Das Gespräch aus der Ferne 
Vierteljahreshefte zu wesentlichen Fragen unserer Zeit 
Aktuelle Ausgabe:
Leben heißt improvisieren
Wider die Diktatur des Verplanens hilft nur Kreativität

Heft Nr. 387 im 63. Jahrgang
Zur Einführung in dieses Heft:

Von Günter Geschke

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!

Zum ersten Mal in der nun schon langen Geschichte unseres „Gesprächs“ ist die letzte Ausgabe eines Jahrgangs nicht vor Weihnachten erschienen, sondern gelangt erst im Februar in Ihre Hände.
Das war zwar seit der Umstellung von Quartals- auf Saison-Auslieferung (Start mit Nr. 385, „Sommer 2008“) folgerichtig, beginnt der Winter ja auch kalendarisch erst spät im Dezember (und dauert bis zum 21. März); hätte aber im „Herbst-Heft“ noch einmal ausdrücklich erwähnt werden sollen. Wir bitten also alle, die uns „wie früher“ erwartet hatten, um Entschuldigung und gestehen auch sogleich, dass diese erste „Winterausgabe“ später fertig geworden ist als geplant. Dabei war aber sozusagen „höhere Gewalt“ im Spiel. Als wir uns nämlich im Spätsommer 2008 das Schwerpunkt-Thema „Leben heißt improvisieren“ vornahmen, sollte das unter zwei sich ergänzenden Aspekten geschehen:
1. zu berichten und zu erörtern, was die moderne Hirnforschung an Interessantem, Neuem zum Thema zu sagen hat und wie dies von anderen Disziplinen, etwa Philosophie und Psychologie diskutiert wird, und
2. um eigene Lebenserfahrungen mit dem „Improvisieren“ mitzuteilen. Das ganze Vorhaben hatte also eher einen – im guten Sinn – akademischen wie lebensphilosophischen Charakter; und es schien in Ruhe und Gelassenheit zu verwirklichen zu sein. Dann aber kam alles ganz anders: In Amerika platzte die gigantischste Kreditblase, die die Welt je erlebt hatte; mit der Wucht eines Tsunamis ging eine tödliche Springflut um die Welt, spülte Großbanken und Investmenthäuser hinweg, erschütterte das internationale Finanzsystem bis in seine Grundfesten, drückte stolze Weltfirmen, „Global Players“, in die Pleite oder degradierte sie zu demütig um Staatsknete winselnden Bittstellern und drohte schließlich, die ganze globalisierte Weltwirtschaft in den Abgrund einer Rezession zu spülen, gegen die jene vom „Schwarzen Freitag“ 1929 an der Wall Street ausgelöste sich nur noch wie ein schwaches Vorspiel ausnahm.
Es war sofort klar: An diesem weltweiten „Systembeben“ (so der Wirtschaftskrisen- Forscher Robert Wade) führte auch fürs „Gespräch“ kein Weg vorbei, um so weniger, als auf unserem „Leser- und Autorentreffen“ in Darmstadt der dringende Wunsch vorgebracht worden war, neben dem jeweiligen Schwerpunktthema eines Heftes auch zu bedeutenden aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen.

Der Auftrag war eindeutig, aber wie sollten wir ihn beim akuten Krisenthema „auf die Schnelle“ so ausführen, dass es nicht wie ein Hinterherlaufen und Nachplappern aussah? Das musste umso sorgfältiger bedacht werden, als Wirtschafts- und Finanzthemen seit dem Tod unseres Freundes (und promovierten Volkswirts) Michael Günther gleichsam verwaist waren. Schließlich mussten wir, wie alle Welt, erst einmal gespannt abwarten, ob und wie die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf diese Fundamentalkrise reagieren, mit welchen Strategien, Plänen und/oder Improvisationen sie eingreifen würden.
Zwei weitere „bedeutende Ereignisse“ kamen alsbald hinzu:
1. Die erschreckende militärische Gewalt, welche die israelische Regierung gegen ihren im Gazastreifen herrschenden „Todfeind“, die Hamas-Bewegung, entfesselte und dabei massivste „Kollateralschäden“ bei der Zivilbevölkerung nicht nur in Kauf, sondern sogar ins Kalkül genommen zu haben schien – zweifellos eine massive Verschärfung des israelisch-palästinensischen Konflikts und damit der komplizierten Dauerkrise im gesamten Nahen Osten. Doch mit welchen Folgen? Wie würden die arabischen Nachbarn, die Europäer, die UNO und – vor allem – die neue amerikanische Regierung reagieren?

2. Der sensationelle Wahlsieg Barack Hussein Obamas. Nach 43 weißen Vorgängern war er der erste „schwarze“ Präsident der USA, dessen gemischtrassische wie soziale Herkunft ihn zum ersten wahren obersten Repräsentanten dieser Nation macht, die wie keine andere auf der Welt die Zugewanderten aus allen Erdteilen, Ländern und Rassen zu integrieren vermochte und vermag. Nach Bildung, moralischem Zuschnitt und Ausstrahlung ein heller Stern vor dem rabenschwarzen Hintergrund seines Vorgängers verkörpert Barack Obama die tiefe Sehnsucht der Massen nach einer Wiedergeburt des amerikanischen Traums, den aufrichtigen Wunsch nach einem echten Wandel der Politik, die große Hoffnung, den Respekt und die Hochachtung der ganzen Welt wieder zu erlangen.

Wie würde Obama schon beim Start versuchen, diesen immensen Erwartungen zu genügen? Amtsantritt war erst am 20. Januar. Also hatte das GadF einen weiteren zwingenden Grund zu warten. In solcher Lage verengt sich auch für eine Vierteljahreszeitschrift, die in der Regel in Ruhe planen kann, das Zeitfenster fürs Entscheiden und Handeln ungemein. Dann bleibt dem Redakteur nichts anderes übrig wie dem bedrängten Politiker, dem Unternehmer am Verhandlungstisch, dem Trucker bei Eisregen: er muß improvisieren, sich auf sein Gefühl verlassen und darauf vertrauen, dass ihn auch dieses Mal sein Glück nicht im Stich läßt.

Genau das haben wir getan, und irgendwie hat sich dann alles gefügt: Fürs große Krisenthema konnte uns Dr. Hans Bremer, jahrzehntelang als Molekularbiologe in USA tätig und heute in Texas wie in Deutschland zuhause, eine spannende Entstehungsgeschichte nebst beherzigenswerten Schlußfolgerungen schreiben (S. 15 ff). Den heiklen Gaza-Auftrag übernahm in vorletzter Minute der Redakteur selber, sich seiner Reportagereisen nach Israel und Palästina ebenso erinnernd wie unseres einschlägigen Heftes (Nr. 355) vom Herbst 2000, als ein Friedensschluß zum Greifen nahe schien. Zwangsläufig ist in Günter Geschkes aktuellem Bericht (S. 22 ff) auch von Israels „Schutzmacht“, den USA und ihrem neuen Präsidenten, ausführlich die Rede.

Unser eigentliches Schwerpunkt-Thema aber lag von Anfang an bei unseren Professoren in bewährten Händen. Der Pädagoge Werner E. Spies stellt – kompakt und trennscharf wie immer – (S. 4 f) Definitionen vor, berichtet von Erfahrungen mit Improvisation im Unterricht, ihrem Nutzen und ihren Grenzen. Dieter Dieterich, ehedem Chemieforscher, hatte selbst das Thema angeregt – als Summe seiner eigenen Lebenserfahrung und jahrelanger Beschäftigung mit den Ergebnissen der Hirnforschung sowie deren Erörterung in Philosophie und Psychologie. Seinen großen Essay (S. 6 ff) ergänzt er durch „Stimmen der Meister“ (S 11 f) und einen anschließenden Exkurs über das Verhältnis von Improvisation und Willensfreiheit (S. 14). Günter Geschke steuert Überlegungen zum vorherrschenden Sicherheitsbedürfnis des modernen Menschen bei und erinnert an die selbsterlebte „große Zeit“ der Improvisation in Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren (S. 27 ff).

„Unser Forum“ (ab S. 36) offeriert eingangs ein weiteres sehr schönes, aber weniger bekanntes Rilkegedicht, dem sich zwei recht kritische Briefe zum Poesieheft (Nr. 386) anschließen. Ich empfehle sie Ihrer besonderen Aufmerksamkeit, weil beide eine sehr entschiedene Vorstellung von „wahrer Dichtkunst“ erkennen lassen, die durchaus zur Stellungnahme herausfordert. Auf unterhaltsame Weise lehrreich ist eine Stellungnahme unseres Freundes und Autors Jerry W. Hodges (S. 39) zu einem Leserbrief von Jobst-Henrich Benzler in unserem Herbstheft. Darin hatte Benzler erstaunliche Parallelen zwischen Hermann dem Cherusker und Patrice Lumumba gezogen. –

Zu guter letzt bitte ich Sie herzlich, unsere Kolumne auf der letzten Seite zu lesen. Sie berichtet unter anderem von unserem gut besuchten, lebhaften Leser- und Autorentreffen in Darmstadt mit beherzigenswerten Anregungen, viel Lob und ein wenig Tadel für die „Blattmacher“ sowie der Bekräftigung unserer jahrzehntelangen Erfahrung: GadF-Leserinnen und -Leser sind klasse, spitze, und die persönliche Begegnung mit ihnen tut einfach gut. Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für die Zeit bis zum Frühjahrsheft!
Ihr dankbarer
Günter Geschke

A U S D E M I N H ALT :

