassen.
Allein oder in kleinen Gruppen kauften
sie palästinensischen Großgrundbesitzern
Land ab, um es zu bewirtschaften
– durchaus nicht zur Freude
der Einheimischen und zunehmend
zum Missfallen der britischen Mandatsverwaltung.
Die sah sich zunehmend
herausgefordert, als Anfang
der dreißiger Jahre – Faschismus und
Nationalsozialismus waren auf dem
Vormarsch, und auch der Stalinismus
nahm antisemitische Züge an – immer
mehr Juden aus Europa entgegen
der strengen Einwanderungsbeschränkungen
für Palästina dieses
„infiltrierten“. Nun kam es zu Reibereien,
offenen Ressentiments, gewalttätigen
Zusammenstößen zwischen
jüdischen Neusiedlern und ihren meist
kleinbäuerlichen arabischen Nachbarn.
Die britische Mandatsverwaltung
versuchte zu schlichten, sperrte
ein, verhängte und exekutierte Todesstrafen
nach beiden Seiten. (In Arthur
Koestlers autobiographischem
Roman „Wie Diebe in der Nacht“
sowie in dem „Tatsachen“-Roman
„Hadsch“ von Leon Uris wird dies
eindrucksstark beschrieben.)
Der Zweite Weltkrieg und der
Holocaust führten zu einem Ansturm
der überlebenden Juden auf Palästina
(packend erzählt in Leon Uris
Bestseller „Exodus“); er setzte den
Bemühungen der britischen Verwalter
um Ausgleich ein unrühmliches
Ende. Sie gaben auf, zogen sich 1948
auf einen Schlag aus Palästina zurück.
Sollte doch die Nachfolgerin des Völkerbundes,
die neugegründete UNO,
sich um das verzwackte Problem
kümmern!
Dies war die Stunde der jüdischen
Immigranten, die der planmäßigen
Vernichtung durch die Nationalsozialisten
entkommen waren. Sie beseelte
nur noch ein Wille, ihrem Überleben
Dauer zu verleihen – mit allen
Mitteln, auch mit Gewalt. Wie Ertrinkende
nach dem Rettungsring griffen
sie nach der einmaligen Chance, die
von den Siegern beider Weltkriege
versprochenen „Heimstatt in Palästina“
(Balfour Declaration) endlich zu
verwirklichen. Aber Heimstatt war ihnen
zu wenig, es musste ein eigener
jüdischer Staat werden, wie ihn einst
Theodor Herzl erträumt und die Zionisten
geplant hatten. Dazu brauchten
sie ein eigenes Staatsgebiet –
Land, Äcker, Gärten. Aber die gehörten
größtenteils anderen, wenigen
arabischen Großgrundbesitzern und
sehr, sehr vielen Kleinbauern. Es war
deren angestammte Heimat, die sie
natürlich nicht aufgeben, sondern bewahren
wollten. Warum auch hätten
sie den zionistischen Anspruch, der
sich auf biblische, beinahe 2000 Jahre
zurückliegende Zeiten gründete,
anerkennen sollen? Weshalb sollten
ausgerechnet sie für das deutsche
Kapitalverbrechen an der europäischen
Judenheit bezahlen, an dem sie
– anders als manche europäische
Nachbarn Hitlerdeutschlands – nicht
die geringste Mitschuld trugen?
Gewalt und Terror als Mittel
der Vertreibung
So war der Zusammenstoß zwischen
Juden, dann Israelis und den Einheimischen,
später pauschal Palästinenser
genannt, programmiert. Die jüdischen
Aktivisten sahen 1948 keine
andere Lösung mehr, als vollendete
Tatsachen zu schaffen, die Palästinenser
durch militärische Gewalt und
gezielte Terrorakte zu vertreiben.
Verbunden mit der einseitigen Ausrufung
des Staates Israel war dies
schreiendes Unrecht, es belastete die
Wiedergeburt des „gelobten Landes“
von Anbeginn mit dem Fluch der bösen
Tat. Und der Gaza-Krieg ist das
bislang letzte Glied einer für den gesamten
Nahen Osten verhängnisvollen
Kette.
Läßt sie sich nicht mehr durchbrechen,
auch nach 60 Jahren leidvoller
Erfahrung und wachsender Mitverantwortlichkeit
der Anrainer Israels
nicht?
An erfolgverheißenden Versuchen
hat es ja nicht gefehlt; sie sind mit
großen Namen aus beiden Lagern
verbunden – Begin und Sadat, Rabin
und Arafat – und mit vielversprechenden
Konferenzen: Oslo, Camp David...