Günter Geschke: Einführung in dieses Heft 2
Werner E. Spies: Improvisation - Notwendigkeit und Grenzen Handeln und Reden müssen an gültige Regeln gebunden bleiben 4
Dieter Dieterich: Die Kunst des Improvisierens Über vier Voraussetzungen, sie zu lernen 6
Stimmen der Meister: Improvisierendes zur Improvisation Aufgesammelt von Dieter Dieterich 11
Hans Bremer: Was ließ die Spekulationsblase platzen? Über die tieferen Ursachen der Finanzkrise und was sie uns lehrt 15
Günter Geschke: Mit der Panzerfaust gegen Nadelstiche Israels unangemessener Vergeltungsschlag im Gazastreifen 22
Günter Geschke: Improvisation in schweren Zeiten Wie meine Familie Kriegsende und „Zusammenbruch“ überstand 27

UNSER FORUM
Leser, Autoren, Gäste und Herausgeber im Gespräch 36-41
Briefe von:
Gerhard Krumfuss (S.36), Horst Burggraef S. 36 f), Hans Ingebrand (S. 37)
Ein Feuilleton von Theodor Weißenborn: Wider den sogenannten Sachzwang oder Auforderung zum Unterlassen (S. 38)
Jerry W. Hodges: Ein anregender Vergleich Über Parallelen zwischen Arminius und Patrice Lumumba 39
Arnim Juhre: Schreib ein Gedicht in Deutsch Nina Neumanns Selbstversuche in einem fremden „Kulurkreis“ 42
BESTELLFORMULAR fürs „Gespräch aus der Ferne“ (auch als Geschenk-Abonnement) 43

IN EIGENER SACHE / IMPRESSUM:
Neue Adresse von Redaktion und Verlag, „Freunde des Gesprächs e.V.“, Internetzugang – Bankverbindung (Letzte Seite)

* Unser nächstes Thema: Vor 20 Jahren: Als die Mauer in sich zusammenfiel Rückblick und Bilanz: Was haben die Deutschen ausTrennung und Wiedervereinigung gelernt? Erinnerungen - Gespräche - Reportagen - Kommentare Schreiben Sie mit, liebe Leserinnen und Leser! (Einsendeschluß für Briefe, Manuskripte ist der 15. April)



Improvisation – Notwendigkeit und Grenzen
Handeln und Reden müssen an gültige Regeln gebunden bleiben
Von
Werner E. Spies


Was hat man sich schon gelangweilt bei Vorträgen. Da steht jemand am Pult mit einem dicken Manuskript und liest das vor. Manchmal merkt er sogar, daß ihm die Aufmerksamkeit der Zuhörer entgleitet - dann steigert er das Tempo, um nur fertig zu werden; auch besonders gutwillige Zuhörer schalten dann ab...

Ähnlich im Schulunterricht. In vielen Lehrproben unglückseliger Anwärter haben die sich ganz genau vorbereitet, jeden Schritt, sogar die „erwarteten Schülerantworten“ aufgeschrieben - sicheres Rezept für mausetote Stunden. Denn Lebendigkeit ist nicht vollständig planbar, ist spontan oder gar nicht.

Aber soll sich ein Lehrer etwa nicht vorbereiten auf seinen Unterricht? Das ist nur denen zu raten, die das Mitzuteilende ganz souverän beherrschen und sozusagen geborene Kommunikatoren sind. Alle anderen, die weitaus meisten, müssen sich vorbereiten. Sie müssen festlegen, wo sie anfangen, und müssen überlegen, wo sie hinwollen: Beginn und Ziel einer Stunde, vielleicht noch einige mögliche Zwischenschritte; der Rest ist Selbstbewegung des Unterrichts, Gespräch mit Schülern. Ein Gespräch darf nicht völlig festgelegt sein, entwickelt sich mit Teilnehmern, muß ständig improvisieren.

Improvisation: aus dem Lateinischen - improvisus ist die negierte Form des Partizip Perfekts von providere, vorhersehen. Italienisch improvviso meint unvorhergesehen, unerwartet, unvermutet.

Unterrichtskunst heißt, Unerwartetes zu nutzen, aus lauter Unvorhergesehenem hinzuleiten auf Erkenntnisziele. Aber unser Redner mit seinen Zetteln? Zum Beispiel ein Redner im Bundestag? Er wird sich nicht verlassen können auf Kleists Beobachtung „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Anmerkg. 1). Es ist sicher zutreffend, wenn Kleist notiert: „Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, als er den Mund auftat, noch nicht wußte, was er sagen würde.“ (2)

Wo und wann das freie Reden riskant wird...

Aber sich einfach darauf verlassen, daß ihm schon das Rechte einfallen würde, ist zu riskant in ernsthaften Situationen. Aber wenn er nur ablesen kann, dann taugt er nichts – denn „wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist,...dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt, ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen“ (3).

In politischen Versammlungen zwingen auch Zwischenrufe zu improvisierten Antworten. Aber auch ohne Zwischenrufe wird man beim Reden abändern, akzentuieren, improvisieren, nur so fesselt man die Hörer. Das gilt auch für biedere Reden im Verein; man muß nicht immer an weltbewegende Reden denken - für die gilt es allerdings fortiter (verstärkt, D.R.). Man stelle sich vor, Marc Anton in Shakespeares „Julius Cäsar“ hätte seine Rede vom Blatt ablesen wollen

Nun klingt dies alles so, als könne der Redner, der Lehrer zwecks besserer Wirkung beliebig improvisieren. Das ist keineswegs der Fall. Improvisation hat deutliche Grenzen. Jeder politische Redner ist einer Doktrin verpflichtet. Die Doktrin, also z.B. eine sozialistische, eine christliche bindet an bestimmte Aussagen und untersagt andere. Je enger die Orthodoxie, umso beschränkter ist der Freiraum für das, was einfällt. Doktrinen binden Gruppen zusammen. Gruppen zerfallen, wenn sie völlige Gedankenund Redefreiheit gewähren. Es müssen ständig die für sie verbindlichen „Wahrheiten“ wiederholt werden, nur so wird ihre Zusammengehörigkeit erkennbar, nur so können sie Macht wahren oder gewinnen. Und selbstverständlich gelten Grenzen auch für Lehrer – „was ist denn eigentlich ein Unterrichtssystem, wenn nicht eine Ritualisierung des Wortes, eine Qualifizierung und Fixierung der Rollen für die sprechenden Subjekte“, schreibt Michel Foucault (4).

Unverzichtbare und zugleich begrenzte Improvisation: Das ist nicht nur Gesetz der Rede, des Unterrichts – es ist Gesetz unseres Lebens. Man braucht stets Planung und Bindung; keiner kann existieren mit lauter adhoc- Einfällen des Gemüts. Aber alle Planung muß beweglich gehalten sein, abänderbar bei dem, was zufällt. Planung schafft Entschiedenheit und Abwehr. Die Hausfrau, die ohne Merkzettel in den Supermarkt rennt, wird einiges vergessen, fällt zugleich auf überflüssigen Kauf von „Sonderangeboten“ rein. Ein planlos agierender Bundeskanzler wäre ebenso schädlich wie einer, der im Verfolg seiner Absichten nicht plastisch genug ist, das nicht Vorhersehbare improvisierend zu meistern.

Das Zufallende sowohl wie das aus uns selbst aufsteigende Drängende: Die Gefühle und Affekte beobachten und sie zugleich zügeln können, stets bereit sein zur Improvisation und zugleich sie nur zulassen, wenn sie unsere Rahmenplanung oder/und unsere Gruppenbindung nicht aufhebt – das ist Lebenskunst. Denn Plastizität, Beweglichkeit im Handeln darf man nicht verwechseln mit Anarchie; Improvisation ist nur gestattet mit Disziplin, mit Kontrolle von Handlung und Diskurs im Rahmen gültiger Regel.

Prof. Dr., Dr. h.c. Werner E. Spies
Friedrich-Ebert-Str. 109
59425 Unna


Anmerkungen:
(1) Kleist, Heinrich von: Gesammelte Werke, Hg. Deiters, H., Berlin 1955, Bd. 3, S. 568 ff.
(2) a.a.O. S. 569
(3) a.a.O. S. 572
(4) Foucault, Michel: Botschaften der Macht. Foucault Reader, Hg. Engelmann, J., dtv ohne Jahr, S. 73




Die Kunst des Improvisierens
Über vier Voraussetzungen sie zu erlernen
Von
Dieter Dieterich


Improvisieren? Wollen wir das?
Doch wohl lieber nicht. Das Wort weckt Erinnerungen an Kriegsund Nachkriegszeit, riecht nach Mangel, nach „provisorisch“, nach „mal probieren ob’s funktioniert“. Improvisiertes gilt als vorläufiger Ersatz für etwas Besseres, Endgültiges. Improvisieren ist riskant: man kann ja nicht wissen, ob’s klappt. Wenn nicht, stehe ich blamiert da und kann den „Schwarzen Peter“ nicht mal jemand anderem zuschieben. Es ist mein Risiko. Ich improvisiere ohne einen Plan, den ich vor der Arbeit durchdenken und abwägen kann.
Ganz anders hört sich Improvisation im Zusammenhang mit Musik an, oder auch mit „aus dem Stegreif“ sprechen. Da geht es um Kreativität, Improvisation als Inbegriff spontaner Gestaltungsfreiheit, persönlicher Freiheit im aktiven Sinn; ungleich attraktiver als diese inzwischen geradezu langweilige Freiheit der Wahl aus unübersehbar vielen vorgegebenen Möglichkeiten, die womöglich kostenpflichtig sind.
Unser aller Leben ist zunehmend bestimmt durch eine Gesetzes-, Verordnungs- und Regelwelt. Ihre schmalen Freiräume sind offen vorrangig für das Konkurrieren, das seinerseits sichtbare und unsichtbare Zwänge mit sich bringt. Eigene und fremde Erwartungshaltungen bringen wiederum Einschränkungen mit sich. Worin besteht eigentlich noch unsere vielgepriesene Freiheit? Wir haben begrenzte Wahlfreiheit: Wir können bestenfalls frei wählen, welchen Zwängen wir uns unterwerfen wollen. Jeder Beruf, jeder Job, viele private Verbindungen, z.B. eine Partnerschaft, gar eine Ehe bringen je spezifische Zwänge mit sich; der Verzicht auf Bindungen übrigens nicht minder. Wir sind fremdgesteuerte Funktionswesen geworden, unsere freie Menschlichkeit ist nachhaltig einschränkt, oft sogar unterdrückt. Erkennen wir noch das in uns schlummernde Lebens-Potential, das zur Verwirklichung drängt?

Keine Ausbildung, kein Studium ist ohne lästige Zwänge. Um so bedeutungsvoller wird jede Möglichkeit eigenen Gestaltens, denn daraus erwächst die Kraft zur Bewältigung der unausweichlichen Hürden und Zwänge. Ausufernde Regelwerke der Erziehung und Ausbildung, Vorschriften wie z.B. der „Bologna-Prozess“, die Studierende zu einer Lernmaschine degradieren, übersehen das. So wird bei Lehrern und Schülern kreative Improvisationsfähigkeit vorsätzlich und systematisch abgetötet. Der Richtigkeitswahn ausgedachter Konzepte und der Machtwahn ihrer Gestalter sind Ausdruck der Schattenseite einer einseitig nur rationalen Aufklärung, eines funktionalen Menschenbilds und stehen aller Improvisation entgegen.

Der multitalentierte und vielseitig gebildete Fernseh-Moderator Gert Scobel hat kürzlich in einer seiner von 3sat ausgestrahlten „scobel“-Sendungen das Thema „Improvisation“ praktisch und gedanklich bearbeitet und hierzu die Jazz-Musiker Frank Chastenier (Piano), Manfred Schoof (Trompete), Sabine Kühlich (Gesang), John Goldsby (Bass), sowie den klassischen Pianisten Michael Rische eingeladen. Dieser inspirierenden Sendung verdanke ich die Anregung zum Thema des vorliegenden Hefts, nicht zuletzt deshalb, weil Gert Scobel das Thema „Improvisation“ über den musikalischen Aspekt hinaus erweiterte und diese Fähigkeit als kreative Lebensgestaltung würdigte. Das spannende Gespräch mit den Musikern mündete schließlich in Erfahrungen, die denen gleichen, die der Übungsweg des Zen-Buddhismus vermittelt. Es ist die zeitlose Erfahrung einer Herzensbildung im Hier und Jetzt: hellwach und zugleich selbstvergessen, ganz Ohr, die Welt in sich aufnehmend, nichts festhaltend, Vorstellungen, Konzepte, Phantasien loslassend, Grenzen auflösend, selbst zum Geschehen werden. Mir wurde klar: Auch jede Zazen-Übungseinheit ist Improvisation. Absichtslos wird sie begonnen und nie weiß man vorher, wie sie endet. (Siehe auch S. 11 ff.)

Die musikalische Improvisation ist für mich Paradigma, Musterbeispiel für eine früher lebensnotwendige, im heute vorherrschenden Perfektionswahn weithin vernachlässigte, ja unterdrückte menschliche Fähigkeit. Aber gerade deren Pflege und tägliche Übung könnte hilfreich sein für individuelle wie gesellschaftliche Lebensund Problembewältigung. Wir leben weitgehend funktional anstatt improvisierend kreativ. Dies hat mit dem funktionalistischen Menschenbild zu tun, aber auch mit fehlendem Mut zur kreativen Improvisation. Diese setzt voraus, dass wir frei sind vom zweckhaften Vorwissen. Aber gerade solches Vorwissen wird gelehrt. Wir sollen ja wissen, was uns erwartet. Das hat zur Folge, dass wir hilflos sind, wenn das nicht Erwartete geschieht.

Eine Grundfähigkeit
Improvisation ist ein weites Feld, ein lohnendes und ein beglückendes Feld. Zugleich ist es Inbegriff von Menschenbildung, sozialer Kompetenz – sogar von Lebensglück. Ich halte die Entwicklung der Fähigkeit zur Improvisation für mindestens ebenso lebenswichtig, wie die ständig geforderte und gelehrte zur Anpassung an die Funktionsmechanismen der modernen sogenannten Wissens- Gesellschaft. Es gibt in meinen Augen dafür einen ganz einfachen Grund. Der Mensch hat tief verankerte Anlagen, Voraussetzungen, Begabung zur Improvisation. Ohne sie wäre die Mensch-Werdung und seine kulturelle Entfaltung gar nicht zu verstehen... Wie alle Grundfähigkeiten, z.B. Erkenntnis, Sprache, muss auch die der Improvisation entdeckt, gestärkt und entwickelt werden. Hierzu bedarf es zugewandter Menschen, aber auch des Für-sich-Seins schon im frühen Kindesalter. Heute besteht die Gefahr, dass allzu frühe „Indoktrination“ durch Fernsehkonsum und gut gemeinte Wissensvermittlung die Entwicklung eigener Kreativität hindert. Sie ist aber später im schwierigen Leben gefragt.

Die Herausforderung
Die genannten Zwänge bestimmen nachhaltig unser Lebensgefühl und beeinträchtigen unseren Lebensmut. Ich sehe einen Zusammenhang mit dem, wie es scheint, unaufhaltsamen Anstieg der Volkskrankheit „Depression“, aber auch mit dem boomenden Markt frustrationsbetäubender Konsum- Angebote, etwa Handy-Unterhaltung, zeitraubende Computerspiel- Wettkämpfe – „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ Zwar wird immer noch philosophisch „Willensfreiheit“ (zutreffender wäre wohl „Entscheidungsfreiheit“) als Ideal hochgehalten, doch ist die konkrete Wirklichkeit und die derzeitige öffentliche Diskussion über dieses Thema eher von Pessimismus bestimmt. Die Verneinung dieser Freiheit, die Betonung ihres objektiv illusionären Charakters wird rational mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, z.B. der Hirnforschung begründet. Ich werde jedoch den Verdacht nicht los, dass die Akzeptanz solcher Auffassung eher mit dem verbreiteten Eindruck, in einer Welt der Zwänge zu leben, zu tun hat.

Je rationaler die Zwänge verständlich gemacht werden, desto mehr leiden wir unter ihnen, weil Ungehorsam, Aufmüpfigkeit, Aufstand, Kampf, Revolution keine Besserung der Verhältnisse mehr versprechen. Wir leben nicht mehr im fortschrittsgläubigen 19. Jahrhundert. Schon die fatalen Revolutionen des 20. Jahrhunderts können nur noch schrecken. Linker Sozialismus, verordnete Gleichheit und deren ebenfalls unausweichliche Dominoeffekte sind hinlänglich bekannt und haben sichtbar abgewirtschaftet. Sozialismus ist keine Alternative zum Kapitalismus. Beide sind Kinder einer ausgedachten menschenfernen, das Individuum mißachtenden Philosophie sowie in Willkür ausartender Machtausübung. Was aber könnte im 21. Jahrhundert unser Leben aus diesen vorgezeichneten Sackgassen führen?

Der derzeit von der Politik beschrittene und von den phantasielosen Parteien propagierte Weg heißt: „Weiter so! Nur anders“. Als wäre anders an sich schon besser! Gefordert und auch versprochen werden bessere Kontrolle, mehr und schärfere Gesetze, bessere Regelungen, Abschaffung von Steueroasen und Handelshemmnissen. Geld steht zur Verfügung; macht was draus! („kurbelt die Wirtschaft an!“ Was soll das eigentlich heißen?) Kurzfristig mag das ein naheliegender Ausweg sein, etwa um in der aktuellen Wirtschaftskrise solche Folgen zu vermeiden, wie sie 1929 die Brüning’sche Restriktionspolitik mit sich brachte. Aber ist solch ein Maßnahmenkatalog nicht auch schlicht Ausdruck tiefer Ratlosigkeit?

Alte Erfahrungen und Folgerungen daraus
Gibt es eine Langfrist-Perspektive? Ich sehe keine und ich bin misstrauisch gegenüber jedweden ausgedachten Vorschlägen, die erfahrungsgemäß nie das bewirken, was sie versprechen. Sie gehen von der in meinen Augen völlig falschen Prämisse aus, dass aus dem „richtigen“ Denken – falls es so etwas überhaupt geben sollte – auch „richtiges“ Handeln folge, und daher der Primat beim vorausschauenden Denken, Planen, dessen Umsetzung in Beschlüsse, Gesetze und Verordnungen und der nachfolgenden Verwirklichung – funktionalistisch „Implementierung“ genannt – in konkreten Handlungen liege. Kein Wort gegen vernünftiges Denken und seine Konsequenzen. Nur: Vernünftiges, und das heißt menschennahes praktikables Denken hat entscheidende Voraussetzungen, die jenseits von Begriffen, Logik und Linguistik (kunstfertiges Gerede) in der Erfahrung konkreten vorurteilslosen Umgangs mit Menschen und Dingen gründen. Man kann dies die Erfahrung improvisierenden Handelns nennen. Das ist zwar das Gegenteil eines „großen Wurfs“, des „großen Vorbilds“, das ist zugegebenermaßen eher „Klein-klein“, aber unverzichtbar. Nur aus dem konkreten Kleinen kann etwas Größeres erwachsen.