Zwischen Israel und Ägypten,
den ehemaligen Feinden, kam sogar
ein Friedensvertrag zustande. Und seit
Jahren schon soll die sogenannte
„Road Map“ den Weg zu einem umfassenderen
Frieden weisen. Aber
immer wieder verhindert irgendein
Umstand, irgendein taktischer Dreh,
eine plötzliche Sinnesänderung, eine
verruchte Tat den Durchbruch; Sadat
und Rabin wurden von Extremisten
aus dem eigenen Land ermordet,
Arafat kam unter bis heute ungeklärten
Umständen um sein zähes Leben...
Hat der Gaza-Krieg die Lage noch
verschlimmert? Muß man nun erst
recht alle Hoffnung auf Frieden in
Nahost fahren lassen?
Auf den ersten Blick sieht es so aus.
Zu hoch türmen sich die Trümmerberge
in Gaza, zu tief sitzt nun die
Überzeugung seiner traumatisierten
Bewohner, Israel würde eher alle
Bewohner vernichten als irgendein
bedeutendes Zugeständnis zu machen.
Und die Kluft zu den abgetrennten
palästinensischen Brüdern und
Schwestern der Westbank ist noch
größer geworden, seit man mit ansehen
muß, dass der „Verräter“ Abbas
sich immer noch mit den israelischen
Mördern an einen Tisch setzt. Nein,
Verlaß ist letztlich nur auf die übrige
muslimische Welt, die Millionen, die
– von Indonesien bis Marokko – ihrer
Empörung über den israelischen
Überfall Ausdruck verliehen haben
und auf die Ölscheichs, die nun mit
ihren Dollars die Hauptlast beim mühsamen
Wiederaufbau schultern.
Israels magere Erfolgsbilanz
Auf der israelischen Seite scheint
zunächst noch die Genugtuung zu
überwiegen, nicht nur den Palästinensern,
sondern auch den ungleich
stärkeren Gegnern der Region, Iran
vor allem, einmal mehr gezeigt zu
haben, welch ungeheures militärisches
Potential man jederzeit einzusetzen
in der Lage ist – weit unterhalb
der Atomwaffenschwelle. Auch
mag die Armee nachweisen können,
wie viel „Hamas-Terroristen“ sie getötet,
welche ihrer Waffenarsenale
und Stützpunkte sie vernichtet und wie
viele Abschussrampen sie unschädlich
gemacht hat, nicht zu vergessen
die zahlreichen Tunnels an der ägyptischen
Grenze des Gazastreifens, die
man entdeckt und zerstört habe. Alle
Welt schenke jetzt der israelischen
Behauptung Glauben, dass sie hauptsächlich
für den Waffenschmuggel
statt für die Versorgung der Zivilbevölkerung
gebuddelt worden seien.
Prestigegewinn für Hamas
Aber wenn die Berichterstatter aus
der Krisenzone bei der Wahrheit bleiben,
haben die Israelis ihr Hauptziel,
einen Keil zwischen Hamas und Bevölkerung
zu treiben, nicht erreicht.
Für die Palästinenser aber ging Hamas
jetzt genau so eindeutig als Sieger aus
dem ungleichen Kampf hervor wie
zuvor die Hizbollah aus dem missglückten
israelischen Angriff auf den
Libanon. Und wie diese ist Hamas
jetzt mit konkreter Hilfe und mit ansehnlichen
Geldzahlungen an die
überlebenden Kriegsopfer oder Hinterbliebenen
als erster zur Stelle gewesen.
Sollte die Hamas also letztlich
erstarkt statt entscheidend geschwächt
worden sein, würde dies
nur die israelische Rechte stärken und
die Front derer, die den nächst härteren
Schlag gegen die Palästinenser
fordern würden.
Das sei schon jetzt bei der israelischen
Jugend durchaus populär, meinen besorgte
Mitglieder der kleinen, aber
höchst wachsamen israelischen Friedensbewegung.
Der bereits zitierte
Uri Avnery hat bereits den Mann ausgemacht,
der den rechtskonservativen
Hardliner Binyamin Netanyahu, ehemaliger
Regierungschef und derzeit
wieder aussichtsreicher Kandidat bei
den bevorstehenden Knesset-Wahlen,
längst links liegen gelassen habe. Er
heißt Avigdor Liberman, erziele mit
seiner Partei, „die man in jedem normalen
Land faschistisch nennen würde“,
steigende Werte bei den Meinungsumfragen
und sehe noch dazu
so aus und rede auch so wie einst Italiens
Benito Mussolini.
International hat Israels Ansehen
zweifellos gelitten. Millionen Menschen
haben im Fernsehen die erschreckenden
Bilder gesehen: eine
übermächtige, hochtechnisierte israelische
Armee, die ihre Feuerkraft ungehemmt
und offenbar unterschiedslos
gegen zivile Wohnblocks, Schulen,
Krankenhäuser, Moscheen und ein
paar vermummte Einzelkämpfer einsetzt.
Wer David, wer Goliath war, lag
offen zutage. Und je länger die Angriffe
dauerten, desto eindeutiger
wanderten die Sympathien zum palästinensischen
David.
So geschah es auch in jenen Ländern,
in denen bislang eher das kleine Israel
im Kampf gegen die feindliche arabische
Umwelt als David gesehen
wurde: Deutschland, Frankreich und
England in Europa, die USA in Amerika.
Das ist noch kein richtiger Gesinnungswandel,
aber ein Umschwung
der öffentlichen Meinung
scheint angebahnt. Und der wird sich
früher oder später auch in der Politik
niederschlagen.
In den USA scheint dies längst Wirklichkeit.
Mit Präsident Barack Hussein
Obama ist ein Mann an die Spitze der
Weltmacht gerückt, der sich nicht nur
nach Herkunft, intellektueller Kraft
und politischer Moral außerordentlich
vorteilhaft von seinem unterdurchschnittlichen
Vorgänger abhebt, sondern
sogleich mit seiner großen Antrittsrede
und – wichtiger – seinen
ersten Amtshandlungen (Guantanamo-
Schließung, Dialogangebot an die
muslimische Welt, Ernennung des
arabisch-stämmigen George Mitchell
zum Sonderbeauftragten für den
Nahostkonflikt) gezeigt hat, dass in
Washington ein bedeutsamer Wandel
in den Methoden wie den Inhalten der
Politik stattfindet, vielleicht sogar der
Beginn einer glücklicheren Ära.
Neue Töne aus Washington
Der erste nicht-weiße Präsident der
USA, aus multirassischer Familie, der
sich gleichermaßen in der Tradition
der weißen Gründungsväter der Nation
sieht wie in der eines Martin Luther
King, jenes mitreißenden Märtyrers
für die Emanzipation der
Schwarzen – dieser gebildete, schlagfertige,
charmante, schlacksig-sympathische
Mann in den besten Jahren
hat offenbar das Zeug, die durch die
Bush-Clique gedemütigte und zerrissene Nation wieder aufzurichten und
zu einigen indem er in mitreißender
Rede an die aufgeklärten Grundsätze
der Vereinigten Staaten erinnert,
ihre andauernde Bereitschaft, jeden
Fremden einzubürgern, der sich zu
diesen Grundsätzen – Freiheit, Toleranz,
Gerechtigkeit und Solidarität –
bekennt.
Obamas sensationeller Wahlerfolg
selber war bereits eine klare Absage
an jede Diskriminierung, Ausgrenzung,
Herabsetzung aus rassischen, religiösen
oder irgendwelchen anderen
Gründen. Als neuer Präsident aber hat
er der ganzen Welt verkündet, dass
ein so geartetes Amerika wieder berechtigt
und in der Lage sei, die
Führungsrolle zu übernehmen, die ihm
die Geschichte und die eigene Kraft
und Größe zugewiesen hätten.
Auch was die Methode angeht, mit
der Obama diese grandiose Aufgabe
anpacken will, hat er sich öffentlich
festgelegt, Demut und Zurückhaltung
(„humility and restraint“) seien angesagt,
denn: „Unsere Macht allein kann
uns nicht schützen, noch berechtigt sie
uns dazu, (nur) so zu handeln wie es
uns gefällt.“
Wenn dies nicht nur eine schallende
rhetorische Ohrfeige für den scheidenden
Präsidenten George W. Bush
und seine skrupellose Mannschaft
war, sondern die neue Maxime für
Washingtons künftigen Auftritt in der
Weltpolitik, dann sollten auch die amtierenden
Hardliner in Jerusalem die
Ohren spitzen. Sie haben auch in
Gaza wieder nur so gehandelt, wie es
ihnen gefiel. Obama, der sich „aggressiv“
um einen Frieden in Nahost bemühen
will, sagt ihnen nun, daß es so
nicht mehr weitergehen kann.
Bei den friedensbewegten Repräsentanten
des anderen Israel, ist Obamas
Botschaft sofort angekommen. Und
sie hat sie in ihrem unerschütterlichen
Glauben bestärkt, dass, trotz aller bisherigen
Rückschläge, irgendwann
und mit beiderseitiger Anstrengung
und gutem Willen, auch zwischen Israelis
und Palästinensern Frieden
zustande zu bringen sein wird.
Günter Geschke
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