Dies wusste übrigens schon Kong Zi (Konfuzius, 551-479 v. abendländischer Zeitrechng.) und hat es in seinem 8-Punkte-Programm der „Großen Lehre“ festgehalten, zweifellos einem Ergebnis vielfältiger und leidvoller Lebenserfahrung. Ich zitiere aus Lutz Geldsetzer und Hong Handing: Grundlagen der chinesischen Philosophie: „Ehe die Alten die ganze Welt darüber aufklären wollten, was die reine Tugend (oder die politisch korrekte Gesinnung) ist, brachten sie erst einmal ihren eigenen Staat in Ordnung. Ehe sie Ordnung im Staat machen wollten, sorgten sie erst einmal für ihre Familie. Ehe sie Ordnung in ihre Familienverhältnisse bringen wollten, arbeiteten sie erst einmal an sich selbst. Ehe sie etwas für ihre Bildung tun wollten, achteten sie auf einen gradlinigen Charakter. Ehe sie ihren Charakter formen wollten, waren sie erst einmal ehrlich mit sich selbst. Und ehe sie sich selbstkritisch prüfen wollten, verschafften sie sich Kenntnisse. Kundig wird man nämlich nur durch Handanlegen an die Dinge.“

Es geht für uns und für die gegenwärtige Nutzanwendung bei einem so alten Text nicht um eigentümliche Formulierungen, nicht um Details (an denen wir vielleicht Anstoß nehmen, sie gar für überholt ansehen); es geht um die aufgezeigten Stufen, die zurückzulegen bzw. zu ersteigen sind, ehe fundierte Ratschläge für unsere heute so globalisierte Welt gegeben werden können.
Warum aber betone ich „improvisiertes Handeln“ und begnüge mich nicht einfach mit einer Aufforderung zum „Handeln“?

Nun, ganz einfach deshalb, weil es überall Handlungstraditionen gibt – man denke nur an die dörflichen Verhältnisse überall in der Welt – die zwar solange tragfähig sind, als die zu bewältigenden Aufgaben bekannt und im Wesentlichen unveränderter oder sich nur langsam wandelnder Art sind. Aber genau dieses Muster ist heute praktisch kaum noch irgendwo gegeben. Bedingt durch die weltweiten und sekundenschnellen Informationsnetze und die rasch zurückzulegenden Transportwege sind wir keinen Tag sicher vor neuen und leider auch nicht vor katastrophischen Verhältnissen, die uns urplötzlich vor neuartige, also fremde Herausforderungen aus der Ferne stellen. Das altbewährte und gelernte Handeln reicht da nicht mehr aus. Wie können wir mit solchen Herausforderungen umgehen?

Diese Frage war das Lebensthema des von mir hochgeschätzten britischen Universalhistorikers Arnold J. Toynbee (1889-1975). Er zog aus seiner Beschäftigung mit Aufstieg und Niedergang der unterschiedlichen Kulturen den Schluss, dass der „Erfolg“ einer Kultur davon abhängt ob sie in der Lage ist, auf Herausforderungen jeweils angemessene „Antworten“ zu geben. Toynbee betont das Prinzip „Challenge and Response“. Jede erfolgreiche Bewältigung einer Herausforderung, d.h. jeder erzielte Fortschritt hat neue Herausforderungen zur Folge, auf die dann naheliegender Weise in bewährter Manier reagiert wird. Das mag eine Weile gut gehen. In der Folge der Herausforderungen erkannte Toynbee jedoch eine wachsende Verschiebung von äußeren Bedrohungen zu inneren Bedrohungen („internal threats“), die ganz andersartige kreative Antworten erfordern, Antworten, die nicht länger nur auf Maßnahmen beruhen, vielmehr auf Zielvorstellungen („ends“) und menschlichen Charaktereigenschaften, also auch auf einem tragfähigen Menschenbild. Ich denke, dass eben diese Situation heute erst recht gegeben ist.

Das Prinzip „Challenge and Response“, aufgestellt für den Entwicklungsweg von Kulturen („civilizations“), gilt aber ebenso für Individuen. Jeder Mensch kann es an seinen Nächsten beobachten und an sich selbst lernen. Dieses Lernen geschieht ganz konkret praktisch, denn lebenslang begleiten uns kleine, manchmal auch große Herausforderungen, auf die wir zu antworten haben. Man kann einem Menschen daher kein größeres Lob zollen, als von ihm zu sagen, er sei keiner Herausforderung aus dem Weg gegangen. Äußere Erfolge bei dieser Arbeit mögen eindrucksvoll erscheinen, Misserfolge peinlich oder betrüblich. Beides ist weniger wichtig gegenüber der Annahme jener Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt.

Improvisieren lernen
Was heißt eigentlich „improvisieren“? Im Duden steht: „Etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif tun“. Es ist etwas, was – wie eingangs schon bemerkt – heute eher ungebräuchlich ist. Es bedeutet ja im Klartext: Handeln ohne Rezept, ohne Vorschrift, ohne vorher zu überlegen, zu planen. Einfach so. Etwa frei sprechen ohne vorherige Absicherung, den „Versprecher“, das Risiko überhaupt akzeptieren. Heißt das aber nicht: Improvisation kann nicht gelehrt, also auch nicht im üblichen Sinn gelernt werden? Für das Improvisieren gibt es nur eine Methode: „Learning by Doing“. Stehenlernen, Laufenlernen, Sprechenlernen, Singenlernen: Das Kleinkind improvisiert und lernt so zu improvisieren – bis..., ja bis in der Schule damit Schluss gemacht wird; denn da beginnt ja „der Ernst des Lebens“. Auf einmal geht „lernen“ ganz anders, der Begriff des „Fehlers“ wird eingeführt und Zensuren drohenen. Schule entwöhnt vom freien Improvisieren, sie lehrt, wie es „richtig“ geht, korrekt gemacht werden muß.

Improvisation ist nichts für Sicherheitsfanatiker. Nein, ich selbst war überhaupt kein Improvisationskünstler. Wozu sollte Improvisation gut sein? Lange, allzulange hielt ich nichts von dergleichen. Meine Stärke war die nüchterne Überlegung, waren die wohl abgewogenen Worte. Natürlich auch ein solides Gedächtnis mit allerlei Wissen und Erfahrung. Und eine Erfahrung war eben: In den meisten Berufen ist Improvisation nicht gefragt, vielmehr Wissen und Können. Von Haus aus war ich – typisch für meine Generation – in einer übersichtlichen Regelwelt aufgewachsen. Richtig oder falsch, das war die Frage. Eltern und Lehrer und schließlich der verinnerlichte Regelkatalog gaben die Antwort. Die Regeln kennen und danach leben, das verhieß Freiheit. Freiheit war „Einsicht in die Notwendigkeit“ – auch ohne Marxismus. Die Regeln änderten sich mit den Jahren, den politischen Konstellationen und natürlich auch mit dem Lebensalter und der allmählichen Weitung des eigenen Horizonts.

„Improvisieren“ hatte – wiederum typisch für unsere bürgerliche Gesellschaft bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts – eben den bereits erwähnten schlechten Geschmack nach Kriegs- und Nachkriegszeit, nach stinkenden Kohleöfen, beengten Wohnverhältnissen, Mangel an Lebensmitteln, Gütern und Material. Man musste sich „behelfen“. Die Mutter konnte nicht mehr nach alten Rezepten kochen, sie musste kümmerlich „improvisieren“. Improvisation klang nach Provisorium (womit es ethymologisch wohl nichts zu tun hat) war etwas Notdürftiges, Vorläufiges, Unvollkommenes, ohne Eigenwert, war „Ersatz“ für etwas Besseres, auf das man hoffte, wie z.B. auf den von den Erwachsenen so schmerzlich vermissten Bohnenkaffee. (Günter Geschke beschreibt diese „Zeit des Improvisierens“ aus der Perspektive des „Bomben- Flüchtlings“ in einem oberschwäbischen Dorf. (Siehe S. 27)

In den 50er-Jahren verschwanden die materiellen Improvisationen, wurden ersetzt durch das nun für „endgültig“ Gehaltene. Man ahnte ja noch nichts vom ständig neue Geräte, Waren und Dienstleistungen produzierenden Wirtschaftswachstum. Nun aber bekam durch die (von den Nazis verdammte und verfolgte) moderne Musik, der Begriff „Improvisieren“ einen völlig neuen Klang: Jazz! Die Entwicklung des Jazz lebte von der Improvisation. Der Jazz war ursprünglich ein Aufstand, eine Selbstbehauptung: der Schwarzen gegen die Weißen, der Unterprivilegierten gegen das Establishment, der sogenannten Ungebildeten, gegen die sogenannten Gebildeten, der naturwüchsig Musikalischen gegen die ausgebildet Musizierenden, der Spontanen gegen die rezeptiv Rezitierenden. Jazz war eine musikalische Revolution, in der Interpreten ihre Person auf eine bisher kaum praktizierbare Weise einbringen, entwickeln und ausleben konnten.

Jazz ist beispielhaft, weit über die Musik hinaus paradigmatisch für Improvisation als grundlegende Fähigkeit des Menschen, die in unserer auf Wissensanhäufung, Rationalität und Perfektion ausgerichteten Gesellschaft vernachlässigt und deren Potential verkannt wird. Heute, „wo alles wankt und fällt, wo Wahn die [vermeintlich!! D.D.] Weisen treibet und Trug die Klugen prellt“ (so Ernst Moritz Arndt, 1769-1860, in einem Lied des Evangelischen Gesangbuchs), ist es höchste Zeit, sich zum Wohle des Menschen der Improvisation zu erinnern.

Tatsächlich improvisieren wir im nicht protokollierten Alltag, in der Privatsphäre, viel mehr als wir uns bewusst machen. Jedes spontane Gespräch, jeder Schwatz, jeder Klatsch und Tratsch ist Improvisation. Wir alle können gut improvisieren, zumindest so lange wir nicht befürchten müssen, uns damit bloßzustellen, negativ beurteilt zu werden. Aber: Frei eine öffentliche Rede halten, womöglich mit juristischen Konsequenzen? Nein, lieber nicht.

Voraussetzungen guten Improvisierens
Die erste Voraussetzung ist die denkbar einfachste: ein Mensch zu sein. Jeder Mensch hat von Natur aus die Fähigkeit zur Improvisation. Jedes spontane Handeln, Denken, Tönen, Singen und Sprechen ist Improvisation. Wenn wir allein und unbeobachtet sind, oder in Gesellschaft mit einem ganz vertrauten Menschen oder einem intimen Freundeskreis, dann können und dürfen wir „unbedenklich“, „aus dem Bauch heraus“ improvisieren.

Damit ist die zweite Voraussetzung angesprochen: Vertrauen und die Abwesenheit von Hemmnissen. In unserer geregelten Welt und mit unseren verinnerlichten Meinungen über die Anderen und über uns selbst, mit unseren Selbstzweifeln und Ängsten trifft das Improvisieren auf starke Gegenkräfte. Wer improvisiert muss Fehler machen dürfen und lernen, damit umzugehen, anstatt zu erschrekken. Aber auch äußere Umstände können das Improvisieren stark einschränken oder verhindern. Sobald ich nicht für mich selbst, sondern in einer Funktion, als Repräsentant, für eine bestimmte Öffentlichkeit rede, muss ich entweder meine Worte sorgfältig abwägen und ihre Wirkung bedenken, oder aber – was einfacher ist – immer einen Sack voller Worthülsen mit mir tragen, die mir dann scheinbar spontan von den Lippen perlen. Dasselbe gilt natürlich, wenn ich zwar scheinbar für mich selbst, in Wahrheit aber für meine Interessen, für mein Ansehen, meinen Ruf rede.

Die dritte Voraussetzung, wenn es um „gute“ Improvisation geht, ist eine natürliche und in der Erfahrung gewachsene Selbstsicherheit und Konzentrationsfähigkeit. Der Jazzmusiker hat sein Innen, seine „musikalischen Gedanken“, die er zum Ausdruck bringen möchte, im Fokus, und zugleich (!!) seine Mitspieler, deren Spiel, in das er interagiert, und dann noch womöglich sein Publikum und dessen „Mitgehen“. Damit ist klar, dass Improvisation keine intellektuelle Angelegenheit ist, sondern vor allem eine empathische, mitfühlende.

Damit ist die vierte Voraussetzung angesprochen: eine jahrelang geübte, praktizierte Gefühlskultur, in der ich immer eingebettet bin in ein über mich hinausreichendes Ganzes; es ist Herzensbildung im besten Sinne.

Mit der Nennung der Voraussetzungen guten Improvisierens sind zugleich die Defizite im Bildungskanon der Industriestaaten benannt und damit die verbreiteten Handlungsdefizite. Und denen liegen die Defizite jenes modernen Menschenbilds zugrunde, nach dem der Mensch entweder ein „vernünftig“ rational Denkender und Handelnder oder aber ein irrational seinen Impulsen Ausgelieferter ist.

Neulich, angesichts einer Fernsehsendung über Lebensläufe, wurde mir klar, dass viele Menschen einfach glauben, einen ausgedachten Lebensentwurf verwirklichen zu sollen oder gar zu müssen – als „ihr“ tatsächliches Leben. Aber dazu hat doch schon Bert Brecht das Nötige gesagt: „Ja, mach nur einen Plan / sei nur ein großes Licht! / und mach dann noch ’nen zweiten Plan / geh ’n tun sie beide nicht!“ Macht erst dass Scheitern klug und weise, also reif fürs „richtige“ Improvisieren ?

Wenn ich an die Wendepunkte meines Lebens zurück denke, entdecke ich zu meiner Überraschung, dass ich „nüchterner“ Mensch die wesentlichen Entscheidungen spontan und eigentlich „unüberlegt“ getroffen habe, aber mit einer inneren gleichsam schlafwandlerischen Sicherheit, deren Konsequenzen dann auch durchaus überraschend waren, keineswegs immer gut ausgingen, aber meine innere Entwicklung herausforderten. Andererseits: die innere Sicherheit gegen äußeren Anschein gab mir die Kraft zur Hingabe, zur Geduld, zum Durchhalten und Aushalten auch des Zusammenbruchs. Wenn ich ganz tief im Innern – „in the heart of my heart“ – „weiß“, d.h. sicher bin, dass dies nun mein Weg ist, dann kann diese Sicherheit durch Argumente nicht erschüttert werden.

Stufen des Improvisierens
Es ist unumgänglich zwei Stufen des Improvisierens zu unterscheiden: Zunächst ist da so eine Art Grundstufe. Der freie Vortrag, das freie Schreiben, der Solotanz, das freie Phantasieren auf einem Musikinstrument sind Beispiele. Man braucht dazu – abgesehen von der selbstverständlichen Beherrschung der „handwerklichen“ bzw. „technischen“ Voraussetzungen (durch Übung erworben), vor allem Intuition und „Flow“, die Fähigkeit „es einfach fließen zu lassen“. Improvisation erfordert nicht vorheriges Durchdenken oder eine willentliche Anstrengung. Im Gegenteil: Beides kann gute Improvisation nur hemmen. Die Grundstufe des Improvisierens ist eine Art Selbstgespräch. Auch dieses ist reine Improvisation: Das Selbstgespräch geschieht einfach. Es wäre ja töricht, sich darauf vorzubereiten. Eine besondere Form des Selbstgesprächs ist das stille oder auch allein laut gesprochene Gebet. Gute Beispiele sind die Psalmen der Bibel.

Etwas Anderes ist die „Fortgeschrittenen- Stufe“: Das Improvisieren zu zweit, zu dritt, eventuell sogar zu viert. Beispielhaft ist der sogenannte Free Jazz, der von der gemeinsamen Improvisation lebt. Guter Free Jazz ist „freihändiges gemeinsames Musizieren“. Das ist nun eine wirkliche Herausforderung! Man muss das nicht nur gehört, man muss es gesehen haben: Wie drei oder vier Musiker ohne Noten aufmerksam und zugleich in sich gekehrt miteinander musizieren, offensichtlich wie zusammengehörig ein Musikstück gleichsam „erfinden“. Was passiert da eigentlich? Wie machen die das? Da ist ja nicht einmal ein Dirigent! Das kann doch gar nicht gehen! Und es geht doch, wie man sieht, hört und fühlt. Das ist noch etwas anderes als das „Vor-sich-hin-Improvisieren“. Hier ist ständig zugleich das Hören, die innere Verarbeitung des Gehörten und das eigene „Erfinden“ am Werk. Offenheit, Selbstvergessenheit, Hingabe, Einfühlung sind die Stichworte. Sind es nicht gerade die Fähigkeiten, die wir heute oft schmerzlich vermissen? An Anderen, aber auch an uns selbst? Ich behaupte: Wir alle haben das Potential dieser Fähigkeiten, aber es ist uns aberzogen worden und wir haben es selbst gering geachtet und nicht gepflegt, stattdessen Abgrenzung, Selbstbezogenheit, Kritik, Vorteilssuche, Misstrauen, Profilierung angestrebt. Es ist kein Wunder, dass unsere Gesellschaft sich mit echter, gewollter und gefühlter Kooperation schwer tut, schon im Elternhaus, in Partnerschaft und Ehe, in Gruppen, Vereinen, Parteien, Regierung, Administration und schließlich in der internationalen Politik. Es ist sicher richtig, wenn gesagt wird, dass Egoismus und daraus erwachsende Konflikte in der Natur des Menschen (wenn nicht sogar in der Natur jeglichen Lebens) lägen. Der Gipfel solcher Anschauung ist „das egoistische Gen“. Inzwischen scheint sich aber sogar in der Biologie das Blatt zu wenden. Vielfältige Beispiele von Kooperation in der Natur werden entdeckt, sobald man beginnt, sie ernsthaft zu suchen.

Lebenskunst
Auch das menschliche Zusammenleben, privat wie gesellschaftlich, ließe sich anders, kooperativer gestalten, als dies derzeit der Fall ist. Die Stärkung unserer Fähigkeit zur spontanen vorurteilsfreien Improvisation könnte dabei hilfreich sein.

Meine Generation ist regelhaft erzogen worden und regelhaft aufgewachsen. Dies war schon in der Kaiserzeit am Ende des 19. Jahrhunderts selbstverständlich und hat sowohl dem Ersten Weltkrieg als auch dem Nationalsozialismus den Weg geebnet. Wir haben dann gelernt, dass das konkrete Leben die vermeintlich Halt gebenden starren Gerüste, die Masken von Charakter und Moral erbarmungslos zerbricht. Während dies den bis dahin unterdrückten Frauen offensichtlich zum Segen gereichte, ist die Männerwelt bis heute tief verunsichert. Das traditionelle Männerbild trägt nicht mehr und ein neues ist noch nicht in Sicht. Wo kein Vorbild mehr Orientierung bietet, wo keine Leitlinien, keine Geländer mehr den Weg weisen, da ist die Fähigkeit zur Improvisation gefragt. Aber gerade sie haben wir nicht gelernt, nicht einmal das Vertrauen zu ihr. Mit einem noch so großen Wissens- Rucksack und der erlernten Fähigkeit zu logischem und rationalem Denken allein ist das Leben nicht zu bewältigen.

Leben erfordert Lebenskunst und Lebenskunst kann gelernt und eingeübt werden, freilich nicht im abgesonderten Kinderzimmer vor dem Fernseher, nicht bei Computerspielen und – leider im Regelfall – auch nicht in der Schule. Viele lernen es erst nach ganz realen schmerzhaften Zusammenbrüchen. Wohl denen, die auch dann hilfreiche Mitmenschen finden. Freiheit der Lebenskunst ist wie jede Freiheit der Kunst zunächst einmal eine Freiheit des Könnens: eben „Learning by doing“. Es ist mehr wert, als sich mit Wissen vollzustopfen, das in einer schnelllebigen Welt noch rascher veraltet als in früheren Zeiten.

Es gibt ein verbreitetes Ungenügen am Bestehenden, an den immer wieder gleichartigen floskelhaften Sätzen, Versprechen, Vertröstungen, Visionen von „mehr“ und „besser“. Die Sehnsucht nach Neuem, nach Veränderung ist groß. Ich bin sicher: es gibt das Neue, aber nicht in Gestalt neuer Gedanken, neuer Schlagworte, neuer Sätze.

Das Neue, das wir brauchen, ist der neue Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit den Dingen dieser unserer Welt. Dieses Neue kommt nicht aus einem Utopia auf uns zu; wir müssen es selbst improvisierend-evolutionär entwickeln.

Ganz vorn in der Prioritätenliste stehen dabei: konkretes menschliches Verhalten, Humanität, Achtsamkeit, Mitgefühl, Zugewandtheit, Hingabe. Wir brauchen sie, um die bestehenden Verhältnisse aushalten zu können und zugleich um Besseres vorzuleben. Wenn wir das ersehnte Neue nicht vorzuleben versuchen, wird es auch nicht kommen.

Prof. Dr. Dieter Dieterich
Im Bruch 185
53945 Blankenheim




Mit der Panzerfaust gegen Nadelstiche
Israels unangemessener Vergeltungsschlag im Gazastreifen
Von
Günter Geschke


Der beispiellose Vergeltungsschlag mit dem die israelische Armee auf die vergleichsweise harmlosen grenznahen Raketenüberfälle der Hamas-Aktivisten reagiert hat, wirft viele Fragen auf. Drei der wichtigsten scheinen mir diese zu sein:

1. Warum hat die israelische Regierung diese so offensichtlich unangemessene Gewaltanwendung befohlen? Was hat sie damit bezweckt, was erreicht?

2. Weshalb geben die Palästinenser im Gaza-Streifen keine Ruhe? Warum unterstützen sie mehrheitlich die radikale Hamasbewegung und teilen deren Überzeugung, Israel könne man nur mit Gegengewalt zu substantiellen Zugeständnissen zwingen.

3. Ist die Chance, im nun schon 60 Jahre währenden israelisch-palästinensischen Krieg doch noch Frieden zu schließen, nun endgültig vertan?

* Eine weitgehend vernichtete Infrastruktur, Tausende zerstörte Wohnungen, mehr als tausendfünfhundert getötete und an die fünftausend verletzte Palästinenser (darunter überwiegend Zivilisten, Frauen und Kinder), die nachhaltige Traumatisierung großer Teile der auf engem Raum ohnehin unter miserablen Verhältnissen lebenden Gesamtbevölkerung im Gaza-Streifen – angesichts dieser ungeheuren Verheerungen stellt sich als erste Frage die nach der Verhältnismäßigkeit: Warum die gepanzerte Faust gegen Nadelstiche, warum diese brüske Abweichung vom altjüdischen Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“?

Dieser exzessive Militärschlag lag in der Logik der noch amtierenden israelischen Koalitions-Regierung. Seit die Hamasbewegung die Kontrolle im Gazastreifen übernommen und in demokratischer Wahl eine Mehrheit bekommen hatte, galt Hamas für die Regierung Olmert als Todfeind, den zu bekämpfen, ja zu vernichten jedes Mittel recht schien, drohte diese radikalere der beiden palästinensischen Parteien doch auch im israelisch besetzten Westjordanland (Westbank) die gemäßigtere Al Fatah (einst von Arafat gegründet und nun von Abbas geführt) zu verdrängen. Es begann damit, Hamas die Schelle einer terroristischen Vereinigung umzuhängen, mit der man niemals in Verhandlungen eintreten werde. Als zureichenden Grund für diese unnachgiebige Haltung verwies man auf die wiederholten Einschläge der im Gazastreifen abgefeuerten Quassam-Raketen auf grenznahem israelischen Territorium. Sie richteten relativ geringen Sach- und selten Personenschaden an.

Dies genügte aber, in Israel selbst die Rufe nach massiver Vergeltung immer lauter werden zu lassen. Und nicht nur im israelfreundlichen Ausland zeigte das lautstarke Argument Wirkung, kein Staat der Welt könne sich solche Angriffe gefallen lassen. Was die israelische Regierung und ihre geschickte Öffentlichkeitsarbeit geflissentlich verschwiegen war, dass Hamas wiederholt angeboten hatte und weiterhin anbot, den Beschuß mit Raketen und Mörsern sofort und auf Dauer einzustellen, falls – im Gegenzug – Israel auf seine Übergriffe im Gazastreifen, die gezielten Ermordungen führender Hamasmitglieder und die Blockade verzichten würde.

Statt die Ernsthaftigkeit dieser Offerte zu testen, verschärften die Israelis mit jedem Rakteneinschlag den Druck auf die Bevölkerung im Gazastreifen, um diese so gegen Hamas aufzubringen, dass diese sich gezwungen sehen sollte, auf das Abschießen von Raketen und Mörsergranaten zu verzichten. Das Mittel der Wahl war eine sich steigernde Blockade, die wie eine Schlinge immer fester um die auf ein Gebiet von nur 365 Quadratkilometern zusammengepferchten 1,5 Millionen Palästinenser gezogen wurde. Ihnen wurde der Zugang nach Israel, wo viele ihre Arbeitsplätze hatten, erst erschwert, dann völlig verweigert. Die Zufuhr lebenswichtiger Güter wurde gedrosselt, dann ganz eingestellt. Bereits vor einem Jahr, im Januar 2008, war die Blockade komplett. Wie in einem Dampfkochtopf, den man trotz abgesperrten Ventilen weiter anheizt, steigerte sich der Druck.

Er entlud sich an der schwächsten Stelle, an der ägyptischen Grenze, die ebenfalls versperrt war. Als eine größere Menge Palästinenser den Übergang am Kontrollpunkt Rafah zu erzwingen versuchten, wurden sie von den Schüssen ägyptischer Grenzpolizei zurückgetrieben. Es gab Verletzte. Danach schlugen Aktivisten der Hamas Breschen in die Grenzanlagen, sodaß Hunderttausende Palästinenser nach Ägypten einströmten und sich – nun unbehindert – mehrere Tage lang beim „Stiefbruder“ Ägypten mit dem Nötigsten versorgen konnten.

Der in Tel Aviv lebende israelische Publizist und unbeugsame Kritiker seiner Regierung, Uri Avnery, beschrieb dieses international aufsehenerregende Ereignis so: „Es sah aus wie beim Fall der Mauer in Berlin. Und es sah nicht nur so aus. Einen Augenblick lang war der Übergang Rafah das Brandenburger Tor.“ Seinen Landsleuten und den besorgten Freunden im Ausland erklärte er das Geschehen: „Der Gazastreifen ist das größte Gefängnis auf Erden... die Blockade absolut – keine Nahrung, keine Arzneien. Als sie auch noch die Ölzufuhr stoppten, war die Klimax erreicht. Weite Teile Gazas blieben ohne Strom, Brutkästen für Frühgeburten, Dialyse-Geräte, Pumpen für Brauch- und Abwasser (fielen aus, Einschub des Verfassers). Hunderttausende waren ohne Heizung der strengen Kälte ausgesetzt, nicht mehr in der Lage zu kochen, und sie hatten von Tag zu Tag weniger zu essen.“ (Kommentar Avnerys vom 26. 1. 2008) Der aus Deutschland stammende Jude, der sich in seiner Jugend leidenschaftlich für den Aufbau Israels eingesetzt hat und nun seit Jahrzehnten unerschrocken für Frieden und Aussöhnung mit den Palästinensern kämpft, stand denn auch nicht an, bereits das damalige Vorgehen seiner Regierung gegen die Gesamtbevölkerung im Gazastreifen als „Kriegsverbrechen im Sinne des Völkerrechts“ zu brandmarken.
Und was sagt er heute, nach dem verheerenden Militärschlag in Gaza?

Zwar hatte Avnery schon vor längerer Zeit in einem satirischen Artikel die Lage in Gaza mit einem wissenschaftlichen Experiment verglichen, „das herausfinden soll, wie weit man dabei gehen kann, eine Zivilbevölkerung dem Verhungern auszusetzen und ihr das Leben zur Hölle zu machen, ehe sie die Hände hochhält und kapituliert“. Dass seine Regierung aber zum Zwecke möglichst großer Abschreckung auch ein Flächenbombardement gegen die Zivilbevölkerung einsetzen würde, hat er wohl bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten.

Ums so schärfere Worte findet er jetzt. In seinem Kommentar vom 24. 1. 09 geht Avnery mit den Verantwortlichen hart ins Gericht: „Unsere Führer sind noch immer vom Kriegführen vergiftet und trunken von Gewalt. .. Sie wetteifern in ruhmsüchtiger Prahlerei um ihren Anteil am „Kredit“, (der ihnen durch den vermeintlichen Erfolg zugefallen ist. Interpretation des englischen Textes durch den Verfasser) ... Der brutalste ist (Verteidigungsminister) Ehud Barak. Früher habe ich ihn mal einen `Friedensverbrecher´ genannt, weil er die Konferenz von Camp David anno 2000 zum Scheitern gebracht und das israelische Friedenslager zerschlagen hat. Nun muß ich ihn einen `Kriegsverbrecher ´ nennen als den Mann, der den Gaza-Krieg im klaren Bewußtsein geplant hat, dass damit Massen von Zivilisten hingemordet werden.“

Avnery bezichtigt Barak indirekt auch, er habe sich von dieser (in der breiten israelischen Öffentlichkeit ja durchaus gepriesenen) Militäraktion einen Vorteil bei den nächsten Parlamentswahlen versprochen; seine Arbeiterpartei war auf neun Sitze (von 120) geschrumpft und liege in den Umfragen „dank der Gaza-Greuel“ (so Avnery) nun wieder bei 16.

Israelisches Timing
Neben dem nahe bevorstehenden Wahltermin in Israel dürften auch andere aktuelle Gegebenheiten die Regierung Olmert zum Handeln gedrängt haben: im Dunkeln der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ließ sich gut munkeln, und außerdem war die halbe Welt in den Weihnachtsund/ oder Neujahrsferien. Den Ausschlag aber dürfte gegeben haben, den brutalen Schlag in Gaza noch zu Amtszeiten des unbeirrten Israel-Freundes Georges W. Bush zu führen und vor dem Amtsantritt des neugewählten US-Präsidenten Barack Obama am 20. Januar. Daß der höchstwahrscheinlich andere Saiten im Verhältnis USA/Israel aufziehen würde, war den aufmerksamen Israelis ja nicht entgangen.

Warum können oder wollen die Leute im Gaza-Streifen keine Ruhe geben? Warum stehen und halten sie zu Hamas? 1,1 von 1,5 Millionen Einwohner sind Flüchtlinge (zusammen mit ihren im Gaza-Streifen geborenen Kindern), vor Jahrzehnten vertrieben aus ihrer angestammten palästinensischen Heimat. Warum können sie sich nicht – wie es etwa den 12 Millionen deutschen Vertriebenen aus den Ostgebieten abverlangt wurde – endlich in ihr Schicksal ergeben? Nun, Deutschland hatte einen Weltkrieg angezettelt und verloren, und die Deutschen mussten kollektiv dafür haften. Die Vertriebenen traf es am Schlimmsten, aber Restdeutschland, so zerstört es war, nahm sie auf. Und Westdeutschland, später die BRD, half nicht nur mit Unterbringung, sondern mit einem „Lastenausgleich“ zwischen Besitzenden und Habenichtsen, mit „Wirtschaftswunder“-Arbeitsplätzen und zahlreichen anderen Eingliederungshilfen. Nicht zuletzt hatten die Feinde von gestern, die Amerikaner, mit den Krediten aus dem Marshall-Plan wichtige Starthilfe für den Wiederaufstieg Westdeutschlands gegeben.

So konnte es geschehen, dass auch die Vertriebenen-Organisationen schon zu Beginn der fünfziger Jahre in Proklamationen und Kundgebungen feierlich auf jegliche Revanche gegen die osteuropäischen Völker verzichteten. Und die Ostverträge, die von der sozialliberalen Koalition durchgesetzt werden konnten, besiegelten dies später auf völkerrechtlicher Ebene. Heute reisen Ostpreußen, Pommern, Schlesier und Sudetendeutsche in ihre ehemalige Heimat; viele schließen Freundschaft mit den Menschen dort, die übrigens oft selber Kriegsflüchtlinge waren.

Warum lief in Palästina alles so anders, und bis heute – besonders im Gazastreifen – so verhängnisvoll? Weil sich die palästinensischen Flüchtlinge, ihre Kinder und Kindeskinder zu Recht als unschuldige doppelte Opfer sehen – Opfer der gewalttätigen Landnahme durch die Israelis (erst 1948, dann – Zug um Zug – nach ihrem Sieg im Siebentage-Krieg von 1967), Opfer aber auch der anhaltenden Revanche-Politik der meisten arabischen Nachbarländer gegenüber Israel. Sie haben sich einer dauerhaften Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems, und auch einer wirklichen Integration der Palästinenser in ihren eigenen Ländern stets mit dem Argument verweigert, Israel sei verpflichtet, alle Flüchtlinge und deren Nachkommen in ihre Heimat zurückkehren zu lassen und für das erlittene Unrecht voll zu entschädigen. Diese berechtigte Forderung wäre schon unmittelbar nach der Vertreibung kaum durchzusetzen gewesen. Die Eroberer hätten ja einen beachtlichen Teil ihrer Beute zurückgeben, die Vertriebenen bereit zur Versöhnung mit dem bösen Feind sein müssen. Damit waren beide Seiten überfordert. Großherzigkeit siegt bestenfalls unter Individuen, nie in Kollektiven.

Ihre Forderung mit dem nötigen außenpolitischen Nachdruck oder gar mit Gewalt durchzusetzen, fehlte es diesen arabischen Ländern an Geschlossenheit wie an ausreichender militärischer Stärke. Sie wiederholten ihren Anspruch auf Wiedergutmachung des Unrechts an den Palästinensern dennoch solange wie ein Mantra, bis Israel durch geschickte Anwerbung von Juden aus aller Welt und schließlich durch den Zustrom Hunderttausender aus der implodierten Sowjetunion geltend machen konnte, daß nun kein Platz mehr für die Rückkehr der vertriebenen Palästinenser sei. Außerdem habe man mit den in Israel verbliebenen, immerhin einigen Hunderttausend, schon genug Sorgen.

Historische Wurzeln des Konflikts
Um den israelisch-palästinensischen Konflikt besser zu verstehen und zu begreifen, warum es so schwer ist, wenn nicht eine dauerhafte Lösung, dann wenigstens ein verträgliches Nebeneinander der Konfliktparteien zu finden, kommt man nicht umhin, an seinen historischen Ursprung zu erinnern. Es begann mit dem systematischen Landerwerb jener jüdischen Einwanderer nach Palästina, die sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der zionistischen Idee einer Rückkehr ins „gelobte Land“ hatten inspirieren lassen. Allein oder in kleinen Gruppen kauften sie palästinensischen Großgrundbesitzern Land ab, um es zu bewirtschaften – durchaus nicht zur Freude der Einheimischen und zunehmend zum Missfallen der britischen Mandatsverwaltung. Die sah sich zunehmend herausgefordert, als Anfang der dreißiger Jahre – Faschismus und Nationalsozialismus waren auf dem Vormarsch, und auch der Stalinismus nahm antisemitische Züge an – immer mehr Juden aus Europa entgegen der strengen Einwanderungsbeschränkungen für Palästina dieses „infiltrierten“. Nun kam es zu Reibereien, offenen Ressentiments, gewalttätigen Zusammenstößen zwischen jüdischen Neusiedlern und ihren meist kleinbäuerlichen arabischen Nachbarn. Die britische Mandatsverwaltung versuchte zu schlichten, sperrte ein, verhängte und exekutierte Todesstrafen nach beiden Seiten. (In Arthur Koestlers autobiographischem Roman „Wie Diebe in der Nacht“ sowie in dem „Tatsachen“-Roman „Hadsch“ von Leon Uris wird dies eindrucksstark beschrieben.)

Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust führten zu einem Ansturm der überlebenden Juden auf Palästina (packend erzählt in Leon Uris Bestseller „Exodus“); er setzte den Bemühungen der britischen Verwalter um Ausgleich ein unrühmliches Ende. Sie gaben auf, zogen sich 1948 auf einen Schlag aus Palästina zurück. Sollte doch die Nachfolgerin des Völkerbundes, die neugegründete UNO, sich um das verzwackte Problem kümmern!

Dies war die Stunde der jüdischen Immigranten, die der planmäßigen Vernichtung durch die Nationalsozialisten entkommen waren. Sie beseelte nur noch ein Wille, ihrem Überleben Dauer zu verleihen – mit allen Mitteln, auch mit Gewalt. Wie Ertrinkende nach dem Rettungsring griffen sie nach der einmaligen Chance, die von den Siegern beider Weltkriege versprochenen „Heimstatt in Palästina“ (Balfour Declaration) endlich zu verwirklichen. Aber Heimstatt war ihnen zu wenig, es musste ein eigener jüdischer Staat werden, wie ihn einst Theodor Herzl erträumt und die Zionisten geplant hatten. Dazu brauchten sie ein eigenes Staatsgebiet – Land, Äcker, Gärten. Aber die gehörten größtenteils anderen, wenigen arabischen Großgrundbesitzern und sehr, sehr vielen Kleinbauern. Es war deren angestammte Heimat, die sie natürlich nicht aufgeben, sondern bewahren wollten. Warum auch hätten sie den zionistischen Anspruch, der sich auf biblische, beinahe 2000 Jahre zurückliegende Zeiten gründete, anerkennen sollen? Weshalb sollten ausgerechnet sie für das deutsche Kapitalverbrechen an der europäischen Judenheit bezahlen, an dem sie – anders als manche europäische Nachbarn Hitlerdeutschlands – nicht die geringste Mitschuld trugen?

Gewalt und Terror als Mittel der Vertreibung
So war der Zusammenstoß zwischen Juden, dann Israelis und den Einheimischen, später pauschal Palästinenser genannt, programmiert. Die jüdischen Aktivisten sahen 1948 keine andere Lösung mehr, als vollendete Tatsachen zu schaffen, die Palästinenser durch militärische Gewalt und gezielte Terrorakte zu vertreiben. Verbunden mit der einseitigen Ausrufung des Staates Israel war dies schreiendes Unrecht, es belastete die Wiedergeburt des „gelobten Landes“ von Anbeginn mit dem Fluch der bösen Tat. Und der Gaza-Krieg ist das bislang letzte Glied einer für den gesamten Nahen Osten verhängnisvollen Kette.

Läßt sie sich nicht mehr durchbrechen, auch nach 60 Jahren leidvoller Erfahrung und wachsender Mitverantwortlichkeit der Anrainer Israels nicht?

An erfolgverheißenden Versuchen hat es ja nicht gefehlt; sie sind mit großen Namen aus beiden Lagern verbunden – Begin und Sadat, Rabin und Arafat – und mit vielversprechenden Konferenzen: Oslo, Camp David... Zwischen Israel und Ägypten, den ehemaligen Feinden, kam sogar ein Friedensvertrag zustande. Und seit Jahren schon soll die sogenannte „Road Map“ den Weg zu einem umfassenderen Frieden weisen. Aber immer wieder verhindert irgendein Umstand, irgendein taktischer Dreh, eine plötzliche Sinnesänderung, eine verruchte Tat den Durchbruch; Sadat und Rabin wurden von Extremisten aus dem eigenen Land ermordet, Arafat kam unter bis heute ungeklärten Umständen um sein zähes Leben...

Hat der Gaza-Krieg die Lage noch verschlimmert? Muß man nun erst recht alle Hoffnung auf Frieden in Nahost fahren lassen?

Auf den ersten Blick sieht es so aus. Zu hoch türmen sich die Trümmerberge in Gaza, zu tief sitzt nun die Überzeugung seiner traumatisierten Bewohner, Israel würde eher alle Bewohner vernichten als irgendein bedeutendes Zugeständnis zu machen. Und die Kluft zu den abgetrennten palästinensischen Brüdern und Schwestern der Westbank ist noch größer geworden, seit man mit ansehen muß, dass der „Verräter“ Abbas sich immer noch mit den israelischen Mördern an einen Tisch setzt. Nein, Verlaß ist letztlich nur auf die übrige muslimische Welt, die Millionen, die – von Indonesien bis Marokko – ihrer Empörung über den israelischen Überfall Ausdruck verliehen haben und auf die Ölscheichs, die nun mit ihren Dollars die Hauptlast beim mühsamen Wiederaufbau schultern.

Israels magere Erfolgsbilanz
Auf der israelischen Seite scheint zunächst noch die Genugtuung zu überwiegen, nicht nur den Palästinensern, sondern auch den ungleich stärkeren Gegnern der Region, Iran vor allem, einmal mehr gezeigt zu haben, welch ungeheures militärisches Potential man jederzeit einzusetzen in der Lage ist – weit unterhalb der Atomwaffenschwelle. Auch mag die Armee nachweisen können, wie viel „Hamas-Terroristen“ sie getötet, welche ihrer Waffenarsenale und Stützpunkte sie vernichtet und wie viele Abschussrampen sie unschädlich gemacht hat, nicht zu vergessen die zahlreichen Tunnels an der ägyptischen Grenze des Gazastreifens, die man entdeckt und zerstört habe. Alle Welt schenke jetzt der israelischen Behauptung Glauben, dass sie hauptsächlich für den Waffenschmuggel statt für die Versorgung der Zivilbevölkerung gebuddelt worden seien.

Prestigegewinn für Hamas
Aber wenn die Berichterstatter aus der Krisenzone bei der Wahrheit bleiben, haben die Israelis ihr Hauptziel, einen Keil zwischen Hamas und Bevölkerung zu treiben, nicht erreicht. Für die Palästinenser aber ging Hamas jetzt genau so eindeutig als Sieger aus dem ungleichen Kampf hervor wie zuvor die Hizbollah aus dem missglückten israelischen Angriff auf den Libanon. Und wie diese ist Hamas jetzt mit konkreter Hilfe und mit ansehnlichen Geldzahlungen an die überlebenden Kriegsopfer oder Hinterbliebenen als erster zur Stelle gewesen. Sollte die Hamas also letztlich erstarkt statt entscheidend geschwächt worden sein, würde dies nur die israelische Rechte stärken und die Front derer, die den nächst härteren Schlag gegen die Palästinenser fordern würden.

Das sei schon jetzt bei der israelischen Jugend durchaus populär, meinen besorgte Mitglieder der kleinen, aber höchst wachsamen israelischen Friedensbewegung. Der bereits zitierte Uri Avnery hat bereits den Mann ausgemacht, der den rechtskonservativen Hardliner Binyamin Netanyahu, ehemaliger Regierungschef und derzeit wieder aussichtsreicher Kandidat bei den bevorstehenden Knesset-Wahlen, längst links liegen gelassen habe. Er heißt Avigdor Liberman, erziele mit seiner Partei, „die man in jedem normalen Land faschistisch nennen würde“, steigende Werte bei den Meinungsumfragen und sehe noch dazu so aus und rede auch so wie einst Italiens Benito Mussolini.

International hat Israels Ansehen zweifellos gelitten. Millionen Menschen haben im Fernsehen die erschreckenden Bilder gesehen: eine übermächtige, hochtechnisierte israelische Armee, die ihre Feuerkraft ungehemmt und offenbar unterschiedslos gegen zivile Wohnblocks, Schulen, Krankenhäuser, Moscheen und ein paar vermummte Einzelkämpfer einsetzt. Wer David, wer Goliath war, lag offen zutage. Und je länger die Angriffe dauerten, desto eindeutiger wanderten die Sympathien zum palästinensischen David.

So geschah es auch in jenen Ländern, in denen bislang eher das kleine Israel im Kampf gegen die feindliche arabische Umwelt als David gesehen wurde: Deutschland, Frankreich und England in Europa, die USA in Amerika. Das ist noch kein richtiger Gesinnungswandel, aber ein Umschwung der öffentlichen Meinung scheint angebahnt. Und der wird sich früher oder später auch in der Politik niederschlagen.

In den USA scheint dies längst Wirklichkeit. Mit Präsident Barack Hussein Obama ist ein Mann an die Spitze der Weltmacht gerückt, der sich nicht nur nach Herkunft, intellektueller Kraft und politischer Moral außerordentlich vorteilhaft von seinem unterdurchschnittlichen Vorgänger abhebt, sondern sogleich mit seiner großen Antrittsrede und – wichtiger – seinen ersten Amtshandlungen (Guantanamo- Schließung, Dialogangebot an die muslimische Welt, Ernennung des arabisch-stämmigen George Mitchell zum Sonderbeauftragten für den Nahostkonflikt) gezeigt hat, dass in Washington ein bedeutsamer Wandel in den Methoden wie den Inhalten der Politik stattfindet, vielleicht sogar der Beginn einer glücklicheren Ära.

Neue Töne aus Washington
Der erste nicht-weiße Präsident der USA, aus multirassischer Familie, der sich gleichermaßen in der Tradition der weißen Gründungsväter der Nation sieht wie in der eines Martin Luther King, jenes mitreißenden Märtyrers für die Emanzipation der Schwarzen – dieser gebildete, schlagfertige, charmante, schlacksig-sympathische Mann in den besten Jahren hat offenbar das Zeug, die durch die Bush-Clique gedemütigte und zerrissene Nation wieder aufzurichten und zu einigen indem er in mitreißender Rede an die aufgeklärten Grundsätze der Vereinigten Staaten erinnert, ihre andauernde Bereitschaft, jeden Fremden einzubürgern, der sich zu diesen Grundsätzen – Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität – bekennt.

Obamas sensationeller Wahlerfolg selber war bereits eine klare Absage an jede Diskriminierung, Ausgrenzung, Herabsetzung aus rassischen, religiösen oder irgendwelchen anderen Gründen. Als neuer Präsident aber hat er der ganzen Welt verkündet, dass ein so geartetes Amerika wieder berechtigt und in der Lage sei, die Führungsrolle zu übernehmen, die ihm die Geschichte und die eigene Kraft und Größe zugewiesen hätten. Auch was die Methode angeht, mit der Obama diese grandiose Aufgabe anpacken will, hat er sich öffentlich festgelegt, Demut und Zurückhaltung („humility and restraint“) seien angesagt, denn: „Unsere Macht allein kann uns nicht schützen, noch berechtigt sie uns dazu, (nur) so zu handeln wie es uns gefällt.“
Wenn dies nicht nur eine schallende rhetorische Ohrfeige für den scheidenden Präsidenten George W. Bush und seine skrupellose Mannschaft war, sondern die neue Maxime für Washingtons künftigen Auftritt in der Weltpolitik, dann sollten auch die amtierenden Hardliner in Jerusalem die Ohren spitzen. Sie haben auch in Gaza wieder nur so gehandelt, wie es ihnen gefiel. Obama, der sich „aggressiv“ um einen Frieden in Nahost bemühen will, sagt ihnen nun, daß es so nicht mehr weitergehen kann. Bei den friedensbewegten Repräsentanten des anderen Israel, ist Obamas Botschaft sofort angekommen. Und sie hat sie in ihrem unerschütterlichen Glauben bestärkt, dass, trotz aller bisherigen Rückschläge, irgendwann und mit beiderseitiger Anstrengung und gutem Willen, auch zwischen Israelis und Palästinensern Frieden zustande zu bringen sein wird.

Günter Geschke
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